laridae – 50 Releases und kein bisschen müde

Das Netlabel laridae wurde 2004 unter anderen von Stefan Aigner aka Firnwald, Herwig Holzman aka Photophob und Bernhard Hansbauer aka Red.Chamber gegründet. Kennengelernt hat man sich in den Frühzeiten des FM4 Soundpark. Aus dem Gefühl heraus, über einiges an musikalischen Ähnlichkeiten und Überschneidungen zu verfügen, wird der Entschluss gefasst sich selbst um die Veröffentlichung der selbst produzierten Stücke zu kümmern. Heute blickt das Label auf 50 Veröffentlichungen zurück. Grund genug also, die drei Betreiber einmal zu Wort kommen zu lassen. Das Interview führte Simon Hafner.

Nach anfänglicher Fokussierung auf österreichische und deutsche Musiker werden mittlerweile Künstler rund um den Globus gefeatured. Von klassischem Ambient über Postrock, elektronischem Singer/Songwritertum, Filmmusik und knackigen IDM Beats hat laridae einiges zu bieten. Und das alles ohne beim Konsumenten Geld dafür zu verlangen!

Zehntausende Downloads pro Release und daraus resultierend ein gehöriges Maß an Aufmerksamkeit und Feedback bestätigen den Weg der Creative Commons basierten Labelpolitik. Besonderes Augenmerk wird auch auf die visuelle Erscheinung gelegt. Die immer wieder aktualisierte Webseite und liebevoll gestaltete Album Covers ergeben einen gewissen Mehrwert in der optisch manchmal etwas vernachlässigten digitalen Labelwelt.

Mittlerweile mehr als 50 Releases. Wie fühlt sich das für Euch an?

Bernhard: Es fühlt sich großartig an, vor allem weil wir auf wirklich großartige Releases zurückschauen können, und weil wir es geschafft haben, so konsequent in Ausrichtung und Releaseplanung zu bleiben. Wobei wir gerade mit diesem Jubiläum ein wenig hadern – wir sind zwar schon bei laridae058, die große 50 jedoch haben wir elegant ausgelassen, da haben wir uns ein wenig übernommen, und so naht zwar schon das 60er-Jubiläum, wir müssen das 50er aber noch nachliefern. Wir sehen es aber so: Das macht doch auch den Charme eines Netlabels aus, dass nicht immer alles supergenau und – pünktlich rauskommt.
Wir sind sehr glücklich darüber, dass es uns schon so lange gibt, und dass wir so erfolgreich sind.

Herwig: Absolut! Auch, dass wir das große Netlabel-Sterben der letzten Jahre  unbeschadet überstanden haben, macht mich persönlich recht stolz. Und das mit der 50er schaffen wir schon auch noch. Irgendwie.

Stefan: Es fühlt sich sehr gut an.  Es fühlt sich ein wenig so an, als sei das große Ding das man immer haben wollte, nebenbei eingetreten.

Wenn Ihr so zurückblickt welche Ereignisse haben Euch und Eure Herangehensweise beeinflusst oder verändert. Gab es so etwas wie Meilensteine die laridae zu dem führten was es heute ist?

Bernhard: Meilensteine waren ganz sicher die Veröffentlichungen der beiden Iambic-Alben, die uns vor so einige Fragen und Überlegungen gestellt haben – was passiert, wenn einer „unserer“ Artists zu groß wird? Wie sieht es rechtlich aus, wenn jemand gesigned wird? Auch die schier unglaubliche Anzahl an Downloads hat uns da ziemlich überrannt, aber wir haben uns drauf eingestellt und unsere Möglichkeiten evaluiert und uns dazu entschlossen, immer im Rahmen des Möglichen zu bleiben – wir würden gerne mehr für unsere Artists tun, sind aber alle drei einfach von der notwendigen Zeit her nicht dazu in der Lage.
Ansonsten sind unsere 10er-Feiern auch immer ein Anlass, zurückzublicken und unseren „roten Faden“ eventuell wiederzufinden und möglichst beizubehalten. Unsere Herangehensweise jedoch ist seit den ersten Veröffentlichungen gleich geblieben: Auf die Qualität achten, und Artwork und Gesamtaufmachung immer hohe Beachtung zu schenken.

Herwig: Und nicht zu sehr auf Hörer- oder Medien-Feedback hoffen, sondern auf die eigenen Qualitätsvorstellungen vertrauen und einfach sein Ding durchziehen.

Stefan: Werbung und Auftritt haben sich ein wenig verändert. Wir posten nicht mehr überall und andauernd. Wir haben mit der Zeit gelernt, wo Postings ihrem Zweck dienlich sind und wo nicht. Werbung in kleinen handlichen Happen und über einen längeren Zeitraum bringt im kurzlebigen Internet einfach viel mehr und wirkt nachhaltiger.Wir haben einmal den Fehler gemacht und die komplette Werbung für das letzte Iambic Album an nur einem Tag gepostet. Tja, das waren dann innerhalb von weniger Stunden 9GB Traffic. Zwar erfreulich, aber ungut wenn man plötzlich so langsam ist wie http://archive.org.

Ich würde auch sagen dass sich die Herangehensweise an die Musikproduktion im Wesentlichen schon ein wenig geändert hat. Jedenfalls bei mir. Oder besser gesagt, man überlegt sich schon im vorhinein welcher Track der Openertrack wird, und das nicht nur aus reinen Albumkonzeptgründen sondern eben auch weil der erste Track am meisten in Podcasts o.ä. verlinkt wird und so eine Sogwirkung entwickeln kann. Und zum Opener Track braucht es natürlich auch einen Teaser bei Youtube, und damit einen eigenen kleinen Twitter Teaser Texter der gut durchs Netz flutscht. All das kommt irgendwie langsam zu dem Prozess des Produzierens dazu. Crossmarketing. Im kleinen, feinen Stil.

Welche waren die für Euch wichtigsten Releases?

Bernhard: Das ist wirklich schwer zu sagen, aber die bereits erwähnten Iambic-Alben gehören sicher dazu. Aber auch die eher untypischen Alben sind uns sehr wichtig – Konsumprodukt, Angela Aux, Der Reisende mit seinem Spoken Word-Album etwa… also gerade Releases, die den laridae-Hörer und –Fan ein wenig aufschrecken, machen uns Spaß. Aber auch die Highlights – Photophob und Firnwald selbst (zwei Drittel Laridae also), Winterstrand, Beitegeuze, Winterphonic., … da gabs schon wirklich außergewöhnliche Alben. Ganz wichtig sind die bereits erwähnten Compilations – besonders Spherephorest und Sweepglade, das sind richtig große Alben geworden.

Herwig: Was mir persönlich schon auch sehr gut gefällt, ist unsere Tendenz zu Full-length-Alben. Ansonsten gibt es im Netlabel-Bereich ja hauptsächlich die klassische 4-track-EP. Da wollen wir unsere Hörer schon ein wenig mehr fordern und ihnen auch ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit abverlangen.

Wie würdet Ihr Euren „Labelsound“ beschreiben? Gibt es so etwas wie ein Vorbild als Label?

Bernhard: Das müssen Stefan und Herwig im Detail beantworten – meiner Meinung nach haben sich die wenigen Vorbilder schon in sich selbst verheddert. Ich schätze an laridae das breite Spektrum an Genres und Stilrichtungen. Da gibt’s eigentlich kaum Vergleichbares, würde ich einmal behaupten. Auf jeden Fall gibt es einen Fokus auf IDM, Electronica und Ambient.

Herwig: „Indietronic“ würd ich da noch als wunderbar dehnbaren Begriff in den Topf schmeißen. Weil neuerdings singt ja auch immer wieder mal wer auf laridae.

Stefan: IDM, Breaks, Ambient, Electronica, Triphop, Dubstepmutanten, Breakcore alles durchgemixt, auseinander gehackt und mit Hall zusammengeklebt. Alles fixt schön zusammen. Release für Release, wie ein großes DJ Mix.

Wie sieht die Aufgabenverteilung aus. Hat sich das im Laufe der Jahre auch verändert?

Bernhard: Das hat sich bisher kaum verändert – Stefan hat sozusagen das Strategische über, auch Design und Gesamtausrichtung des Labels, wie auch Signings. Herwig zeichnet wie Stefan für Covergestaltung verantwortlich, sowie Ankündigungen, Internet-Promo und ebenfalls für Signings und Releases. Ich kümmere mich um alle technischen Belange, die Programmierung der Seite, die Datenbank dahinter, und auch ein wenig um die Öffentlichkeitsarbeit.

Stefan: Ich singe den anderen immer Geburtstagsständchen. Das ist eine alte alte laridae Tradition.

Wie sieht eurer Leben abseits von Musikmachen und Labelarbeit aus.

Bernhard: Wir sind eigentlich alle drei in überraschend passenden Bereichen tätig – Herwig ist der Medienfachmann, Stefan Grafiker und ich Systemadministrator.
Alle drei sind wir also berufstätig, was die Labelarbeit einerseits wirklich abhängig von herzlich wenig Freizeit macht, andererseits aber zeigt, wie wichtig Zusammenarbeit und Aufgabenverteilung sind.

Wie steht ihr zu Creative Commons. Eine kreativpolitische Entscheidung oder Mittel zum Zweck?

Bernhard: Ich persönlich halte es für ein hervorragendes Lizenzmodell, solange sich alle Beteiligten darüber einig sind, dass das Werk wirklich Allgemeingut sein und auch bleiben soll. Leider gibt es nach wie vor wenig bis keine Rechtssicherheit, vor allem keine Möglichkeit der Sanktionierung bei Lizenzverstößen, abgesehen von den ohnehin gültigen Copyrightbestimmungen. Ein Schulterschluss mit den Verwertungsgesellschaften wäre auch notwendig, allerdings ist man da sehr schnell wieder beim Thema Geld, und da scheiden sich bekanntlich die Geister. Unter der Creative Commons Lizenz zu veröffentlichen, ist mehr als Bekenntnis zu verstehen.

Herwig: Ich würde sagen, wir sind jetzt keine Creative-Commons-Ideologen, aber das CC-Lizenzmodell hat sich wohl als das passende System für die Art und Weise herausgestellt, wie wir Musik vertreiben wollen.

Stefan: CC ist schon ordentlich Hippie. Bernhard hat schon recht. Aber noch ist CC das Beste für uns.

Inwiefern verfolgt ihr die (Creative Commons) Netlabelszene im Allgemeinen? Gibt es Kooperationen und Kommunikation mit anderen Labels?

Bernhard: Ja, wir verfolgen die Szene durchaus – leider liegt es auch in der Natur des Netlabeltums, dass man kaum dazu kommt, Kollaborationen oder Erfahrungsaustausch zu betreiben… es fehlt die notwendige Zeit! Dabei gäbe es so viel, das wir gerne mit anderen austauschen würden.

Herwig: Also ich bin momentan gar nicht am Laufenden, muss ich gestehen…

Stefan: Ja ich schreib schon rum. Da mal etwas loben, hier mal etwas meckern, denen mal wieder sagen dass ihre “id3 tags” Kacke sind. Releases cross-twittern.

Wie finanziert ihr die entstehenden Fixkosten, Servermiete, gegebenenfalls Mastering, etc.?

Bernhard: Das ist selbstfinanziert – wir haben glücklicherweise mit Silver Server in Wien einen Partner, der uns bei den Hostingkosten sehr entgegenkommt – auch der Serverkauf selbst war natürlich ein Kostenpunkt… aber das ambitionierte Kultursponsoring von Silver Server ist uns schon sehr, sehr hilfreich. Unseren Server verwende ich im Übrigen auch für mein eigenes Netlabel, Bleak, und ein serbisches Underground-Label, Dark:Scene – so ergibt sich zumindest kalkulatorisch eine Einsparung.

Wo würdet ihr laridae gern bei Releasenummer 100 sehen ?

Bernhard: Am besten noch immer dort, wo wir jetzt auch schon sind. Ehrlich, wir haben gar keine Möglichkeit, mehr zu erreichen – wir sind sehr, sehr zufrieden. Wir haben uns zu einem einzigartigen Netlabel entwickelt und wären ganz einfach schon damit froh, wenn wir drei weiterhin so gut miteinander arbeiten können und wir uns weiterhin so leidenschaftlich den Releases widmen können.

Herwig: Genau, wenn wir’s auf dem jetzigen Level bis 100 schaffen, ist das schon super.

Stefan: Firnwald – 100 Oden an die Schneehaine bei Nacht [laridae100]. Naaaa, ich denk nie weiter als 5 Releases nach vorne, das gäbe sonst auch keinen Sinn. Wenn wir 100 schaffen dann gibt’s erst mal was gscheids zum essn. STEAK !

Welche Veröffentlichungen und Aktivitäten habt ihr in der näheren Zukunft geplant?

Bernhard:
Nach wie vor offen ist die oben erwähnte 50er-Compilation… die verfolgt uns schon bis in unsere Träume, daraus wird hoffentlich noch bald was. Und viel zu schnell kommt auch schon die große 60 auf uns zu…

Herwig: Also als nächstes kommt ein neues Album von Firnwald, das ist fix. Von mir gibt’s dann  ein Remix-Album zu „Urban Dialectics“ mit ein paar Gastauftritten von bekannteren Artists. Da freu ich mich schon ziemlich drauf!s

Stefan: Nummer 60! Eine fesche Compilation. Mein kommendes Konzeptalbum „Cinder“ 59. Ach, ja und Laridae50. Da würden wir noch einen lustigen DJ suchen der uns einen eleganten und mit Effekten vollgeschütteten Best of Laridae Mix baut. Freiwillige Metzger vor.

Vielen Dank für das Interview!

http://laridae.at
http://www.myspace.com/laridaenetlabel