mica-Interview mit Ursula Sedlaczek

„Es geht um das Geld der Künstler, so Ursula Sedlaczek, ihres Zeichens Direktorin der Austro Mechana, über Festplatten-Umfragen, Vertragstarife und das zentrale Speichermedium PC. Das mica- Interview führte Markus Deisenberger.

Wie kommt es zu der Forderung nach einer Abgabe auf Festplatten? Man las, es gäbe Studien. Welche Studien genau sind das?
Nun, fangen wir ganz vorne an: Was mich bei der ganzen Diskussion stört, ist, dass die Kreativen, um die es eigentlich geht, nie zu Wort kommen. Die bislang darüber veröffentlichten Artikel waren allesamt sehr kühl gehalten, in den Internet-Foren wurden wir gebasht, dass es nur so geraschelt hat, aber keiner von 30.000 Bezugsberechtigten der von Verwertungsgesellschaften eingehobenen Geldern hat sich bisher dazu geäußert. Und das mit Verlaub verstehe ich nicht ganz. Haben die Urheber immer noch nicht verstanden, dass es da um ihre Rechte und um ihr Geld geht? Oder sind wir gefordert, ihnen zu erklären, worum es eigentlich geht? Wir haben diesbezüglich ein Argumentarium auf unsere Homepage gestellt. Vielleicht hilft das. Aber zu Ihrer Frage: Seit zehn Jahren geben wir regelmäßig Marktumfragen in Auftrag, z.B. bei GfK, wir saugen uns das also nicht aus den Fingern. Außerdem kann ja jeder in seinem persönlichen sozialen Umfeld verifizieren, was wir behaupten. GfK jedenfalls hat eine Haushaltsbefragung durchgeführt und ausgewählte Haushalte nach dem Inhalt ihrer Festplatten befragt.

Und die Leute geben darüber tatsächlich Auskunft?

Ja.

Da drängt sich doch die Vermutung auf, dass die Dunkelziffer an unentgeltlich privat kopierten Festplatteninhalten noch höher liegt.
Ja, natürlich, weil die Antworten auf solche Fragen ja sozial nicht unbedingt erwünscht sind. Nachdem die meisten – das hat die Musikindustrie ja teilweise geschafft – immer noch glauben, dass es sich dabei um Raubkopien handelt, was ja überhaupt nicht stimmt. Das Ergebnis der Umfrage war daher auch für uns ein wenig überraschend. Was man aber feststellen kann, ist, dass in großem Ausmaß kopiert wird und diese Kopien auch auf den Festplatten liegen. Eine andere Frage ist, wie man das rechtlich beurteilt.

Was man auch festhalten kann ist, dass die Umfrageergebnisse nicht von der Musikindustrie beauftragt wurden, sondern von einer unabhängigen Institution stammen.
Ja, natürlich.

Wenn Sie die Gegenmeinungen – Sie haben es vorher „Bashing“ genannt – hören oder lesen, sind einige der Argumente für Sie nachvollziehbar oder können Sie die Erregung der Gemüter überhaupt nicht verstehen?
Das Argument des Einzelhandels ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, weil es in Deutschland die gleiche Abgabe gibt. Dadurch, dass ich meine Festplatte in Deutschland kaufe, spare ich mir also nichts.

Gut, aber ich könnte die Festplatte übers Internet bestellen.
Wir klagen auch laufend Internet-Plattformen und bekämpfen so das Phänomen, dass es Plattformen gibt, die von Luxemburg aus den europäischen Markt beliefern und einfach die Abgaben hinterziehen.

Das heißt, dieses Hintertürl wird es nicht mehr lange geben.

Das gibt es schon jetzt nicht mehr. Einige haben ihr Service schon eingestellt. Den größten Kraken haben wir am Haken. Und der Rest wird folgen. Noch weniger nachvollziehen aber kann ich die Mails, die wir bekommen, in denen es heißt, dass ein Künstler, der vom Verkauf der CDs nicht leben kann, es besser gleich lassen soll und wie man überhaupt dazu komme, die Künstler zu subventionieren. Das macht mir mehr Angst. Sehen Sie: Ich komme ursprünglich aus einer anderen Branche, ich kann mir jederzeit einen neuen Job suchen. Aber wie ist es mit den Künstlern? Vor einem Jahr hatten wir die Enquete zur sozialen Lage der Künstler. Seitdem ist wenig passiert. Die Leerkassettenvergütung speist zu 50% die SKE-Töpfe der Verwertungsgesellschaften. Da liegen wir mit den Einnahmen bei minus 40% des höchsten Standes, den wir schon einmal hatten. Da fragt sich, wer die Künstler fördern soll. Der Staat wird es nicht machen, wir haben kein Geld mehr und es scheint keinen Menschen zu kratzen.

Was man den Leuten vielleicht erklären muss, ist, wie das Geld, das mit der Urheberrechtsabgabe eingehoben wird, verteilt wird.
Nachdem wir ja alle Medien abfragen, wissen wir ja ziemlich genau, was wo „oben ist“. Und dann wird ein Split gemacht zwischen Audio und Video. Je nachdem, was die Umfrage ergibt, teilt man dann die DVD-Einnahmen zu. Eine solche Umfrage wird für jedes Medium gemacht. Dann habe ich einen Audio-Topf und einen Video-Topf. Diese Töpfe werden auf die Verwertungsgesellschaften aufgeteilt.

Und wie behandelt man den Inhalt dieser Töpfe? Wie nicht zuordenbare Tantiemen?
Ja, die Leerkassettenvergütung ist eine Pauschalabgeltung. Was genau gehört wurde, ob Michael Jackson oder Mozart, weiß man natürlich nicht. Wir verteilen das eingehobene Geld als Zuschlag, etwa 20%, die auf die normalen Tantiemen drauf geschlagen werden, der Rest geht in die SKE. Die Verteilung ist völlig transparent. Jeder Cent ist nachvollziehbar. Aber in Wahrheit interessiert das den Konsumenten nicht.

Zu den Gesamttantiemen aliquot heißt, dass auch die Kleinen ihren Anteil bekommen?
Natürlich. Wenn jemand 1 Euro Tantiemen bekommt, kriegt er aus der Leekassettenvergütung zusätzlich 20 Cent. In manchen politischen Statements ist dann hin und wieder zu hören, dass dabei die Kleinen benachteiligt würden. Aber auch bei den so genannten „illegalen“ Plattformen spiegelt sich in etwa der normale Markt wider, zumindest nach den Studien, die es gibt. Es ist also nicht so, dass dort völlig andere Hörgewohnheiten herrschen würden als sonst auch. Im Internet werden nicht völlig andere Dinge gehandelt und getauscht als auf dem Markt für körperliche Tonträger. Insofern wird eben auch das, was mehr gehört wird, auch mehr getauscht und mehr kopiert.

Ich glaube nicht, dass es da große Ausreißer gibt, dass also ganz kleine Indie-Produktionen dann im Internet maßlos kopiert würden. Insofern ist die Vorgehensweise schon plausibel. Das Argument, dass die großen unverhältnismäßig mehr erdienen würden lässt sich zusätzlich auch mit dem SKE-Fonds entkräften. Da wird ja sehr, sehr viel in den Nachwuchs investiert. In Produktionen, die nicht von vorneherein auf Gewinn ausgerichtet sind. Jede Gesellschaft muss 50% ihrer Einnahmen in einen Fonds für soziale und kulturelle Einrichtungen einzahlen 50% unserer Einnahmen gehen an Markus Lidauer, der den SKE-Fonds betreut.

Wie kommt man auf den Wert, zwischen 12 und 36 Euro für eine Festplatte?

Zwischen 12 und 18 Euro!

In allen Artikeln wurde aber doch zwischen 12 und 36 geschrieben…
Aber es gibt einen Vertragstarif. Alle reden von 36 Euro. Die zahlt aber doch kein Mensch.

Wieso?

Weil es einen Vertragstarif für diejenigen gibt, die freiwillig an uns reporten.

36 Euro wären mir auch sehr hoch erschienen – vor dem Hintergrund, dass eine Festplatte mit einem Terabyte unter 50 Euro zu haben ist. Da würde man ja davon ausgehen, dass an die 80% des Inhalts urheberrechtlich relevant sind…
Wir orientieren uns nicht am Produktpreis, sondern am Content, der möglicherweise oben ist, und seinem Wert.

Welcher Schnitt wird jetzt angenommen, was ist laut Studie der durchschnittliche Anteil an kopiertem Material auf einer Festplatte?
Diese Zahlen gebe ich ungern preis, da wir uns in einem Gerichtsverfahren befinden.
Wir haben die Zahlen im Haus und es sind vertretbare Tarife Für mp3- und Video-Inhalte. Ich gebe schon zu, dass es da einen Idealtarif gibt. Üblicherweise gehen wir mit dem Tarif, den wir uns vorstellen, zur Kammer und die hält uns dann entgegen, dass der Markt aber soundso aussieht und dann nähert man sich einander an. Nur dieses Mal hat die Kammer nicht mit uns geredet. Da wir aber nicht ewig warten können, haben wir und zu dem Schritt entschlossen, den Tarif festzusetzen.

Und wieso gibt es nun einen Prozess?
Es gibt ja schon ein Urteil. Mein Vorgänger hat schon versucht, solch einen Tarif für PC-Festplatten festzusetzen. Das ging bis zum obersten Gerichtshof, der meinte, MP3s seien kein Thema, die seien auf jeden fall vergütungspflichtig, egal ob extern oder intern gespeichert, was ein wichtiger Durchbruch für uns war. Die PC-Festplatte aber sei deshalb nicht vergütungspflichtig, weil sie nicht zum wirtschaftlich überwiegenden Ausmaß für die Speicherung von geschütztem Content verwendet werde. Und mit diesem Satz leben wir jetzt und wissen alle nicht genau, was er bedeutet. Bedeutet er nun, dass eine Festplatte volkswirtschaftlich zum überwiegenden Teil für Content genutzt werden muss oder bedeutet er, dass eine Festplatte zu mehr als 50% mit Content belegt sei muss, was illusorisch wäre, da in aller Regel nur Freaks ihre Festplatten randvoll befüllt haben. Im Schnitt aber sind 500 GB-Festplatten nicht randvoll befüllt.

Da befinden sich Fotos und wichtige Dokumente, die den geringsten Teil ausmachen, drauf. Der Rest ist mit Musik- und Video-Files aus unterschiedlichen Quellen belegt. Im Gesetz aber steht: Jedes Medium, das bestimmt und geeignet ist zur privaten Vervielfältigung. Wer aber wird jetzt bestreiten, dass eine Festplatte dazu geeignet ist, dass solche Files drauf gespeichert werden. Das wird doch kein Mensch mehr leugnen. Heute kriegt man keinen PC mehr ohne Brenner…

Der PC ist in den letzten Jahren zum zentralen Speichermedium in jedem Haushalt herangereift. Fernseher, USP etc. etc. Vernetzen, wo es geht und das ist ja auch gut so. Aber: Diese Möglichkeiten würden alle niemanden interessieren, wenn es nicht die Möglichkeit gäbe, Privatkopien anzufertigen.

Bei externen Festplatten besteht aber schon die Möglichkeit, dass ich sie tatsächlich nur zum Zwecke des Daten-Back-Ups verwende. Ich selbst hab´ auch so eine in Verwendung.
Ja, schon, aber mir geht es wirklich primär darum, dass unsere Urheber einmal aufwachen und entdecken, dass das ihre Rechte sind, um die es hier geht.

Und was muss passieren, damit sie endlich aufwachen?
Keine Ahnung. Deshalb haben wir uns unter anderem an das mica gewandt. Ob die Statements, die wir auf unsere Homepage veröffentlichen, jemand liest oder sich denkt, mit der dummen Verwertungsgesellschaft will ich nichts zu tun haben, die sollen sich möglichst unauffällig verhalten, weiß ich nicht. Seit ich in dieser Branche bin, wünsche ich mir eine Künstlergewerkschaft, die sich um diese Belange kümmert.

Das klingt, als hätten Sie im Kampf gegen die Lobbies kein Backup von Künstlerseite.
Zumindest kein spürbares. Wir genießen schon Sympathiewerte bei dem einen oder anderen, aber darüber hinaus…

Wie ist das Verhältnis zur WKÖ?
Es war immer schon ausgemacht, dass eine negative Feststellungsklage zur Festsetzung des Tarifs eingebracht wird. Das heißt, diese Klage (eines Dritten mit Unterstützung der WKÖ, Anm.) ist kein feindlicher Akt.

Interessant. Medial wurde das immer als verbitterter Akt dargestellt.

Das mag sein. Aber das wird man kollegial und sportlich ausfechten. Aber noch einmal: Was mir abgeht in dem ganzen Streit ist, dass einer auf die Idee kommt, dass es hier um Geld um Künstler geht. Wir überlegen uns schon, wie man die Leute in den eigenen Reihen mobilisieren kann. Die nächsten sind, auch wenn sie es nicht gerne hören werden, die Autoren. Wenn mir da entgegengehalten wird, Urheberrecht sei veraltet und Musiker könnten von den Live-Einnahmen leben, wird mir angst und bange.

Aber jeder, der sich tatsächlich mit der vorhandenen Breite an Berufsmusikern auseinandersetzt, weiß doch, dass das nicht der Fall ist. Die Auftrittsmöglichkeiten sind bald einmal erschöpft und den wenigsten gelingt es, außerhalb Österreichs Begeisterung zu entfachen.
Umso erstaunlicher, dass die wieder gegebenen Meinungen von einflussreichen Politikern stammen. Das Vienna Art Orchester sperrt zu. Warum wohl? Weil sie so gut davon leben können?

Wie geht es nun weiter?
Die Klage ist mit Ende Oktober angekündigt

Und wie lange wird das Verfahren dauern?
Voraussichtlich zwischen zwei und drei Jahren.

Und was passiert in der Zwischenzeit?
Der Handel wird die Abgabe einheben. Damit sind sie auf der sicheren Seite. Wenn es alle machen, mach ich mir auch um die kleinen Händler keine Sorgen, denn dann ist es ja ausgeglichen.

Und falls ich mein Festplatte tatsächlich nur zum Backup nutze und nicht für Privatkopien, kann ich mir dann das Geld zurückholen?

Als privater User geht derzeit nichts. Gewerblich ja.

Danke für das Gespräch.