
Regional verankert, international konzipiert und einer sinnlichen, ja ab und an plakativen Vermittlung Neuer Musik nicht abgeneigt: die KLANGSPUREN Schwaz, das Tiroler Festival zeitgenössischer Musik, stehen für die Vielfalt gültiger Positionen im gegenwärtigen Neue-Musik-Betrieb. Die aktuelle Ausgabe konzentriert sich vor allem auf Aspekte des zeitgenössischen Musikschaffens Spaniens, ein vielschichtiges Porträt des Komponisten und Dirigenten George Benjamin sowie neue Kooperationen mit dem Kunsthistorischen Museum Wien und dem ebenfalls in Wien beheimateten und weiblicher Kreativität geltenden Festival e_may.
Spaniens Szene Neuer Musik erlebte mit dem wirtschaftlichen Aufschwung vor der aktuellen Krise einen immensen Schub und begann sich auch dank des Engagements der österreichischen CDProduktionsfirma Kairos nachhaltig mit der europäischen Szene Neuer Musik zu vernetzen: neue Festivals und Ensembles sind entstanden, die den zahlreichen Komponisten zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten auch in Spanien selbst Sichtbarkeit und Arbeit verschafft haben. Die KLANGSPUREN Schwaz werden neben der Präsentation der Ensembles Trio Arbos, Plural und Residencias bereits etablierten Persönlichkeiten wie Mauricio Sotelo vor allem jungen Komponisten eine Plattform sein. Interpreten wie Komponisten sind dabei auch Zeugen einer hochbrisanten kulturpolitischen Situation.
Gewissermaßen vor der spanisch-kolonialen Folie kann man das neue Programm des bolivianischen Orquesta Experimental de Instrumentos Nativos unter der Leitung von Cergio Prudencio hören. Bereits 2009 bei den Klangspuren zu Gast präsentiert sich diese Formation nun mit neuen Kompositionsaufträgen. Komponisten wie Beat Furrer und der in Freiburg wirkende Mesias Meiguashca und Alejandro Cardona haben in Workshops in La Paz dieses inkaische Instrumentarium eingehend studiert und die Erfahrungen in neue Kompositionen gefasst – kultureller Dialog und Austausch einmal anders gesetzt.
Die abwechslungsreiche Verschränkung von etablierten und aufstrebenden Kreativen der österreichischen Szene Neuer Musik bestimmt auch 2011 die Programmphilosophie der KLANGSPUREN. Thomas Amann, Hannes Strobl, Christian Reimeir, Manu Delago, Thomas Eisl und Elisabeth Schimana stellen dabei einen wiederum neuen und dabei ganz eigenen Querschnitt durch das aktuelle Musikschaffen dar, das im übertragenen oder zumindest biografischen Sinne mit Tirol zu tun hat. Neben Programmen mit zwei unterschiedlichen Formationen des Klangforum Wien können wir dank einer direkten Kooperation mit dem in Wien beheimateten Festival e_may Aspekte einer bewusst auf weibliche Kreativität setzenden Arbeit präsentieren, die in ihrem experimentellen Charakter (Oboe da caccia, Stimme, Elektronik, Sprechmaschine) für das KLANGSPUREN-Publikum ein Novum darstellen.
Die Achse Wien – Tirol wird in diesem Jahr auch durch die besondere Kooperation zwischen dem Kunsthistorischen Museum Wien und dem Ensemble Phace verstärkt: die Uraufführung des kompletten fünfteiligen Tintoretto-Zyklus von Wolfram Schurig wird auf Schloss Ambras im Spanischen Saal im stimmigen Rahmen (als interessanter Kontrapunkt zur Alten Musik, die ansonsten das musikalische Geschehen auf Schloss Ambras bestimmt) einer der diesjährigen KLANGSPUREN-Höhepunkte und als Botschafter unserer Arbeit für die Neue Musik am Folgetag auch im Kunsthistorischen Museum von Wien in einem besonderen „Installationskonzert“ zu erleben sein.
Erweitert wird diese Arbeit durch eine Kooperation mit dem Institut für Musikwissenschaft der Universität Innsbruck, deren Schwerpunkt die Forschung zum Binom Bild und Musik ist; damit kommen kunsthistorische, wissenschaftliche und zeitgenössisch kreative Aspekte zueinander, die das elfenbeinerne Verständnis von Kultur weit hinter sich lassen.
Die Programmachsen der Klangspuren führen in zahlreiche geographische wie ästhetische Himmelsrichtungen; eine sollte dabei besonders hervorgehoben werden. Gemeinsam mit dem Partnerfestival Transart wird die bei den Klangspuren mittlerweile zur Tradition gewordene Pilgerwanderung auch den Brenner queren: dem wandernden Publikum wird dabei an spirituell bedeutungsvollen Positionen historischer Kirchenarchitektur ein anspruchsvolles wie abwechslungsreiches Programm Neuer Musik näher gebracht. Die musikalische Pilgerschaft der Klangspuren stößt beim Publikum alle Jahre wieder auf große Begeisterung, wird doch der konzertritualbefreite Umgang mit Neuer Musik als besonders erfrischend empfunden.

Eines sei hier vorweggenommen: die KLANGSPUREN erzwingen nichts; sie ermöglichen aber die unterschiedlichsten wie spannendsten – so glauben wir zumindest – Begegnungen mit geisteswachen wie hörsensiblen Zeitgenossen unserer Gegenwart.
Uraufführungen beim KLANGSPUREN Festival zeitgenössischer Musik 2011
1. Mauricio Sotelo neues Werk für geteiltes Orchester, Solo-Violine und Deklamator
2. Thomas Amann neues Werk für Orchester (Kompositionsbeihilfe des Landes Tirol)
3. Beat Furrer neues Werk
4. Mesias Meiguashca neues Werk
5. Alejandro Cardona Sawutanaka (Tejidos Rebeldes II)
6. Carlos Gutiérrez Quiroga neues Werk
7. Miguel Llanque neues Werk
8. Hannes Strobl / Sam Auinger
9. Manu Delago Neues Werk
10. I rene Galindo Queros neues Werk
11. Joanna Wozny neues Werk für Kontrabassblockflöte
12. Hannes Kerschbaumer neues Werk für Kontrabassblockflöte
13. Jens Joneleit neues Werk für Gitarrenquartett (gefördert von der Ernst von Siemens
14. Wolfram Schurig Tintoretto Zyklus (Uraufführung des gesamten fünfteiligen Zyklus)
15. Christian Reimeir phen-ix (Kompositionsauftrag der Stadt Innsbruck 2010)
16. Pia Palme Neues Werk für Sprechmaschine von Kempelen mikrofoniert, Live-Elektronik, Oboe
da caccia und Sprecherin
17. Electric Indigo Neues Werk für historische und heutige Synthesizer und Live-Elektronik
18. Alberto Posadas La lumiére du noir
Foto 1 © Klangspuren/Gerhard Berger
Foto 2 © Astrid Karger/Klangspuren Schwaz
Link:
Klangspuren Schwaz