Manchmal beginnt Kunst nicht mit einer Entscheidung, sondern mit einem Gefühl – einem inneren Drängen, das sich erst im Tun versteht. Für ANNA KALT ist dieses Drängen seit jeher mit zwei Ausdrucksformen verbunden: mit dem Zeichnen und mit Musik. Als FUSER bewegt sie sich genau in diesem Zwischenraum – dort, wo Wahrnehmung kippt, Alltägliches sich verschiebt und Melancholie nicht Schwere, sondern Tiefe bedeutet. Mit ihrer EP „A King Alone“ eröffnet FUSER einen bewusst reduzierten Raum, der intim von feiner Percussion, akustischer Nähe und einer Stimme getragen wird, die mehr andeutet als erklärt. Im Gespräch mit Ania Gleich spricht ANNA KALT über Aufwachsen zwischen Kontinenten, über Verlust und Vertrauen, über Phänomenologie und Flow-Zustände und darüber, warum Musik manchmal das Einzige ist, was sagen kann, was sich anders nicht ausdrücken lässt.
Du bist gerade in London, oder?
Anna Kalt: Ja, genau. Ich bin seit ungefähr drei Wochen hier. Ich mache ein Auslandssemester im Rahmen meines Kunststudiums.
Was studierst du genau?
Anna Kalt: Ich studiere bildende Kunst mit Spezialisierung auf Zeichnung und Druckgrafik. In London ist es offiziell nur Zeichnung, aber ich kann die Druckwerkstätten genauso nutzen.
Das heißt, dein Cover-Artwork machst du selbst?
Anna Kalt: Ja, alles selbst gemacht.
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War Musik bei dir immer mit bildender Kunst verbunden?
Anna Kalt: Da muss ich ein bisschen ausholen. Ich habe als Kind immer gesungen, das sind meine frühesten Erinnerungen. Ich hatte Gesangsunterricht, war im Chor und habe eine Zeit lang Klavier gelernt. Gleichzeitig war ich immer sehr kreativ – ich bin in Asien aufgewachsen, unter anderem in Singapur, und wir hatten dort einen richtig guten Kunstunterricht. Zusätzlich bin ich mit meiner Schwester einmal pro Woche in einen Malkurs gegangen. Wir haben einfach alles Mögliche ausprobiert. Ich war generell ein sehr fantasievolles Kind, habe mir ständig andere Welten ausgedacht. Mit zwölf bin ich dann nach Österreich gezogen, nach Steyr. Dort war ich weiterhin im Chor und habe den Kunstunterricht geliebt. Beim Zeichnen hatte ich immer dieses Gefühl von totaler Fokussierung – ich saß da und dachte mir: Was passiert da eigentlich gerade? Mich fasziniert beim Zeichnen, wie sich etwas Alltägliches verändert, sobald ich es aufs Papier bringe. Man erkennt es und gleichzeitig wird es etwas anderes, verschoben, vielleicht abstrakter. Und bei Musik empfinde ich das ähnlich. Wenn ich wirklich genau hinhöre, können Klänge oder Instrumentierungen Dinge hervorrufen, die ich aus dem Alltag kenne: Bewegungen, Stimmungen oder Räume. Aber sie erscheinen intensiver oder leicht verschoben. Genau dieses Spiel zwischen Wiedererkennen und Verwandlung fasziniert mich sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Musik sehr.
Würdest du sagen, dass du mit deinen Songs bewusst wieder einen Weltbezug reinholst?
Anna Kalt: Ja, ich glaube schon. Ich mag es extrem, wenn etwas zwar aus einem Gefühl heraus entsteht, aber trotzdem irgendwie greifbar bleibt. Dieses Schweben zwischen Abstraktion und etwas sehr Konkretem: das interessiert mich total.
„HIER SOLLTE ES BEWUSST REDUZIERT BLEIBEN”
Ich habe vorhin nochmal „The Stream“ gehört. Da arbeitest du stark mit Wiederholung – fast mantraartig. War das die Idee? Dieses Schweben auszulösen?
Anna Kalt: Ich liebe dieses Lied sehr. Zuerst habe ich es auf der akustischen Gitarre geschrieben. Dieser Mittelteil war einfach plötzlich da. Später bin ich ans Klavier gegangen und habe dort diese andere Ebene gefunden. Und dann kamen die Lyrics für Anfang und Ende. Der wiederholte Teil beschreibt für mich etwas, das ich selbst nicht ganz verstehe. Dieses „I don’t know“ ist ehrlich gemeint. Es geht um diesen Moment, wenn plötzlich etwas entsteht. Sei das eine Melodie oder eine Zeichnung und man nicht genau weiß, woher das kommt. Ich habe beim Schreiben nicht viel darüber nachgedacht. Erst später habe ich gemerkt: Das Lied erzählt genau davon, von diesem Hineingezogenwerden in einen Prozess.
Dann ist „Stream“ ja da fast programmatisch für den Flow-Zustand.
Anna Kalt: Ja, voll. Das ist so ein schöner Moment, wenn man lange etwas lernt, übt, wiederholt und irgendwann kippt es. Dann passiert es einfach. Das fühlt sich total frei an.
War das bei den anderen Songs ähnlich?
Anna Kalt: Die Songs entstehen bei mir meistens ziemlich schnell. Ich ändere danach nicht mehr viel. Der größere Schritt ist eher die Produktion – also herauszufinden, wie man das, was im Kern da ist, erweitert, ohne es zu verlieren.

Magst du ein bisschen durch diesen Produktionsprozess führen? Deine Musik bleibt ja trotz allem sehr reduziert.
Anna Kalt: Ja, das war mir auch wichtig. Ich habe mit Martin Rupp aufgenommen – er macht gemeinsam mit seiner Schwester das Projekt Jansky. Ich kannte ihn über eine Schulfreundin und war vor ein paar Jahren bei einem Screening von ihrem Album, bei dem sie Musik und Film stark miteinander verbunden haben. Das hat mich total beeindruckt. Im September habe ich ihm meine Demos geschickt – ganz einfache Aufnahmen mit Interface zu Hause – und gefragt, ob wir das gemeinsam weiterentwickeln wollen. Er war sofort dabei. Wir haben meistens mit Gitarre oder Klavier begonnen. Das Klavier haben wir bei mir zu Hause aufgenommen, alles andere im Studio bei ihm. Die Drums kamen relativ früh dazu und er hat sie eingespielt. Oft haben wir lange ausprobiert, welche Percussion wirklich passt. Ich habe Referenzen mitgebracht, er hat experimentiert. Danach kamen Gesang, Bass, teilweise E-Cello. Natürlich gab es auch Momente, in denen wir unterschiedliche Vorstellungen hatten. Aber ich finde das total bereichernd. Man merkt dann: Für manche Songs passt ein bestimmter Zugang, für andere nicht. Es ist viel Ausprobieren. Für diese Lieder war mir wichtig, die Reduktion zu bewahren. Ich wollte sie erst einmal so veröffentlichen, wie ich sie ursprünglich gehört habe. Vielleicht verändert sich das in Zukunft, aber hier sollte es bewusst reduziert bleiben.
„ICH MAG MELANCHOLIE SEHR”
Die Drums geben dem Ganzen trotzdem eine eigene Tiefe.
Anna Kalt: Total. Ich liebe es, wenn plötzlich Percussion dazukommt. Bei „The Stream“ hat Martin zum Beispiel auf einer akustischen Gitarre getrommelt. Das macht den Song leichter, beweglicher. Meine Mama meinte immer: „Dazu kann man tanzen.“ Ich finde das schön, weil meine Musik oft eine gewisse Schwere hat. Und ich mag es, wenn da trotzdem etwas Leichtes hineinkommt.
Ich würde es eher Melancholie nennen und damit gar nicht so schwer.
Anna Kalt: Ist es für mich auch nicht! Ich mag Melancholie sehr. Und ich glaube, bei manchen Songs hört man sie stärker, wenn man genauer hinhört. Vielleicht entsteht dadurch einfach noch eine zusätzliche Ebene.
Wenn wir von der aktuellen EP ausgehen: Wie geht es weiter?
Anna Kalt: Ich habe kurz bevor ich geflogen bin auch live gespielt – das war ganz besonders. Ich spiele gerade noch gerne alleine, aber ich wünsche mir sehr, mit anderen live zu spielen. Ich hätte super gerne eine Band. Das ist eigentlich mein Traum dieses Jahr. Allein live zu spielen ist auch viel Übung, aber ich merke, dass ich dann manchmal noch nicht so richtig in die Songs einsinken kann, wie ich das gerne würde. Ich will einfach mehr live spielen, mehr Routine bekommen und die Lieder noch mehr so spielen können, wie ich sie fühle. Musikalisch sind da bei mir total viele Fragmente: neue Ansätze, fertige Songs, auch Sachen, die ich noch nicht veröffentlicht habe. Ich würde gern neue Lieder schreiben, was Größeres machen und gleichzeitig mehr live spielen
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„ALLES BLEIBT IRGENDWIE IN UNS”
Du bist ja viel herumgekommen, wie du am Anfang erwähnt hast. Wie hat dich dieses Aufwachsen zwischen unterschiedlichen Orten geprägt und ist das etwas, das auch in deine Kunst oder deine Songs hineinspielt?
Anna Kalt: Ich bin in Wien geboren. Mit zwei sind wir in eine kleine Stadt in den Niederlanden gezogen, später nach Hongkong und dann nach Singapur – wegen der Arbeit von meinem Papa. Meine Mama hat an den Schulen gearbeitet, an denen wir waren. Mich hat das extrem geprägt. Es war schön, so viel zu sehen, und ich habe dadurch auch eine starke Verbindung zur englischen Sprache, sowie zu Wasser und Meer. Das ist ein Bild, das bei mir immer wieder auftaucht. Aber es war auch schwierig. Es gab sehr viele Abschiede. Und ich sehe das auch kritisch, denn Hongkong und Singapur sind sehr kapitalistisch geprägte Städte und das geht für mich mit meinen Werten nicht zusammen. Diese Brüche und Verluste haben viel in mir ausgelöst. Ich hatte deswegen mit 17, 18 ein starkes Tief und tiefgehende Verlustgefühle und das habe ich später intensiv aufgearbeitet. Ich glaube, das ist auch ein Grund, warum es mir so lange schwer gefallen ist, wirklich Musik zu machen: Ich hatte nicht diesen Zugang zu mir selbst, nicht dieses Vertrauen. Und ich finde, das darf man nicht unterschätzen: Kunst machen braucht Vertrauen. Dass man sich überhaupt traut, etwas von sich zu zeigen. Diese innere Stärke muss man manchmal erst aufbauen. Deswegen haben mich die Gedanken des französischen Phänomenologen Merleau-Ponty immer sehr beschäftigt.
Was genau hat dich daran beschäftigt?
Anna Kalt: Er bringt dieses Beispiel von Kriegsverletzten, die einen Arm verloren haben und trotzdem noch das Gefühl haben, ihn zu spüren, etwa wenn sie am Klavier sitzen und spielen wollen. Das hat mich sehr berührt. Ich habe oft das Gefühl gehabt, als wäre da ein Loch in mir. Ich konnte das lange nicht einordnen. Als Kind waren Umzüge für mich fast leicht – ein Tag traurig, am nächsten Tag neue Eindrücke, neue Menschen. Aber ich glaube, die Verluste haben sich irgendwo gespeichert. Als wir mit zwölf nach Österreich zurückgezogen sind, ist mein Papa nicht mitgekommen, er lebt noch immer in Asien. Es gab einen starken Kontaktabbruch. Und auch diesen Verlust eines Elternteils habe ich sehr lange aufgearbeitet. Ich glaube, vieles davon kam erst später an die Oberfläche.

Das ergibt total Sinn – manches holt einen eben erst ein, wenn man älter wird. Gleichzeitig war es ja auch eine enorme kulturelle Bereicherung.
Anna Kalt: Ja, total. Es ist ambivalent. Als ich tief im Schmerz war, hätte ich mir manches erspart gewünscht. Es war ein langer Prozess, bis es mir psychisch wirklich gut ging. Aber ich bin auch dankbar dafür. Ich habe unglaublich viel über die menschliche Psyche gelernt – darüber, wie komplex wir sind und wie stark uns unsere Vergangenheit prägt, auch wenn wir es nicht sofort merken. Alles bleibt irgendwie in uns.
Ich habe das Gefühl, wenn man früh beginnt, sich mit diesen inneren Ebenen auseinanderzusetzen, hilft das später im Leben. Auch in Krisen. Was bedeutet Musik für dich in diesem Zusammenhang?
Anna Kalt: Musik war für mich oft das Einzige, was ausdrücken konnte, was ich selbst nicht in Worte fassen konnte. Ich hatte so viele Momente, in denen ich aufgewacht bin und gespürt habe: Ich muss jetzt Musik hören. Nur das ergibt gerade Sinn. Ich fühle mich darin gespiegelt – in dieser Überwältigung, die es manchmal bedeutet, Mensch zu sein. So viele Gefühle, so viel, was man erlebt. Musik kann das tragen. Töne, Instrumente, Stimmen, Lyrics: Wie das alles zusammenwirkt, fasziniert mich bis heute. Ich bin unglaublich dankbar, dass es das gibt.
Das ist ein schönes Schlusswort. Danke dir für deine Zeit und für dieses offene Gespräch.
Anna Kalt: Danke dir.
Bis zum 7. März kann außerdem noch für FUSER beim Grünland Festival Bandcontest abgestimmt werden:https://bandcontest.gruenland-festival.at/
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Ania Gleich
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