Die Medienkünstlerin Stefanie Wuschitz redet über „circuit bending“ und „physical computing“ und schwärmt für Sounds, Fluxus, Visuals und Geräte zerlegen. Auf dem „Miss Baltazar Festival“ lernte man am Wochenende in Wien eine neue Sprache, wie Technik ausgedrückt und demystifiziert werden kann. Das Interview führte Kerstin Kellermann.
Du bist Assistentin für Digitale Kunst auf der Angewandten. Wie definierst du digitale Kunst für dich?
Stefanie Wuschitz: Digitale Kunst ist die Übersetzung von einem Format in ein anderes, um sich über ein Medium neu zu artikulieren. Dadurch wird dieses Medium zu einem Instrument, es muss aber nicht immer ein Sound Instrument sein. Es kann auch ein Interface sein, das jetzt nicht Sound steuert, sondern Sprache oder Video oder Gerüche oder Berührungen mit Motoren. Interface bedeutet Schnittstelle, Schnittfläche. Grundsätzlich gibt es verschiedene Akteure in diesen Schaltkreisen, welche, die eher für Input sorgen oder für Output, in der digitalen Kunst gibt es meistens auch noch einen User, eine Userin, einen Zuschauer, der mit der Schnittfläche, dem Schaltkreis interagiert.
Was ist dein spezielles Interesse in diesem Rahmen?
Stefanie Wuschitz: Mein Interesse besteht darin: Wenn man sich eingeschränkt fühlt in einer Weise, möchte ich diese Schranken über neue Ausdrucksmöglichkeiten entfernen. Um Dinge zu artikulieren, die man sonst vielleicht ohne dieses Instrument, das man sich selbst baut, nicht ausdrücken kann. Mich interessiert auch das Spielen daran, denn es gibt nicht die fertige digitale Arbeit. Man baut Dinge auseinander, verwendet alte Maschinen, nimmt einen Teil davon, baut den woanders ein…, dann schaut es vielleicht ein bisschen tecky oder DIY-mäßig aus, aber gleichzeitig ist es ein Misuse, ein Missbrauch von kommerziellen Geräten. Damit man weg geht von diesem Off The Shelve – dass man Fertigprodukte kauft, weg vom Konsumieren hin zum Produzieren und Machen. Wir arbeiten hier auf der Klasse und auch auf dem MAKE ME ECLECTIC FESTIVAL (organisiert von Miss Baltazar’s Laboratory) vielleicht etwas amateurinnenhaft, dafür finden wir eine neue Sprache, wie man Technik ausdrücken und wie Technik gedacht werden kann. Nicht so auf Future, auf Fortschritt, Härte, Wirtschaft, Männlichkeit – sondern auf Selbstwahrnehmung, Kommunikation und Zusammenarbeit, auf Selbstausdruck, Provokation und Protest.
Gibt es dafür eine eigene Sound Sprache?
Stefanie Wuschitz: Wir fühlen uns der ganzen Noise Bewegung sehr nahe, wir bauten auch einige Noise Toys, kleine Schaltkreise, mit denen man über Verstärker, Mikrophone und alte ausgebaute Lautsprecher Teile Krach machen kann. Für Feed Back Loops: Wenn man mit dem Mikro zu nahe an den Lautsprecher geht, gibt es eine Übersteuerung und das kann man als Musik Instrument einsetzen. Wir hatten auch viele Workshops, wie man Sounds programmieren kann, z.B. Pure Data, das ist die Open Source Version von Max/MSP. Damit man mit Licht-Sensoren, Sound-Sensoren, Distanz- und Berührungs-Sensoren oder selbst gebastelten Druck-Sensoren Input generieren und daraus Daten für den Computer sammeln, die dann über ein Programm namens Pure Data in beispielsweise Sinus Töne transformiert werden oder Samples auslösen… Wir verwenden Oszillator-Objekte in der Software. Man ist nach den Workshops keine Expertin, aber man kennt dann andere Frauen, die das auch machen wollen und weiß was es gibt und was möglich ist.
Gibt es einen Zusammenhang mit elektronischer oder neuer Musik?
Stefanie Wuschitz: Es sind schon viele Musikerinnen bei den verschiedenen Miss Baltazar’s Laboratories in diversen Städten gewesen. Am Abend unseres MAKE ME ECLECTIC Festivals machte Hui Ye, eine chinesische Künstlerin, eine Performance, bei der sie Radio Signale verwendete, um die elektromagnetischen Wellen eines alten Bildschirms zu irritieren und Sound abzunehmen. Christine Schörkhuber spielte mit ihrer Band „Laster Kanaster“. Diese Musikerinnen kommen alle aus der digitalen Kunst und basteln mit elektronischen Geräten, Lautsprechern und Schnittflächen zwischen den Computern und digitalen Welten. Basteln nennt man hier eigentlich „physical-computing“, „circuit bending“ – also Schaltkreise biegen. Christine Schörkhuber macht auch jedes Jahr die „Klangmanifeste“. Da geht es darum, wie elektromagnetische Wellen wirken, wie man das nutzen kann, wie der Körper da beteiligt ist. Wie kann ich beispielsweise über Störgeräusche neue Dinge erfinden?
Medienkunst ist ein riesiger Bereich – was ist speziell für euch interessant, wie würdet ihr euch in diesem Gebiet positionieren?
Stefanie Wuschitz: Miss Baltazar ist ein Künstlerinnen Kollektiv. Wir wollen Technik demystifizieren, weil wir glauben, dass Technik sehr mit Ideologie aufgeladen ist und viele Frauen sich abgeschreckt fühlen. Oder dass sie zensuriert werden, wenn es darum geht, wer Zugang hat zu Technologien, sich ausdrücken kann oder neue Dinge entwickeln bzw. erfinden – dass viele Frauen oft das Gefühl haben, sie kommen mit der beschleunigten Entwicklung der Technologie nicht mit, haben den Eindruck es wäre nichts für sie, fragen daher ihren Bruder, Vater oder Freund, wenn sie ein technisches Problem lösen wollen – gleichzeitig nimmt die Technologie aber überhand in unserem Leben. RFID Chips, Wi-Fi und Bluetooth, GPS bestimmen mehr und mehr wie wir durch die Stadt navigieren und wie wir in unserem Alltag mit Smartphones und Embedded Computers kontrolliert werden. Das hat verschiedene Namen: Situated Technologies, Pervasive Media, das betrifft Technologie, die überall im Alltag in kleinen Objekten versteckt ist. Zum Beispiel, das Internet of Things. Das Bezeichnet den Trend, dass nicht nur ein Computer eine IP-Adresse hat, sondern auch ein Halsband oder ein Turnschuh. Technologie wird immer allumfassender. Wir fühlen uns sehr ausgeliefert und hilflos, wenn wir denken, Technologie ist nur etwas für Männer. Deswegen sind wir dafür, dass man die Geräte einfach aufmacht, Sachen kaputt macht, die Elektronikteile anschaut, keine Angst hat, viele Fragen stellt, möglichst oft etwas falsch macht – damit man möglichst viel Wissen generieren kann über die Versuche. Aufmachen, reinschauen, keinen Respekt haben. Man muss sich das aneignen. Gleichzeitig wollen wir ein Netzwerk aufbauen, über das Menschen, die weiblich sozialisiert sind, sich gegenseitig vermitteln, was sie können.
Susanne aus Potsdam erzählte mir, dass sie genau so ein Netzwerk aufbauten, um Wissen über Tontechnik, Lichttechnik, Djaning an Frauen weiter zu geben. Geht ihr auch in diesen Bereich hinein?
Stefanie Wuschitz: Wir sind offen für alle Bereiche: Wearable Technology, Visuals, Sound Schnitt Workshop… Unsere Workshops sind eine Mischung der Performance der eigenen Arbeit durch Künstlerinnen und der Präsentation, wie sie gemacht ist. Es entstehen neue Arbeiten durch das Verwenden von Elektronik als künstlerisches Material und aus dem enthusiastischen Hacken von Hardware, es geht viel um die Schnittstelle Hardware/Software und es ist auch ein bisschen Fluxus, alle kommen in einen Flow rein.
Fotos von Deborah Hustic