mica-Interview mit Jorge Sánchez-Chiong

Eigentlich wollten wir unser Gespräch schon im September beim Komponistenforum in Mittersill führen, aber Jorge war dort so mit Arbeit eingedeckt (auch mit und für alle anderen  MusikerInnen), dass wir es auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Im November ging’s auch schlecht, da war dann Wien Modern. Aber im Dezember kam es im Café Heumarkt zu dem fälligen und lange geplanten mica-Interview. Ausgemacht (Interviewer ist Heinz Rögl) wurde es, als Jorge Sánchez-Chiong beim Konzert „In memoriam Rosario Marciano“ dabei war, wo ein mit ihr gemeinsam uraufgeführtes gewidmetes Stück von 1993 von ihm aufgeführt wurde.

In “El Reflejo de lo Invisibile”, der Pianistin und einstigen Förderin gewidmet,  sah er als junger Komponist für sich selbst einen ersten Durchbruch. Das erzählte er  bei der neulichen Charakterisierung des immer noch hörenswerten Werkes bei den “Vienna International Pianists”, bei denen er seit vielen Jahren Vorstandsmitglied ist. Er konnte bei seinem Konzert in Wien übrigens dabei sein, da er am selben Tag wider Erwarten die Arbeit an einem Projekt für Linz 09 in Schottland unterbrechen musste und direkt vom Flughafen zu diesem Termin kommen konnte.

Über Jorge Sánchez-Chiong, seine Werke und seine vielfältigen Aktivitäten in allen Sparten findet man in vielen Artikeln der mica-Musiknachrichten laufend Berichte, in der Komponistendatenbank die wesentlichen Infos über seinen Werdegang und die Werkliste.

H. R.: Wir laufen einander dauernd über den Weg. Das letzte von mir besuchte Konzert mit einem Werk von dir war die 1993 in Venezuela uraufgeführte Musik “für Klavierduo” (genauer: für “Klavier und Saitenspieler”) “El Reflejo de lo Invisibile”. Da hast du noch studiert, warst damals 24 Jahre alt und – so sagtest du – sahst du in diesem frühen Stück, dass du hier deinen Weg des Komponierens gefunden hast?

Jorge Sànchez-Chiong: Ich hab’s sehr gemocht und mag es auch heute noch, obwohl ich es selber schon lange nicht mehr gehört habe. In Wien ist es schon ziemlich oft aufgeführt worden. Es liegt stilistisch weit zurück. Bei der Uraufführung war ich ja selber der “Zitherspieler”.

Das war eine absolut festgelegte Komposition. Es ist eine genaue motivische Verarbeitung darinnen, enthält die Arbeit mit Obertonspektren und der schöne Titel drückt sich in der Musik sehr gut aus.

Ich habe einen ganzen langen Sommer mit der Komposition verbracht, uraufgeführt wurde es in Caracas. Dann bin ich aber sofort wieder von dieser Art der Materialbehandlung weggekommen.

Du bist in Venezuela in die Schule gegangen, hast du da schon komponiert?

Schon auch, jedenfalls bin ich 1988 nach Wien zum Studieren gekommen, mein Lehrer in Venezuela war ein Wiener – das war die Verknüpfung zu Wien.

Neben deinem Studium bei Francis Burt (später dann bei Michael Jarrell und am Ende lange bei Dieter Kaufmann) bist du Rosario Marciano über den Weg gelaufen und hast ihr bei ihren Vorträgen geholfen.

Ich musste erst gut Deutsch lernen, ganz normal “auf der Straße”, und das Recherchieren über Mozart usw.  in den Bibliotheken, Hildesheimer lesen und so hat mir Spaß gemacht und so habe ich das gelernt. Musikgeschichte und -theorie hat mich immer sehr interessiert.

Rosario, mit der dich Venezuela verband, hat da einfach gesagt, arbeite mir ein bisschen zu?

Genau.

Und es kamen mit der Zeit auch die ersten Kompositionen.

Das waren schon Kompositionen, aber mich hat von Beginn an auch der Gedanke der Improvisationen beschäftigt, ich fragte mich, was passiert, wenn ich improvisiere – welche musikalischen Phänomene, was für ein Duktus, was für eine Sprache da entstehen kann. Eine Idee, die ich auch heute noch ganz am Beginn auch einer auskomponierten Sache verfolge. Mein Materialumgang ist vielleicht auf der einen Seite extrem streng (aber man spürt das nicht, wenn es man hört – das ist ja auch beabsichtigt mit der Arbeit), auf der anderen stellt sich mir immer die Frage – wie würde man spontan reagieren? Das Schreiben nimmt bei mir Monate in Anspruch.

. immer noch? .

. ja natürlich, es braucht viel Zeit.

“Streng” im kompositorischen Sinn, was ist damit gemeint?

Ach, “streng” – in der Hinsicht, dass ich einige Sachen sehr genau ausnotiere, ausarbeite. Weniger Harmonien, davon bin ich weiter weg, es ist eher die Arbeit mit Klangfarben. Dann rhythmische Arbeit vielleicht, Instrumentation.

.  Elektronik?

Das geht meist auch in die Elektronik hinein, in die Mittel der Beschallung. Für mich interessant sind auch die unterschiedlichen Mittel, ist auch die Mischung der verschiedenen Werkzeuge, von der Komplexität bis zum spontanen Improvisieren. Der Idee des Improvisators – auch als Beruf. Dass das ja auch viele, die sich mit Musik beschäftigen, nicht mehr nur nebenbei machen, sondern auch als Beruf. Was das dann alles mit sich bringt. Der Hintergrund, der Background. Mit welchen Techniken, welcher Sprache man weiter spricht oder nicht mehr. Die Zusammenarbeit mit anderen steht sehr auf dieser Ebene, nicht so sehr auf dem,  was man “technisch” kann, das recherchiert und lernt man ja auch, sondern welche Interessen die Interpreten und Improvisatoren haben.

Du spiel(te)st Klavier, komponiertest du mit Klavier?

Ja, ganz schlecht  (lacht), am Anfang schon. Jetzt nicht mehr so.

Jetzt geht es vor allen auch um Skizzen, stundenlanges am Equipment sitzen, mischen, ausprobieren?

Genau.

Also so: Du hast dich immer für Improvisation interessiert, bist aber an erster Stelle  Komponist (sowohl instrumental, als auch elektronisch), dann kommt der Improvisator, dazu kommt noch „JSX“ und „Turntablist“?

Ja, eigentlich am spätesten, jetzt wird das immer mehr. Für mich geht das ineinander über, ich versuche, nicht an den ganzen intellektuellen Überbau des Komponieren zu denken, wenn ich komponiere oder improvisiere. Ich arbeite oft sechs Monate an einem Projekt, da rücken andere Sachen oft in den Mittelpunkt, wie schnell man reagieren kann etwa, Improvisation ist extrem mit der Schnelligkeit verbunden, egal wie lange ein Stück dauert. Dann denke ich in ganz anderen Kategorien.

Was auch wichtig ist,  ist es Sachen zu trennen, stilistisch, nach Räumlichkeit. Vor einigen Jahren kokettierte ich mit vielem, was zusammenspielt und jetzt muss ich Striche ziehen, jetzt mache ich das, dann das. Lege ich im “Club” auf, geht es um Tanzmusik, um Performance? Das erfordert anderes Equipment, andere Partnerschaften.

Du bist aber interessiert, immer wieder etwas Neues zu machen. Wenn Heinz Rögl sagen würde, bitte machen Sie einen Portraitabend, aber nehmen Sie nur das Wichtigste aus den letzten 30 Jahren?

(Lacht.) Dann würde ich sagen, des mach’ ma net.

Wir könnten doch beginnen bei “La Reflejo”.

Katastrophe!

Wie wichtig ist dir, dass deine Arbeiten erhalten, dokumentiert sind? Du bist etwa gemeinsam mit Gerald Resch oder Reinhard Fuchs bei der “ed 21” Bist du interessiert, dass viele deiner Improvisationen auch auf CDs erscheinen?

Das wär’ natürlich schön, aber . Kompositionen werden schon immer wieder bestellt und irgendwo auch aufgeführt.

Kommen wir zu den Zusammenschlüssen. Ihr habt sehr früh schon eine Komponistengemeinschaft gebildet – mit German Toro-Pérez usw. .

“New Ton Ensemble” mit German und Johannes Kretz. Dann die Gruppe “Gegenklang”.

Als ich 1997 zum “New Ton” kam, da gab es das unter anderem Namen schon als Ensemble, und wir haben auch viele weitere Jahre miteinander “Repertoire” gemacht. Das waren am Anfang auch andere Sachen, German hat z. B. Grisey dirigiert. Aber es hat sich gegenüber vor mehr als zehn Jahren alles geändert, damals versuchten Ensembles, eine neue Art von Musik zu pflegen, man fragt sich immer wieder, für wen arbeiten wir jetzt eigentlich, wenn wir Konzerte veranstalten, finanziell ist nicht viel davon zu haben. Und irgendwann hatten wir gedacht, ok, jetzt machen wir unsere eigenen Projekte. Das haben wir jahrelang nicht gemacht, nun nehmen wir die eigenen Ressourcen, Elektronik auch, Multimedia und Neue Medien, von meiner Seite auch die Idee, Leute aus anderen musikalischen Sparten einzubinden. Und das ist das, wo wir jetzt sind.

Jetzt im März gibt’s was mit Performances, mit Noise-Musik, mit Gästen aus anderen Genres, mit Live-Streaming und Internet. Das ist die Art von Projekten, die uns reizen. Subventionsmäßig und kulturpolitisch stellt sich ja auch für junge Ensembles, was macht man als neues Ensemble mit so wenig Geld. Und da waren unsere Schritte ganz klar Richtung Elektronik.

Unterrichten in dem Sinn, auf der Uni und so?

Ich habe eine kleine Stelle auf der Uni, für wenig Geld. Im nächsten Jahr beginnt ein 2-Jahres-Projekt und ich hoffe, dass die Sache sich erweitert wo ich die künstlerische Leitung von Sachen mache, die Leute aus anderen Sparten einbinden. So wie wir’s machen, eben auch Turntablisten aus verschiedenen Ecken von Europa, auch Techno-Leute, in ganz unterschiedlichen Bereichen eben. Leute, die einfach vorbei schauen wollen, mit denen ich zum Teil schon gearbeitet habe. Es sollen von den Studenten auch möglichst Leute aus verschiedenen Sparten zusammenkommen, Komponisten, Instrumentalisten, Improvisatoren, auch Tonmeister z. B. Ein offenes Forum, wo alle Kreativen willkommen sind.

Mit Computer arbeiten?

Ich habe sehr spät begonnen, ich war jahrelang vielleicht der einzige Elektroniker in Wien, der keinen Computer hat. Nach wie vor ist für mich elektronische Musik etwas, das mit Computer zu tun hat. Und die Art, wie ich Computer verwende, ist nicht die Art, wie viele Komponisten drangehen.

Mit welchen Leuten arbeitest du am liebsten zusammen?

Das ist eine lange Liste mittlerweile, eine irrsinnig lange. Aber ich finde es so schön, mir wäre wahnsinnig fad allein im Kämmerlein zu komponieren, ich brauche ein bisschen Austausch. Da sind wirklich zum Teil sehr lange Partnerschaften entstanden, auch mit Leuten, die sich währen dieser Jahre sehr verändert haben. Etwa Leute wie Ludwig Bekic, der war noch Saxophonist, als wir begannen, ich habe ihm ein Saxophonkonzert geschrieben, oder Martin Siewert, Berndt Thurner und andere. Wir überlegen uns immer wieder, was wir noch hätten machen wollen.Auch Leute wie Patricia [Kopatchinskaja], für die ich immer wieder etwas mache und noch zu “faul” bin – ich sollte bald ein Orchesterstück mit ihr machen. Dann gibt es Leute wie den Christian Weber, Kontrabassist in der Schweiz, oder Noise-Künstler, wir arbeiten mit Noise, Performance, Orchestermusik, Kindertheater.

In Wien gab es ja in den Neunzigern die elektronische Szene, wie Patrick Pulsinger oder andere, wo gesagt wurde, die sind jetzt eine “Weltmacht” geworden. Wie hast du dich mit dieser “Szene” getan und sie sich mit dir?

Als diese Szene berühmt wurde, war ich leidenschaftlicher Zuhörer – von Fennesz, oder der eher experimentellen Szene. Ich selbst war Mitte, Ende der Neunziger mit anderen Sachen beschäftigt, mit akustischer Musik, mit der Erforschung von Instrumenten, mit Instrumentieren. Aber die Faszination war von Anfang an da und ich habe sehr viel verfolgt von dem. Mittlerweile arbeite ich auch mit einigen von diesen Leuten. Mit Siewert, auch mit Boris Hauf, mit “Dieb 13”.

Der “Dieb 13” war ja so ein Irrlicht von außen, der mir auch gefiel, weil ich den Eindruck hatte – ich erlebte ihn zum ersten Mal in Graz bei einem “Musikprotokoll” – das er sich nix scheisst .

Ja eben, das find’ ich phantastisch. Er ist mittlerweile einer meiner besten Freunde. Dann gibt es auch eine faszinierende neue Generation. Für meine mehr werdenden Club-Sachen arbeite ich mit “Bonanza” u. a. Die 90-erJahre-Szene hat sehr viel in Bewegung gebracht, lebendig gemacht. Und die E-Musik kam nur peripher damit in Berührung, Leute wie Bernhard Lang waren eher die Ausnahme.

Unterschiede der Publika, etwa im Club und bei Wien Modern …

Das Publikum ist ganz unterschiedlich, und vor allem unberechenbar. Obwohl die von mir oft auch das Gleiche zu hören bekommen. Das ist auch ok.

Wenn du – was selten ist – wohin kommst, wo du nicht jeden und jede ohnehin kennst, zum Beispiel vergangenen Herbst zum Komponistenforum in Mittersill, arbeitest du mit allen und da hast Tag und Nacht „gerackert“…

(lacht)

. also es ist für dich auch wichtig, wenn du jemanden kennen lernst, die wollen mit dir zusammen arbeiten, dann .

Ja, ja. Mit Elisabeth Harnik hatte ich ja schon zusammengearbeitet, aber zum Beispiel der Thomas Wagensommer  war für mich eine Entdeckung  .

. oder dieses “Gameboy”-Duo …

. mit denen habe ich jetzt kürzlich wieder gespielt. Ich mag ja gerne spielen. Das mit den Turntables etwa, das hat sich ergeben, ich bin für jemand eingesprungen auf dem Plattenspieler, ich bin da ein absoluter Quer-Einsteiger. Oft waren Turntablisten  bildende Künstler, die so was gerne machen, ich bin für einen Elektroniker eingestiegen. Das war in 2003 glaube ich.

So kurze Zeit ist das erst her!?

Viele glauben, ich mache das schon ewig, weil mein erster Auftritt war im Konzerthaus. Mit Siewert, Stump & Linshalm, Michaela Grill machte die Videos – es haben alle geglaubt, das ich das auch beruflich mache. Viele Leute kennen mich nur als Turntablist und wissen nicht, dass ich Noten lesen und schreiben kann, das ist auch sehr ok (lacht vergnügt). Mittlerweile ist das immer gewachsen, es war nicht geplant. Es gibt irgendwo eine große Nachfrage nach Turntables und es macht Spaß.

Was waren die subjektiven “Durchbrüche” in deinem Werdegang?

Ich kann es nicht mehr sagen, es kamen halt nach der Reihe Festivals. Manche “großen” Sachen, Konzerte klappten eben nicht, weil kein Publikum war oder kein Kritiker was geschrieben hat. Ich nehme die Sachen so wie sie kommen.

Ich glaube, “Veneno” war für mich das erste von dir, das ich bewusst erlebt habe.

Da ging es auch – “Veneno” ist “Gift” auf Spanisch – um Improvisation und Bearbeitung und das hat eine ganze Serie gezeitigt, “Veneno VII” war das letzte, wurde in Neuseeland aufgeführt. “Veneno”, das geht es um das “Vergiften” von Stücken, das hat mit meinem Werdegang zu tun vielleicht  . . .

Zum Schluss: Du warst jetzt gerade in Großbritannien, um mit einer Produzentin zusammenzuarbeiten, die für Linz 09 etwas mit deiner Beteiligung machen wollte?

Darüber können wir jetzt noch nicht reden, aber es gibt auch noch andere Projekte in dieser Richtung mit ihr, die offen sind, auch mit Theater, auch mit Chicago. Dann gibt es auch Einladungen nach Berlin. Es tut sich was international.
Ich hoffe auch, dass wegen der Finanzkrise nicht diverse Projekte mit Venezuela (teils mit HipHop-Leuten, mit denen ich gearbeitet habe) ins Wasser fallen. In Venezuela ist wieder eine ganz andere Szene, ich war im Dezember vergangenen Jahres dort, um Freunde zu treffen, und kam auch mit Medien- und Werbefilm-Leuten in Kontakt, die auch fürs Fernsehen arbeiten. Am Ende habe ich gearbeitet dort die ganze Zeit, habe Aufnahmen gemacht. Ich brauche das, es hält mich wach.

Aber willst du in Wien bleiben?

Ich bin extrem glücklich hier. Du lachst?

Ich geh’ ja auch nicht weg. Ich habe nur nur manchmal ein Problem mit bestimmten Österreichern und bestimmten Regierungen. Wie ist eigentlich die politische Situation in Venezuela und Südamerika  wirklich? Mit Chavez oder Evo Morales und so weiter, wir wissen ja hier viel zu wenig .

Schrecklich eigentlich. Aber das ist ein eigenes Thema, da könnten wir jetzt lange diskutieren. Ich interessiere mich für Politik und eins steht jedenfalls fest: Keine Kunst ohne Politik!

Heinz Rögl

 

 

 

 

 

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