Musik im Heute – Gerhard Eder im Interview

Gerhard Eder, künstlerischer Leiter des Salzburger Gratis-Festivals Jazz & the City im mica-Interview über markantes Profil, Gegenpositionen zur Mozartkugel-Kultur und das gewisse Maß an Liebe, das für den Erfolg notwendig ist.

Das von Ihnen kuratierte Festival Jazz & The City hat eine gewaltige Bandbreite: Es werden Fado-Konzerte genauso veranstaltet wie Elektronik und Rock. Wie wichtig ist diese Bandbreite und wie wichtig ist das Verhältnis zwischen einem Jazz-Kern und seinen Rändern bzw. wie wichtig ist eine ungemein weite Auslegung des Begriffes „Jazz“?
Gerhard Eder: Ich glaube, dass die sehr deutsche Einteilung in E- und U-Musik überholt ist. Die Franzosen reden in diesem Zusammenhang immer von einer gegenwartsbezogenen Musik. Ich spreche gern von einer Musik im Heute. Ich glaube, dass diese Genre-Einteilungen keine Relevanz mehr haben. Selbst der Musiker hat letztlich diese Intention der genauen Verortung mehr. Schauen wir uns einen Muthspiel an: Der arbeitet als Jazzer und als E-Musiker…

… und unternimmt neuerdings auch Ausflüge ins Pop-Fach.
Gerhard Eder: Genau, er wird auch als Songwriter tätig, arbeitet dann wieder im elektronischen Bereich. Sein Beispiel zeigt die Möglichkeiten der Postmoderne auf, Zugriff auf sämtliche Musikstile dieser Welt zu haben und daraus Profit zu ziehen. Und um auf Ihre erste Frage zurückzukommen: Für ein Festival wie unseres geht es im Grunde genommen darum, für sich selbst ein markantes Profil zu erarbeiten und Berührungspunkte zum Jazz herauszuarbeiten. Wobei „Jazz“ für mich immer noch das Synonym für Musik ist, die sich bewegt und engagiert und kraftvoll ist und bereit ist Neuerungen aufzubereiten; wo sich Menschen im Heute mit neuen Ausdrucksformen beschäftigen. Darüber hinaus kann man sich dann fragen, in welche Richtung man sich bewegt. Für uns war immer klar, dass wir nicht in Richtung Pop/Rock gehen wollen und auch nicht können, weil wir da nicht finanziell mitspielen können. Ich kann es mir einfach nicht leisten, Sting oder Prince einzuladen, weil ich keine 20 Mio. Euro, sondern nur 250.000 zur Verfügung habe und mich deshalb nach der Decke strecken muss. Und dann fühlen wir uns auf der einen Seite dem Bereich der World Music näher. Da gibt es in Frankreich mit der imaginären Folklore eine lange Geschichte der Bewusstwerdung eigener musikalischer Strömungen im eigenen Land und der Einarbeitung in die improvisierte Musik, wobei sich der europäische Jazz sowieso anders versteht, als ein Wynton Marsalis ihn verstanden wissen will. Der zweite Bereich war für uns immer die Elektronik, weil wir feststellten, dass in der improvisierten Musik der Part der Elektronik in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen stärkeren Part eingenommen hat.

Sie haben das breite Publikum angesprochen. Kann man das ein bisschen näher eingrenzen? Ist es erklärtes Ziel, Leute aufgrund der Musik in die Stadt zu bekommen? Oder macht man in erster Linie ein Festival für die Salzburger?

Gerhard Eder: Grundsätzlich hat das Stadtmarketing die Aufgabe, für die heimische Bevölkerung Projekte zu initiieren und so die Stadt in einem 70km-Radius erlebbar zu machen. Insofern haben Jazz und das Festival eine ganz klare Funktion, nämlich ein bestimmtes Maß an Urbanität und damit einen Gegenpol zu der sonst sehr klassisch ausgerichteten Stadt herzustellen. Es gibt ja nicht nur Tracht-, sondern auch Designerläden. Die Urbanität hervorzuheben gelingt uns in dieser Stadt ja ohnedies schon sehr gut mit den Kunstwerken der Salzburg Foundation, dem Museum der Moderne und dem Republic, wo man Gegenpositionen zu einer Mozartkugel-Kultur darstellt. Das Jazzfestival ergänzt dieses Angebot perfekt.
Und ab dem Moment, in dem man ein Programm mit Profil anbietet, gibt es auch über das rein Lokale hinaus in Oberösterreich, Wien oder überhaupt im Ausland Interesse, das Festival zu buchen.
Das heißt wir haben ein Kombi-Paket: Das Festival dient im Wesentlichen der Salzburger Bevölkerung, aber wir haben natürlich nichts dagegen, wenn jemand in Hamburg das Programm so super findet, dass er sich deshalb dazu entschließt, dafür extra nach Salzburg zu reisen.

Das klingt jetzt so, als würden keine heimischen Acts spielen. Dass deren sehr viele spielen, muss man an dieser Stelle klarstellen, denke ich.
Gerhard Eder: Stimmt. Wie haben eine relativ große Bandbreite von den Sawoff Schwestern über Willi Landl, die Playbackdolls und die Strottern. Und darüber hinaus gibt es natürlich auch die Verpflichtung, die Salzburger Szene mit einzubauen.
Unter den hundert Konzerten, die wir veranstalten, sind zwischen zwanzig und dreißig aus Salzburg, zwischen zehn und zwanzig aus dem österreichischen Raum, wobei die Bands die unterschiedlichsten Bekanntheitsgrade aufweisen. Überall dort, wo es gute Ausbildungen gibt, wie in Graz etwa, gibt es ja auch Szenen, die wir seit Jahren in Programm einzubinden versuchen. Der Rest ist international.
Unser Publikum hat neuerdings einen stark bayrischen Anteil, viele kommen auch aus dem oberösterreichischen Raum. Kartenanfragen kommen aber auch aus Slowenien etc.

Und Anfragen zu spielen? Wie viele sind das?
Gerhard Eder: Vom 1.1. bis jetzt haben wir mehr als 9.000 Anfragen bekommen.

Kann man sich das alles überhaupt noch alles anhören?
Gerhard Eder: Nein, man muss selektieren. Es gibt schließlich Youtube, wo man sich sehr schnell einen Überblick über das Schaffen einer Band machen kann. Mit ca. 1.000 Projekten muss man sich dann detailliert beschäftigen. Natürlich muss man auch auf andere Festivals fahren, um einen Überblick darüber zu bekommen, was sonst so passiert. Das Live-Erlebnis ist eben immer noch etwas komplett anderes als die Musik von CD zu hören oder darüber in Fachzeitschriften zu lesen.

Wenn man sich andere Festivals anschaut: Wohin geht die Entwicklung? Kann man Trends erkennen?
Gerhard Eder: Mir geht es um hohe Levels, und genau das kann man auch in Rotterdam und Montreux sehen. Die Qualität, wie wir ein Publikum rund um ein Festival versorgen, steigt ständig. Man will heute nicht mehr eine Wurstsemmel auf der Parkbank, sondern ein nettes Restaurant. Denselben Anspruch haben auch die Musiker. Man will nicht mehr aus Pappbechern, trinken, sondern aus Gläsern. Natürlich gibt es dagegen oft Sicherheits-Bedenken, aber wir müssen die Möglichkeiten, die Verweilqualität so gut wie möglich zu gestalten, voll ausschöpfen. Der Gast soll so lange und so gut wie möglich an der Spielstätte umpflegt werden.
Und hier liegt die Chance dieser Stadt – eben weil wir eine so kompakte Altstadt mit so vielen tollen Spielstätten haben. Wir veranstalten ja auch im M32 (hochklassiges Restaurant, Anm.) oder im Arthotel Blaue Gans Konzerte.

Ihr veranstaltet hundert Konzerte auf vierzig Bühnen. So viele waren es am Anfang nicht.
Gerhard Eder: Man muss immer schauen, ob sich die Musiker wohlfühlen und der Gastgeber etwas damit anfangen kann. Das alles sind Dinge, die über bloße Rechenbeispiele, wie man einen tollen Umsatz erzielt, weit hinaus gehen. Der Veranstalter muss dem Konzert auch ein gewisses Maß an Liebe entgegen bringen, sonst macht das keinen Sinn. Nur so hat das Publikum das Gefühl, gut aufgehoben zu sein: Sowohl bei der Musik als auch dem Gastgeber. Da haben wir sehr klare Vorstellungen. Wir reden schon sehr lange darüber, im Afro Cafe zu veranstalten. Mit Nomfusi haben wir heuer jemanden, der sich gerade anschickt ein Star zu werden. Sie spielt nicht nur in einem Film mit Miriam Makeba, der 2013 raus kommt, sondern ist es auch gewohnt, vor mehreren tausend Leuten zu spielen. Hier in Salzburg tritt sie in diesem intimen Rahmen auf, weil es von ihrer Seite ganz klar den Wunsch gab, diese Affinität herzustellen.

Was kann man zum konkreten Programm heuer sagen? Ein Highlight ist sicher Eric Truffaz…
Gerhard Eder: Nicht nur Truffaz. Wir haben Manu Dibango, Carla Bley und Maceo Parker. Spannend ist auch die Österreich-Premiere von Dancas Ocultas im Landestheater, Aber auch schrägere Acts wie Susanna aus Norwegen, Paulo Angeli auf der sardischen Gitarre oder Edmar Castaneda, einen kubanischen Harfenisten, haben wir im Programm. Nicht zu vergessen die Dead Combo aus Portugal, eines meiner Lieblingsprojekte, das irgendwo zwischen Punk und Fado steht. Mit ihnen und zwei anderen, sehr unterschiedlichen portugiesischen Projekten haben wir eine eigene Schiene definiert.

Warum eine Schiene?
Gerhard Eder: Weil alle drei Projekte ganz außerordentlich sind. Und weil es klarere Strukturen für das Publikum zu finden gilt. Ich bin aber auch ein Freund der Überraschungen. Man sollte Avantgardistisches mit Klassischem verbinden.

Ein Crossover soll stattfinden?
Gerhard Eder: Ja, wenn sich die Dinge vermischen, ist das toll.

Nimmt das Publikum die Mischung an?
Gerhard Eder: Eigentlich ja. Selbst bei Kimmo Pohjonen hat das bestens funktioniert. ich muss immer wieder feststellen, das Salzburg ein sehr aufgeschlossenes, musikorientiertes Publikum hat. Was ein bisschen fehlt – und das haben schon andere vor mir gesagt und betrifft auch die bildende Kunst und andere Sparten – ist ein Mangel an Bewertung. Es traut sich einfach niemand mehr, etwas gut oder schlecht zu finden. In dem Moment, in dem ich etwas schlecht finde, setzte ich mich ja der Kritik aus, die Sache nicht zu verstehen. Daher gibt es fast nur noch Gut.

Und die Medien werden durch Vorberichterstattung dominiert. Die Kritik danach verschwindet.
Gerhard Eder: Das ist die mediale Seite. Aber ganz allgemein ist der gesamte intellektuelle Part zu einem Wulst geworden, der verhindert, dass sich die Leute emotionale Urteile bilden.

Wird so der interessante Diskurs verhindert?
Gerhard Eder: Ja. Aber vielleicht passiert der heute auch auf Facebook oder in noch anonymeren Foren, wer weiß. Die Musik ist heute ja ständig und überall verfügbar. Darüber hinaus die Musik live zu erleben ist das große Plus, von dem wir profitieren. Und dieses Erlebnis definiert. Ich denke nur an die Kids, die Monate lang mit den Nova Rock-Bändchen herumlaufen, um zu zeigen, dass sie dabei waren. Festivals sind zu signifikanten Marken geworden, auf die man stolz ist.

Vielen Dank für das Gespräch.
Foto (c) Altstadt Salzburg Marketing

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