mica-Interview mit Kontrust

“Time To Tango” nennt sich der aktuelle Rock-Kracher, den die sechsköpfige Band Kontrust gerade veröffentlicht hat und dessen Songs diesen Sommer bereits auf dem einen oder anderen Festival die Besucher zum Schwitzen gebracht haben. Im Interview stellen Sängerin Agata sowie Sänger Stefan ihre Band bzw. das aktuelle Album vor und sprechen auch über weitere Zukunftspläne. Das Interview führte Michael Masen.  

Gerade erst ist euer zweites Album “Time To Tango” erschienen, vier Jahre nach dem Debüt “Welcome Home”. Habt ihr die ganze Zeit zwischen den beiden Veröffentlichungen genutzt, um am neuen Album zu arbeiten?

Stefan: Zwischen den Alben liegen nicht ganz vier Jahre. In dieser Zeit waren wir aber nicht ganz untätig, sondern haben im Zuge unseres Debüts sehr viele Konzerte gespielt und auch sonst eigentlich relativ wenig Zeit gehabt. Trotzdem haben wir da auch schon angefangen, Material zu sammeln und an neuen Sachen zu arbeiten. Zudem ist in diesem Zeitraum auch eine DVD produziert worden, wie auch eine Single samt zugehörigem Video. Insgesamt hatten wir aber letztendlich soviel Material, dass wir damit auch hätten drei CDs aufnehmen können.

Es ist ja bestimmt auch nicht leicht, wenn man soviel Material hat, davon dann so aussondern zu müssen, dass es auf eine CD passt. Nach welchem Kriterien wählt man da aus, was rauf soll und was nicht?

Agata: Wir hatten das Glück, Leute vom Horus Studio in Hannover kennen zu lernen, die auch mit uns arbeiten wollten. Die haben gerade zu der Zeit eine junge Band gesucht, die sie aufbauen wollten und unter anderem eben auch bei uns angefragt, ob wir nicht Interesse an einer Zusammenarbeit hätten. So sind wir dann halt mal rüber gefahren nach Deutschland und haben nach kurzem Kennenlernen festgestellt, dass wir gut miteinander auskommen und uns wunderbar ergänzen. So sind wir auch zu unserem Produzenten, Arne Neurand, gekommen, der eine wirkliche Bereicherung für uns war. Wir haben die Songs, die aufs Album gekommen sind, auch gemeinsam mit ihm ausgewählt – wir hatten unsere Favoriten und er auch die seinen, aber in den meisten Punkten waren wir uns eigentlich immer ziemlich einig, welche Nummern denn nun aufgenommen werden sollen und welche nicht. Und an diesen Stücken haben wir dann intensiver gearbeitet, was schließlich zu dem Album geführt hat, das man jetzt hören kann. Es war also wirklich ein beidseitiges Austauschen und Auswählen.

Im Promo-Text wird erwähnt, dass ihr mit dem aktuellen Album sowohl konzeptionell als auch musikalisch einen Riesenschritt nach vorne gemacht habt. War das explizit so geplant, euch signifikant vom Vorgänger abzuheben?

Agata: Da wir Jahre an dem Album geschrieben haben, konnten wir viel ausgefeilter arbeiten und uns auch viel mehr Gedanken darüber machen, wie alles klingen soll. Wir sind auf jeden Fall mit dem Album gewachsen, wie auch unsere Ideen – es ist alles merkbar homogener geworden, was sicher auch durch die Monate der Entstehungsphase bedingt war.

Stefan: Wenn man an gewissen Nummern zwei Jahre lang arbeitet und sie sich immer noch anhören kann, dann haben sie jedenfalls eine Berechtigung, auch aufs Album zu kommen.

Also kann man daraus schließen, dass ihr voll und ganz zufrieden seid mit dem Album, oder gibt es doch noch die eine oder andere Sache, die für euch nicht optimal ausgearbeitet wurde?

Agata: Ich würde sagen, wir sind komplett zufrieden damit. Und zu den Songs, die es nicht aufs Album geschafft haben, kann ich nur sagen, dass das jetzt mit Sicherheit nicht unsere letzte Veröffentlichung war. Aber das jetzige ist wirklich komplett so geworden, wie wir uns das vorgestellt haben. Ich glaube, jeder von uns hat sich das Album schon hunderte Male angehört und es ist trotzdem immer wieder ein Spaß.

Funktioniert das beim ersten Album auch noch für euch?

Stefan: Ja, schon. Wir waren auch mit unserem Erstling sehr zufrieden. Natürlich gibt es da hier und dort, ich kann da jetzt aber nur für mich sprechen, Dinge, wo ich mir denke, das hätte man anders besser machen können, beispielsweise beim Arrangement. Aber wenn man das Gesamtbild betrachtet, wie auch dieses Album entstanden ist, so ist es auf jeden Fall ein sehr gutes Werk geworden. Das haben wir nämlich bereits ein halbes Jahr, nachdem die Band zusammen gekommen ist, aufgenommen und veröffentlicht.

Agata: Instrumental war das Album ja eigentlich auch schon fertig, bevor die Band komplett war. Die Musik war schon da und nur die Stimmen sind dann noch dazu gekommen. In 2-3 Monaten wurde da dann noch der Gesang ausgearbeitet und gewisse Linien und Arrangements zusätzlich verändert.

Es hat sich also auch der Schaffensprozess geändert?

Stefan: Ja. Bei “Welcome Home” war eben schon sehr viel fertig, als die Band noch gar nicht komplett war, während wir das neue Album komplett gemeinsam erarbeitet haben. Es gibt bei uns auch nicht wirklich einen Songwriter, der die die Linie vorgibt, sondern es kommen irgendwelche Ideen, egal von welcher Seite, die dann auch versucht werden, umzusetzen. Ich glaube, das macht auch die Vielseitigkeit aus, die man auf dem aktuellen Album vorfindet.

Ist es bei sechs Leuten in der Band nicht auch hin und wieder schwer, zu einer gemeinsamen Linie zu finden?

Agata: Im Großen und Ganzen glaube ich schon, dass wir da an einem Strang ziehen, aber natürlich gibt es auch mal Situationen, in denen man sich uneinig über die weitere Vorgehensweise ist. Das ist aber auch ganz normal. Am Ende können wir uns eigentlich immer einigen, so dass jeder mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Stefan: Es dauert dadurch vielleicht auch ein wenig länger, dafür kann sich aber jeder mit dem Album identifizieren, was die Hauptsache ist. Eine Abstimmung zu machen, wäre bei uns eh blöd, weil wohl jede davon immer 3 : 3 ausgehen würde.

Agata: Sobald beim Aufnehmen dieses Albums jemand mit irgendetwas unzufrieden war, obwohl es für die anderen schon gepasst hat, haben wir immer trotzdem versucht, die Sache irgendwie zu verbessern und zu verändern, so dass am Schluss wirklich jeder sagen konnte, dass es passt.

Stefan: Bei so etwas merkt man auch die Arbeit von einem Produzenten. Nämlich, dass er gerade dann, wenn es um irgendwelche Entscheidungen geht, das Wort ergreift, konstruktive Vorschläge bringt und Möglichkeiten aufzeigt, an die man selbst nicht gedacht hat und die für alle die beste Lösung darstellen. Man hat also gewissermaßen eine Art Mediator, der als Puffer fungiert. Das ist schon sehr wichtig, gerade auch, wenn es um wichtige Entscheidungen geht.

 

 

Kann man also daraus schließen, dass ihr euer nächstes Album wieder mit Arne Neurand aufnehmen werdet?

Stefan: Ja, auf jeden Fall.

Nehmt ihr an den Stücken, nachdem sie mal auf CD veröffentlicht wurden, noch irgendwelche Veränderungen vor, beispielsweise beim Live-Arrangement?

Stefan: Primär versucht man natürlich schon, alles so wider zu geben, wie man es auch auf der CD hat, was allerdings schwierig ist. Nach einigen Konzerten ergibt es sich aber auch, dass man dann irgendwo mal ein Break einbaut, ein Intro länger macht oder diverse andere Späßchen, damit es für das Publikum auch unterhaltsam bleibt. Wir halten uns nicht zu hundert Prozent an das Album, live ist immer noch live, aber natürlich versuchen wir schon, von der musikalischen Qualität her, so nah wie möglich am Album dran zu bleiben.

War die DVD, die ihr raus gebracht habt, eine Live-DVD?

Stefan: Nein, das war eine Promo-DVD, die wir später noch speziellen Freunden oder Leuten aus dem Street-Team geschenkt haben. Wir haben auch überlegt, ob es Sinn machen würde, sie zu veröffentlichen, haben das aber schließlich doch sein lassen. Auf der DVD finden sich Auszüge aus unserem ersten Album, ein Making Of, das Video “Phono Sapiens” und noch einige andere Videos, Fotos, eine ausführliche Biographie und noch einige Live-Videos.

Würde denn die Veröffentlichung einer klassischen Live-DVD zur Diskussion stehen, oder momentan eher nicht?

Stefan: Interessant wäre das auf jeden Fall, der Aufwand für so etwas ist allerdings schon enorm, das darf man nicht unterschätzen. Um wirklich eine Live-DVD machen zu können, müssten auch beispielsweise Show-Elemente eingebaut werden, um das Ganze interessant zu gestalten usw. Es wäre also jedenfalls mit sehr großem finanziellem Aufwand verbunden. Das Problem ist zudem, was aber auch das Spannende an Live-DVDs ist, dass man nur wirklich einen Versuch hat, das Ganze gut umzusetzen – zumindest in unserem Budget-Rahmen.

Zur aktuellen CD wird es jetzt auch eine Version mit polnischen Texten geben. Wie hat sich das ergeben? Im deutschsprachigen Raum etwa wäre es ja doch etwas ungewöhnlich, wenn man eine englischsprachige CD in Landessprache übersetzt. Legt das polnische Publikum auf so etwas Wert?

Agata: Meiner Erfahrung nach ist es in Polen schon so, dass man wirklich auf heimische Musik abfährt, das wird dort auch im Radio gespielt und man sieht es auch im Fernsehen. Wir haben uns einfach gedacht, “warum nicht, wenn wir schon die Möglichkeit dazu haben, das zu machen”. Vor allem ist es ja auch meine Muttersprache, weshalb es da nicht wirklich Probleme gegeben hat, das auch umzusetzen. Stefan hat auch für seine Gesangsparts quasi einen “Schnellkurs” in Polnisch gemacht.

Stefan: So viel war das ja nicht.

Agata: Ja, trotzdem hat er das super umgesetzt. Die Überlegung dahinter war einfach auch, eine zusätzliche Musiklandschaft für uns zu erschließen. Die CD ist wirklich gut geworden und sicher auch für deutschsprachige Hörer interessant. Englisch ist ja auch nicht deren Muttersprache und trotzdem hören sie ständig solche Musik.

 

 

Wurde dafür nur der Gesang neu aufgenommen oder ebenfalls die Arrangements angepasst? Ich kann mir schon vorstellen, dass es da hinsichtlich Timing einige Schwierigkeiten bereitet, wenn man einfach nur über die alten Tonspuren drüber singt.

Agata: Nein, das hat eigentlich ganz gut funktioniert, einfach über die bestehenden Spuren drüber zu singen. Bei manchen Teilen war es eh nicht möglich, diese auf Polnisch zu machen, wie etwa die geshouteten oder gerapten Parts von Stefan. Das zu übersetzen, wäre zu schwierig gewesen. Ansonsten hat das aber alles wunderbar funktioniert. Die Refrains sind alle auf Polnisch und auch die meisten Strophenpassagen sind ganz gut umgesetzt worden. Wir haben also schon darauf geachtet, dass das alles gut klingt. Für mich selbst hört sich sowieso alles rund und schön an, für nicht polnisch Sprechende vielleicht etwas weniger.

Habt ihr die Songs vorher live in dieser Sprache getestet, bevor ihr euch dazu entschlossen habt, ein ganzes Album so zu veröffentlichen?

Stefan: Live konnten wir die Stücke noch nicht ausprobieren, aber das werden wir auf jeden Fall noch nachholen. Es war einfach so, dass wir auch die polnische Version machen mussten, bevor die englische gemastered wurde, weil beide CDs gleich klingen sollten und so mussten wir das sofort im Anschluss machen. Wir hatten also nicht lange Zeit, das alles auszuprobieren.

Abgesehen von den Sprachpräferenzen beim Gesang, gibt es noch andere länderspezifische Unterschiede betreffend die Publikumsreaktion auf eure Musik?

Stefan: Die Frage ist glaube ich weniger, ob wir jetzt in Österreich oder in Polen spielen, sondern das ist viel mehr stark regionalbezogen. Wenn man wo spielt, wo regelmäßig Konzerte oder Festivals stattfinden, dann sind die Leute dort auch aufgeschlossener, als wenn man in ein Hundert-Seelen-Dorf kommt, wo zum ersten Mal Rockmusik zu hören ist. Insofern ist das überall gleich.

 

 

Mit Kontrust habt ihr ja hier in Österreich begonnen. War es danach schwierig, den Schritt über die Landesgrenzen hinaus zu machen?

Stefan: Es war deswegen nicht schwierig, weil wir immer schon mit diversen Bands gespielt haben, auch Konzerte im Ausland, und daher schon jede Menge Kontakte hatten. Das war also für uns nie ein Problem.

Eine große Festival-Tour habt ihr gerade hinter euch, im Herbst folgt jetzt dann eine Tour zum neuen Album. Wisst ihr schon, wo diese euch überall hinführen wird?

Stefan: Das müssen wir noch überlegen. Jetzt ist erstmal noch der Polen-Release in Vorbereitung, dann kommt wieder eine Single, inklusive zugehörigem Video und dann, ab Ende Herbst, wird es wieder in die Clubs gehen – vorrangig einmal Österreich und Deutschland. Aber Polen ist auf jeden Fall auch ein Thema, wo es einige Club-Konzerte geben wird.

Spielt ihr generell lieber Festivals oder Clubs?

Agata: Das kann man glaube ich gar nicht so verallgemeinern, das macht beides auf eine andere Art Spaß.

Stefan: Richtig beschissen sind eigentlich nur die Club-Gigs, wo es regnet.

Ihr habt bereits angesprochen, dass ihr auch schon wieder an einem neuen Album arbeitet. Könnt ihr darüber schon ein wenig etwas erzählen? Wird es sich von der aktuellen CD abheben und wenn ja, inwiefern?

Agata: Ja, wir arbeiten schon an den neuen Songs, haben bereits auch sehr viele Ideen und natürlich werden wir auch beim nächsten Album wieder viele neue und verrückte Sachen mit hinein bringen. Mit Sicherheit wird es wieder ein wenig anders werden, aber halt immer noch Kontrust. So, dass man uns nicht mehr wieder erkennt, wird es garantiert nicht ausfallen.

Stefan: Es ist ja auch selber immer total schwer einzuschätzen, ob das jetzt anders klingt oder nicht. Für mich ist auch “Time To Tango” einfach eine logische Folge von “Welcome Home”, während das andere Leute wieder ganz anders sehen. Wie Agata schon angemerkt hat, wird es wieder einige verrückte Sachen zu hören geben, es ist aber auch wichtig, sich nicht in irgendwelche Schubladen stecken zu lassen. “Geht nicht” gibt es ja in der Kunst nicht und in diesem Sinne darf man sich da auch selbst keinerlei Schranken auferlegen.

Wird man auf dieses Album wieder vier Jahre warten müssen, oder habt ihr euren Zeitplan hier Fan-freundlicher gestaltet?

Stefan: Der Plan sieht jetzt so aus, dass wir Ende Dezember mit der Pre-Production beginnen und im Frühjahr soll es dann ins Studio gehen. Erscheinen wird das neue Album voraussichtlich im Herbst 2010.

Danke fürs Interview.

 

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