
Auf die Frage warum der Jazz in Wien 2011 sich auf demselben Niveau befindet wie in den 70er Jahren, meint Mathias Rüegg, dass mit der Ausnahme vom Porgy & Bess man dort angelangt sei, wo man schon einmal war. „Es gab, bis auf ganz wenige Ausnahmen, keine gesellschaftliche Wahrnehmung, es gab keine kulturelle Wahrnehmung, es gab kein Geld für den Jazz, oder wenn dann nur minimalst. Die Kulturpolitik hat den Jazz schlicht noch nicht wahrgenommen.“ Nach seiner Meinung haben sich zudem die finanziellen Rahmenbedingungen aufgrund diverser Wirtschaftskrisen in den vergangenen Jahrzehnten, beginnend mit dem Börsencrash 1987, europaweit massiv verschlechtert. Eine jede Wirtschaftskrise zog Einsparungen mit sich, die natürlich in Folge auch einen negativen Effekt auf die österreichische Jazzszene hatten. Die immer wieder gekürzten Budgets und Förderungen sind trotz mancher Hochkonjunktur-Phasen, die es in dieser Zeit natürlich auch gegeben hat, nicht wieder erhöht worden. Die kleinen Budgets, mit denen man immer wieder Projekte oder Konzerttourneen starten hätte können, sind einfach weggefallen. Klarerweise führten diese Entwicklungen nach Rüegg auch zu einem Wandel im Denken der Musiker. „Für einen Musiker ist Jazz heutzutage zum großen Teil einfach nur noch Liebhaberei. Schlicht, weil es einfach fast nichts mehr zu holen gibt“, so der ehemalige Leiter des Vienna Art Orchestras. „Das Letzte, was ein junger Musiker damals werden wollte, war Jazzlehrer. Wir haben das gehasst. Und wir fanden es völlig absurd, wie es ein Institut für Popularmusik in Hamburg (1982 gegründet) geben hat können. Dass eine Musik, die gestern Subkultur und Underground war, plötzlich an einer Hochschule unterrichtet worden ist. Das Bewusstsein, vor allem als junger Musiker einmal zu unterrichten, war einfach nicht da. Eher noch stellte man sich vor, dies zu tun, wenn man bereits ein ganzes Leben lang gespielt hat“. Heute, meint Rüegg, ist es so, dass die Leute, kaum haben sie ihr Studium abgeschlossen, möglichst schnell unterrichten wollen. „Es ist komisch, dass Musiker, die nie wirklich unterwegs waren, die nie wirklich gespielt haben, nur unterrichten. Und wen unterrichten sie? Musiker, die in weiterer Folge wieder andere unterrichten werden. Die gesamte gesellschaftliche Situation, die ein junger Musiker heute vorfindet, ist eine mehr als schwierige. Wenn er Glück hat, bekommt er im Jahr zwei Gigs im Porgy, was schlicht einfach zu wenig ist. Man hat immer gesagt, die eigene Stadt ist nicht da, um den Musiker zu ernähren, er lebt davon, dass er auf Tournee fährt, davon, dass es internationale Begegnungen gibt“.


Dem stimmt Mathias Rüegg voll zu. „Eine internationale Präsenz kann einfach nicht mehr garantiert werden. Die aktuelle Schuldenkrise hat verdeutlicht, was eigentlich die letzten dreißig Jahre bereits Realität ist. Der ganze Jazzbereich in Europa wird eigentlich über die kommunalen Budgets finanziert. Und genau in diesem Bereich fällt das Geld aufgrund der Kürzungen weg. Es handelt sich eigentlich um ein riesiges Strukturproblem.“
Dem entgegnet Lukas Kranzelbinder, dass natürlich immer weniger Geld vorhanden ist. Das Problem seiner Meinung nach liegt aber auch darin, dass die Jazzveranstalter europaweit zum großen Teil die Marketingrevolution der letzten 15 Jahre verschlafen haben und ihre Programm immer noch so bedienen wie zu dieser Zeit. „Ich verstehe, warum sie keinen Gig mit mir machen wollen. Da erscheinen zehn Leute, aber nicht weil die Musik so schlecht ist, sondern weil sie immer noch gleich beworben wird. Da kommt jeden Monat ein Flyer raus, der liegt immer in den gleichen Lokalen usw. Das Beste wäre, wenn es überhaupt in Bezug auf die Strukturen eine Art „Reload“ oder „Restart“ geben würde.“
„So einer wäre überhaupt für den gesamten Kulturbereich interessant“ so Christoph Huber. „Das haben wir schon vor zwanzig Jahren gesagt. Wenn niemand mehr Subventionen bekommen würde in diesem Bereich, würde es der österreichischen Jazzszene perfekt gehen. Natürlich dürfte das nicht auf diese alleine begrenzt bleiben“. Mathias Rüegg bläst in das gleiche Horn und meint, dass immer noch die Meinung vorherrsche, Kultur müsse von Staat gefördert werden. „Was passiert aber, wenn der Staat die Kultur nicht mehr fördert? Die Frage ist, wenn man Kulturförderung steuerlich absetzen könnte, als Institution wie auch als Privatperson, dann wird es wieder spannend. Es gibt genügend Ärzte oder Rechtsanwälte, die das Geld mit Freude einer jungen Band geben würden, als dem Staat. Das wäre die einzige Möglichkeit, mit den weniger werdenden Subventionen umzugehen.“

Interessensgemeinschaften zu bilden, ist in einer Zeit, in der die Mittel knapper werden, notwendig. Vor allem vor dem Hintergrund, dass die Zahl der praktizierenden MusikerInnen immer größer und die Chance für den einzelnen, sichtbar zu werden, immer geringer wird.“ Wobei das alleine, nach Meinung des Experten, in Österreich noch nicht genug sein wird. Es bedarf zusätzlich einer Art Lobbying-Plattform für die heimische Jazzszene, über welche die aktuellen Fragen, wie die vorher angesprochenen, vorgebracht werden könnten. „Wenn die Jazzszene einmal in einer Willensbildung übereinkommt, kann man die Anliegen gegenüber der Kulturpolitik und der Politik generell viel nachdrücklicher vertreten“, so Felber.
Der Pianist und Mitbegründer des Vereins Freifeld Georg Vogel versucht diese Fragenbewusst auszuklammern. „Müsste ich mich damit auseinandersetzen, würde ich auf keinen grünen Zweig kommen. Ich müsste mich, mit dem Fokus auf das Geld verdienen gerichtet, verändern. Die Kunst, die ich mache, müsste eine sein, die jemandem passt.

Den Mitgliedern der Jazzwerkstatt Wien geht es sehr wohl darum, in der Gesellschaft, in der sie sich bewegen, Relevanz zu finden. Und das kann nur passieren, wenn, so Wenger, jeder einzelne Player der Szene mehr Verantwortung übernimmt. „Darüber wird bei uns laufend diskutiert. Wie schaffen wir die Strukturen, mit denen wir auch neue Publikumsschichten erreichen? Rückblickend kann man sagen, dass dies uns mit der Jazzwerkstatt auch gelungen ist. Wir konnten durch unsere Aktionen neue Leute für uns gewinnen und damit haben wir indirekt auch Zugang zu Geldern der öffentlichen Hand erhalten.“
Generell gilt es, neue Dinge erschaffen, welche die Leute wieder „auf den Nerv treffen“, ist man sich doch sehr wohl bewusst, dass man vom Publikum lebt. „Wobei wir ein Programm machen, das alles andere als modisch ausgerichtet ist. Wir versuchen zu experimentieren und unsere Kunst zu machen, natürlich mit dem Blick darauf, mit welchen Mitteln wir unsere Idee zukünftig weiterspinnen können.“ Das Ziel ist, genau jene Relevanz zu finden, die es dem Fördergeber unmöglich macht, über die Jazzwerkstatt Wien hinwegzusehen.
Michael Ternai