
Die elektronische Musik war in den 1950er- bzw. 1960er-Jahren relativ klar strukturiert – in den amerikanischen Ansatz der „Music for Tapes“, den Pariser Ansatz der „musique concrète“ unter Pierre Schaeffer, der sich an Klangobjekten versuchte, und den Kölner Ansatz, der eine umfassende Klangkontrolle anstrebte. Wo hat sich das IEM hier eingeordnet?
Robert Höldrich: Das IEM wurde erst 1965 gegründet, zunächst als fast ausschließliche Lehrinstitution mit dem Fokus auf Bandschneidetechniken, weil ein etwa mit den amerikanischen „Bell Laboratories“ vergleichbares Equipment unerschwinglich gewesen wäre. Das war nicht unbedingt eine Orientierung an der amerikanischen Schule, denn auch in Köln wurden Töne oder Klänge synthetisch hergestellt, aber dann über das Schneiden von Bändern montiert – dass das Komponieren über Bänder funktioniert, war grundsätzlich der damaligen Technologie geschuldet.
Zu den ersten Lehrenden und Gründern zählte Heinz Hönig, ein ausgezeichneter Jazzsaxofonist und exquisiter Techniker. Er konstruierte in den 1970ern einen analogen Synthesizer (der mit der Hilfe eines Goldschmieds gebaut wurde), das war eine beachtliche Eigenkonstruktion, die heute im Technischen Museum in Wien steht. Dabei gelang es, die verschiedenen Klangerzeugungs- und Verarbeitungsstufen als einzelne Hardwaremodule zu bauen, die dann mit Patchkabeln verbunden und so zu einer spezifischen Klangerzeugung konfiguriert wurden. Diese Selbstentwicklung, für die Helmut Dencker eine damals einzigartige digitale Steuerung samt eigener Programmiersprache entwickelte, war ein echter Technologiesprung.
In dieser Zeit konnten Komponisten mit heute klingenden Namen als Lehrbeauftragte gewonnen werden. Etwa kam Andrzej Dobrowolski, ein wichtiger Vertreter der polnischen Avantgarde, als Kompositionsprofessor nach Graz, der für seine reinen Elektronikstücke das IEM Studio für Elektronische Musik verwendete. Weitere wichtige Namen waren zum Beispiel Gösta Neuwirth, Bernhard Lang, Georg Friedrich Haas oder eben Helmut Dencker.
„…] eine völlige neue Klangwelt […]“
Welche Studierenden zog das IEM in den Anfangsjahren an?
Robert Höldrich: Es kamen zunächst nur Studierende mit einer klassischen Kompositionsausbildung, die sich im Zuge dessen mit elektronischer Musik auseinandersetzen wollten. Die damals verfügbare Technologie war entweder unerschwinglich oder es handelte sich um Eigenkonstruktionen – wie eben den Synthesizer in Graz. Das Handling dieser Geräte war enorm schwierig, von daher war der Zugang sehr beschränkt bzw. elitär in dem Sinne, dass das eben nur eine kleine Nische war. Es gab eine klare Trennung zwischen Pop- und Rockmusiken und elektronischer Avantgarde. Als Mitte der 1980er die ersten leistungsfähigen Midi-Synthesizer halbwegs erschwinglich oder wenigstens erhältlich waren, kam die elektronische Musik auch verstärkt in der Popmusik an. Es gab etwa von der Firma Yamaha die Serie DX7, die ersten Synthesizer mit Frequenzmodulation, das ermöglichte eine völlig neue Klangwelt, die mit dem vorher verfügbaren Instrumentarium nur mit enormem Aufwand erreichbar war.
Welche neuen Zugangsweisen hat dieser Übergang von der feinmechanischen Tüftelei zur Software gebracht? Ich denke da etwa an ein Interview, das ich mit Thomas Gorbach (ELAK) geführt habe, in dem er meinte, dass Synthesizer und Software zu einer Simplifizierung der Sounderzeugung geführt haben, sodass sich viele Musikschaffende heute mit teilweise vorgefertigten Sounds zufriedengeben, aber nicht wirklich neue Soundphänomene erschaffen.
Robert Höldrich: Mit den ersten Computern wie etwa Commodore und Atari gab es eine leistbare Steuersoftware, die gewisse Manipulationen quasi in die Hand legte – daraus resultierte eine bestimmte Klang- und auch Kompositionsästhetik. Wenn ich etwa mit dem Sequenzer verschiedene Klänge mithilfe einfacher Midi-Loops zueinanderlaufen lasse, kommt oft eine an Minimal Music erinnernde Collage heraus – ein bisschen wie Steve Reich, aber nicht so gut. Man musste also sehr bewusst mit den Werkzeugen arbeiten und ein genaues Verständnis der eigenen Wünsche haben, um nicht in den Sog der durch die Technologie nahegelegten Möglichkeiten hineinzugeraten. Bei vielen Stücken aus den 1980ern hört man heute die typischen Patterns durch, die ein Sequenzer dann erzeugt, wenn man sich nur drei Stunden mit ihm beschäftigt hat. Es gab aber trotzdem immer Meister, die ihre eigene Musik machten.
Heutzutage steht mit den leistungsfähigeren Laptops praktisch jeder und jedem Musikschaffenden ein komplettes Heimstudio zur Verfügung. Trotzdem entsteht mitunter der Eindruck, dass vieles ähnlich klingt, womöglich weil sich viele Musikschaffende nicht mit der Musikgeschichte auseinandersetzen.
Robert Höldrich: Das Geschichtsbewusstsein in der aktuellen elektronischen Musik ist wohl nicht rasend ausgeprägt, das stimmt, aber lassen wir doch die Leute einfach arbeiten, und wenn sich herausstellt, dass dieses oder jenes Stück schon mal da war, darf das auch sein – oder man darf sich im Nachhinein dafür kritisieren lassen. Wenn die demokratischen Möglichkeiten zur Musikproduktion schon einmal da sind, sollte man das auch zulassen. Was die Klangästhetik betrifft, stimmt das allerdings. Wenn Sie elektronische Stücke aus dem Kölner Studio aus den 1950ern anhören, finden Sie die gleichen Klangpartikel bzw. die gleiche Klanglichkeit in vielen Bereich der elektronischen Musik der 1990er- und der 2000er-Jahre. Allerdings hat sich der soziokulturelle Kontext komplett gewandelt. Das ist heute eine Musik, die auch tanzbar ist, die sich durch Embodiment bzw. Körperlichkeit auszeichnet, das war in den 1950er-Jahren sicher nicht der Fall. Ich war zwar damals auch nicht dabei, aber eine körperlosere Musik kann ich mir kaum vorstellen. Der Umgang damit, wie diese Musik gelebt, gehört, rezipiert wird, ist aber heute jedenfalls völlig anders.
„[…] wir selbst sind über diese Unterschiede immer wieder überrascht […]“
Auf Musikfestivals erfreut sich elektronische Musik mit experimentellem Anspruch immer größerer Beliebtheit, aber das auf CD dokumentierte Musikschaffen wird meist kaum wahrgenommen. Viele CDs, auch von namhaften Künstlerinnen und Künstlern, werden heute in einer Auflage von 300 Stück produziert.
Robert Höldrich: Es ist natürlich ein großer Unterschied, ob ich die „Bohème“ beim Zwiebelschneiden im Küchenradio höre – das ist ja eigentlich ein Hamsterkäfig, kein wirklicher Lautsprecher – oder ob ich in einem Opernhaus eine Aufführung erlebe. Dieser Unterschied ist in der elektronischen Musik noch viel entscheidender. Bei der mechanisch-akustischen Musik kann ich aufgrund meiner Konzerterfahrungen von dem, was ich im Lautsprecher höre, auf das, wie es eigentlich klingt, extrapolieren. In der elektronischen Musik ist das anders, nicht einmal mit der besten Hi-Fi-Anlage zu Hause kann ich dieses Liveerlebnis nachvollziehen – und da spreche ich noch gar nicht von den Visuals, der Performance oder dem körperlichen Erleben von Sound.
Das IEM hat sich in den letzten 15 Jahren sehr stark mit der Frage nach dem Raumklang und der Wahrnehmung von Klang im Raum auseinandergesetzt und entsprechend wissenschaftlich erforscht. Was in einem 120 Quadratmeter großen Raum mit 24 Lautsprechern so klingt, klingt in einem Raum mit 500 Quadratmetern und 30 Lautsprechern komplett anders – obwohl wir von nahezu perfekter Technik sprechen. Hier kommen viele Fakten zum Tragen, wie die Leistungsfähigkeit der Lautsprecher, ihre Positionierung, die Raumfaktoren – wir selbst sind über diese Unterschiede immer wieder überrascht, obwohl wir erfahrene Hörerinnen und Hörer sind.
Aber heißt das nicht, dass sich elektronische Musik damit ihrer Archivierungsmöglichkeiten beraubt – und es damit erschwert, sie aus historischer Perspektive zu betrachten?
Robert Höldrich: Für viele Arten von elektronischer Musik ist das richtig, doch auch die live gespielte Beethoven-Sonate ist nicht gleichzusetzen mit der CD-Aufnahme. Überdies wird – nicht nur in der elektronischen Musik – für die CD völlig anders abgemischt bzw. produziert, da geht es nicht um reale Klangverhältnisse, sondern um künstlerische Plausibilität. Die CD ist nicht das Werk, sondern nur dessen Dokumentation. Man müsste beim Hören zu Hause mit entsprechendem Equipment mithelfen, um wenigstens einen Eindruck davon zu bekommen. Es gibt aber durchaus auch elektronische Musik, wo die Physikalität oder die Massivität des Klangs nicht so im Vordergrund steht, sondern eher auf strukturelle Aspekte fokussiert wird, etwa in der algorithmischen Komposition.
„[…] Menschen, die offen für alles sind […]“
Zurück zu den Festivals und den aktuellen Studierenden des IEM, da hat sich ja einiges getan?
Robert Höldrich: Wir sehen, dass es Festivals gibt, die von einer jungen Szene mit hohem künstlerischen Anspruch und großer Vielfalt getragen werden, das hat es in den 1980er oder 1990er so nicht gegeben. Das IEM veranstaltet seit über zehn Jahren Konzertreihen, etwa in unserem eigenen Saal, dem IEM–Cube. Da waren wir anfangs glücklich, wenn unsere engsten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Freundinnen und Freunden gekommen sind, aber mittlerweile kommen Interessenten aus verschiedensten Bereichen, das sind junge, nicht primär akademisch sozialisierte Menschen, die offen für alles sind, was dort geboten wird, ob mit Improvisation experimentiert, ob Bänder abgespielt oder mit Visuals oder Klanginstallationen gearbeitet wird …
Um dieser Offenheit Rechnung zu tragen, bieten wir seit vorigem Jahr ein Bachelorstudium für Computermusik an, das nicht mehr wie früher in eine klassische Kompositionsausbildung eingebettet ist. Das heißt, man muss nicht mehr Klavierspielen oder Tonsatz beherrschen, um die Zulassungsprüfung für dieses Studium zu bestehen. Da kommen Leute mit künstlerischem Impuls, gestalterischem Willen und dem Potenzial, zu lernen, ihre Ohren zu schulen, die Technologie zu beherrschen.
Das IEM hat sich also auf dieses neue studentische Publikum eingestellt?
Robert Höldrich: Ich meine, dass wir – obwohl das IEM mittlerweile eine „alte Dame“ ist – nach wie vor neue Entwicklungen aufnehmen und mitgestalten und mittlerweile in allen drei Bereichen, in denen ein Institut einer Kunstuniversität arbeiten soll, gut aufgestellt sind: in Ausbildung, Forschung und Kunstproduktion. Vom künstlerischen Studienangebot habe ich gerade gesprochen, hier gibt es etwa auch gemeinsam mit der Fachhochschule Joanneum das Masterstudium „Sounddesign“. Darüber hinaus bieten wir wissenschaftlich orientierte Studien in Audio Engineering und Musikologie an. Das IEM deckt also vom rein künstlerischen über den angewandten künstlerischen bis hin zu verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen eine große Breite ab.
Forschung betreiben wir vor allem in drei Feldern. In der Audiotechnologie entlang der akustischen Kommunikationskette: Wie erzeuge ich Klang oder wie nehme ich ihn aus, wie analysiere und verarbeite ich ihn, wie gebe ich ihn wieder? Das zweite Gebiet ist die Psychoakustik, das sich der Frage widmet, wie Klänge wahrgenommen werden – aus diesem Bereich stammen die meisten Publikationen unseres Instituts. Und immer wichtiger wird für uns der Ansatz, künstlerische Methoden als Erkenntnisquelle zu begreifen. Für diese „künstlerische Forschung“ gibt es mittlerweile ein eigenes Programm des Fonds zur Förderung wissenschaftlicher Forschung (FWF), in dessen Rahmen das IEM das erfolgreichste musikbezogene Institut in Österreich ist.
Unser dritter Strang ist der Versuch, das IEM als Plattform für die Kunstproduktion zu positionieren, zumal unsere wissenschaftliche und technologische Kompetenz natürlich für externe Künstlerinnen und Künstler, die sich neuen künstlerischen Fragestellungen widmen, sehr attraktiv ist. Hierzu bieten wir ein Artists-in-Residence-Programm an. Im Sommersemester war etwa Heather Fresh, eine amerikanische Klangkünstlerin zu Gast, derzeit ist die Spanierin Teresa Carrasco bei uns.
„[…] mit langem Atem […]“
Das klingt beeindruckend, man hört allerdings in etablierten Medien relativ wenig davon. Mein Eindruck ist, dass es um die mediale Wahrnehmung von elektronischer Musik in Österreich eher schlecht bestellt ist.
Robert Höldrich: Es stimmt, in den klassischen Medien in Österreich haben wir schlechte Karten. Es gibt bei Ö1 noch Nischen, wo versucht wird, regelmäßig und mit langem Atem eine Plattform für Diskurs und überhaupt das Kennenlernen neuer Musik aufrechtzuerhalten. Das Fernsehen und die meisten österreichischen Zeitungen hingegen kann man hier getrost vergessen. Andererseits: Schauen Sie sich die Berichterstattung in Blogs und im Internet generell an. Hier findet sich viel Gutes, wenngleich mit geringer Reichweite. Der mediale Diskurs über elektronische Musik hat sich gewandelt, aber es gibt ihn nach wie vor.
Vielen Dank für das Gespräch.
Curt Cuisine
Foto Robert Höldrich (c) KUG