
Offenbar ist es in Österreich wirklich nicht selbstverständlich, dass man schon zu Lebzeiten in seinem Stellenwert erkannt und angemessen gewürdigt wird. Und vielleicht ist das sogar noch ein kleines bisschen weniger selbstverständlich, wenn man ursprünglich gar kein Österreicher ist. Obwohl man gerade als Engländer ja wiederum im Allgemeinen nicht als jemand gilt, der bei uns eingeigelten Alpenvölkchen-Ureinwohnern xenophobe Schübe auszulösen vermag. „Vorübergehend ständig“ wollte Francis Burt ursprünglich hier bleiben, als er 1956 dreißigjährig nach Wien kam. Es sei an dieser Stelle unumwunden als erfreulich bewertet, dass er viele Jahre später – da schon Ehemann, Hochschulprofessor und österreichischer Staatsbürger – das „vorübergehend“ strich und sich auf das „ständig“ einließ.
Manches von einem Engländer ist ihm freilich – durchaus sympathischerweise – geblieben: ein nobles, nicht aufdringliches Auftreten. Die Art und Weise, wie er sich im Stillen, aber mit Nachdruck für sich und noch viel mehr für andere einsetzt. Ein sehr hintergründiger Humor – selbiger jedoch selten wirklich britisch schwarzer. Natürlich: der kaum nachahmbare Akzent, „very British“ und in 55 Jahren offenbar keine Spur verwässert. Ein bisschen vermag man ihn als ein Relikt aus einer früheren Empire-Epoche anzusehen, was nun keineswegs sein sehr aktuelles Denken betrifft, aber sich doch als Bild einstellen mag, wenn man ihn des Abends mit seinem handgeschnitzten afrikanischen Spazierstock ins Konzert pilgern sieht. Afrika, das ist ein essentielles Stichwort für die Biographie des Francis Burt. Unversehens liegt darin auch ein Verweis auf das frühere spätkolonialistische britische Afrika-Engagement.
Dabei ließen die frühen Lebensjahre Burts wohl kaum erahnen, das ihn seine Wege in solche Regionen führen würden. 1926 in London als Sohn eines Arztehepaares geboren, war er als Kind krankheitsbedingt oft gezwungen, der Schule fern zu bleiben. Zuflucht fand er in dieser Zeit beim Klavier und ersten Kompositionsversuchen. Zunächst interessierte er sich vor allem für Naturwissenschaften, die er ab dem 16. Lebensjahr in der Mittelschule in Oxford studierte. 1944/45 belegte er in Cambridge noch einen Kurzkurs in Ingenieurskunst, ehe die Entscheidung, sich gänzlich der Musik zuzuwenden durch die Militärzeit Aufschub erhielt. Während des Heeresdienstes lernte er als Pionieroffizier 1946/47 in Nigeria die Kulturen der eingeborenen Afrikaner kennen, die ihn nachhaltig beeindruckten und auch seine spätere Arbeit prägten: „Ich werde nie den ersten Anblick vergessen, als das Schiff in Takoradi im heutigen Ghana anlegte, zwei Afrikaner, Hand in Hand in der Sonne sitzend – Ausdruck einer natürlichen Sinnlichkeit, die mir völlig fremd war.“ (Francis Burt: Eine Selbstdarstellung, 1990). – Anschaulich (und mit der für ihn typischen Prise Humor) vermittelt Burt auch seine Begegnungen mit afrikanischer Musik: „Ich ging nachmittags oft in den Busch spazieren. Es war Regenzeit und die Sonne war immer hinter den Wolken. Nur zu einem Zeitpunkt täglich, etwa um sechs Uhr abends, gingen die Wolken auseinander: ein Augenblick von absoluter Stille, als ob die Welt den Atem anhielte; man sah hinten im Westen schwarze Wolken, im Osten ein paar rot gefärbte Wölkchen. Da fingen die Grillen an, dann die Frösche und schließlich die Trommeln – und dann musste man sich beeilen, denn eine halbe Stunde später kam der Wolkenbruch! – Diese Trommelmusik mit den verschobenen Takten zwischen den Instrumenten, eine stark pulsierende Musik […], man vibriert, wenn man es hört. Für mich zeigte sich da die Möglichkeit einer anderen Art von Musik, die mir zusagte […]. Das machte mich offen für neue Musik, war mein Zugang dazu – über das Rhythmische, das Tänzerische also, das ja auch in meinen frühen Werken sehr stark vorhanden ist.“ (Burt, Gespräch mit dem Verfasser, 1991).
Nach London zurückgekehrt, studierte Burt an der Royal Academy of Music bei Howard (1948–51). Den damals Teile der britischen Musik dominierenden Lyrismus ablehnend, ging er nach Berlin zu Boris Blacher. Sein Opus 2, das (erste) Streichquartett, wurde 1953 in Darmstadt und 1955 beim IGNM-Fest in Baden-Baden aufgeführt. Nach einem achtmonatigen Aufenthalt in Rom und einem weiteren Jahr in London ließ er sich schließlich 1956 in Wien nieder. Hier kannte er „wenigstens einen Menschen“ (Burt): Ein freundschaftliches Verhältnis verband ihn mit dem ebenfalls früheren Blacher-Schüler Gottfried von Einem. Zudem – ein bemerkenswerter sozialer Aspekt – kam es ihm entgegen, im Nachkriegs-Wien „arm sein zu können, ohne sich dafür genieren zu müssen“.
Es entstand der oft zitierte Stehsatz, wonach er nun „vorübergehend ständig“ in Österreich zu bleiben gedachte. 1968 heiratete er die Architektin Lina Otta. 1970 erwarben sie ein Bauernhaus in der Oststeiermark, wo Burt bis heute mit Leidenschaft gerne seine Zeit verbringt. Über Jahrzehnte entstanden dort vor allem in den Sommermonaten große Teile seiner Werke. Mit der Berufung als Professor für Komposition an die Wiener Musikhochschule (1973–92) erhielt Burt die österreichische Staatsbürgerschaft. Im Rahmen seiner Tätigkeit an der Hochschule war Burt zeitweilig Leiter des Instituts für Elektroakustik und experimentelle Musik (1989–91) und machte sich dort in hohem Maß für einen Bereich stark, der in seinem eigenen Schaffen zwar ursprünglich keine prominente Rolle spielte, aber durchaus seine Einflüsse hinterließ. Neben seinen weiteren Ämtern und Ehrenfunktionen erhielt er naturgemäß auch zahlreiche Auszeichnungen, unter denen der Österreichische Würdigungspreis für Musik (1978), der Musikpreis der Stadt Wien (1981) und das Große silberne Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich (1992) die prominentesten darstellen.
Bereits 1995 war Burt einer der Hauptkomponisten bei Wien modern und erlebte dort die bisher umfassendste Darstellung seiner Arbeit. Augenfällig am Komponisten Burt sind insbesondere zwei Aspekte: der relativ geringe Umfang seines Werkkatalogs, der kaum mehr als zwei Dutzend Stücke enthält, zum anderen die Tatsache, dass ein großer Teil dieser Werke sich unter an zeitgenössischer Musik interessierten Beobachtern (zumindest der Generation 40 plus) namentlich festgesetzt hat. Auch wenn man sie (bedauerlicherweise) nie auf einer Bühne gesehen hat, „weiß man“, dass Burt die Opern Volpone und Barnstable oder Jemand auf dem Dachboden geschrieben hat. Für viele mag es sich auch noch „ausgehen“, in den frühen 1980er-Jahren das Ballett Der Golem gar an der Wiener Staatsoper erlebt zu haben. Orchesterwerke wie Jamben, Espressione Orchestrale, Fantasmagoria und Morgana tauchen sträflich selten in Konzertspielplänen und Radioprogrammen auf – ihre klingenden Titel freilich merkt man sich ebenso wie jene der beiden vokalsymphonischen Werke Unter der blanken Hacke des Monds sowie Und GOtt [sic!] der Herr sprach. Um einiges besser sieht es mit Aufführungszahlen der Ensemblestücke und Kammermusik aus – ein generelles Symptom innerhalb der aktuellen Präsentationsmöglichkeiten neuen Musikschaffens. „Man kennt“ vor allem die immer wieder angesetzten Echoes für neun Spieler und die herrlich fein ziselierte „bukolische Fantasie“ Hommage à Jean-Henri Fabre für fünf Spieler, beide uraufgeführt von Peter Burwik mit dem ensemble XX. jahrhundert (Wiener Konzerthaus bzw. Hartberg) und von diesen auch auf CD eingespielt. Ein „Muss“ bei der Annäherung an Burts Schaffen sind auch das erwähnte Streichquartett op. 2 sowie dessen jüngeres Geschwisterwerk von 1994, glücklicherweise auch auf CD nachhörbar! Aufführungen der letzten Zeit betrafen u. a. For William durch das Ensemble die reihe im November 2010 im Wiener RadioKulturhaus, eine Art „Vorarbeit“ zu Echoes, die nunmehr auch vor den gestrengen Ohren ihres Schöpfers durchaus Gefallen fand. Erneut war es nun in diesem Jahr Wien Modern, das an Francis Burt erinnerte: Am 3. November gab es im Wiener Musikverein Morgana mit dem RSO Wien unter der Leitung von Johannes Kalitzke, und am 23. November spielte das Klangforum Wien unter Emilio Pomàrico sogar eine der ganz seltenen Burt-Uraufführungen: Mohn und Gedächtnis (für Paul Celan) (2010/11), eine Verbeugung vor dem verehrten Dichter.
Was man dem Jubilar angesichts solch aktuell durchaus erfreulicher Meldungen noch wünschen kann? –Selbstverständlich vor allem Gesundheit! Allerdings ist da noch ein „kleiner“ (für einen Musikfreund nicht ganz uneigennütziger) Wunsch: Möge es Francis Burt und uns allen bald beschieden sein, eine weitere Uraufführung zu erleben: Bereits vor rund vierzig Jahren schrieb Richard Bletschacher das Libretto des lyrischen Dramas „Die Verirrungen des schönen Mahan“, und rund zwanzig Jahre lang begleiteten Kollegen und Freunde Francis Burt mit der unweigerlichen Frage: Wie geht’s der Oper? – Vor rund drei Jahren dann die von uns allen mit hörbarem Aufatmen aufgenommene Nachricht: „Die Oper ist fertig!“ – Ein Blick in den Klavierauszug bestätigt, was eigentlich keiner wirklichen Bestätigung durch einen solchen Blick bedurfte: Mahan ist ein spätes Meisterwerk eines wahren Meisters. Intendanten sollten sich nicht erst bis zum nächsten Burt-Jubiläum Zeit lassen, sich die Premiere zu sichern!
Christian Heindl
Foto Francis Burt: Universal Edition/Eric Marinitsch