Podiumsdiskussion: Die soziale Lage der Künstlerinnen und Künstler

Die im vergangenen Jahr veröffentlichte Studie über die soziale Lage der KünstlerInnen und Künstler im Österreich wirbelt auch heute noch eine Menge Staub auf. Im Rahmen einer von der Nationalratsabgeordneten Christine Muttonen initiierten Podiumsdiskussion im SPÖ-Klub im Parlament erläuterten am 25. März VertreterInnen aus den Bereichen Theater, Musik und Literatur die aktuelle Situation, mit der Kulturschaffende im Moment konfrontiert sind. Susanne Schelepa, Autorin der Studie, Sabine Prokop, IG Freie Theater & Kulturrat Österreich, Gerhard Ruiss, IG AutorinnenAutoren und Peter Rantasa vom mica-music austria zeichneten in ihren Beiträgen ein insgesamt eher düsteres Bild über die Lage der Betroffenen, nicht aber ohne auf mögliche Lösungsszenarien hinzuweisen.

Die vom Bundesministerium Unterricht, Kunst und Kultur in Auftrag gegeben Studie aus dem vergangenen Jahr führte erstmals schwarz auf weiß vor Augen, unter welche prekären Rahmenbedingungen Künstlerinnen und Künstler in Österreich gezwungen sind, ihren Tätigkeiten nachzugehen. Zwar war schon bekannt, dass Kulturschaffende in Österreich nicht unbedingt auf Händen getragen werden, dass sich die Situation aber über alle Bereiche hinweg so dramatisch darstellt, überraschte sogar die größten Pessimisten.

 

Susanne Schelepa von der L&R Sozialforschung und Autorin der Studie erläuterte Eingangs der Veranstaltung die wichtigsten Eckpunkte der Studie. Insgesamt wurden die Fragebögen von 1850 Kunstschaffenden ausgewertet. Wenig neu ist, dass nur ein kleiner Anteil der Betroffenen tatsächlich von ihrer Arbeit leben kann. Was aber wirklich zum Nachdenken anregen sollte, ist die Tatsache, dass rund ein Drittel der Künstlerinnen und Künstler mit ihrem Verdienst unter der Armutsgefährdungsquote liegt. Neben dem oft sehr geringen Einkommen stellt vor allem die sozialversicherungsrechtliche Situation der Künstlerinnen und Künstler diese vor erhebliche Probleme. So sind zum Beispiel 52 % der Kunstschaffenden sowohl selbstständig wie auch angestellt, was dazu führt, dass die Betroffenen mit mehreren Sozialversicherungssystemen konfrontiert sind. Dieser Umstand führt in Folge dazu, dass der administrative Aufwand sich mit den daraus ergebenden Problemen auseinanderzusetzen um ein Vielfaches ansteigt. Schwierigkeiten ergeben sich auch aus der für den Kunstbereich so typischen geringen Planbarkeit zukünftiger Projekte. Da viele der Betroffenen nur sehr kurze Arbeitsverhältnisse eingehen können und daher auf Aufträge angewiesen, ist Planung auf Monate hinaus nicht möglich. Alles zusammen führt dazu, dass ein nicht gerade kleiner Teil der Künstlerinnen und Künstler Lücken in ihrer Pensionsversicherungszeit aufweisen. 25 % haben solche auch in der Sozialversicherungszeit. Verständlich also, dass Künstlerinnen und Künstler die aktuelle Situation als sehr belastend empfinden. Nach Susanne Schelepa tragen die die Soziaversicherungssysteme die Flexibilität des Kunstbereiches nicht mit. Sie schlägt vor diese nach Möglichkeit durchschaubarer zu gestalten.

 

Damit liegt sie mit den anderen ReferentInnen auf einer Linie. Sowohl Sabine Prokop, wie auch Gerhard Ruiss und Peter Rantasa sehen besonders in der Frage nach einer Änderung der Regelungen im Sozialversicherungsgesetz dringenden Handlungsbedarf. Jedoch weisen sie darauf hin, dass ein “Überstülpen” einer Regelung, die für alle Kunstbereich gelten soll, nicht sinnvoll ist. Dafür sind die Spezifika der einzelnen Sparten zu unterschiedlich. Wie auch Susanne Schelepa betont unterschiedet sich die Arbeitsituation an den Theatern oder im Film doch sehr stark von der eines/r Autor/Autorin oder eines/r MusikerIn.

 

Dies spiegelte sich auch in den einzelnen Beiträgen von Gerhard Ruiss, Sabine Prokop und Peter Rantasa wider. So ist laut Ruiss die Sparte der Literatur, mehr noch als andere Bereiche, abhängig von einem funktionierenden Förderungssystem. Daher ist es dringend notwendig die geltenden Regelungen, an die realen Umstände anzupassen. Nahezu alle AutorInnen haben im Moment Schwierigkeiten damit, die rechtlichen wie finanziellen Voraussetzungen zu erfüllen, überhaupt um eine Förderung anzusuchen. Zudem sieht der Vertreter der IG AutorinnenAutoren Handlungsbedarf in der Frage des Urheberrechtes, das in seiner momentanen Form Kunstschaffende aller Sparten benachteiligt.

 

Das IG Theater ist da in manchen Bereichen einen Schritt weiter. Bereits vor zwei Jahren machte man sich daran, Möglichkeiten auszuloten, die Situation der im Theater- und Filmbereich tätigen Personen zu verbessern. Im Unterschied zur Literatur und Musik, schlagen in dieser Sparte vor allem die zum Teil sehr kurzen Beschäftigungsverhältnisse durch. Die sich daraus ergebenden Folgen, stellen die Beteiligten vor allem in Fragen der Sozial- und Pensionsversicherung vor große Schwierigkeiten. Daher erarbeiteten VertreterInnen der IG Freie Theater konstruktive Vorschläge und traten in einen heute noch andauernden Dialog mit den verantwortlichen Stellen des Bundes und der Stadt. Besonders das aktuell geltende Schauspielergesetz ist eines der brennenden Themen. Dieses spiegelt nämlich nur in nur sehr geringem Maße die realen Umstände wider. So ist zwar festgeschrieben, dass SchauspielerInnen anzustellen sind, in der Realität aber unterzeichnen die Betroffenen im überwiegenden Maße Werkverträge. Eine wichtige Maßnahme war auch die Gründung der Beratungseinheit “Team 4”. Das gemeinsam mit dem AMS ins Leben gerufene Programm ist speziell auf die Bedürfnisse der Film- und Theaterschaffenden abgestimmt.

 

Wie Gerhard Ruiss und Sabine Prokop fordert auch Peter Rantasa vom mica-music austria vor allem in der Frage der Sozialversicherung für Künstlerinnen und Künstler eine rasche für alle Seiten zufriedenstellende Lösung. Am Beispiel der MusikerInnen wies der Geschäftsführer des mica-music austria zudem auf die eklatante Diskrepanz zwischen der Wertschöpfung und der Lebenssituation vieler MusikerInnen hin. Nur ein Bruchteil, wenn überhaupt, des aus der Musik erwirtschafteten Geldes fließt an die KünstlerInnen zurück. Das liegt vor allem an dem derzeit geltenden Urhebervertragsrecht, welches MusikerInnen in ihrer Position gegenüber der Musikwirtschaft stark benachteiligt. Um diesem Ungleichgewicht entgegenzuwerken, ist es dringend notwendig dieses zu überarbeiten. Dies alleine wäre aber zu wenig. Parallel müsste diese Änderung mit weiteren Maßnahmen einhergehen. Nimmt man den Begriff des “selbständigen Künstlers” ernst, ist es notwendig die Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen Kreative überhaupt als Selbstständige” arbeiten können. Daher sollte es auch von staatlicher Seite ein Anliegen sein, etwa im Bereich der Ausbildung an den Kunstuniversitäten etc. Angebote zu machen. Im Moment wird in diesem Bereich bei weitem noch nicht genügend getan. Es sei immer noch so, dass in der Kunstausbildung die Vorbereitung auf die berufspraktischen Seiten des Künstlerberufes kein Thema ist. An diesem Punkt müsste man ansetzen. Weiters wäre es sinnvoll, Vermittlungsagenturen, mehr als noch bis jetzt, zu fördern.

 

Auch für die Nationalratsabgeordnete und SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen zeigt die Studie einen großen gesellschaftspolitischen Handlungsbedarf, da etwa die Problematik um Mehrfachbeschäftigungsverhältnisse inzwischen nicht nur alleine den Bereich der Kunst betrifft. Aber sie wies auch darauf hin, dass die Politik bereits mit der Novellierung des Künstlersozialversicherungsgesetzes erste Maßnahmen zur Verbesserung der Situation gesetzt hat.

 

Einig sich alle Beteiligten auch in dem Punkt, dass man alles unternehmen müsse, um das Bild der breiten Öffentlichkeit über KünstlerInnen einer Veränderung zu unterziehen – weg vom finanziellen Bittsteller, hin zu einem für die österreichische Gesellschaft wichtigen Bestandteil. Dies bedarf natürlich einer breit angelegten in die Bevölkerung hineinreichenden Debatte.
Michael Ternai