
Der Bassist Manfred Hofer zählt zu den vielseitigsten Musikern im Land. Ob solo (“Nuors”), als Komponist (“Schönberg – Elution”) in Projekten mit Wolfgang Schlögl und Patrick Pulsinger oder aktuell mit seiner Rockband The Ghosts & The Band: Hofer hat zwischen abstrakter Musik und Pop ganz genaue Vorstellungen davon, was er warum macht. Im Interview mit Sebastian Fasthuber erzählt er seine musikalische Biografie. “Es geht um Entschiedenheit”
Du teilst deine Zeit zwischen Wien und dem Weinviertel auf. Wie funktioniert das?
Unter der Woche bin ich normalerweise im Weinviertel. Zum Proben komme ich in die Stadt. Ich muss dazu sagen, dass ich einfach kein Stadtmensch bin. Ursprünglich komme ich aus Baden bei Wien, ich bin also schon ein bisschen mit Grün aufgewachsen. Dann habe ich zehn Jahre in Wien gewohnt. Vor zwei Jahren ist es mir bis hier gestanden. Ich bin in Wien fünf Mal umgezogen. Immer mit der Hoffnung, in der nächsten Wohnung wird alles besser. Ich wusste aber nicht, was eigentlich besser werden sollte. Bis ich draufgekommen bin, dass ich in der Stadt nicht abschalten kann. Da kann ich Yoga machen und Meditieren, soviel ich will, ich komme nicht von diesem ständigen Vibrieren runter. Bei mir draußen gibt es nur den Wirt’n, die Kirche, die Feuerwehr und einen Fußballplatz. Der Greißler ist schon im nächsten Ort. Das ist super.
Das heißt, du hast unter der Woche komplett den Kopf frei, um dich auf die Musik zu konzentrieren?
Ja. Und das ist auch ganz wichtig. Ich habe dem lang zu wenig Bedeutung beigemessen. Es gehört zu meinem Job, dass ich mich auf meine Sinneseindrücke konzentrieren kann. Um sie dann auch weiterverarbeiten zu können. Seitdem ich draußen bin, kann ich viel besser verschiedene Sachen parallel machen, ohne dass ich mich zerreißen muss. Ich mache ein Ding, dann schalte ich ab, gehe raus aus Feld, komme zurück und kann mit dem nächsten Projekt weitermachen.
Lass uns später noch auf deine ganzen Projekte zu sprechen kommen. Mich würde interessieren, wie dein Interesse für Musik und Sounds geweckt wurde.
Das hat als Kind begonnen. Ich habe alle Geräusche, die ich im Radio und Fernsehen gehört habe, imitiert. Weil ich unbewusst bemerkt habe: Wenn die Geräuschkulisse cool ist, dann macht’s mir mehr Spaß. Ich habe dann vom Spielzeugauto bis zum Hubschrauber alles aufgesaugt und nachgemacht. Als ich später schon Musik gemacht habe und begonnen habe, mich für abstrakte Musik zu interessieren, hat mir meine Mutter gesagt: Eigentlich klingt das, was du jetzt machst, wie das, was du als Kind mit dem Mund gemacht hast. Was ich auch wahnsinnig gern gemacht habe: Autos in Schraubzwingen einspannen und ganz langsam knacken lassen. Das Metall und das Plastik haben andere Geräusche gemacht. Ich habe einfach gemerkt: Da tut sich was, zu dem ich einen starken Bezug entwickeln kann. Später habe ich mich auch für Sounddesign interessiert, aber um das richtig professionell zu machen, müsste man fast schon ein Wissenschafter sein. Da fehlte mir die Freude am Spielen dabei.
Wie kamst du zu deinem Instrument?
Mit 14, 15. Einfach aus dem Grund, weil mich ein Mädchen in meinem Gymnasium, auf das ich total abgefahren bin, gefragt habe, ob ich in ihrer Band als Bassist einsteige. Ich habe “Ja” gesagt, ohne irgendwas zu können. Ich habe vorher nur auf der akustischen Gitarre meiner Schwester herumprobiert. Wenn sie nicht gerade Rainhard Fendrich nachgespielt hat, habe ich mir das Ding geschnappt, bin an den Saiten runtergefahren oder habe mit den Saiten aufs Griffbrett gehackt. Ich lüge dich nicht an: Ich habe in dem Moment geglaubt, ich kann urcool Gitarre spielen. Also bin ich zu einer Probe der Band hingegangen. Die haben Velvet Underground, Stooges, MC5 und so gespielt. Ich bin also mit einem ausgeliehenen Bass gekommen und habe mitgespielt, so gut ich es eben ergreifen konnte. Ich habe mir natrülich gedacht, die werden mich hochkant rauswerfen. Nach der Probe habe ich kleinlaut eingepackt. Dann ist aber der Schlagzeuger zu mir gekommen, der in Graz Jazz studiert hat, und hat meinen Groove gelobt. Von da an war ich auf Wolke sieben. Es war ganz einfach eine lässige Sache damals. Zumindest nach außen hin. Aber wenn ich für mich allein war, war es schon immer mehr. Ich habe dann auch selber Songs geschrieben, ohne sie umzusetzen. Nach fünf Jahren in verschiedenen Groove-Bands bin ich irgendwie angestanden. Deshalb bin ich in die Musikschule gegangen, habe Notenlesen gelernt und Jazz gehört. Anfangs habe ich mir ja gedacht, Coltrane ist ein Scheiß, die nudeln da nur herum. Später hat es mich gepackt. Ich wollte aufs Konservatorium gehen und habe auch die Aufnahmeprüfung geschafft, bin dann aber doch nicht hingegangen, weil ich bemerkt habe, das würde mir nichts bringen. Ich finde es super, wenn Leute alte Coltrane-Nummern gut spielen, aber für mich wäre es eine Themenverfehlung gewesen. Eine Zeit lang habe ich drauf gepfiffen und keine Musik gemacht.
Dann kam irgendwann die Elektronik ins Spiel, nicht?
Genau, ich habe diese Laptop-Konzerte im Hermannpark gehört. Ich kannte das damals nicht und war überrascht, dass es total voll war. Aus den Lautsprechern kam nur ein Knarzen. Ich war fassungslos, weil ich keine Melodie und keinen Rhythmus gehört habe. Ich konnte meine Maßstäbe nicht anwenden. Das hat mich aufgewühlt. Ein Freund hat mich angeleitet, ich soll mir das anhören, wie man sich in der Kunst ein abstraktes Bild anschaut. So hat es funktioniert. Und da hat es mich gepackt. Ich habe mir gedacht, ich nehme meinen Kontrabass und übertrage diese Strukturen der Elektronik auf mein Instrument. Dazu habe ich mir zwei Jahre Zeit gelassen, um einfach nur zu Hause zu experimentieren. Ich habe Dinge in die Saiten reingesteckt, auch viel Schrott gemacht. Die ersten Auftritte waren bei Kunsthappenings und Performances. Dadurch habe ich auch Leute getroffen, die Ähnliches am Computer, am Cello oder mit Kassettenrekordern machen. Mit der Zeit habe ich rausgefiltert, was das Schrottige ist und wo man etwas rausholen kann. Mit diesem Gefühl habe ich begonnen, Stücke zu schreiben. Bis dahin war alles beliebig. Das wurde irgendwann langweilig. Von da an habe ich mit gewissen Präparationen, Dynamiken und Spieltechniken Stücke geschrieben. Herausgekommen ist letztlich das “Nuors”-Album.
Abgemischt von Wolfgang Schlögl, in dessen I-Wolf-Band du auch spielst.
Ich habe ihn zuerst nur vom Sehen gekannt. Unser beider Freundinnen zu der Zeit waren beste Freundinnen. Er hat mich eines Tages angerufen und gefragt, ob ich nicht einmal bei ihm im Studio vorbeikommen will. Er nimmt da eine Platte auf und braucht noch ein paar Bassparts. Ich bin da hin und es hat mich umgehaut. Die ersten Aufnahmen für die “Soul Strata”-Platte waren für mich so unglaublich elektronisch funky und soulig, wie ich es noch nicht gekannt habe. Ihm haben die Sachen, die ich gespielt habe, auch gut gefallen und er hat sie für seine Platte verwendet. Im Gegenzug hat er meine Platte abgemischt. Ich bin auch auf Tour mit ihm gegangen, was sehr viel bewirkt und mich mit vielen Leuten zusammengebracht hat. Gespielt habe ich mit vielen Leuten, in denen unterschiedlichsten Situationen und zu den verschiedensten Anlässen. In Discos, wo die Leute tanzen wie verrückt, oder auf Festivals. Festivals zu spielen ist super.

Was beschäftigt dich aktuell?
Ich habe gerade mein zweites Album fertiggestellt. Das fängt Wolfi zu mischen an. Was für mich sehr spannend ist, ist die Schönberg-Sache “Elution”, wo ich selber ein Stück geschrieben habe. Komposition hat mich immer schon interessiert. Ich habe nie darauf gewartet, dass mir irgendwer etwas zu spielen gibt. Schönberg ist überhaupt ein Einfluss. Dieser Ausspruch von ihm, dass sich die Ohren schon an die abstrakte Musik gewöhnen werden, wenn man sie nur lang genug spielt. Ich habe das für mich so ergänzt: Die abstrakte Musik muss rhythmisch angelegt sein, sonst spüren es die Leute nicht. Für mich ist spannend zu schauen, wie ich Rhythmus in klassisch-zeitgenössische Konzepte reinbringen kann. Umgekehrt ist es auch interessant, die Klangfarbenmalerei aus der Neuen Musik rüberzunehmen in einen grooveorientierteren Musikstil. Diese Art von Austausch finde ich sehr befruchtend. Das ist ein 60-Minuten-Stück, mein längstes bisher. Mit Björn Wilker habe ich einen Orchester-Schlagwerker mit einem traumhaften Setup dabei. Der kann auswählen aus Fell, Metall und Holz. Der Wolfi muss mit seinem Computer und Mischpult als Orchester herhalten, der kann den Sound breit machen. Von einem richtigen Orchester kann ich bislang ja nur träumen. Und ich selber spiele nur ganz einfache Dinge, ich steuere mehr die Dynamik.
Was auffällt, ist, dass du eigentlich nie zwei Mal dasselbe machst und Routine vermeidest. Wie wichtig ist dir Veränderung?
Ich habe generell als Mensch den Glauben daran, dass sich sowieso alles verändert. Früher habe ich immer versucht, Dinge festzuhalten. Ich habe mit irgendeiner Sache ein High gehabt und wollte das festhalten. Es war immer schmerzvoll, einzugestehen, dass etwas nicht mehr greift. Ich werde sicher immer Bass spielen, ich mag einfach die tiefen Frequenzen und die Handhabung des Instruments. Aber ich habe gelernt, mit der Veränderung mitzugehen anstatt dagegen zu arbeiten. Dadurch passieren schöne Dinge. So habe ich mich 2006 plötzlich an die Songs erinnert, die ich als 15-Jähriger geschrieben habe, und habe meine alten Notizen rausgekramt, ob ich das jetzt vielleicht umsetzen kann. Ich kenne mit Oliver Stotz und Bernhard Breuer inzwischen Leute, mit denen ich das spielen kann. Bei “Modernist Mozart” haben wir zum ersten Mal als The Ghosts & The Band gespielt. Die Leute haben geschaut, weil sie nicht wussten, dass ich auch so einen poppigen Zugang habe. Es hat mir so getaugt, dass ich gleich Feuer gefangen habe. Nach vier Konzerten kann ich sagen: Das will ich mir genau anschauen.
Es wird also ein Album von The Ghosts & The Band geben?
Absolut. Es geht nicht darum, mir zu beweisen: Das kann ich auch. Mir geht es darum, die Essenz dieser Musik zu spüren und auch rüberbringen zu können. Mit Oliver und Bernhard geht das. Die haben ein so großes musikalisches Verständnis, und ich mag diese Kerle auch so. Da haben wir eine schöne Stammformation mit Bass, Gitarre, Schlagzeug. Und einige Gäste, die dazustoßen können. Zum Beispiel ist die Eva Jantschitsch dabei. Ich habe die Gustav-Platte gar nicht gekannt, habe aber gehört, dass sie gut ist. Bei einem Festival in der Steiermark habe ich Eva kennengelernt. Da hatte sie einen Auftritt im Duo und hat mich mit ihrer Stimme sehr beeindruckt. Und sie wollte auch bei mir mitmachen. Die Songs, die ich schreibe, funktionieren als Popsongs mit Bass, Gitarre, Schlagzeug und Gesang, aber es liegt mir auch sehr viel daran, eine stetige Fluktuation der Instrumente zu haben. Wenn die Eva Zeit hat, ist sie dabei. Wenn Hilary Jeffrey dabei sein kann, ist er dabei. Oder der Martin Zrost. Das gibt dem Ganzen noch einmal eine andere Klangsprache.
Die Stücke, die ich gehört habe, haben einerseits klare Songstrukturen, es ist darin aber auch Raum gelassen für Improvisation.
Nein, mittlerweile gar nicht mehr. Improvisation, das heißt für mich: Du und ich, wir stellen uns hin und legen los. Wir gehen in Echtzeit aufeinander ein. Da darf man vorher nicht proben. Das machen wir in der Band nicht. Bernhard improvisiert zwar gern, Oliver hasst es aber. Ich stehe irgendwie in der Mitte. Wir sind als Band allerdings sehr diskussionsfreudig. Die beiden sollen meine Songs ruhig kritisieren. In der Anfangszeit hat mich das sehr mürbe gemacht. Aber es hat mich dazu gebracht, dass ich mich mit meinen eigenen Sachen mehr auseinandergesetzt habe. Es gibt exakte Songstrukturen und es gibt in den Songs Punkte, an denen sie aufbrechen können, wo es krachig wird oder wo atonales Spiel passiert. Aber direkt improvisiert ist es nicht.
Die Reaktionen auf eure Auftritte sind positiv bis euphorisch. Wie kriegst du das mit?
Das stimmt, es gibt aber auch Leute, die es total Scheiße finden. Und das ist eine gute Mischung. Wenn alle es gut finden, ist es bald wieder gegessen. So bleibt eine Spannung dabei. Es ist momentan sehr aufregend für mich. Ich erlebe zum Beispiel zum ersten Mal, dass mir Leute beim Singen zuhören, was ich da singe. Mir ist auch wichtig, dass man die Texte verstehen kann und darüber diskutiert. Das sind alles Dinge, die zum Musikmachen dazugehören. Es wäre echt schön, damit im Popsektor aufzeigen zu können. Ich habe mir immer gedacht, ich hätte das früher machen müssen, aber vielleicht ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt dafür.
Was ist mit der Band geplant?
Wir haben jetzt einmal ein Ein-Stunden-Programm erarbeitet. Das spielen wir am 20. März im Gartenbau-Kino. Ich überlege auch schon, wo wir aufnehmen könnten. Das wird sehr wichtig werden. Wir werden nicht hingehen und das auf einmal aufnehmen. Es wird Bastelarbeit werden, denn der Sound ist für diese Musik sehr wichtig. Das ist natürlich auch eine finanzielle Frage. Es wäre gut, für so etwas einen PR-Mann oder ein Label zu haben. Beim Österreichischen Musikfonds kann ich nur um Subvention ansuchen, wenn ich ein Label habe, das die Platte veröffentlicht. Ich bräuchte eigentlich nur die Aussicht darauf, dann würde ich das auch selber vorfinanzieren. Ich will das auf jeden Fall richtig machen. Ich denke mir, dass Walter Gröbchen von Monkeymusic vielleicht ein interessanter Gesprächspartner dafür sein könnte. Ich habe ihn noch nicht kennengelernt, aber ich würde ihm das gern einmal erklären. Ich warte nicht darauf, dass mir jemand die Arbeit abnimmt, ich möchte nur jemand haben, mit dem ich es gemeinsam machen kann. Weil ich überhaupt gern Dinge mit anderen Leuten zusammen mache.
Es geht auch bei der Band also nicht um ein Ego-Ding?
Überhaupt nicht, ich will auch niemand den Platz wegnehmen. Wenn du mir sagst, du hast eine Band, die etwas Ähnliches macht, denke ich mir nicht: Hilfe, der nimmt mir vielleicht mein Konzert weg. Ich denke mir: Super, machen wir gemeinsam einen Abend. Du kennst Leute, ich kenne Leute, wir bringen die gemeinsam hin. So entstehen Dinge. So etwas will ich erleben, nicht dieses Ellbogen-Denken. Früher habe ich auch so gedacht: Ich, ich, ich. Wenn man so drauf ist, muss man ganz schnell wegkommen von dem. So macht man sich nur selbst kleiner und kleiner. Ich schaue mir gern Konzerte an, wo ich mir nachher denke: Der spielt unglaublich, ich hätte nie anfangen sollen zu spielen. Wenn ich so ein Gefühl habe, ist das ein guter Abend für mich. Eine Verbindung von Gleichgesinnten würde ich mir wünschen. Dass man gemeinsam etwas aufhebt, was man alleine nicht aufheben kann. Diesen Austauch muss es geben. Es rackern sich ja eh so viele Leute ab.
Was schwirrt dir sonst noch durch den Kopf?
Ich habe mir ein Orchesterkonzept überlegt. Das ist im Prinzip nichts Neues, aber es reizt mich ungemein. Ich würde gern ein Stück schreiben, wo ich nicht als Dirigent vor dem Orchester stehe, sondern für die Musiker unsichtbar bin. Ich kan
Das klingt fast nach Psychospielchen…
Du würdest wissen, dass das passieren kann. Es geht nicht um ein psychologisches Spiel. Es geht darum, alles ganz entschieden zu machen. Du konzentrierst dich nur auf deinen Einsatz. Was die Anderen machen, kann dir egal sein. Konzentriere dich auf das, was du machst. Es geht um diese Entschiedenheit, die ist enorm wichtig. Der Björn spielt mir jederzeit jeden Rhythmus, gar keine Frage. Aber es ist die Frage, mit was für einer Einstellung er den Rhythmus spielt. Das entscheidet über den Sound. Entschiedenheit.
Du kannst deine Musik gut erklären.
Ich denke mir: Wenn ich meine Musik dir erklären kann, kann ich sie auch mir erklären. Dann weiß ich, was ich mache und was die Zuhörer von mir mitkriegen.
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