mica-Interview mit Sergej Mohntau

Die Gruppe Sergej Mohntau feiert nächstes Jahr das Zehn-Jahresjubiläum ihres Bestehens: Das Duo – Thomas Pfeffer und Jürgen Berlakovich – bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Musik, Text und Performance. Im mica-Interview erzählen Sergej Mohntau, warum sie Kinderspielzeug verwenden und sich manchmal auf der Bühne mit Zigaretten, Wasserpfeifen und Zigarren einrauchen.

Seit wann gibt es Sergej Mohntau und wie ist die Band entstanden?
Thomas Pfeffer (TP): Sergej Mohntau gibt es seit 1999 und ist zu einem ganz bestimmten Anlass, einer Vernissage, gegründet worden. Wir haben damals gemeinsam die Idee gehabt, auf präparierten Instrumenten, auf präparierten Gitarren zu spielen – oder sie in diesem Fall mit Spielzeug zu präparieren.

Wie seid ihr auf die Idee gekommen, Kinderspielzeug zu verwenden?
Jürgen Berlakovich (JB): Wie kommt man auf Ideen? Keine Ahnung. Grundsätzlich gab es damals ein bisschen einen Hype in diese Richtung, aber wir haben irgendwie begonnen uns für experimentelle Musik zu interessieren und das war dann ein Zugang.

TP: Es ging auch bald in die Richtung selbst Instrumente zu entwickeln oder Geräuschträger – oder wie man es auch nennen will – zu finden und die in einem musikalischen Zusammenhang einzusetzen. So sind wir dann auf das Spielzeug gekommen, das sich angeboten hat, weil es mechanisch ist. Uns hat auch der mechanische Aspekt beim Musikmachen interessiert. Diese Spielzeuge funktionieren ja meist mit Federn und wenn man sie aufzieht, funktionieren sie von selbst – und darum ist es dann auch gegangen: Das Musizieren ein wenig maschinell zu halten, aber auch mit sehr brachialen und simplen Mitteln Musik zu machen.

Eure Performances sind immer auch aktionistisch, warum ist das so?
JB: Das hat sich automatisch ergeben. Grundsätzlich dadurch, dass wir eben versucht haben, neue Instrumente zu erfinden oder außermusikalische Objekte in Instrumente umzuwandeln. Und da war die Idee eigentlich relativ schnell da, eine Art Sprache der Dinge, Musik der Dinge zu machen und gleichzeitig diese Dinge als Protagonisten auf der Bühne zu zeigen. Wenn etwa der Gummihandschuh ein Musiker wird oder das Fenster da steht und in einen anderen Zusammenhang gestellt wird. Da gibt es dann automatisch aktionistische und Performance-Elemente und das hat sich weiter entwickelt und es ist immer mehr dazu gekommen.

Die CD “Palindromsongs” ist ein Konzeptalbum. Wie ist das Konzept zu dieser CD entstanden?
TP:
Entstanden ist die Idee durch die Arbeit an einem Hörspiel, in dem es um die Erfindung des Tonbands gegangen ist. Bei der Beschäftigung damit sind wir auf die Palindrome gestoßen bzw. dass man das Tonband vorwärts und rückwärts über einen Tonkopf ziehen kann und dadurch einfach Palindrome abspielen kann. Über dieses Element des Hörspiels ist dann die Idee entstanden, selbst Songs daraus zu machen.

Wie findet man Palindrome?
JB: Auf unterschiedlichen Wegen. Der erste Schritt war, wir hatten die Idee Palindrome aufzunehmen und dann abzuspielen. Wir sind dann relativ schnell drauf gekommen, dass nicht jedes schriftliche Palindrom auch ein akustisches Palindrom sein kann und in weiterer Folge hat man dann geforscht. Man hört hin, schaut in Wörterbüchern, Lexika und so weiter nach. Man sieht Worte und lernt mit der Zeit, wie bestimmte Laute, Konsonanten und Vokale rückwärts funktionieren und entwickelt langsam ein Gehör oder einen Blick dafür.

 

 

Welche Lieblingspalindrome habt ihr?
JB: Das schwierigste ist “es deppate med ABC”, weil man beim Aufschreiben nicht vermuten würde, dass es ein Palindrom ist. Das lustigste ist für mich “murdsdrum”.

TP: Für mich gehört auch “es deppate med ABC” dazu. Schön ist auch etwas wie “schau oasch” oder “sauf aus”, denn da geht es auch um den Dialekt.

Ihr habt ja einen russischen Namen und hattet auch schon einen Auftritt in Moskau. Wie war das, hat man euch da als vermeintliche Russen eingeladen?
JB: Nein. Das wurde nicht erwähnt, darauf wurde damals nicht hingewiesen. Der Name ist ein Anagramm aus unseren Vornamen: Juergen und Thomas. Nach Russland sind wir eingeladen worden, weil wir an einer Art Sammelausstellung teilgenommen haben und der Kurator der Ausstellung hat uns ein Jahr später gefragt, ob wir eine Performance machen wollen.

Ihr habt euch schon mit verschiedenen Themen in euren Arbeiten beschäftigt, unter anderem ist es um Tabak gegangen.
JB: Das ist aus dem Hörspiel herausgegangen, aus dem ja auch die Palindromsongs entstanden sind. Denn wir haben irgendwann herausgefunden, dass der Erfinder des Tonbands eigentlich Zigarettenfabrikant war. Auf der Suche nach neuen Methoden Filter herzustellen, insbesondere die Schleifen, die aus bestimmten teuren Legierungen, ich glaube sogar aus Goldlegierungen, gefertigt waren. Der hat einfach billigere Methoden gesucht. Weil er für diesen Filter eine billigere Schleife finden wollte, hat er das Tonband erfunden. Das hat uns eigentlich dann dazu inspiriert und das war der Ausgangspunkt eines Hörspiels, in dem es darum ging, wie Aufzeichnungsmethoden das Sprechen und das Denken verändern. Wie kann man Sprache manipulieren. Eine Manipulation ist zum Beispiel: Man kann Sprache aufzeichnen und rückwärts abspielen. Man kann die Aufzeichnung schneiden und dadurch einen anderen Sinn erzeugen. Und es ging um die Möglichkeit, etwas für Propaganda aufzuzeichnen. All diese Dinge sind in irgendeiner Form darin vorgekommen – und deshalb Tabak. Die Performance war auch lustig, weil es nahe liegend war, während der Performance zu rauchen und wir haben uns alle möglichen legalen Rauchwaren ausgesucht und geraucht: Wasserpfeife, Zigarren und Zigaretten, selbst Kautabak. Es war uns nach der Performance immer sehr schlecht.

TP: Die erste Form des angesprochenen Hörspiels war eigentlich eine Performance mit sehr großem Textanteil. Und auch mit dem Einfluss, den hoher Tabakkonsum in kurzer Zeit auf die Konzentrationsfähigkeit haben kann.

 

 

Wird die Konzentrationsfähigkeit besser oder schlechter?
TP: Schlechter erstaunlicherweise. Man sagt ja eine Konzentrationszigarette wäre ganz gut und bei einer mag das ja noch stimmen. Vor allem die Wasserpfeife hat das Lesen sehr stark erschwert – und bei der Aussprache zu eigenen Effekten geführt hat. Das war ganz witzig.

Ist die Erfindung des Tonbands so wie andere Erfindungen gleichzeitig von mehreren Leuten erfunden worden oder war das wirklich ein Erfinder?
TP:
Ich glaube, dass das auch umstritten ist, es gibt da schon mehrere Angaben. Aber dieser Pfleumer, wie er heißt, der taucht da schon immer wieder als Erfinder auf. Das war ein Vorbote des heutigen Tonbands, das war damals noch ein Papierband, also nicht ein Magnetband, wie man es heute kennt.

Wie geht es mit Sergej Mohntau weiter, woran arbeitet ihr gerade?
TP:
Jetzt arbeiten wir gerade an einer Neudeutung der Palindromsongs für unseren Auftritt im WUK am 1. August. Dieses Mal eher in Text und Musik aufgeteilt. Es wird der Text eher in Form einer Lesung gelesen werden und die Musik wird extra dazu kommen – und das wird insgesamt ein Remix oder eine Improvisation über die Songs sein. Aber eher improvisiert und sehr frei. Dann gibt es noch ein vages bildnerisches Projekt, aber da müssen wir noch schauen, was daraus wird.

Könnt ihr schon etwas sagen über die nächste CD? Oder wird das keine CD?
JB: Wir wollen noch nichts dazu sagen, das ist noch sehr geheim.

Das Interview führte Jürgen Plank

Sergej Mohntau Live: Freitag 1. August 2008, WUK, 20:30h, Eintritt frei.
CD: “Palindromsongs” (nonfoodfactory)

Fotos: Jürgen Plank

 

 

https://www.musicaustria.at/musicaustria/liste-aller-bei-mica-erschienenen-interviews