Das „music information center austria“ (mica) ist vielen Musikschaffenden in erster Linie als Auskunftsplattform im Internet bekannt. Hier sind Informationen zu Fragen des Urheberrechts, Förderungen, Verträge, Tonträgerproduktionen und anderes mehr zu finden. Datenbanken, aktuelle Berichte und Interviews aus allen musikalischen Genres geben Einblick in das aktuelle Schaffen der österreichischen Szene von der Popmusik über die improvisierte Musik bis hin zur Neuen Musik. Relativ neu und für viele Musikschaffende interessant dürfte die Downloadplattform ‚mica –music austria’ sein. Damit wird ein weltweiter Vertrieb von digital aufgezeichneter Musik ermöglicht. Darüber hinaus wird auf der Homepage des mica eine Suchfunktion für Kompositionen in unterschiedlichen Besetzungen angeboten. An einem Notendownload-Shop wird gearbeitet. Die MitarbeiterInnen des mica sind bemüht, die Kontakte in die Bundesländer zu intensivieren. Anlässlich eines Informationstages in Vorarlberg werden die Services des mica vorgestellt, der Shop, das Musikmagazin und die Datenbank präsentiert. Die geschäftsführende Direktorin Sabine Reiter berichtet im Interview mit Silvia Thurner über wichtige Tätigkeitsbereiche des mica und gibt abschließend eine Einschätzung zum Verhältnis zwischen dem traditionellen Konzertbetrieb und anderen Veranstaltungsformen.
Im mica werden Musikschaffende aller Sparten und Genres betreut. Wie schafft das mica den Spagat zwischen eher kommerziell ausgerichteten und experimentellen Musikformen?
Für uns sind Qualität, der künstlerische Anspruch und die Verbreitungs- und Verwertungsaussichten wichtige Faktoren, welchen Projekten wir uns hauptsächlich widmen. Wir entscheiden also nicht etwa nach eigenem Geschmack, sondern versuchen die Qualität im internationalen Vergleich zu beurteilen – experimentelle Elektronik oder Neue Musik können in ihrem Feld natürlich genauso bedeutsam sein und gute Chancen auf internationale Anerkennung haben wie Popmusik. Und natürlich legen wir ein Hauptaugenmerk auf den Nachwuchs und Nischenmusik, die sonst zu wenig Beachtung findet. Aktuell haben wir aus Anlass des Jubiläumsjahres des Internationalen Frauentags einen Frauenschwerpunkt. Unser Karriereberatungsservice steht unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ und wendet sich an alle Genres, auch im Musikmagazin schaffen wir es, eine Ausgewogenheit herzustellen.
Auslandskontakte
Die Verbreitung heimischen Musikschaffens durch Promotion im In- und Ausland ist für alle KomponistInnen egal aus welchen Genres wohl eines der vordringlichsten Interessen. Was trägt mica dazu bei, Musikproduktionen auch außerhalb Österreichs publik zu machen?
Es ist angesichts des hier herrschenden Defizits sehr wichtig, für internationale MultiplikatorInnen Informationen über österreichische Musik in englischer Sprache anzubieten. Deswegen haben wir eine englischsprachige Website mit Portraits von Musikschaffenden und Informationen über internationale Auftritte & Tourneen sowie einen englischsprachigen internationalen Newsletter. Bei einigen Festivals und Musikmessen sind wir auch persönlich vertreten und informieren direkt vor Ort über österreichische Musikschaffende. Für den Nachwuchs im Bereich Neue Musik haben wir Info-Folder produziert, derzeit ist auch eine Promotion-CD in Produktion. Beides wird international verteilt.
Gemeinsam mit dem Außenministerium organisieren wir das Projekt New Austrian Sound of Music, eine Initiative zur Nachwuchsförderung. Von genrespezifischen Juries ausgewählte Musikschaffende werden über eine Periode von zwei Jahren bevorzugt von Kulturforen und Botschaften eingeladen. Darüber hinaus sind wir auch in EU-Projekten, die sich der Mobilität von Musik und Musikschaffenden widmen, aktiv, als Beispiel wäre hier RE:NEW zu nennen, ein Projekt, das dem Austausch von Repertoire Neuer Musik unter europäischen Ensembles gewidmet war und ab 2012 eine Fortsetzung erfahren soll. 2010 wurde das European Talent Exchange Project bei der EU eingereicht, bei dem mica-music austria als Partner teilnehmen wird. Dieses Projekt ist ein Austauschprojekt im Popmusikbereich.
Die Exporttätigkeit wird mit anderen im selben Feld tätigen Organisationen abgestimmt, z.B. mit den Austrian Music Ambassadors (AMAN) oder mit den Messeorganisatoren.
iTunes & Co
Die Downloadplattform von ‚mica –music austria’ ermöglicht einen weltweiten Vertrieb von Tonträgern. So ist die österreichische Musik auch in Downloadstores, wie z.B. iTunes erhältlich. „Und das alles zu den europaweit besten Konditionen für Musikschaffende“ ist auf der mica-Homepage vermerkt. Welche Konditionen bietet das mica?
Die besten Konditionen beziehen sich auf den musicaustria webshop. Hier werden bis auf die vorgegebenen mechanischen Abgaben an die AUME und die Kosten für den Payment Provider nur 5% Bearbeitungsgebühr einbehalten und der Rest an die Rechteinhaber ausgezahlt.
mica – music austria hat für den weltweiten Vertrieb von digitaler Musik einen Kooperationsvertrag mit dem Aggregator ORDIS anzubieten. Ein Aggregator ist ein Vertrieb, der die Musik in der digitalen Welt, an die Retail Shops liefert – dabei werden über 300 Plattformen erreicht. Beim mica – music austria Modell passiert das ohne Initialkosten – d.h. die angelieferte Musik wird kostenlos digitalisiert und auch die Metadaten, das sind alle Daten die notwendig sind um Musik digital zu verkaufen, werden kontrolliert und auf den für die jeweilige Plattform notwendigen Standard angepasst.
Wie läuft das Prozedere, um über die mica-music Plattform einen Tonträger anzubieten?
Bei Interesse verschicken wir den Einstellvertrag, das Metadatenblatt und beantworten offene Fragen – sobald wir Musik, Cover, ausgefülltes Metadatenblatt und unterschriebenen Vertrag zurück bekommen stellen wir die Musik innerhalb einer Woche auf die music austria shop Plattform.
Muss man einen Tonträger, sprich CD vorlegen, um im shop präsentiert zu werden oder reicht auch das Einreichen eines Soundtracks?
Man muss keinen Tonträger vorlegen. Die Musik kann auch digital angeliefert werden und muss noch nicht erschienen sein. Ob es sich dabei um einen Soundtrack, einzelne Lieder oder Symphonien handelt, spielt dabei keine Rolle solange der Lieferant auch der Rechteinhaber der Stücke ist.
Kompositionen entdecken und Partituren downloaden
Auf der mica-Homepage ist auch eine Suchfunktion eingebaut, mit deren Hilfe Kompositionen für unterschiedlichste Besetzungen ausfindig gemacht werden können. Ist auch geplant, Partituren zum Download zur Verfügung zu stellen?
Ja, wir arbeiten derzeit an einem solchen Shop zum Notendownload. Er soll direkt mit der Musikdatenbank verbunden sein. Der Notenshop soll einen Überblick über das Schaffen der zeitgenössischen österreichischen Musik vor allem des Genres Neue Musik bieten, da hier naturgemäß am meisten Partituren produziert werden, aber auch Jazz und Pop–Partituren anzubieten, wird möglich sein.
Das mica-Team
Wie viele Mitarbeiter hat das mica und wie sind deren Aufgabengebiete verteilt?
Das mica hat derzeit inklusive Geschäftsführung 10 MitarbeiterInnen. Davon sind 4 FachreferentInnen, die ihr jeweiliges Gebiet bzw. Genre betreuen. Sie machen Beratungen, Projektmanagement, liefern Input für die Redaktion und halten Kontakt zu ihren jeweiligen Szenen. Ein Mitarbeiter ist vor allem damit beschäftigt, den im Entstehen begriffenen Noten-Downloadshop aufzubauen. Außerdem haben wir eine Mitarbeiterin, die als Native Speaker sowohl die englische Datenbank als auch das englische Musikmagazin betreut. Dann gibt es noch zwei Teilzeit-MitarbeiterInnen auf den Stellen Administration und Assistenz der Geschäftsführung.
Workshops
mica veranstaltet auch Workshops zu unterschiedlichen Themenbereichen, wie Webmarketing, Internetradio, Newsletter Software, Download- und Streamingplattformen, Webpublishing u.a. Werden derartige Veranstaltungen auch in den Bundesländern angeboten?
Ja, und wir werden das auch noch ausbauen. 2011 haben wir bereits im Februar und März Workshops in Graz und Salzburg durchgeführt und geplant, 2010 waren wir mit unseren Workshops in Graz, Innsbruck und mehrmals in Salzburg, oftmals in Kooperation mit lokalen Partnerorganisationen in den Bundesländern. Uns ist bewusst, dass es da einen großen Bedarf auch in den Bundesländern gibt.
Bundesländer
Die Bundesländerschwerpunkte auf der mica-Homepage zeigen zwar das Bemühen, den Fokus auch auf die „Periferie“ zu richten. Wie sinnvoll ist es jedoch, das kleine Musikland Österreich in einzelne Regionen aufzusplittern?
Es geht uns hier darum, zu versuchen, möglichst aufmerksam zu bleiben für Musikschaffen aus allen Regionen in diesem Land. Und es gibt in vielen Regionen ganz tolle Initiativen, die Aufmerksamkeit verdienen. Die Bundesländerkanäle haben übrigens bereits nach kurzer Zeit beeindruckende Zugriffszahlen aufzuweisen, es zeigt sich also, dass ein Interesse da ist, das Musikland Österreich auch von einem regionalen Gesichtspunkt her zu betrachten.
Clubszene, Konzertbetrieb und Festivals
Wie sehen Sie die Szene der zeitgenössischen Musik im Allgemeinen. Driftet der herkömmliche Konzertbetrieb zu Spezialfestivals, in eine Clubszene und ins Internet ab?
Eigentlich können wir im Allgemeinen kein Abdriften erkennen, es gibt im Gegenteil einen sehr reichhaltigen Konzertbetrieb. Natürlich ist alles etwas fragmentierter, die großen Festivals werden tatsächlich immer mehr, ebenso die Clubszene. Das Internet steht in keinerlei Konkurrenz zum Live-Geschäft, darüber kann man seine Konzerte auch sehr gut promoten. Die Neue Musik aber ist tatsächlich von einer solchen Bewegung betroffen, sie kommt leider immer weniger im normalen Konzertbetrieb vor – hier sollte man, auch mittels gezielter Förderpolitik, gegensteuern.
Dieses Interview ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft, Jg. 26, Nr. 2/2011 erschienen.
Factbox
mica- Präsentation
Mittwoch, 9. März, 18.00 Uhr, Wallenmahd 23/2.Stock, c/o Unart Produktion, (im Fußenegger Wirtschaftspark) 6850 Dornbirn
Internet: www.musicaustria.at
https://www.musicaustria.at/mica/aktuelles-projekte/hausnachrichten/frauen-musik-oesterreich-frauenmusik-ein-musikalisch