„MANCHMAL MUSS MAN DORTHIN ZURÜCK, WO MAN EIGENTLICH HERKOMMT, UM EINEN SCHRITT WEITER ZU KOMMEN“ – DER NINO AUS WIEN IM MICA-INTERVIEW

Sein neues Album „Neubau Alone“ hat DER NINO AUS WIEN in Lo-Fi-Ästhetik und – wie der Titel andeutet – ganz alleine aufgenommen. Jürgen Plank hat mit ihm über die Intensität und die technische Sauberkeit der Aufnahmen genauso gesprochen wie über JOHN LENNON und THE BEATLES. Denn die haben ihn einst dazu gebracht, Gitarre zu lernen und Lieder schreiben zu wollen. Und weil DER NINO AUS WIEN Rapid-Fan ist, sind natürlich auch die Hütteldorfer im Kontext mit Musik ein Thema des Interviews: es geht um die Club-Hymne und ein neues Rapid-Lied der JAZZ-GITTI.

Du hast das neue Album alleine aufgenommen: wieso hast du dich für diesen Weg bei der Produktion entschieden und wie waren die Aufnahmesessions?

Der Nino aus Wien: Ja, es ist alles ganz alleine entstanden. In drei verschiedenen Kellern, würde ich sagen. Ich trage immer meine Kellerräume ab. Derzeit habe ich einen im siebenten Bezirk. Der Fuzzmann ist mein Vermieter. Ich habe da einen multifunktionellen Raum, wie mein Büro und Komponierzimmer, Schreibkammerl, Proberaum, Chill-Out-Room. Immer wenn ich dort hingehe, mache ich irgendwas Musikalisches. Und ein paar Lieder von dem Album sind noch von meinem vorigen Keller in Simmering. Die sind quasi noch ausgegraben worden aus der Zeit von vor zwei Jahren oder so. Ich sammle ja immer Songs und Aufnahmen und ich dachte mir, weil ich es selber gern in der Form höre: ich will mal ein Album in dieser Sound-Ästhetik machen. Mit so einem Sound habe ich noch nie ein Album gemacht, aber eigentlich pflege ich diese Art von Aufnahmen seit Jahrzehnten. Das ist sehr nah bei mir, ein Stück meiner musikalischen Identität oder meines musikalischen Lebens.

Wie waren die Aufnahmesessions, womit hast du aufgenommen?

Der Nino aus Wien: Mit allem, was so herumliegt: verschiedene Gitarren oder die alte Mundharmonika meiner Großmutter, die sie mir vererbt hat. Kurz bevor sie gestorben ist, hat sie mir die geschenkt. Eine Hohner Mundharmonika aus den 30er Jahren, die sie als Kind bekommen hat. Die Oma ist vor drei Monaten gestorben und diese Mundharmonika kommt auf dem Album vor, das finde ich schön. Und eine Krähenpfeife kommt im ersten Lied vor, das ist eine Pfeife, um Krähen anzulocken. Das war ein Geschenk von meinem Nachbarn. Aber es hat nicht funktioniert bei mir. Ich habe keine einzige Krähe damit angelockt. Es haben immer nur die Menschen hergeschaut, wenn ich die probiert habe.

„ICH WOLLTE, DASS ES SO KLINGT, WEIL ICH EINE PERSÖNLICHE VORLIEBE FÜR DIESE ART VON LO-FI-SOUND HABE“

Oft kracht es am Album, mal ist ein Akkord kurz verrutscht: Könnte man sagen, dass dir beim Aufnehmen Intensität wichtiger war als technische Sauberkeit?

Der Nino aus Wien: Ja, mir war der Stil wichtig. Ich hätte auch viel sauberer aufnehmen können. Es ist nicht so, dass es jetzt so klingt, weil ich es nicht anders machen konnte oder so. Ich hätte es natürlich auch viel klarer aufnehmen können, aber: ich wollte, dass es so klingt, weil ich eine persönliche Vorliebe für diese Art von Lo-Fi-Sound habe. Und irgendwie dachte ich: ich probiere es mal so, wenn das sonst keiner macht. Die meisten Leute wollen nicht so aufnehmen und wahrscheinlich völlig zu Recht, weil es radio-schädlich ist. Es wird mit so einer Sound-Ästhetik wohl weniger Radio-Airplay geben. Ich bin auch nicht gegen konventionelle Produktionen, ich finde das gut. Aber ich habe schon dreizehn Alben

und mir soll nicht fad werden. Und dieses Lo-Fi-Album war ein Abenteuer. Es zwischendurch so zu probieren und irgendwie glaube ich: manchmal muss man dorthin zurück, wo man eigentlich herkommt, um einen Schritt weiter zu kommen. So habe ich begonnen, Musik zu machen. Und irgendwie ist das Album ein bisschen ein Schritt zurück zu den Wurzeln, ich wollte das einmal mit anderen teilen. Das ist so etwas wie mein geheimer Keller-Sound.

Bild Der Nino aus Wien
Der Nino aus Wien (c) Michael Liebert

Stimmt es, dass du vor einer Albumveröffentlichung Menschen, auf deren Meinung du vertraust, neues Material vorspielst? Hast du das dieses Mal auch so gemacht?

Der Nino aus Wien: Nein, ich habe diesmal tatsächlich niemandem davon erzählt, dass ich das Album mache. Ich habe schon Freunde, denen ich gerne neue Lieder schicke, auch Musikerkollegen, mit denen ich im Austausch bin und die mir auch was schicken. Aber bei dieser Platte wollte ich das eher ganz für mich behalten. Bis alles fertig ist. Ich habe großen Respekt vor der Meinung von vielen Kollegen, aber ich wollte es einfach durchziehen. Ich wollte irgendwie nicht riskieren, es herzugeben, weil ich kann mich schon auch verunsichern lassen, entmutigen lassen, wenn jemand sagt: willst du das nicht g’scheit aufnehmen? Einer hätte das sicher gesagt. Ich wollte das durchziehen, das war eine dringliche Aktion. Und das alone im Album-Titel war diesmal wirklich sehr wahr. Es war alles allein: allein geplant, allein gemacht und fertiggestellt.

„DAS IST MEIN BLEISTIFT-ALBUM“

Die Stücke wirken oft wie Skizzen. Inwiefern könnte man von einem musikalischen Notizbuch sprechen, in dem du Skizzen nicht ausarbeitest?

Der Nino aus Wien: Ja, ich finde das schön. Also, ich hab schon gesagt: das ist mein Bleistift-Album. Irgendwie fühlt es sich so an wie ein feiner Bleistift in einem Notizbuch, den man dann vielleicht noch mit ein bisschen Kohle, Kohlestift oder ein paar Farbklecksern fertig macht. Ich mag ja auch das Fehlende. Ich finde, im Fehlenden steckt auch irgendeine Kraft und das Album ist ein bewusst nicht ausformuliertes Ding. Das erste Lied, zum Beispiel, ist eine Improvisation. Da weiß ich am Ende gar nicht mehr, was ich singe, denn ich habe das nie aufgeschrieben. Es ist einfach ein Fundstück, eine Improvisation, ein halbes Lied eigentlich und irgendwie fand ich es spannend, das Album mit dem Unvollendeten zu beginnen und nicht alles komplett fertig ausformuliert darzubieten. Aber irgendwie ist es für mich auf diese Art fertig, weil es Teil des Plans ist. In seiner Form ist alles fertig, weil sicher nichts mehr damit gemacht wird. Es ist so wie es ist, vollendet in seiner Unvollendetheit.

So habe ich auch das Lied „Göd“ gehört: als Skizze, in der du ein Wolfgang Ambros-Zitat aus „A Mensch möcht i bleibn“ drinnen hast. War das eine hingeworfene Improvisation?

Der Nino aus Wien: Genau. Ja, das habe ich gefunden. Als Handy-Aufnahme. Das habe ich irgendwann aufgenommen und schon vergessen gehabt. Aber ich glaube, es ist entstanden oder inspiriert von gewissen Skandalen, die man so in den Medien mitbekommt. Ich weiß nicht, ob es Martin Pucher war oder Hannes Kartnig oder irgendwelche Politiker. So Geldgeschichten jedenfalls.

Bild der Nini aus Wien
Der Nino aus Wien (c) Dietmar Lipkovich

Das war jetzt zwei Mal Fußball.

Der Nino aus Wien: Voll. Wahrscheinlich ist es vom Fußball inspiriert, ja. Von der bösen Fußballwelt und den ganzen Geldskandalen. Das ist halt ein Witz, ich singe: ich sitz’ im Häfn. Das ist kein Lied über mich, ich sitz’ nicht im Häfn.

„Zerissene Figuren“ heißt ein Lied, das im Vergleich zu den anderen Songs ziemlich ausgearbeitet ist. Du nimmst da Bezug auf deine eigene Entwicklung als Musiker. Wie zerissen fühlst du dich gerade?

Der Nino aus Wien: Naja, ich habe mich schon zerissener gefühlt, würde ich sagen. Ich bin gerade recht beisammen. Ich gehe mit einer Gitarre am Rücken durch die Stadt und fühle mich eigentlich recht gut. Das Lied geht tief in die Jugend zurück und es ist angelehnt an wahre Begebenheiten, das kann man schon sagen. Es ist ein Lied, das übrigens Peter Rapp gewidmet ist. Er darf nie in Vergessenheit geraten, Peter Rapp war ein unglaublicher Showmaster. Ich bin froh, dass ich noch in seiner Brieflos-Show aufgetreten bin.

Zu „Unchained Melody“ von The Righteous Brothers, das man unter anderem auch von Elvis Presley kennt, hast du eine deutsche Übertragung gemacht. Wieso hast du dich dafür entschieden?

Der Nino aus Wien: Ich kenne das Lied aus meiner Kindheit, aus Filmen. Und ich habe immer eine Neigung gehabt zu L’amour-Hatschern, das ist meine romantische Seite. Vor ungefähr eineinhalb Jahren habe ich diese Elvis-Version auf YouTube gesehen, die angeblich die letzte Performance von Elvis war, bei der er dieses Lied gesungen hat. Er war schon ein bisschen fertig. Er lebte danach auch nicht mehr lange, aber es war unfassbar emotional und unglaublich gut gesungen. Und ich wollte einfach herausfinden, ob es technisch überhaupt möglich ist für mich, dieses Lied zu singen. Ich wusste schon, dass ich nicht so singen kann wie Elvis, aber ich wollte herausfinden, ob ich einen Weg finden kann, dieses Lied zu singen. Ich habe die Akkorde herausgefunden und ziemlich schnell einen deutschen Text geschrieben, in Anlehnung an das Original. Und irgendwie fand ich es ganz cool und hab’s dann ziemlich schnell aufgenommen. Ich finde es ist ein ganz witziges Cover. Es ist vielleicht nicht das aufgelegteste Lied, das ich machen könnte. Bob Dylan-Songs sind vielleicht aufgelegter, aber gerade deshalb finde ich es spannend, dieses Lied zu singen.

„JOHN LENNON HAT MICH SCHON IMMER ANGESPROCHEN“

Ich werfe zu Dylan und The Righteous Brothers noch zwei Namen in die Runde: Beatles oder Stones. Warum ist die Antwort für dich eher The Beatles?

Der Nino aus Wien: Ja, ich liebe die Stones auch, ich mag auch sehr viele Stones-Sachen, aber die Beatles haben mich zur Musik gebracht, eigentlich. Sie waren die Ur-Inspiration überhaupt eine Gitarre haben zu wollen. Ich habe die DVD mit der Anthology-Doku gesehen und dann wollte ich unbedingt eine Gitarre haben und wollte herausfinden, wie man Lieder schreibt und wie man Gitarre spielt. Also, das war schon so eine Initialzündung. John Lennon hat mich schon immer angesprochen. Die Stimme von Lennon hat mich immer so ein bisschen gelockt. Schon als Kind, als ich sie zum ersten Mal gehört habe, war da so eine starke Vertrautheit da und sie ist immer noch da. Und ich liebe John Lennon und ich liebe auch John Lennon-Home-Demos. Es gibt so unglaubliche Lennon-Home-Demos, die ich oft lieber mag als die Studio-Versionen. Vielleicht hatte das auch einen gewissen Einfluss auf diese Platte, auch wenn seine Home-Demos ganz anders klingen als mein Album, aber: dieses irgendwie komplett Reduzierte, irgendwie Geheimnisvolle, dieser geheimnisvolle Blick, dieser geheimnisvolle, private Blick – das fand ich schon spannend. Ich habe zum Beispiel stundenlang „Strawberry Fields Forever“ in der Demo-Version gehört.

Das könnte eine Querverbindung zu „Neubau Alone“ sein.

Der Nino aus Wien: Ja, voll. Die Stimme bei den Lennon-Home-Aufnahmen, zum Beispiel: Er singt nicht so, wie man im Studio singt. Mit der Absicht, dass das jetzt der take sein muss, sondern er singt so, dass es nur für ihn zum Festhalten da ist. Und dieses Singen, nicht zu 100 Prozent, sondern eher noch im Prozess, das finde ich spannend.

Kommen wir abschließend zu Rapid. Auch wenn die Mannschaft schlechte Phasen hat und Spiele verliert: das Schlechteste an Rapid ist für mich die musikalische Seite, die Rapid-Hymne. Wie siehst du das?

Der Nino aus Wien: Meinst du das Lied mit dem Text: Rapid, Rapid, des is’ mei Mannschaft?

Genau das meine ich.

Der Nino aus Wien: Das ist ja irgendwie wieder entdeckt worden. Das hat man ein paar Jahre lang gar nicht und dann wieder mehr gesungen, kommt mir vor. Das ist ja aus den 90er-Jahren, oder?

Im Rapid-Stadion läuft das Lied bei jedem Heimspiel.

Der Nino aus Wien: Jetzt schon, aber ich kann mich an eine Zeit vor ein paar Jahren erinnern, wo das noch nicht so war. Ich verbinde das halt mit der Kindheit, irgendwie. Das war, glaube ich, die Zeit mit Trainer Dokupil, damals haben die Spieler das gesungen. Und das war schon eine große Zeit für mich als Rapidler. Ich schaue mir immer noch gerne Rapid-Videos aus den 90er-Jahren auf YouTube an. Eine gewisse Nostalgie ist da dabei. Ich kann nichts Schlechtes über die Hymne sagen, ich habe sie noch immer im Ohr und kann sie singen. Aber, du hast schon Recht, es könnte eine neue Hymne kommen.

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Man darf die Rapid-Hymne vielleicht nicht zu streng nach musikalischen Kriterien beurteilen.

Der Nino aus Wien: Ja. Ich meine, diese Hymne ist ein Stück Geschichte, ein Stück Rapid-Geschichte. Aber die Jazz-Gitti hat in der letzten Saison eine neue Hymne präsentiert. Vor der 1:3-Niederlage im Derby. Rapid war zu dem Zeitpunkt Tabellenführer und die Jazz-Gitti hat vor dem Spiel ihr Rapid-Lied gesungen. Und Rapid hat an dem Tag das erste Mal verloren, dann ging es bergab und es gab eine ziemlich schlechte Phase. Wahrscheinlich nicht wegen des Liedes von der Jazz-Gitti, aber so habe ich es mir gemerkt: Rapid war Tabellenführer, Jazz-Gitti singt ihr Rapid-Lied, Rapid verliert das Derby und gleich fünf Spiele in Folge oder so.

Wie war das Rapid-Lied von der Jazz-Gitti?

Der Nino aus Wien: Ich fand es eigentlich ganz cool, das ging ungefähr so: Rapid, was wär’ i ohne di.

Vielleicht schreibst du ja mal ein Rapid-Lied.

Der Nino aus Wien: Ja, voll, ich hab sogar schon mal was geschrieben, beim 125 Jahre-Rapid-Fest. Eine La Paloma-Version, eine Rapid-La Paloma-Version: Auf die Grünen, olé, oder so. Ich bleibe auf jeden Fall dran an der Rapid-Hymne, vielleicht fällt mir noch etwas ein.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank



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Live:

14.08.2026, Theater im Park, Wien
21.08.2026, Container, Wolfsberg
26.10.2026, Theater Am Spitterlberg, Wien