Interview mit marufura fufunjiru (chmafu nocords)

chmafu nocords ist ein Grazer Label, das vor gut zehn Jahren von einer Gestalt namens marufura fufunjiru (aka maru) gegründet worden ist, welche sich auch als Veranstalter des Interpenetration Festivals einen Namen gemacht hat. Sowohl bei dem Festival wie auch auf dem Label geht es um die Vielfalt verschiedenster Musiken und so konnte maru bereits Tonträger von Musikerinnen und Musikern wie Robert Lepenik (The Striggles, Fetish 69), Low Frequency Orchestra & Wolfgang Mitterer, Elisabeth Schimana, Kajkyt (Slobodan Kajkut), code inconnu, kauders und Automassage veröffentlichen – viele davon in handgemachten, zierlichen Verpackungen.

In Zusammenarbeit mit dem Magazin freiStil sind bereits zwei Sampler erschienen – die so genannten „Damn!-Samplerinnen“ –, auf denen ausschließlich Musikerinnen zu hören sind, darunter Carla Kihlstedt, Susanna Gartmayer, Cherry Sunkist und Ute Völker.

Auf chmafu nocords ist musikalisch alles möglich: von elektronischem Gefiepse bis zur wuchtigen Rockmesse, von noisigen Detailkompositionen zu gewagten Klangexperimenten und freier Improvisation. Als einzige Konstante dient die ausgesuchte Qualität und so wird man von Veröffentlichung zu Veröffentlichung herausgefordert – oder, wie maru im Gespräch mit Clemens Marschall zwinkernd meint – „verwirrt“:

Kannst du dich bitte kurz vorstellen, bevor wir überhaupt über dein Label reden, weil du ja sonst auch recht umtriebig bist, Stichwort Konzerte und Festivals veranstalten, DJ-Tätigkeit, …?

marufura fufunjiru: Ja, also meine Name ist marufura fufunjiru und ich veranstalte die Konzertreihe Interpenetration – die früher Mittwochs Exakt und davor Sonntags Abstrakt hieß – und das Interpenetration Festival – alles in Graz. Von DJ-Tätigkeit kann man nicht unbedingt sprechen. Falls du das Interpenetration DJ-Team meinst – da bin ich selten aktiv dabei, das ist eher eine lose Verbindung von in erster Linie Musikerinnen, die einfach gerne auflegen. Also DJ bin ich keiner, wenn schon, dann eher ein „Musikvorspieler“. Und früher hab ich auch selbst Musik gemacht, elektronische, experimentelle Musik. Dafür ist jetzt aber kaum mehr Zeit.

Du stellst dich stets als „marufura fufunjiru“ vor und wirst gemeinhin „maru“ genannt – ist das dein echter oder ein Künstlername?

marufura fufunjiru: Das ist mein echter Name. Ich hab aber auch einen offiziellen Dokumentennamen oder, wie die Rapper sagen würden, einen Sklavennamen. marufura fufunjiru ist übrigens nicht, wie viele fälschlicherweise glauben, japanisch, sondern venusianisch.

Hola, du bist also vom Planet Venus?

marufura fufunjiru: Ja, auf jeden Fall bin ich kein Japaner. Was sich beweisen lässt. Ich lern nämlich gerade Japanisch. [lacht] Aber ich bin von japanischer Kultur und Ästhetik ziemlich stark beeinflusst. Was man, glaub ich, auch in meinen grafischen Arbeiten merkt. Für chmafu und Interpenetration mach ich ja auch das ganze Web- und Flyerdesign. Und auch viele der chmafu-Covers sind von mir.

OK, Stichwort chmafu nocords, bitte von Anfang an: Kannst du eine kurze Labelgeschichte erzählen und sagen, ob es einen bestimmten Grund für die Gründung gegeben hat?

marufura fufunjiru: Wie gesagt, hab ich damals – das war 2001 – selbst Musik gemacht und dann irgendwann so ein Kleinlabel eines Amerikaners gefunden, der dort zu 90% seine eigene Musik veröffentlicht hat. Da hab ich mir gedacht: „Das mach ich auch!“ Hat nach viel Spaß und ein bisserl Romantik geklungen für mich damals – selbst CDs basteln, schräge Covers entwerfen und vielleicht hie und da eine verkaufen. Ich hab dann aber schnell verstanden, dass so ein maru-verkauft-maru-Label nicht funktionieren wird und komplett sinnlos ist. Also hab ich begonnen, andere zu fragen, ob sie dabei sein wollen. Das war zuerst in Graz – da ist dann auch gleich der erste Release, ein Sampler mit Grazer off-szene-Musikerinnen, gescheitert… und dann hat’s mich in die weite Welt getrieben. Nicht physisch – ich bin kein großer Reisender – sondern über’s Internet hab ich viele, viele Leute kennen gelernt, die auch ähnliche Musik wie ich gemacht haben und teilweise auch eigene kleine Labels betrieben haben.

Wer war da so dabei?

marufura fufunjiru: Das waren Leute wie Toni Dimitrov von acidfake aus Mazedonien, urkuma aus Italien, PYo. aus Frankreich, SEB… aus Peru, Adamisgod aus Kanada und Zusammenhangslos aus Brasilien. Das waren irgendwie dann Labelmitbegründer und die haben auch alle bei mir veröffentlicht. Also fast alle. Das kann man als erste Phase sehen. Viel chatten, viel Musikaustauschen. Einige hab ich dann später bei meinen Veranstaltungen kennen gelernt, damals war’s aber nur über’s Netz.

Irgendwann haben dann die Grazer chmafu entdeckt. Das hat begonnen mit einer Remix-CD meiner eigenen Musik und ich hab auch immer wieder Sampler zu bestimmten Themen gemacht, wo dann internationale Musikerinnen dabei waren, aber auch Grazer. Es gab da zum Beispiel einen Sampler, „Poetry And Chaos“, wo ich zuerst Leute gebeten habe, den ersten oder letzten Satz ihres Lieblingsbuches zu lesen, aufzunehmen und online zu stellen – das war dann das Ausgangsmaterial für die Musik, und zwar ausschließlich. Das war natürlich noch viel Elektronisches, aber dann gab’s Bands wie code inconnu oder Automassage, die auf chmafu veröffentlicht haben. Und Laleloo und Robert Lepenik. Das kann man als zweite Phase verstehen, wo dann ein bisserl mehr Rockmusik da war.

Das Zentrum ist für mich aber immer die experimentelle Musik gewesen, nicht unbedingt elektronische, aber experimentelle Musik. Und da bin ich in letzter Zeit sehr glücklich, dass ich die Möglichkeit bekam, Sachen von Low Frequency Orchestra, Elisabeth Schimana, Katharina Klement oder Manon-Liu Winter zu veröffentlichen.

Lass uns den Namen deines Labels aufklären. chmafu steht für Schmafu, ist das richtig?

marufura fufunjiru: Ja, schreibt man das so? [lacht] Ich glaub, das schreibt man eigentlich gar nicht… Aber ja, das „österreichische“ Schmafu. Mir ist ja Humor schon sehr wichtig. Und ich fand es nett, meine Sachen als „Schmafu“ zu bezeichnen. Außerdem stecken da die Anfangsbuchstaben meines Namens drinnen, MArufura FUfunjiru. Wofür das CH steht, überlasse ich den anderen.

Und nocords als Gegenstück zu records – warum das?

marufura fufunjiru: Es ist nicht wirklich ein Gegenstück, sondern eher eine Verbindung. Eine Verbindung der Worte „records“, „no chords“ und „no cord“. „Records“ wie es eben viele Labels im Namen haben, „no chords“ als Hinweis auf die experimentelle Musik und „no cords“ als augenzwinkernder Hinweis darauf, dass es elektronische Musik ist, was ja mittlerweile nicht mehr wirklich stimmt, damals aber schon.

Obwohl „nocords“ – oder vielleicht gerade deshalb – sind ja die Tonträger immer recht exquisit aufgemacht. Hat es schon mal eine Aufmachung gegeben, die in der Theorie extrem gut funktioniert hat, aber wo du dir dann in den Arsch gebissen hast, weil’s in der Ausführung zu mühsam war?

marufura fufunjiru: [lacht] Ja, ich hab einmal eine limitierte Edition einer meiner CDs gemacht, wo ich aus einem DIN-A4-Papier ein Cover gefaltet habe. Mit fein ausgeschnittenen Teilen, durch die man die Nummer der CD sehen konnte und die die CD festhielten. Das war so viel Arbeit, dass ich es nicht einmal geschafft habe, die 16 Stück, auf die die CD limitiert war, fertig zu basteln. War aber extrem schön. Ein Exemplar hab ich noch…

Aber auch insgesamt hat es sich nach ein paar Jahren herausgestellt, dass es nicht machbar – oder sagen wir besser: viel zu lästig ist, die Covers selbst zu basteln. Das geht, wenn die CD gerade neu ist und man euphorisch die ersten 50 Stück bastelt. Wenn die dann aber weg sind und man neue basteln muss, dann ist das gar nicht mehr lustig, vor allem, weil das dann ja nicht nur für eine, sondern für 20 CDs notwendig war. Deshalb lasse ich die Covers jetzt entweder produzieren oder limitiere gleich auf eine Stückzahl, die sich beim ersten Mal erbasteln lässt.

Wie war die Zusammenstellung vom freiStil-Sampler, wo ja auch einige hochkarätige Musikerinnen vertreten sind?

marufura fufunjiru: Auf den freiStil-Samplern ist Musik von den Komponistinnen und Musikerinnen vertreten, die in der freiStil-Reihe „Hall of Femmes“, früher „Beschreiblich Weiblich“, vorgestellt wurden. Kann man also als Hörbeispiele dazu verstehen.

Wie du gerade angesprochen hast, ist das ja eine Kooperation mit dem Magazin freiStil. Arbeitest du mit freiStil sonst auch zusammen?

marufura fufunjiru: Wir arbeiten gerade am dritten Damn!-Sampler. Sonst arbeiten wir, in diesem Sinne, nicht zusammen. freiStil schreibt aber regelmäßig über meine Festivals und rezensiert unsere CDs. Und ich schreib immer wieder einmal einen Artikel für freiStil. Meist eh in der Reihe „Hall of Femmes“.

Manche deiner Veröffentlichungen sind jetzt nicht unbedingt leichte Kost. Man muss sich wirklich darauf einlassen. Forderst du gern die Hörer heraus oder siehst du das gar nicht als Herausforderung, weil du musikalisch schon so geeicht bis?

marufura fufunjiru: Hm… ich glaub, ich denk nicht so. Ich denk nicht darüber nach, wie die Sachen bei den Hörern aufgenommen werden. Ich veröffentliche Musik, die ich interessant und wichtig finde.
Wobei es mir dann schon gut gefällt, wenn ich, wie zum Beispiel zuletzt beim Release von Katharina Klement, in Reviews lese, wie verwirrend die Musik ist, die ich veröffentliche. Verwirrung ist gut. Und wichtig für die Welt.

Wie geht dein Kundenstamm mit der gewollten Verwirrung um: wächst der oder bleibt der konstant gleich?

marufura fufunjiru: Ich hab nicht das Gefühl, dass man bei chmafu wirklich von einem KundenSTAMM sprechen kann. chmafu bedient ja nicht, so wie viele Labels, eine spezielle Interessensgruppe, die dann blind alles von dem Label kaufen kann, sondern ist wesentlich bunter und vielseitiger. Ich glaub, dass unsere Kunden von CD zu CD völlig andere sein können. Das ist etwas, das mir auch beim Veranstalten wichtig ist – die Vielfalt. Es ist mir aber auch klar, dass das eine Schwäche des Labels ist, weil die Menschen lieber bedient werden als selbst auszusuchen und zu entscheiden. Ich seh’s aber eindeutig als Stärke – wie gesagt, Verwirrung ist gut. [lacht]

OK. Letzte Frage: Womit wirst du die chmafu-Kunden als nächstes verwirren?

marufura fufunjiru: Die nächste geplante Veröffentlichung ist ein online- und CD-Release von Manon-Liu Winter. Damit werden wir auch insgesamt beginnen, Musik online anzubieten. Das ist nicht nur eine Reaktion auf die derzeitige Lage, wo Menschen entweder Vinyl oder Downloads haben wollen und CDs ziemlich verweigert werden, sondern auch eine Möglichkeit, die alten Veröffentlichungen, für die wir die Covers einfach nicht mehr schaffen zu basteln, wieder anzubieten. Dann ist eine, ich sag einmal, Literatur-CD mit Katharina Klement geplant, die wir in Zusammenarbeit veröffentlichen wollen. Es geht dabei um den Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, gelesen von zwei Schauspielerinnen und mit Musik von Katharina Klement.

Außerdem haben wir… Ich sag immer „wir“, dabei ist chmafu mehr oder weniger ein Ein-Mensch-Betrieb! [lacht] Wir haben auf jeden Fall gerade begonnen mit One Man Nation über eine Veröffentlichung zu reden. Der, nein, die verwirrt auch auf mehreren Ebenen.
Was mir sonst noch am Herzen liegt für die Zukunft, wäre eine Veröffentlichung von Gravida. Das ist ein italienisch-amerikanisches Experimentaltrio, das schon bei Interpenetration zu hören war und das ich sehr, sehr großartig finde – und verwirrend. [lacht]

 

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