
Das Chelsea hat mehrere Schwerpunkte – Konzerte, Partys, die Fußballschiene. Wie stehen die zueinander?
David Mochida Krispel: Das sieht man an der Anzahl der Konzerte, die im Chelsea stattfinden, dass ein Konzert wichtig ist. Vielleicht hat das damit zu tun, dass der Gürtel nicht mehr die In-Meile ist, die er einmal war. Wenn wir jetzt an einem Sonntag oder Montag kein Live-Programm im Chelsea haben, dann wäre es auch eher schwach besucht. Es ist schon wichtig ein Event, eine Band, zu haben. Wie sich das finanziell genau verhält weiß ich nicht, aber ich denke, dass das Herz des Chelsea und die Identität des Clubs schon die Live-Veranstaltungen sind.
Habt ihr ein Konzept dafür, was ihr bucht?
David Mochida Krispel: Ich hab mich, wie ich den Job begonnen habe, schon gefragt, was ich da mache. Ich bin ein Musikfreak, ich höre seit ich denken kann Musik und sammle Platten. Ich höre viele verschiedene Dinge und weiß auch, dass die Musik, die mir gefällt nicht unbedingt die kommerziell erfolgreichste ist. Außerdem konnte ich sehen, wie der Vorgänger in meinem Job, mein Bruder [Rainer Krispel] mit Othmar [Bajlicz] heftigste Dispute gehabt hat was einzelne Acts betrifft, die nicht so viel Publikum ziehen und wo die Veranstaltung ein finanzielles Fiasko ist. Ich wollte von Anfang an nicht in die Situation kommen: „Ich bin verantwortlich und der Chef ist sauer, weil’s nicht läuft“. Ich habe mehr oder minder das fortgesetzt, was schon gelaufen ist: Habe Kontakte übernommen zu allen möglichen Agenturen, habe Bands, die schon oft gespielt haben wieder gebucht. Gelegentlich erlaube ich mir aber schon, Othmar eine meiner aktuellen Band-Obsessionen schmackhaft zu machen, auch wenn die Vernunft nein sagt. Und weiter ausholend zum programmatischen Konzept kann man sagen, dass das Chelsea kein Ort ist, der jeden aktuellen Popkulturtrend unbedingt mitmachen muss, sondern vielleicht ein bisschen mehr old school ist. Wir laden uns jetzt nicht, wenn’s vor zwei Jahren hip war, die neuesten Dubstep-Acts ein. Wir machen halt zum dritten Mal den Chuck Prophet. Aber generell gibt es keine Scheuklappen. Wir haben genauso gern HipHop-Konzerte, Metal-Konzerte, Singer-Songwriter, Pop, Indie, britische Sachen – das ist breit gefächert.

David Mochida Krispel: Da gilt: Einmal kann es jeder probieren. Wir schauen uns die Band an, hören uns die Musik im Internet an – es muss uns schon irgendwie ansprechen. Und dann probieren wir es halt einfach mal. Und das schätzen auch Bands und finden das gut an uns. Weil es gibt andere Orte, wo man ohne sich einzumieten und einen gewissen Betrag zu zahlen, nicht spielen kann. Das glauben auch viele Bands, dass das im Chelsea so ist. Aber das ist nicht so. Wir machen einfach einen Eintritts-Split und hoffen, dass es halbwegs ein Erfolg wird. Dadurch kommen die Bands auch gerne wieder. Die Anfragen werden natürlich immer mehr, von Woche zu Woche fast, und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich mir nicht mehr alle genau anschauen kann. Aber dadurch, dass ich auch im SKE-Beirat sitze und dort sehr viele österreichische Produktionen höre, komme ich auch auf diesem Umweg an neue Bands, die mir sonst vielleicht entgangen wären.
Du bist seit 1994 in der Wiener Musikszene. Wie hast du den Aufschwung der letzten Jahre wahrgenommen?
David Mochida Krispel: In dieser kleinen Dimension vom Chelsea, wo maximal 250 Konzertbesucher reinpassen, hat sich da jetzt vielleicht nicht so signifikant viel verändert. Bands hat’s immer etliche gegeben und genug, die bei uns spielen wollten. Was mir schon tatsächlich auffällt ist, dass die Qualität viel besser wird, dass man jetzt mit heimischen Bands gutes Konzertprogramm machen kann, wo im Schnitt auch, würde ich sagen, mehr Besucher kommen als früher. Als Beispiel: Im Dezember haben wir 25 Jahre Chelsea gefeiert und bis auf zwei eher kleinere internationale Acts waren alles österreichische Bands und es war das Chelsea immer ansprechend gefüllt, oft ausverkauft. Und es war jedes Konzert von der Qualität ziemlich erstklassig.
Glaubst du, dass die Menge an Anfragen an euch etwas mit dem Boom zu tun hat?
David Mochida Krispel: Das weiß ich nicht. Keine Ahnung, was die Motivationen sind, Musik zu machen. Ich hoffe, dass die erste Motivation ist, dass sie Ideen haben und eine eigene Musik entwickeln. Es ist vielleicht schon so, dass, wenn der Wiener Singer-Songwriter-Boom ausgerufen wird, plötzlich Leute, die Emo-Punkbands gehabt haben, denken „jetzt mach ich auch mal was in die Richtung“. Das fällt mir verstärkt auf, dass es Trends entsprechend lokale Varianten von Erfolgsmodellen gibt – die aber dann meist uninteressant sind.

David Mochida Krispel: Nein, eigentlich nicht. Das ist glaube ich wiederum auf die Größe zurückzuführen: In diesem kleinen Bereich, Konzerte von 100 bis 200 Leute, gibt es einfach genug. Da seh ich jetzt veranstaltertechnisch keine Krise, sondern doch eher den Boom. Das Drumherum hat sich stark verändert. Es gibt mehr Rundherum-Agenturen und Manager und Zwischenhändler. Das gilt aber mehr für den internationalen Bereich. Wo ich früher direkt gebucht habe, da brauch ich jetzt schon die österreichische Zwischenagentur oder den Co-Veranstalter. Also man macht mehr gemeinsam und weniger auf eigene Faust.
Mit dem Boom der lokalen Musikszene ist es zu viel mehr Konzerten in Wien gekommen, die Konzertkalender sind oft sehr voll. Ist das noch etwas, was euch mitreißt oder kommt ihr in eine Konkurrenzsituation, wo es eng wird?
David Mochida Krispel: Natürlich wird es eng. Welche Wiener Band kann jeden Monat in der Stadt spielen und doch noch eine vernünftige Anzahl von Leuten ziehen? Und dann gibt’s halt die Events wie Donauinselfest und Waves und wie sie alle heißen – und diese Events bestimmen dann schon mal den Liveplan dieser Bands. Dann gibt es vielleicht gar nicht mehr die Möglichkeiten noch diese kleine Clubshow im Chelsea zu machen, weil wichtigere Punkte an der Tagesordnung stehen. Und natürlich gibt es auch immer mehr Locations, wo Bands spielen können und ja, man streitet sich dann schon mehr um die Bands. Ist natürlich eine Konkurrenz.
Aus deiner Sicht vom Chelsea und dem SKE-Fonds aus – wo bräuchte es Entwicklungen damit der Boom dieser Musikszene auch weiter gehen und stabile Strukturen tragen kann?
David Mochida Krispel: Wenn wir schon von Fördergeldern reden, wär’s natürlich schön, wenn diese Gelder erhöht werden könnten, damit mehr Leute davon profitieren. Wenn man sich das ansieht, ist es leider ja auch so, dass die Urheber, Songwriter oder die Band meist die letzten sind, die etwas von dem Geld sehen, weil die Rundherumstrukturen alles verschlingen. Bei der Plattenaufnahme gibt’s den Produzenten, das Studio, dann vielleicht das Presswerk, dann macht man noch Vinyl… Dann sind die Kosten so hoch, dass es fast egal ist, wie hoch die Förderung ausfällt – bis mal ein Euro beim Musiker ankommt, dauert es lang. Also vielleicht die Fördergelder erhöhen. Der Musikfonds fordert das grad ein, will 5 Millionen, wär ja schön, wenn sie es bekommen würden. Beim SKE-Fonds ist es so, dass alles rückläufig ist, weil sich das Geld aus der so genannten Leerkassettenrückvergütung speist. Die Haupteinnahmequelle war früher zum Beispiel der CD-Rohling – der ist verschwunden. Für eine Abgabe auf die neuen digitalen Speichermedien, Festplatten und so weiter, laufen die Prozesse. Diese Prozesse laufen jetzt schon Jahre und wenn die vielleicht einmal einen Ausgang haben, ist schon wieder die Festplatte obsolet, weil man nur mehr streamt. Also wir [beim SKE-Fonds] haben immer weniger Geld zur Verfügung.

David Mochida Krispel: Aufregende neue Bands wünsch ich mir. Es kommen ja eh immer wieder welche daher. Letztes sehr schönes Beispiel war das Konzert von Black Shampoo. Die sind jetzt schon nach den zwei Jahren oder so, die sie spielen, derartig gut. Die können mit jeder internationalen Band die Bühne teilen und werden nicht untergehen – und haben Gott sei Dank auch schon Publikum, das voll in ihrer Musik drinnen ist. Ich wünsche mir, dass solche Bands weiterarbeiten und die Möglichkeit haben, ihre Musik zu entwickeln.
Danke für das Gespräch.
Was ich noch ergänzen wollte ist, dass ich seit 1985 auf Konzerte gehe, gerne in kleine Konzerte gehe und mein Arbeitsplatz eigentlich genau so ist, wie mir Konzerte am meisten Spaß machen: In einem kleinen, intimen Rahmen, wo das Publikum nahe an der Band dran ist und im Idealfall genauso wichtig ist wie der Act, der oben auf der Bühne steht. Das hat halt mit Punkrock und Hardcore zu tun, so wie das früher war, und an den besten Abenden ist das auch heute im Chelsea noch so.