mica-Interview mit Tomas Zierhofer-Kin

Tomas Zierhofer-Kin, künstlerischer Leiter des Donaufestivals, spricht im Interview mit Markus Deisenberger über Verwertungs- und Vermarktungsgrenzen, Subkultur und radikale Botschaften. Zudem gewährt der gebürtige salzburger einen Blick auf den derzeitigen Stand der Vorbereitungen für das Donaufestival.

Pop als experimentelles Kunstfeld

Wie weit ist das Programm gediehen?
Wir haben ja ein System. Wir gehen davon aus, einen wirklich zugkräftigen oder zwei “mittelzugkräftige” Acts pro Abend zu haben. Und da rundherum bauen wir mit den interessanten Dingen das Programm. Das heißt aber: Wenn ich mit den so genannten Headlinern das Programm nicht hinkriege, kann ich die andere Dinge auch nicht wirklich festmachen. Und da sind wir mittlerweile schon in einer kritischen Phase, weil ich nicht davon ausgehen kann, dass die spannenden experimentellen Künstler, wenn ich sie ewig hinhalte, dann nicht schon etwas anderes vorhaben.

Das heißt. Man bewegt sich am Limit.
Einige Programmtage sind eh schon fertig, bei manchen geht es aber noch um die Zusagen der Headliner, die sich herauszögern dass es ein Wahnsinn ist.

Namen kannst Du wahrscheinlich nicht nennen.
Schwer. Aber Wir haben eine Partyschiene, bei der wir zum Beispiel Go Team und Justice wollten.

Und Justice sind irrsinnig teuer, oder?
Ja, Wahnsinn. Vor drei Jahren haben sie beim Elevate-Festival in Graz 3.500 Euro bekommen. Ok, mittlerweile hat ihr Album eingeschlagen. Trotzdem bin ich bei meinem anfänglichen Gebot von 5.000 “far too low” gewesen.

Die wurden vor kurzem sogar für einen Grammy nominiert.
Als ich mir dann die Konzerte in England angeschaut habe, wo zwischen 5.000 und 10.000 Leute herumhüpfen, war mir das “Far too low” dann auch klar. Schade, denn ich fand es lustig, als Gegengewicht zu unserem zugegeben oft sperrigen Programm mal so eine richtige Sause zu programmieren. Aber interessant ist es schon zu sehen, welche Grenzen von Kommerzialität in Vermarktung und Verwertung es gibt und wo sie liegen. Nur ist es einfach sehr ungut jenseits dieser Grenzen zu arbeiten. Ich dachte mir auch, nur am Anfang ist es mühsam, weil noch niemand das Festival kennt, aber es ändert sich nicht wirklich. Die Leute versuchen nur noch herumzupokern. Mit einer britischen Agentin etwa rede ich seit Juli. Der Mailverkehr ging sicher fünfzig mal hin und her. Im September schrieb sie mir dann: Wer bist du eigentlich? ich kann mich nicht erinnern, dass wir je darüber gesprochen hätten. Aber absurderweise aufbauend auf der ursprünglichen E-Mail, die wir seit Monaten hin- und herschicken. Arrogante Wahnsinnige sind das.

Klingt nach Hollywoodschen Verhältnissen.
Aber es ist ja nicht so, dass wir Robbie Williams angefragt hätten. Dass man es da mit den größten Idioten zu tun bekommt, wäre mir schon klar. Das sind vielmehr Bands, die zu einer großen Agentur kommen und dort Kanonenfutter sind. Junge, schicke, experimentelle Bands hat man in den großen Agenturen recht gerne ein paar an der Hand. Da schaut man sich mal an, was aus denen wird. Es ist grauenerregend. Einige Agenten gibt es, die kennt man schon, die sind halbwegs normal und da bekommt man auch Antworten. Und dann kommt halt irgendwann die Ansage, dass die angefragte Band gerade zu viele Projekte am Laufen hat und man schon eine gewisse Summe bieten muss, damit sie für einen Gig nach Europa kommt. Etwas in der Art ist ja in Ordnung. Mit so einer Ansage kann ich leben. Aber manchmal kommt nicht einmal eine Antwort. Man erklärt sich und das Festival, beschreibt, worum es geht und bekommt nicht einmal eine Antwort. Und wenn überhaupt, dann nur: Make an offer! Die einzige Antwort, die in diesem Business derzeit offenbar möglich ist.

Kann man finanziell halbwegs mitspielen oder ist das ein Drahtseilakt?
Grundsätzlich geht es um Markwerte, die sich sehr leicht feststellen lassen. Man schaut sich einfach an, in welchen nicht subventionierten Kulturstätten jemand so spielt, wie viel Fassungsvermögen man dort hat, ob sie die Gastronomie selber machen etc. Das ist durchschaubar. Mühsam wird es, wenn jemand nicht so wirklich will. Und bei Legenden. Kunstbands wie etwa Throbbing Gristle haben keinen Marktwert. Wenn die in einer Galerie spielen, ist ihnen völlig egal, wie viele Leute dorthin kommen. Ob das fünfzig oder zehntausend sind. Es kostet einfach Länge mal Breite. Im normalen Bandformat ist es durchschaubar, aber halt immer so ein Spiel.

Du hast das Konzept angesprochen, dass Zugpferde weniger kommerzielle Acts mitziehen. Ein zweites Konzept, das Du immer verwirklichen wolltest, war die Konfrontation zwischen verschiedenen Genres. Würdest Du retrospektiv sagen, diese beiden Konzepte haben sich bewährt?
Um ganz ehrlich zu sein: Teilweise. Vor 2006 haben wir es geschafft, Performances in die Musik-Linie zu integrieren. Vor den Dresden Dolls etwa. Im letzten Jahr ist das wieder auseinander gegangen. Auch bedingt durch die Spezialprojekte Davit Tibet und Throbbing Gristle. An diesen kuratierten Abenden spielten zwar Bands, die ich selbst auch gebucht hätte. Insgesamt bestand das Publikum aber zu sehr aus eingefleischten Fans, die sich überhaupt nicht dafür interessierten, dass das Festival insgesamt eigentlich für etwas anderes steht. Das war eine Art blinder Kosmos. Die Leute gingen in die Konzerte und bekamen von der Performance nichts mit. In den folgenden Jahren soll das wieder verzahnter werden.

 

 

Du hast letztes Jahr auch davon gesprochen, das der Performance-Anteil weiter steigen soll. Wird das realisiert?
Da kann man schon viel mehr verraten, weil wir einen hohen Anteil an Auftragswerken und Eigenproduktionen haben, von Leuten also, die vor Ort Performances für uns erarbeiten. Wir haben auch vor, die ehemalige Lounge als zweite Veranstaltungshalle zu etablieren. Die Lounges werden kleiner werden und in die Randbereiche des Geländes wandern. Diese zweite Halle wird täglich die Aufgabe übernehmen, Performances und Musik zu veranstalten. Der nächste Schritt ist, dass wir hin und wieder performative Interventionen auf der großen Bühne veranstalten werden.
Nächstes Jahr wird dann ein Übergangshase zu den letzten zwei Jahren meiner Tätigkeit darstellen. Dass wir nämlich von vorneherein Performances in Auftrag gegen, die dann auch auf der großen Bühne stattfinden werden. Wir nehmen unsere Lieblingscompanies und suchen uns einige neue dazu. Bis 2010 werden wir die letzten zwei Jahre den Prototypen dieses Festivals machen. Dann fällt mir dazu eh nichts mehr ein. Da soll dann ein anderer weiter machen. Das heißt, dass wir schon jetzt ganz gezielt Leute beauftragen. Zu jedem kuratierten Musiktag wollen wir uns gemeinsam eine Performance dazu aussuchen. Es wird dann also drei Performances geben, die den Konnex zu den Musikprogrammen herstellen. Und dann werden wir noch die Musiker mit den Performance-Gruppen zusammen bringen. Wenn die eine Band einen Abend kuratiert und man dann zu ihr sagt: Trefft euch doch mit der Performance-Group Soundso. Denen könnte zu eurer Ästhetik etwas wirklich Interessantes einfallen.

 

Wird es dieses Mal eine Band geben, die einen ganzen Abend kuratiert?
Das wird es dieses Mal nicht geben. Im Ansatz vielleicht mit Planning to Rock. Mit dieser Performance sind wir sehr gut vernetzt, müssen aber erst schauen, ob das technisch funktioniert. Bei Planning To Rock offenbart sich das Dilemma besonders gut: Wenn ich sie nicht privat kennen würde und wir uns nicht regelmäßig treffen würden, um uns auszutauschen. Wenn ich das alles über einen Agenten machen müsste, würde sie a) nie etwas davon erfahren und b) wir nur Frechheiten zurückbekommen. Es geht um Netzwerke. Das ist das, was ich aufbauen will. Mit Mike Patton hat das auch ganz gut funktioniert. Das ging auch nicht über eine Agentur. Wer für mich auch so ein Kandidat ist Ephraim … von Godspeed You Black Emperor.

Die du immer wolltest, aber letztlich nie bekamst?
Genau. Er war mit Silver Mt Zion da und das war eines der wildesten Konzerte ever. Dazu gibt es auch eine lustige Geschichte. Ich gehe wie jedes Mal, sobald die Band ankommt, mich vorstellen und frage, ob sie denn etwas brauchen. Keine Reaktion. Keiner hat sich umgedreht und irgendetwas gesagt. Komisch, dachte ich mit. Dann gingen sie auf die Bühne und haben Nokia, unseren Sponsor, beschimpft und dazu aufgerufen, niemals Nokia-Geräte zu kaufen. Nach dem Konzert kam dann Ephraim auf mich zu und entschuldigte sich dafür. Jetzt habe er verstanden, worum es hier gehe. Ich fand es witzig, dass jemand tatsächlich dachte, wir stehen auf der selben Seite wie diese doofen Agenten und dann drauf kam: Hoppla, die nehmen das ernst.

Wir müssen einfach zuschauen, unsere Netzwerke zu erweitern. Die Agenten nützen dir nichts, wenn du etwas Außergewöhnliche auf die Beine stelle willst. Ausnahmen wie Emma Banks bestätigen die Regel. Da kommt manchmal zur Antwort: Was? Ein Spezialprojekt? Da müsste ich ja mit dem Künstler reden. Ja no na… Und von den Künstlern kommt dann, wenn es dir endlich gelingt, private Kontakte herzustellen: “Warum habt ihr mir das nicht vorher gesagt?” Und dann muss ich drauf sagen: “Haben wir ja. Ich probiere es seit vier Jahren…” Diese Kommunikation funktioniert schlicht und ergreifend nicht. Daher müssen wir probieren, über private Kontakte an die Leute ran zu kommen. Manchmal geht es ja sogar über MySpace. Peaches etwa schreibt mir alle Monate über MySpace und meint, wenn wir wieder mal was brauchen… Ich will überhaupt vermehrt mit kanadischen Leuten zusammenarbeiten, schauen, dass die kanadische Avantgarde das Festival kennt. Tim Hecker wird nächstes Jahr was machen. Alexis OHara, die bei Joe Aichinger im Klangraum Artist in Residence ist, kommt mit einem Performance-Noise-Duo, einem experimentellen Projekt namens Mankind. Mir geht es um Netzwerke genau an der Schnittstelle zwischen zeitgenössisch experimenteller Klangkunst und U-Musik mit Pop-Appeal. Diese Elemente zusammen zu bekommen, wäre eigentlich das Ding – Leute zu bekommen, die an dieser Schnittstelle Schlüsselfiguren sind. Amanda Palmer von den Dresden Dolls kam nach ihrem Konzert zu mir und meinte: Endlich ein Festival, bei dem es nicht nur doof ums Musik Runterklopfen geht, sondern bei dem eine Performance mit nackten Menschen stattfindet. Sie selbst ist kunstinteressiert, hat Kunst studiert, macht zwar sehr poppige Musik, aber das Sensorium dafür ist da. Und genau solche Schnittstellen-Netzwerkfiguren musst du finden, damit es funktioniert.

Ist es nicht generell so, dass sich Pop, wenn er ins Kunstniveau gehoben wird, besser verstanden fühlt?
Schon, aber man muss mit diesen Dingen auch sehr aufpassen. Indem wir Theater als Pop-Events und Konzerte als große Kunst verkaufen, betreiben wir ein bewusstes Verwirrspiel. Oder anders gesagt: Pop als experimentelles Kunstfeld zu betrachten, habe ich von Beginn an als ein schönes Vexierspiel empfunden. Natürlich ist es nun in der Tat so, dass vieles von dem, was heute künstlerisch passiert, in den Pop-Bereich rein will, den Kontext sucht. Bei uns in Krems ist es so, dass manche Leute ein recht gutes Gefühl haben, weil sie sich ernster genommen fühlen. Amanda Palmer sieht sich dann plötzlich nicht mehr als Spielball irgendwelcher kommerzieller Pop- und Plattenindustrien, die sie partout nicht ausstehen kann. Dennoch muss man aufpassen mit der ganzen Geschichte.

Inwiefern?
Mir ist schon ein paar Mal auch etwas daneben gegangen. Markus Hinterhäuser und ich haben einmal John Zorn eingeladen. Ich liebe seine experimentellen Sachen von Kristallnacht bis Naked City. Und diese wunderbare trickfilmartige Dreisekunden-Schnipsel. Großartig. Vom Ansatz her sehr experimentell. Wir sind bei ihm Zuhause in New York in der Wohnung gesessen und haben dann zwei Jahre lang hin und her gemailt, gefaxt und telefoniert, uns auch getroffen. Und dann hat es endlich geklappt. John Zorn bei den Salzburger Festspielen. Und er hat sich offenbar gedacht: OK, Kunstfestival Salzburger Festspiele, da muss ich jetzt etwas ganz anderes machen. Herausgekommen ist dann ein Abend mit selbst dirigierten Stücken in der Besetzung Cello, Klavier und Violine, die – und da ich ihn wirklich sehr schätze und kenne, darf ich das sagen – in einer widerwärtigen anbiedernden und eklektizistischen Art und Weise Schönberg-artig waren.

Das Projekt hat sich sozusagen selbst ad aburdum geführt?
Ja, indem jemand davon ausging: So, jetzt bin ich Kunst. Jetzt muss ich mich auch so verhalten. Ich finde dieses Kunstgetue und diese Neue Musik und auch das gesamte Autorentheater ja enorm langweilig, weil sie alle von einer völlig bürgerlichen Rezeptionssituation und von einer verabscheuenswürdigen lehrerhaften kirchlichen Haltung ausgehen. Hineinsetzen, Körperlichkeit abstellen, denn jetzt wird gedacht, jetzt wird gelehrt. Genau das fand ich an Zorn ja so spannend, dass er darauf nie etwa gegeben hat. Und just in dem Moment, als ihn das Salzburger Kunstfestival, in dessen Kontext wir uns ja gar nicht bewegten, einlädt, möchte er das imitieren und fühlt sich dabei wohl. Vielleicht fände ich es, nachdem ich Jahrzehnte lang in Underground-Clubs gespielt habe, auch lustig, wenn mich plötzlich jemand fragt. Genauso spannend vielleicht wi

 

 

Wieso spielt jemand wie Squarepusher zum Beispiel nicht bei den Salzburger Festspielen?
Das Problem ist ja, das der so oder so sehr wenig spielt.

Aber generell. In der modernen Elektronik, insbesondere der IDM-Schiene gab und gibt es doch Leute, die kompositorisch um einiges interessanter sind als 90% der vergleichbaren Sachen, die in der so genannten Neuen Musik stattfinden.
Ich weiß nicht, woran es wirklich liegt. Vielleicht am selben Missverständnis, dem sehr viele junge Komponisten erliegen. Dass sie sich nämlich in eine nicht existente Zelle flüchten, die nur noch ein Abklatsch ist von einer Kultur, die vielleicht einmal funktioniert hat. Warum müssen junge Komponisten heute Streichquartette komponieren und darauf erpicht sein, dass im Musikverein mal zwischen Mozart und Haydn ein Quartett von ihnen gespielt wird? Wenn ich noch komponieren würde, würde ich mir dabei schön blöd vorkommen. Genau das ist aber auch das grundlegende Missverständnis dieses Publikums. Das hört sich vielleicht einmal ein Haas-Stück von fünfzehn Minuten Länge im Sandwich an und glaubt, damit rettet man die Welt. Und das ist vollkommen absurd. Ein grundlegendes Strukturmissverständnis.

Andererseits gibt es Leute wie Hüseyn Evirgen, der am Mozarteum studiert hat und mittlerweile im Techno gelandet ist. Wäre jetzt die Frage, ob das eine Sensation oder nur logisch folgerichtig ist.
Gar keine Sensation. Das wäre folgerichtig, nur das System lässt es kaum zu. Markus Hinterhäuser, mit dem ich immer noch befreundet und in sehr engem Kontakt bin, versucht eh Unmögliches, aber das System ist wahnsinnig starr. Er hat halt seine Philharmoniker- und Solistenkonzerte, mit denen er Geld verdienen muss. Da die wirkliche Öffnung zu schaffen, könnte er nur dann, wenn er Intendant ist. Aber nicht mit einem Intendanten Flimm, dessen kultureller Horizont wie der der meisten älteren Herren, die mal Künstler waren und dann Intendanten-Jobs zugeschoben bekommen, in irgendwelchen bürgerlichen Gefilden endet. Ich wünsche mir junge Frauen, die aus den Szenen kommen und nicht alte Herren, die am Ende der Karriere mit einem Riesenscheck geadelt werden. Wenngleich es, sich einen Squarepusher einzuladen vom Ansatz her nicht weniger bürgerlich wäre. Aber man hat vom Ansatz her einfach Entwicklungen verschlafen. Wie du richtig sagst, kann eine Arbeit von Suarepusher tausendmal interessanter sein als der Aufguss neuer Musik. Wo du weißt: Das ist jetzt Diskursmusik, Musik über Musik über Musik, die aber kein Leben mehr hat und keine Sprache mehr ist, die gesprochen wird. Aus der Clubelektronik kommende Elektronik, Break-Core etwa, funktioniert, weil auch der Ursprung funktioniert, was genauso zu Mozarts und Beethovens Zeiten einmal funktioniert haben mag: die experimentelle Umformung einer Sprache, die letzten Endes Populärkultur mit Veranstaltungen ist.

Geht es Dir bei der Programmierung darum, antibürgerlich zu sein?
(lacht) Genau wegen dieser Frage habe ich es vorher schon wieder in Frage gestellt. Wenn ich aber nur eine Bedeutung von “bürgerlich” herausgreife, bedeutet bürgerlich zu sein, eine Einstellung gegenüber Kunst an den Tag zu legen, die Kunst überhaupt nicht ernst nimmt, sondern versucht, etwas Cleanes, leicht Konsumierbares zu inszenieren, das niemandem weh tut. Ob das jetzt ein Konzert im Musikverein oder ein kulinarisches Pop-Teil ist. Das nimmt viel weg. Insofern versuche ich antibürgerlich zu sein und Sachen ernst zu nehmen – auch in der Form, wie man sie kommuniziert und kontextuiert. Bei einem Festival wie unserem, bei dem sich die Leute nichts selbst ausbeuten, kann man natürlich nicht behaupten, es wäre ein Underground- oder Subkultur-Festival. Das muss es ja auch gar nicht. Dass man aber einige Elemente davon integriert, finde ich langsam notwendig. Dass subventionierte Festivals diese Möglichkeit für sich entdecken… Wenn ich mir meine Freunde von Brut anschaue: Die sitzen plötzlich in einem subventionierten Haus. Da tun sich plötzlich Kanäle auf… Auch was aus der Szene kommt und in Subkulturen entstanden ist, braucht mal eine andere Plattform, denn wenn etwas ewig Subkultur ist, wird es niemals rezipiert werden: Es muss ja irgendwelche Transformationen geben.

Gibt es überhaupt noch so etwas wie subkulturelle Identität?
Es gibt ja schon so viele Subkulturen, dass es eigentlich irrelevant und indifferent wird. Es ist ja auch nicht mehr lange etwas Subkultur. Selbst wenn jemand “nur” fünfhundert Leute generiert, wird ein Agent drauf kommen, dass es kommerziell nutzbar ist Diese Umwertungs- und Vereinnahmungsmaschine dreht sich immer schneller. Nur je mehr Farbe in die Marzipanmasse eingewurschtet wird, desto mehr Spuren wird das auch hinterlassen.

Gehen wir zurück zur Idee des Festivals. Kann man sagen, dass es um die radikale Botschaft im Pop-Gewand geht oder ist das zu simplifizierend?
Schon. Ich glaube, dass es heute leichter ist, sich in diesem Pop-Gewand zu bewegen. Die Frage ist aber, was radikal ist. Sicher, gerade die Leute, die mit ihrem Queer Cinema etwas aufgebrochen habe, die absichtlich in die Porno-Branche gingen, um dort ihre Kunst zu machen, Leute wie Bruce Labruce, der Experimentalfilme mit popkulturellem Hintergrund macht, waren und sind radikal. Aber wir müssen von der Ästhetik anders kommunizieren, weil wir andere Leute ansprechen. Wir müssen den Dingen einen Pop-Mantel überwerfen, um sie zu verkaufen. Mein ursprüngliches Vorhaben war ja auch nicht, ein avanciertes Pop-Musikfestival zu machen. Mir ging es vorrangig um das Aufbrechen der Theatertradition, die den Bereich des Performativen Jahre lang ausgeklammert hat. Wir haben hierzulande ein wahnsinnig bürgerliches Publikum, das mit Anzug und Krawatte ins Theater geht. Ich will Produktionen zeigen, die mit diesem Umfeld nichts zu tun haben. Wenn man in Berlin ins Theater geht, schaut das Publikum dort so aus wie bei uns im Fluc. Da kann etwas nicht stimmen. Bei uns verweigern die Leute, die mit Pop- und Medienkultur groß geworden sind, zum Großteil das Theater wegen seines bildungsbürgerlichen Kontextes. Für diese Leute galt es ein Umfeld zu schaffen – für ein Publikum, das wir noch nicht kannten. Und dabei war auch klar zu machen, was das für ein Background ist. Das war die ursprüngliche Idee. Und aufbauend auf dieser Idee geht es nun darum, diesen Kontext zu beleuchten. Auch weil es einfacher ist, ein paar hundert Leute zu einer experimentellen Band wie Black Dice zu bewegen als zu einer experimentellen Performance. Wenn wir da ähnlich viele Leute drin hätten, wären wir schon glücklich. Musik ist das leichter vermittelbare Phänomen, sie hat eine Art Köderfunktion.
Das heißt, die radikale Botschaft kommt dann eher aus der Performance als aus der Musik?
Schwer zu sagen. Wir hatten ja letztes Mal viele Leute eingeladen, die einmal für ihre radikalen Botschaften standen wie Throbbing Gristle oder Current 93. Wenn man sich das heute anhört, ist Throbbing Gristle eine schöne Kunstband, aber es ist bei weitem nicht mehr das, was ich mir durch Lesen über ihre Aktivitäten angeeignet habe. Es gibt immer wieder Ansätze, die sich aber sehr diffizil vermitteln und verkaufen. Im Noise-Bereich gibt es nicht viel Neues. Je extremer die Mittel sind, desto schneller reizen sie offenbar auch aus. Der wahnsinnige Wurf fehlt. Die Musiken, die historisch radikal gelten, waren doch wegen ihrer Umgebung radikal.

 

Andererseits gäbe es doch genug an Reibeflächen in der Umgebung: Globalisierung, Armut, Korruption, Quotendenken…
Mit Sicherheit.

Wie politisch kann Musik überhaupt sein? Wenn ich Musiker nach Politik frage, bekomme ich doch meist nur die Verlegenheitsantwort: Es ist doch alles politisch…
Sobald man ernsthaft etwas in einem Pop-Kontext zu machen versucht, sind Verlockungen und Notwendigkeiten da. So lange du in einem reinem Kunst-Kontext agierst, kannst du mit extrem radikalen Dingen unter Umständen von einem 20 Leute-Publikum leben. Im Bereich der freien Marktwirtschaft verlierst du dabei die Zähne. Viele Leute müssen einfach schauen, wie sie überleben.

Das Reizvolle ist aber doch nun, dass da Donaufestival dazwischen liegst. Einerseits hast du mit den Gesetzen des Marktes zu kämpfen, andererseits gibt es Subventionen, mit denen Du arbeitest.
Wichtig ist uns, dass wir Dinge machen, die sonst überhaupt nicht stattfinden würden. Die Kooperation zwischen Dälek und I-Wolf oder generell Projekte, die Leute gemeinsam über einen längeren Zeitraum hinweg entwickeln.
Zurück zur Politik: Wir hatten letztes Jahr eine Art retro-kommunistische Performance. Ein Gemetzel, bei dem in einer anti-amerikanischen Anprangerung des Systems hunderte Kilo Lebensmittel vernichtet wurden. Andere Performer meinten mir gegenüber, das wäre ihnen zu platt. Wir reiben uns an anderen Dingen, meinten sie. Natürlich kann man, indem man Massenmedien-Szenen aneinander koppelt, eine ganz ähnliche Botschaft ungleich subtiler vermitteln.
In unserem bisherigen Programm gab es jemanden wie Saul Wiliams, der dezidiert politisch ist, und Xiu Xiu, eine der ganz großen Musiken unserer Zeit, die aber von ihrer Vermarktbarkeit nicht größer werden können und wohl im einem Kunst-Kontext besser funktionieren würden als in diesem Pop-Teil. Die Liars wiederum sind von ihren noisigen Klang-Prozessionen abgerückt. Und plötzlich werden die größer…

Neulich habe ich eine Band namens Magic Markers angeboten bekommen, die klingen wie die jungen Sonic Youth. Da habe ich mich gefragt: Was wäre eine Band wie Sonic Youth heute und wie leicht hätte es ein derart radikales Konzept von Klanglichkeit und Umgang mit Klang, das es ohne Frage einmal war, heute, zu einer Legende zu werden. Die Frage ist also, ob es überhaupt noch möglich ist, mit radikalen Botschaften ein solches Standing zu erreichen?

Letztes Jahr stand David Toops “Sound Body,” der dassoziale Umfeld, in dem Musik erklingt, thematisierte, im Zentrum desFestivals. Gibt es auch heuer wieder etwas Vergleichbares?
Nein, eigentlich nicht. Sicher: Leute wie Tim Hecker werden zentrale Positionen einnehmen. Aber dieses Jahr gehen wir von den performativen Dingen aus, wo es mit Kenneth Anger und Bruce Labruce Leute gibt, die uns über das gesamte Festival begleiten und von deren Schaffen wir die Inhaltlichkeit des Festivals ableiten. Noch etwas ist mir wichtig: DieMinoritenkirche ist ja eine Art ein Klangkunsttempel. Ich finde es spannender, Künstler wie Gustav und die Goldenen Zitronen dorthin zu programmieren und den wirklichen Klangkunstbereich in die Hallen zu integrieren, denn die Gefahr war auch immer, dass relativ wenig Leutein dieser Kirche drinnen sitzen.

Sehr viele Redaktionen hatten anfänglich Probleme, euer Programm zu fassen. Entweder fühlte sich keiner oder gleich mehrere zuständig. Ist die Bandbreite eures Programms mittlerweile in den Redaktionen des Landes angekommen?
Es kommt langsam an. Am Anfang kamen die üblichen Allround-Hochkultur-Journalisten, kannten nichts und befanden: Dann muss ich mal prinzipiell alles gut finden. Das hat sich Gott sei Dank gewandelt. Es sind einige Redaktionen drauf gekommen, wen man hinschicken muss. Das Problem ist aber weiterhin, dass es in Österreich nur wenige Journalisten gibt, die über einen ganzen Tag oder ein ganzes Wochenende schreiben können, weil sie entweder auf Musik oder Performance spezialisiert sind. Von den große Zeitungen kommen meist zwei Redaktionen pro Tag. Daran wird sich wahrscheinlich so schnell nichts ändern. Spannend wäre es natürlich, einmal ein Kaliber wie Diedrichsen da zu haben, der einen ganzen Abend fassen kann. Andererseits: Die Freaks in den Redaktionen haben uns schon entdeckt. Manche Musiker sind auch sehr froh, wenn der Klaus Totzler da ist
Am Anfang glauben sie zwar nie so richtig, dass einer, der so viel über sie weiß, beim stattlichen Fernsehen sein kann. Doch dann staunen sie und sind happy. Sonst bekommen sie ja teilweise Fragen wie : Wie seid ihr auf den Namen gekommen, seit wann gibt es euch und wo habt ihr denn schon gespielt?