mica-Interview mit Klaus Lang

Das Landestheater Linz zeigte in Koproduktion mit der Münchener Biennale bereits Ende April Klaus Langs neue Oper, “architektur des regens”, geboren aus dem Geist des No-Theaters. Klaus Langs Musik ist einer Ästhetik des Leisen, des Fließenden, der sich schillernd ständig verändernden Klänge verpflichtet, auf die man sich beim Hören mit allen Sinnen einlassen kann und die dennoch ganz und gar nicht einer platten Esoterik huldigt. Im Gegenteil: Sie rührt an Schichten des hörenden Bewusstseins und an Grenzbereiche der Wahrnehmung mit ganz rationalen Mitteln: “Meine Mittel sind einfach Töne, da ist nichts Esoterisches dabei. Es geht um möglichste Klarheit und um den Punkt, der dann plötzlich über sie hinausweist. Und nicht um etwas, das sich verdunkelt und vertrübt.” Das nachfolgende Interview mit dem Komponisten führte Heinz Rögl.  

Gestaltete Klarheit

Das Höchste ist im Niedrigsten nicht nur enthalten, es ist eigentlich dasselbe. Und darum ist das Einfache das Göttliche. Das ist die Essenz eines wunderschönen Textes des japanischen Theaters aus dem 14. Jahrhundert, den sich der Komponist Klaus Lang für sein neues Musiktheaterwerk, gezeigt in München und Linz, vorgenommen hat. Er selbst, ein Fan und Kenner fernöstlichen Denkens, hat diesen Text so ins Deutsche zu übertragen versucht, dass er nicht durch europäische Denkmuster verstellt wird, hat aber auch alle japanischen Namen und Bezüge aus ihm getilgt. Auch die Komposition enthält keinerlei japanisches Kolorit, sie fußt im Gegenteil strukturell auf pythagoreischen Zahlenproportionen, mithin also auf der ältesten abendländischen Musiktradition. Auf der von Claudia Doderer gestalteten Bühne waren keine Kimonos zu sehen. Es gibt in diesem Stück keine japanischen Requisiten, nicht in der Musik, nicht im Bühnenbild, nicht bei den Kostümen.

“Das ist das genaue Gegenteil einer Madama Butterfly, wo auf eine im Grunde europäische Geschichte das Japanische draufgepickt wurde. Bei mir ist es eigentlich genau der umgekehrte Versuch. Aus einer anderen Kultur einen Text der Weltliteratur zu finden und den zu befreien von lokalen Besonderheiten, die für uns ja nur den Blick auf das Wesentliche versperren”, erklärt der 1971 geborene, derzeit in Steirisch-Laßnitz lebende Komponist, der zunehmend – zuletzt auch wieder bei “Wien Modern” – mit seinen beharrlich und akribisch ausgetüftelten Werken international reüssiert. Viel beachtet wurde etwa seine musiktheatralische Interpretation archaisch-griechischer Kunst in seiner Oper “die perser”.

In der der “architektur des regens” zugrunde liegenden Geschichte – der Titel ist keine metaphorische Inhaltsbeschreibung, sondern bezieht sich auf den kompositorischen Bauplan zwischen Strukturiertem (“Architektur”) und Fließenden (“Regen”) – geht es um einen gebildeten Stadtbewohner, der auf dem Lande auf einen Holzfäller trifft. Lang: “Der Mann aus der Stadt kommt in diese Natursituation, sieht diesen einfachen Mann und kann das Einfache zunächst nicht als das Große erkennen, weil er durch seine Bildung und sein städtisches Vorwissen nicht den freien Blick auf die Dinge hat. Erst in dem Moment, in dem er dann zum Schluss einschläft und träumt, also in dem Moment, in dem er seine intellektuellen Vorurteile ablegt, indem er sich selbst verwandelt, erkennt er die Gottheit – verkörpert als Gott der Poesie.”

Der Vorgang erschließt sich, betont Klaus Lang, aus dem was auf der Bühne geschieht: Wort, instrumentale Musik, Gesang und Tanz, Raum und Licht. “Der Gehalt des Librettos ist – im Hegelschen Sinn – aufgehoben in der Musik, das Stück entfaltet seine Wirksamkeit auf einer tieferen Ebene als einer rationalen Interpretation.” Es geht auch gar nicht so um (Be-)Deutungen, als um eine Wahrnehmungserfahrung.

Selbst so etwas wie das Rauschen eines Regens ist bei Klaus Lang durchgestaltet, denn er benutzt, ausgehend zwar zunächst von sehr unmittelbaren, sinnlichen Klangvorstellungen, strenge kompositorische Verfahren: Zahlenverhältnisse konstituieren Intervallfolgen, Tonhöhen, selbst das Verhältnis der Dauern der einzelnen Teile der Großform ist genau festgelegt. Wie Ulrich in Robert Musils “Mann ohne Eigenschaften” nähert Klaus Lang sich den Fragen “des anderen Zustands” mit den rationalen Mitteln der Mathematik. Aber wichtig ist das sinnliche Ergebnis: Von seiner Musik wünscht er sich, dass sie als “schön” empfunden wird.
Zeami Motokiyo (* 1363, ? 1443) war eine wichtige Person des japanischen No-Theaters. Als Dramatiker, Theoretiker und Schauspieler trat er bereits als Jugendlicher vor dem Shogun Yoshimitsu auf. Dieser förderte verschiedene Kunstformen im Japan der Muromachi-Zeit. Gemeinsam mit seinem Vater Kan’ami schuf er zahlreiche heute noch geschätzte No-Stücke.

Das Interview

Klaus Lang: Er hat die Standardwerke des No-Theaters geschrieben, die bis heute gespielt werden. Eine Figur vergleichbar Monteverdi in der europäischen Musikgeschichte. Ein Klassiker, in Japan ist das ja anders als in Europa. Theater hat mehr statische Form: Familienclans vererben die Kunst des Schauspiels, eine strenge, geschlossene Gesellschaft, die das Ideal pflegt, dass es immer gleich blieb.

Wichtig für mich an dem Stück: Ein Stück Weltliteratur. Wenn man meine Übersetzung durchliest: Keine japanischen Begriffe, keine Orts- und Personennamen. Es ist alles auf das, was ich als die poetische Essenz des Stückes betrachte, reduziert. Und diese Essenz hat dann nicht mehr unbedingt etwas mit einer spezifischen Kultur zu tun, die ist allgemein-menschlich. Und um das geht es mir eigentlich. Bei den “Persern” sind die Protagonisten auch nicht mit Togas und Sandalen herumgerannt.

Das ist das genaue Gegenteil einer Madama Butterfly, wo auf eine im Grunde europäische Geschichte das Japanische draufgepickt wurde. Bei mir ist es eigentlich genau der umgekehrte Versuch. Aus einer anderen Kultur einen Text der Weltliteratur zu finden und den zu befreien von lokalen Besonderheiten, die für uns ja nur den Blick auf das Wesentliche versperren.

HR: In der Architektur des Regens geht es somit um das Verschmelzen von Kunst und Natur.
Zum Beispiel, ja genau.

Es geht darum, dass die Wahrnehmung von Natur Kunst wird, auch dass das Subjekt-Objekt-Verhältnis durchbrochen wird ..
Ich finde, das ist vielleicht ein Aspekt des Stückes. Es gibt, so wenig Text da auch ist, da so viele Aspekte in diesem ästhetischen Konzentrat von Text: Es geht um Wirklichkeit, Wahrnehmung von Wirklichkeit, um gesellschaftliche Hierarchien und viele andere Fragestellungen. Je nachdem unter welchem Gesichtspunkt man das betrachtet, kann man da einfach ganz viele Problemstellungen erkennen. Ich finde das Schönste wäre, wenn man das Stück sieht und hört und dann am Ende eigentlich nicht genau weiß, was das eigentlich für eine Botschaft sein soll. Ich möchte mit dem Stück nicht jemand eine Lehre erteilen.

 

 

Es gibt zwei zu identifizierende Personen, einen einfachen Holzfäller und einen gebildeten Städter. Es kristallisiert sich heraus, dass dieser einfache Holzfäller sich in seiner allumfassenden Verwurzeltheit in der Welt als eine Gottheit entpuppt.
Wobei ich zum Beispiel das Stück auch so lesen könnte, aber selbst ich als Komponist würde niemals sagen, ich verstehe das jetzt genau so. Ich würde nie eine einzige Lesart nennen, im Lauf der Arbeit an dem Stück sind mir einfach viele Aspekte aufgefallen, wie man das lesen könnte. Ich finde das auch das Tolle an dem Text, dass der einfach so unscheinbar und so klein ist, und trotzdem so eine unglaubliche Tiefe und Fülle hat. Und das Schöne: “Einfach wie des Dichters Lied” zu sein, die Forderung des Textes an ein Kunstwerk erfüllt der Text auch selbst. Es ist einfach ein großartiges Stück. Meine Deutung des Textes wäre auch die, dass der Mann aus der Stadt in diese Natursituation kommt, diesen einfachen Mann sieht und das Einfache aber nicht als das Große erkennen kann, weil er durch seine Bildung und sein städtisches Vorwissen einfach nicht den freien Blick auf die Dinge hat. Und erst in dem Moment, in dem er dann zum Schluss einschläft, also in dem Moment, in dem er seine intellektuellen Vorurteile ablegt, erkennt er die Gottheit. Erst, als er sein intellektuelles Bewusstseinszelt verlässt – symbolisiert in diesem Traum – erkennt er, dass das Einfache das Größte und somit das Göttliche ist. Und es ist – auch ein mir nahe stehender wesentlicher Aspekt des Stückes vielleicht – nicht irgendeine Gottheit, es die Gottheit der Poesie und der Kunst, die ihm diese Einsicht ermöglicht. Es scheint auch nicht so, dass sich der Holzfäller in die Gottheit verwandelt, sondern der Mann aus der Stadt verwandelt sich eigentlich. Und dadurch kann er die Gottheit erkennen. Es geht um diese Wandlung, nicht, dass der Holzfäller eine Gottheit ist. Aber das ist jetzt auch wieder meine Deutung, eine meiner Deutungen.

Und es geht ja nicht nur um den Text, sondern wir reden ja über ein Musiktheater, das sich auf mehreren Ebenen konstituiert, Klänge (Instrumente und Sänger), Tanz und dann natürlich Raum und Licht.
Das ist für mich wesentlich, deswegen arbeite ich ja auch mit der Claudia Doderer, die ja von Haus aus Bühnenbildnerin ist, schon seit mehreren Projekten zusammen. Weil der räumlich-visuelle Aspekt für mich ein ganz zentraler Aspekt von Musiktheater ist. Raum, Licht, Kostüme als Teil des Raums.
Also, wenn ich die Frage noch einmal beantworten sollte, worum es in dem Stück geht: Dass es eine Bühne gibt, dass auf dieser Personen agieren, dass sich der Raum verändert, der Klang verändert, dass lange Töne ausgehalten werden. Darum geht es eigentlich. Was sinnlich erfahrbar ist, das ist eigentlich der zentrale Inhalt.

Was von den Zuschauern nichts anderes erfordert, als Bereitschaft zur gelassenen und ruhigen Aufmerksamkeit.
Genau. Sich einzulassen auf das was zu sehen und das was zu hören ist. Und nicht zu versuchen gleich irgendetwas zu verstehen. Der Gehalt des Librettos ist aufgehoben in der Musik, im dreifachen Hegelschen Sinne. Der zentrale Inhalt vermittelt sich über die sinnlichen Ebenen Sehen und Hören, die man erfahren kann und das Stück entfaltet seine Wirksamkeit auf einer tieferen Ebene als einer rationalen Interpretation (die auch möglich ist). Genauso wie ich über jeden Ton sagen kann, warum er dasteht, da ist alles ganz streng strukturiert.

Aber die Zuhörer brauchen es trotzdem nicht unbedingt genau zu wissen. Trotzdem wär’s interessant, etwas über die musikalische Konstruktion zu erfahren. Wenn man die Partitur betrachtet, es beginnt jeder Abschnitt mit ganz kleinteiligen Fragmenten, man erkennt bestimmte Intervallstrukturen, bevor die Musik in Fluss kommt, gibt es lange Fermaten. Kann man im eigentlichen Sinn von einem Verlauf des Stückes sprechen? Wie ist der Bauplan?
Ich gehe zwar aus von sinnlich Erfahrbarem. Das erste beim Komponieren meiner Stücke ist immer eine Klangvorstellung – was für Klänge möchte ich haben, wie soll es überhaupt klingen? Von diesen intuitiv-sinnlichen Vorstellungen ausgehend versuche ich aus diesen Klängen ganz strenge kompositorisch-rationale Strukturen zu entwickeln.

Bis hin zu Zahlenkonstellationen, Goldenem Schnitt .?
Natürlich – weil ich ja bewusst in einer abendländischen Musiktradition stehe, die mit Pythagoras vor irgendwie zweitausendfünfhundert Jahren begonnen hat. Im konkreten Fall der architektur des regens basiert das gesamte Stück auf pythagoreischen Zahlenproportionen – 6:8:9:12 (einer Umformung von 1:2:3:4), Kern der Struktur sind also diese vier Zahlen, die bestimmte Intervallstrukturen entsprechen, also Oktave, Quint, Quart und (8:9) noch den großen Ganzton dazu.

Das sollte dann beim Hören eine gewisse einheitliche Ausgangshörsituation schaffen, die man aber nicht zu merken braucht .
Es vermittelt sich einfach. Aber kein Mensch auf der Welt, auch nicht der genialste Analytiker wird in der Lage sein das zu hören, das ist völlig unmöglich. Abgelegt ist alles schon in den ersten vier Tönen der Flöte, dann den ersten vier Tönen der Sängerin. Und es gibt die Großform. Der erste Teil verhält sich zu den anderen Teilen von den Dauern, auch die Tonhöhenstrukturen lassen sich ableiten. Das ist
reine europäische mathematische Tradition, deren Urform nicht japanisch ist. Es geht nicht um exotisches Kolorit.

 

 

Das Rauschen und die Architektur: Gegensatzpaare?
Verschiedene Flächen von Klang, die entstehen oder verschwinden, keine formalen Einschnitte, die man deuten muss. Formal keine Einheiten zu analysieren. Auch nicht die großformalen. Die Hörer sind ständig sich schillernd-veränderndem Klang ausgesetzt, der sich einer rationalen Analyse entzieht und auch entziehen soll. Es gibt eben auch eine Regenseite des Stücks – aber streng architektonisch gebaut. Fließendes – Architektonisches, Natur strukturiert durch Geist. Fließendes und Strukturiertes. Der Titel “architektur des regens” spiegelt nichts Inhaltliches wieder, nichts metaphorisch-Beschreibendes, sondern ein Strukturprinzip. Und dann gibt es das grundsätzliche OHNE Vibrato, non legato, vierfaches pianissimo. Es ist konventionell notiert. Ein Tempo: Viertel=36. Diese Aufführungskonvention ist notwendig, wenn 10 verschiedene Leute gleichzeitig koordiniert etwas machen müssen. Als Hörer werden Sie den Viervierteltakt nie wahrnehmen können. Der gemeinsame Puls soll musikalisch möglichst unwirksam bleiben.

Das ist sozusagen allgemeines trademark in Stil und Ästhetik der Musik von Klaus Lang, die Emotionen auslösen kann, ohne romantisch-expressiv gedacht zu sein, Musik die man geschehen lässt, die verwendeten Mittel stammen aus dem ganzen Fundus der Musikgeschichte.
Ich sehe mich in einer Traditionslinie, die mit der mittelalterlichen Gregorianik beginnt, ich fühle mich da ganz verwurzelt. Es gibt sicher eine Linie von Komponisten, die sich in der breiten Masse der europäischen Musikgeschichte aufspaltet. Ich für mich selber habe mir da einfach eine Linie konstruiert, in der ich mich mehr zu Hause fühle, die mir mehr zusagt als andere. Natürlich Gregorianik – Perotinus Magnus ist für mich ganz wichtig, find ich einfach großartig. Mein Lieblingskomponist überhaupt ist Palestrina. Haydn find’ ich auch ganz toll

Auch der Bezug im vom Klangforum bei Wien Modern 07 aufgeführten book of serenity?
Mozart, Schubert und Bruckner. Da sehe ich so eine Tradition der Klarheit. Ich sehe da eine Spaltung – die nach Palestrina aufkommende Funktionstonalität drängt alles in bestimmte Richtungen, während es in der modalen Harmonik Palestrinas eigentlich nur einen einzigen Akkord gibt, der in eine bestimmte Richtung drängt – nämlich den Akkord auf der fünften Stufe, der irgendwie zu einer Auflösung auf die erste Stufe führt, alle anderen sind völlig frei und dadurch entsteht so ein wunderbares Fließen von Klang. Und ab der Etablierung dieser Quint-Harmonik, also der Quintfallsequenz-orientierten Harmonik, weiß man eigentlich bei jedem Akkord schon, was als nächster Akkord kommen sollte und kommen muss.

Ein Korsett .
… und das gibt plötzlich der Musik auch eine Richtung, die sie zuvor nicht hatte. Das ist für mich so ein ganz entscheidender Einschnitt in der Musikgeschichte. Und: Mein Lieblingsintervall ist ja immer noch die reine große Terz, die 4:5-Terz. Das ist eigentlich auch das prägende Intervall für die Musik der Renaissance.

Sie sind sozusagen ein Komponist der sich seine eigene Welt zusammen baut -mit großer Achtung vor vielen bestimmten Komponisten der Vergangenheit. Sie sind in Darmstadt Dozent für Komposition, komponieren ein neues Stück dafür, mit Händl Klaus eine neues Oratorium für Linz 2009, ein Ensemblestück für die Musikfabrik NRW in Köln, bekommen Aufträge vom Klangforum Wien.
Derzeit gut, beklage mich nicht, ganz zufrieden. In den letzten zehn Jahren immer nur Auftragswerke, werde gespielt. Wichtig ist mir, in relativer Ruhe meine Arbeit machen können.

Sie verlegen ihre Werke bei der Edition Zeitvertrieb, die auch sonst viel tut.
Es hat Vorteile einen Puffer zu haben. Die Edition erbringt Serviceleistungen, Verhandlungen über Leihmaterialgebühren, vermittelt Partituren.

Letzte Bemerkung: Missgünstige orten fälschlich manchmal Esoterik in ihren Stücken.
Mein Rat: Zuhören, vorurteilslos, nicht überfrachten mit semantischen Bedeutungen, die Musik für sich selbst wirken lassen, Musik hat Vorrang vor ideologischen oder semantischen Bedeutungszuschreibungen.
Ganz genau das Gegenteil von Esoterik. Mein größtes Ideal ist das Ideal des Neopositivismus, des logischen Empirismus, die Philosophie die mich auch meisten beeinflusst hat, nämlich das Streben nach Klarheit und Wahrheit. Darum geht es mir. Ich lese jetzt seit Jahren immer mit größter Begeisterung den “Mann ohne Eigenschaften”, und Musil beschäftigt sich genau mit dieser Frage dieses “anderen Zustands”, wie er das nennt. Diese Frage des Wahrnehmens, dieser reinen Wahrnehmung, die natürlich jenseits der Rationalität ist, aber nicht abdriftet in so einen trüben Mystizismus.

Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn.
Ulrich, der sich mit den Texten der Mystiker beschäftigt, aber – ich kann das jetzt nicht ganz genau zitieren – auch ich möchte versuchen, den Weg der Erkenntnis oder des heiligen Lebens oder irgend so was mit dem Kraftwagen zu befahren. Er möchte die Essenz finden und er möchte in möglichst großer Klarheit darüber sprechen können und nicht in dieser trüben Soße der Diotima oder des Arnheim fischen. Sondern ganz genau das Gegenteil. Wenn er eine Kuhherde in den Alpen betrachtet, oder einen Käfer, der über ein Blatt krabbelt, plötzlich verändert sich die Wahrnehmung total, man springt in eine andere Form der Wahrnehmung – aber es bleibt eine Kuhherde in den Alpen, keine mystische, esoterische Gottheit mit Weihrauch. Meine Mittel sind einfach Töne, da ist nichts Esoterisches dabei. Es geht um möglichste Klarheit und um den Punkt, was dann plötzlich über sie hinausweist. Und nicht um etwas, das sich verdunkelt und vertrübt. In der Musikgeschichte gibt es daher viele Lücken, mit denen ich nichts anfangen kann, zum Beispiel Wagner .

. Vernebelung?
Es gibt diese narkotische Vernebelung des Geistes, dieses Trübmachen des Geistes durch Musik. Das würde ich als esoterisch bezeichnen.

Die Hörhaltung, die Sie sich wünschen, ist an sich schon eine eher ganzheitliche, man soll sich einfach “ausliefern” .
Ja, genau.

Das Hirnige soll beim Hören eines Musiktheaters von Ihnen nicht im Vordergrund stehen, wiewohl man natürlich Ihre Partituren besehen und analysieren kann, wenn man das will.
Was natürlich viel Arbeit ist, genauso, wie ich beim Komponieren meiner Stücke viel Arbeit investiere, um das rational zu strukturieren. Vielleicht klingt das sehr romantisch: Aber ich glaube natürlich an das was ich tue. Und ich versuche meine Musik freizuhalten von Ironie und Zynismus. Und das ist etwas, was vielleicht vielen Menschen heute schwer fällt, sich einfach einem Eindruck auszuliefern, ohne immer diesen Schutzmechanismus der Ironie und Distanzierung – auch durch rationale Analyse – abzulegen. Man hat einfach Angst davor zu sagen, das war einfach schön. Weil es total uncool ist sich einem schönen Eindruck hinzugeben. Es ist in unserer Gesellschaft viel cooler, etwas distanziert lächelnd zu betrachten. Weil man sich einem starken Eindruck nicht ausliefern möchte. Das ist eine Feigheit, finde ich, bei vielen Menschen, die ihnen aber eigentlich viel an Qualität nimmt.

Interview: Heinz Rögl

Foto Klaus Lang © Mit freundlicher Genehmigung von Klaus Lang
Architektur des Regens, Münchener Abendzeitung © Christine Körner
Klaus Lang und Claudia Doder © Max Nyffeler

 

 

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