ALEXA LOPEZ ist vieles gleichzeitig: vier Sprachen, zwei Kontinente, ein lila Faden und eine ganz klare Vision. Sie spricht so schnell, wie sie denkt, wechselt mühelos zwischen Wien und Mexiko, zwischen R’n’B und Neo-Folk, zwischen Inner Child und Königin der Dunkelheit. Und man merkt schnell: Hier passiert nichts zufällig. Mit „Reina“ (VÖ: 20.02.2026) hat sie gerade ihre bisher vielleicht programmatischste Single veröffentlicht: ein düster-mystisches Statement zwischen katholischer Ikonografie, Latin-Folklore und elektronischem Beat. Es ist der Auftakt zu einem größeren Ganzen: Im Herbst soll ihr erstes Album erscheinen, das ihre englischsprachigen Pop-Wurzeln mit spanischen Texten, kultureller Herkunft und einer neuen, radikal autonomen Ästhetik zusammenführt. Im Gespräch mit Ania Gleich erzählt ALEXA LOPEZ von künstlerischer Selbstermächtigung, von Hyper-Obsessionen im Studio, von La Llorona und Post-Patriarchat, von Zugehörigkeit zwischen Wien und Madrid und davon, warum sie Musik nicht für ein Publikum macht, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus.
Du hast ja schon extrem viel gemacht: direkt aus der Schule raus, Musik, große Videos, alles ziemlich schnell. Wie kam das?
Alexa Lopez: Ich habe meine erste Single mit 16 aufgenommen und mit 17 veröffentlicht – gemeinsam mit Matteo Orenda, einem großartigen Produzenten aus Wien. Ich hatte echt Glück. Immer wenn ich ihn bei irgendwelchen Events sehe, sage ich ihm, wie dankbar ich bin, dass ich mit ihm angefangen habe. Er hat mir unglaublich viel Raum und Verständnis gegeben und meine Vision sehr klar umgesetzt. Ich wusste schon früh, was ich will, auch musikalisch. Ich habe die Songs im Kopf gehört, hatte nur damals noch nicht die technischen Möglichkeiten, das selbst umzusetzen. Und irgendwann dachte ich mir: Okay, dann lerne ich das jetzt eben, damit ich endlich selbst produzieren kann. Damit ich meine Vision direkt umsetzen kann, ohne eine dritte Person im Raum. Seit etwa zweieinhalb Jahren produziere ich alles selbst.
Wie hast du dir das Produzieren beigebracht?
Alexa Lopez: Learning by doing. Ich arbeite da sehr intuitiv und praktisch. Und ich habe diese Hyper-Obsession-Phasen, in denen ich mich komplett in etwas verbeiße: dann setze ich mir etwas in den Kopf und ziehe das dann monatelang durch. Das war bei Musikvideos genauso wie bei Instagram-Snippets oder Visualizern. Ich habe immer ein sehr klares Bild im Kopf. Es ist mir extrem wichtig, dass meine Kunst von mir aus gedacht ist. Gerade als Frau. Gerade als Minority. Diese künstlerische Autonomie war für mich nie verhandelbar. Warum sollte ich jemanden an Bord holen, wenn ich dadurch weniger Freiheit habe?
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Du bist in einem sehr musikalischen, internationalen Umfeld aufgewachsen. Was hat das mit dir gemacht?
Alexa Lopez: Ich komme aus einem sehr dynamischen, komplexen Haushalt! Meine Mama ist halb Ungarin, halb Slowakin. Mein Vater ist Mexikaner. Sie haben sich hier an der Uni kennengelernt und waren beide Musiker. Mir war deshalb früh klar, dass ich Musik machen will. Ich habe mich nur lange nicht getraut, das auszusprechen. Zu sagen: Ich ziehe das jetzt wirklich durch. Aber wenn man weiß, wo man hingehört, ist es irgendwann unausweichlich, dass man da hineinwächst. Ich war ab 14 Leadsängerin in meiner Schulband, fünf Jahre lang. Wir haben vor 300 Leuten gespielt. Ich habe mich komplett angeschissen, aber ich habe es gemacht. Und all das fließt in meine Persönlichkeit ein. Heute weiß ich: Ich weiß, was ich mache. Ich weiß, wer ich bin. Wem es gefällt – super, steigt mit ein. Wem nicht – bye bye.
„ICH SAGE IMMER, ICH HABE VIER PERSÖNLICHKEITEN, WEIL ICH VIER SPRACHEN SPRECHE”
Warum ist Lila so präsent bei dir?
Alexa Lopez: Purple looks good in everything, oder? Aber für mich ist es mehr. Lila ist die Mischung aus der kältesten und der wärmsten Farbe: Blau und Rot. Und genau das ist meine Musik. Ein Ort des Trosts und gleichzeitig ein Ort der Herausforderung. Ich will, dass Leute sich verstanden fühlen. Aber ich will auch Normen hinterfragen. Ein Song wie „Hold Me (Tonight)“ ist extrem explizit, sehr direkt, sehr sexy. Und gleichzeitig gibt es diese andere Seite von mir. Mir hat einmal jemand gesagt, meine Stimme sei weder warm noch kalt und ich fand das wunderschön.
Deine Stimme klingt auch in jeder Sprache anders.
Alexa Lopez: Ja, total. Ich sage immer, ich habe vier Persönlichkeiten, weil ich vier Sprachen spreche. Meine Eltern haben das super gemacht: Slowakisch mit den Großeltern, Spanisch zu Hause, Deutsch erst im Kindergarten und in der Schule. Und jede Sprache bringt einen eigenen kulturellen Kontext mit. Wenn ich einen Salsa-Song singe, höre ich andere Referenzen, setze die Phonetik anders um. Sprache verändert alles.
Wer sind deine wichtigsten musikalischen Referenzen?
Alexa Lopez: Nathy Peluso: cannot stress this enough. Silvana Estrada, sehr Singer-Songwriter-mäßig, folkig aus Mexiko. Mon Laferte: eine unglaubliche Stimme, viel Latin Jazz, aber auch andere Einflüsse. Natalia Lafourcade: eine der größten mexikanischen Pop-Künstlerinnen. Und Milo J – der einzige Mann gerade. Ich liebe sein Songwriting und sein Gesamtprojekt. Er kommt aus Argentinien, hat früher Trap gemacht und bewegt sich jetzt in Richtung Neo-Folk. Viele junge Latinos ehren gerade ihre Roots – das finde ich wunderschön.
Spanisch erlebt gerade auch im deutschsprachigen Raum einen Boom, oder wie erlebst du das?
Alexa Lopez: Total. Es gibt endlich Platz für alternative Stimmen. Klar, Bad Bunny läuft seit Jahren überall, aber es ist trotzdem spannend, wie viele ihn immer noch nicht kennen, obwohl er mehrfach der meistgestreamte Artist weltweit war. Und jetzt gibt es auch hier in Österreich Raum für Künstlerinnen wie Tamara Flores. Das ist wichtig. Ich liebe es, wenn ich mit Freund:innen reden kann, die zumindest ein bisschen Spanisch verstehen. Dann streue ich einfach ein paar Sätze ein und sie verstehen es. Es ist einfach eine unglaublich schöne Sprache – besonders in der Musik.
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Wie hängt deine sprachliche Entwicklung mit deiner persönlichen Geschichte zusammen?
Alexa Lopez: Ich habe zuerst alles auf Englisch gemacht. Meine erste Single mit 16 war auf Englisch, die nächsten auch. Auf meiner ersten EP war dann ein spanischer Vers drin, aber der Rest war noch Englisch. Das ging Hand in Hand mit meiner persönlichen Entwicklung. Mit meiner Wiederannäherung an meine Wurzeln. Ich habe eine eher schwierige Familiengeschichte und hatte nicht wirklich unmittelbaren Kontakt zu meinem Vater oder zu meiner Familie in Mexiko. Nach der Scheidung meiner Eltern wurde mir das ein Stück weit entzogen. Ich bin mit meiner Mama groß geworden. Und meine Mama ist eigentlich extrem Latina, obwohl sie slawisch ist. Als sie meinen Vater kennengelernt hat, hat sie sich in die lateinamerikanische Kultur verliebt. Meine Eltern hatten hier in Wien ein mexikanisches Restaurant, „Tacos Lopez“. Dort gab es jeden Donnerstag Live-Musik – ganz traditionell, mit Sombreros, Trompeten und Mariachi. Meine Mama war die Sängerin und hat dabei gleichzeitig Spanisch gelernt. Heute würde in einem Latino-Space niemand denken, dass sie nicht Latina ist. Sie spricht sechs Sprachen, hat diesen Humor, diese Energie. Aber sie hat nie in Lateinamerika gelebt. Mein Vater ist mit 18 nach Österreich gekommen und hat hier eine sehr österreichische Mentalität angenommen. Das heißt: Ich war immer irgendwo dazwischen.
Und trotzdem war da dieser Zugang zur Kultur?
Alexa Lopez: Ja. Mit 16 habe ich einen Kolumbianer kennengelernt, mich verliebt: alles sehr dramatisch, very typical Latine. Seitdem war ich fast sieben Jahre lang mehr oder weniger durchgehend mit Latinos zusammen. Mein letzter Freund war aus Venezuela. Durch diese Beziehungen hatte ich einen sehr direkten Zugang zur Kultur. Dafür bin ich extrem dankbar. Ich habe auch in Madrid gelebt – Erasmus während meines Studiums in Gesangspädagogik. Das war das erste Mal, dass ich wirklich in einem hispanischen Land war. Und ich habe mich dort sofort zuhause gefühlt. So wie hier nie. Ich sehe halt nicht aus wie eine „typische“ Österreicherin. Die erste Frage ist immer: „Woher kommst du eigentlich?“ Und irgendwann merkt man, dass man nie ganz dazugehört. Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Mehr Österreich habe ich kulturell eigentlich nicht. Und trotzdem bin ich extrem dankbar, dass meine Eltern dieses Land gewählt haben. Ich würde mich niemals beschweren. Aber Zugehörigkeit ist noch einmal etwas anderes.
In Madrid hast du dann angefangen, intensiv auf Spanisch zu schreiben?
Alexa Lopez: Ja, extrem. Die ganze Zeit. Ich habe dort eine kleine DIY-EP gemacht, drei Songs, meine erste eigene Produktion. Viel nur Stimme, Vocal Percussion, A-cappella, ein bisschen Gitarre – ich hatte ja nicht viel dort. Als ich zurückkam, war klar: I don’t wanna lose this. Es gibt keinen Weg für mich, mich vollständig zu fühlen ohne diesen Teil. Und wenn irgendwo Platz dafür ist, dann in meiner Musik. In Österreich bekomme ich diesen lateinamerikanischen Flair nicht im Alltag. Es gibt Räume, ja, aber es ist nicht dasselbe wie dort.
Und jetzt gibt es plötzlich eine größere Bühne dafür.
Alexa Lopez: Genau. Und ich habe schon auf Spanisch geschrieben, bevor es trendy war. Nicht wegen der Super-Bowl-Halftime-Show oder weil es gerade cool ist. Jetzt, wo es diesen Moment gibt, in dem unsere Kultur weltweit repräsentiert wird, finde ich das einfach schön. Dass Leute merken: Oh, wir existieren ja. Es ist nicht so, dass ich jetzt erst damit anfange. Aber jetzt kann man mich vielleicht sehen. Und ja, es fühlt sich ein bisschen wie eine Welle an.
Du bist mit deinen Produktionen mittendrin in diesem bilingualen, fast „Stream-of-Consciousness“-Moment.
Alexa Lopez: Oh mein Gott, total. Das habe ich noch niemandem so gesagt. Als ich „Reina“ fertig gemacht habe, ist mir aufgefallen, wie ähnlich das zeitgleich zu Rosalías neuem Album passiert ist. Ich habe den Song schon ein Jahr vorher begonnen. Da ist Oper drin, spanische Parts, dieser Mix aus Klassik und einem progressiven House-Beat. Und dann bringt Rosalía dieses Album raus – größtenteils auf Spanisch, mit Opernelementen, genau dieser Hybrid aus Tradition und Moderne. Ich war nur so: That’s crazy. Es liegt einfach in der Luft. Manche Dinge passieren parallel, ohne dass man voneinander weiß.
„ICH GLAUBE, GEGENTEILE ENTSTEHEN IMMER GEMEINSAM”
Aber wie ist es zu „Reina“ gekommen? Was ist die Backstory?
Alexa Lopez: Ich fühle mich noch wie ein Baby, was Musikproduktion angeht. Ich bin noch nicht da, wo ich gern wäre – im Vergleich zu meinen anderen Instrumenten oder zum Songwriting. Deswegen steckt da gerade die meiste Zeit und Energie drin. „Reina“ hat – wie auch „Hold Me Tonight“ und „Crush“ – als Produktionsübung begonnen. Manchmal habe ich diese Momente, wenn ich neue Musik höre: Da springt etwas in mir an, wie ein Funken. Und ich denke: Ich will genau das ausprobieren. Ich will versuchen, das zu produzieren und schauen, wo es mich hinführt. Klanglich, atmosphärisch, alles. Ich habe ein Album von Judeline gehört – eine großartige Referenz aus Andalusien, mit vielen Flamenco-Elementen. Ich würde sie nicht „die neue Rosalía“ nennen, ich mag solche Vergleiche nicht, aber vom Vibe her, gerade was Flamenco betrifft, geht es in eine ähnliche Richtung. Auf dem Album gibt es den Track „Mangata“. Der hat diesen progressiven House-Beat und dazu ein komplett durchinszeniertes, mystisches Video – mit Anspielungen auf die katholische Kirche, sehr kontrovers, sehr düster: Schatten, Gothic, fast ätherisch. Das ist bis heute mein Lieblingssong auf dem Album, weil er so präzise gebaut ist. Nicht minimalistisch, aber genau richtig – nicht zu viel, nicht zu wenig. Er transportiert exakt das, was er transportieren will. Und ich dachte: Okay, das will ich ausprobieren. Dann habe ich mich an Logic gesetzt und überlegt, wie ich das umsetzen kann.

Und der Text?
Alexa Lopez: Texte schreibe ich wie Tagebuch. Wenn mir etwas einfällt, schreibe ich es irgendwo auf. Ich war damals in einer sehr emotionalen Phase, als ich aus Madrid zurückgekommen bin. Ich habe keine Wohnung gefunden, die in meiner Preisklasse war, meine Mama und ich haben uns gestritten und dann habe ich mit meinem Ex-Freund zwei Monate in seinem Acht-Quadratmeter-ADHS-Schlafzimmer zusammengelebt. Es war wirklich keine gute Zeit. Ich habe in dieser Phase extrem viel geschrieben. Und auch danach, als wir den Kontakt komplett abgebrochen haben. Ich wusste sonst nicht, wie ich damit umgehen soll. Es war oft so: Tagsüber funktionierst du. Und nachts kommt plötzlich diese Leere und alles bricht auf. Ich hatte irgendwo einen Text liegen und dachte: Okay, setzen wir das zusammen. Und daraus ist der Song entstanden.
Dieses Gothic-Ethereal ist ja auch das Gegenteil vom Latin-Klischee. Ist das eine bewusste Gegenbewegung?
Alexa Lopez: Ich glaube, Gegenteile entstehen immer gemeinsam. Wenn man sich den Zustand der Welt gerade anschaut, ist ja auch alles ziemlich düster. Und trotzdem, oder vielleicht genau deswegen, sind im letzten Jahr so viele außergewöhnliche Alben und so viel starke Kunst entstanden. Das hängt zusammen. Dazu kommt der katholische Kontext in Lateinamerika. Die Kirche spielt dort historisch und kulturell eine riesige Rolle. Durch die Conquista wurden indigene Völker ihrer eigenen Religion beraubt. Psychologisch ergibt es Sinn, dass Menschen, denen viel genommen wurde, Halt in etwas suchen. In Lateinamerika ist das oft der katholische Glaube. Es ist total üblich, überall den Satz „Que Dios me lo bendiga.“ zu hören – „Gott segne dich“. Das ist ganz alltäglich. Aber die neue Generation hinterfragt das stärker: Institutionen, Religion, Machtstrukturen. Und in einer Welt, die sich permanent am Abgrund anfühlt, bekommt Glaube eine andere Form. Das heißt nicht, dass man Religion komplett ablehnt. Aber man schaut genauer hin. Und da kommt dieser Twist rein: Es ist nicht nur Licht, Heiligkeit und Amen. Es kann auch dunkel sein. Und genau diese Ambivalenz visuell und ästhetisch umzusetzen, ergibt für mich total Sinn.
Was bedeutet das für dich, so etwas in Wien zu verorten – dieses lateinamerikanische Lebensgefühl, aber auch die Dunkelheit? Was ist deine intrinsische Motivation, das hier zu machen?
Alexa Lopez: Gute Frage. Ich glaube, es hat viel damit zu tun, dass ich eben hier bin. Ich suche das hier wahrscheinlich auch deshalb so stark, weil ich im Alltag nicht viel davon habe. Und ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum ich gerade diese Musik mache. Würde ich woanders leben, würde ich wahrscheinlich nicht dasselbe machen. Das hängt alles zusammen. Es gibt hier einen Mangel daran und gleichzeitig habe ich immer noch einen Fuß in dieser hispanischen und lateinamerikanischen Welt. Sei das über Social Media, über Freundschaften oder über Menschen in meinem Umfeld. Und daraus entsteht diese Zerrissenheit. Diese Notwendigkeit, mich irgendwie vollständiger zu machen. Beide Teile zusammenzubringen: Ich bin hier, ich habe davon hier nicht so viel – und trotzdem ist es ein riesiger Teil von mir. Es geht mir weniger darum, der Welt etwas Bestimmtes geben zu wollen. Natürlich entsteht daraus auch ein Angebot. Aber ich denke nicht: Was brauchen die Leute? Ich mache das, was ich selbst brauche. So verstehe ich Kunst. Und es ist ein großer Mehrwert, wenn andere das auch fühlen. Aber ich mache es nicht für sie.
„MICH FASZINIEREN KÜNSTLER:INNEN, DIE IN DER MITTE LEBEN”
Du hast bisher vor allem Singles veröffentlicht. Wenn wir die kleine EP mal ausklammern – wie hängen deine Songs zusammen? Und wie denkst du das in Richtung Album?
Alexa Lopez: Wenn wir über die Songs vom letzten Jahr sprechen, war das für mich eine extrem experimentelle Phase. Einfach verschiedene Sounds ausprobieren und schauen, was passiert. Wie fühlt es sich an? Wie wird es wahrgenommen? Produktionstechnisch war das auch eine Reise. Am Anfang habe ich viel akustisch produziert und aufgenommen, dann langsam mit Beats, MIDI und elektronischen Elementen gearbeitet. Ursprünglich habe ich nur englischsprachige Musik gemacht – sehr sauber ausproduziert, gemeinsam mit Matteo. Pop, Soul, R’n’B – damit bin ich aufgewachsen. Das ist ein riesiger Teil von mir. Dann bin ich nach Madrid gezogen und plötzlich hat sich ein neuer Raum geöffnet. Dieses andere in mir, das immer schon war, aber sich nie wirklich in meiner Musik gezeigt hat. Ich habe fast nur noch auf Spanisch geschrieben, viel Latin, viel Singer-Songwriter, Folk, reduzierte Instrumentierung. Anfang letzten Jahres – mit „Invocablemente Cerca“ und „Perderte“ – war ich komplett auf dieser Seite. Nur Latin-Referenzen, nur diese Welt. Und mit „Hold Me Tonight“ und „Crush“ begann dann langsam die Verschmelzung. Das Album wird genau das sein: diese beiden Welten wirklich zusammenbringen. Mit der Hoffnung, meine Identität nicht nur emotional, sondern auch klanglich zu vereinen.
Also nicht entweder–oder, sondern beides gleichzeitig.
Alexa Lopez: Genau. Ich finde es völlig in Ordnung, mehrere Seiten zu haben. Das wird sich nie ändern. Aber ich finde es stark, wenn man von außen sehen kann, dass all das aus derselben Person kommt. Mich faszinieren Künstler:innen, die in der Mitte leben. Die moderne Beats mit uralten, traditionellen Elementen verbinden. Die Gegensätze nicht glätten, sondern nebeneinander stehen lassen. Das ist meine Hoffnung mit diesem Projekt: Dass ich diese Gegensätze, die ich in mir trage, vollständig zeigen kann.
Und wenn wir konkret ans Album denken – gibt es ein Konzept?
Alexa Lopez: Ich liebe Konzepte. Aber ich muss aufpassen, dass ich mich nicht zu sehr einschränke. Manchmal kann das sehr limitierend sein. Meine erste EP war komplett konzeptionell aufgebaut – jeder Song hatte eine Farbe, eine Emotion, ein eigenes Video. Es ging um eine Trennung und die fünf Trauerphasen. Ein sehr klarer Rahmen.
In den letzten Jahren habe ich aber gelernt, romantische Beziehungen nicht mehr ins Zentrum meines Lebens zu stellen. Ich war sehr lange in Beziehungen und bin erst seit zwei Jahren wirklich Single. Es ist nicht so, dass ich nicht wusste, wer ich bin – ich war immer sehr autonom. Aber ich wusste nicht, wie es ist, außerhalb von Beziehungen zu existieren. Dann habe ich begonnen, mich intensiver mit Identität zu beschäftigen. Mit Herkunft. Mit meiner inneren Welt. Mit Themen, für die ich früher keine Kapazität hatte. Das Album dreht sich um genau das: Wer sind wir eigentlich? Wir existieren nicht im Vakuum. Wir existieren in patriarchalen Strukturen, in gesellschaftlichen Erwartungen, in unseren ersten Bindungen zu Mutter und Vater. Diese frühen Beziehungen prägen bis heute, wie wir lieben und wie wir uns verhalten. Das Konzept ist die Begegnung von Inner Child und meinem heutigen Ich. Wie gehst du heute mit deinem inneren Kind um? Wie bringst du Herkunft, Prägung und Gegenwart zusammen? „Reina“ ist dafür sehr repräsentativ. Egal ob klanglich, thematisch oder sprachlich.
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Wird es auch Deutsch geben?
Alexa Lopez: Wahrscheinlich zumindest einen deutschen Part. Das gehört zu mir. Ich bin hier aufgewachsen. Ich schreibe auch auf Deutsch, aber lange habe ich mich gefragt, ob ich das wirklich reinlassen soll. Ich will mir keine Grenzen setzen. Wenn es Teil von mir ist, dann gehört es ins Album. Es geht um dieses Zusammenführen: lateinamerikanische Folklore, vielleicht Neo-Folk-Elemente und dann eben Pop, R’n’B und elektronische Beats. Und inhaltlich eben das innere Kind und die erwachsene Version von mir. Das ist die Vision.
Tanz wirkt wie ein riesiger Teil deiner Musik. Begleitet dich das schon lange oder ist das neu?
Alexa Lopez: Ich tanze eigentlich mein ganzes Leben. Ich habe mit Jazz-Dance angefangen, dann Hip-Hop und mich durch viele Stile ausprobiert. Mit 16 habe ich meinen ersten kolumbianischen Freund kennengelernt. Er hat mir Salsa beigebracht. Und dann bin ich komplett hineingerutscht: Bachata, Merengue, Cumbia, Reggaetón – alles. Im Moment gehe ich aus finanziellen Gründen nicht regelmäßig in Tanzkurse, aber ich möchte dieses Jahr wieder mehr machen, vor allem Dancehall und Afro. Das fühlt sich noch einmal ganz anders an als Jazz oder Hip-Hop und erinnert mich stärker an die lateinamerikanische Kultur. Ich hatte immer viele Hobbys. Ich war das Kind, das nach einem halben Jahr gesagt hat: „Nein, Mama, jetzt will ich etwas anderes.“ Und ich finde das schön. Es zeigt, dass wir nicht eindimensional sind. Man verliert nie, wenn man etwas ausprobiert. Man gewinnt immer eine Erfahrung oder eine Fähigkeit dazu. Viele trauen sich nur nicht, aus ihrer Komfortzone herauszugehen. Und ich liebe die Vorstellung, dass alles, was ich je ausprobiert habe, irgendwann in etwas hineinwirkt – auch wenn man es im Moment noch nicht versteht.
Wird Tanz auch Teil deiner Live-Performances sein?
Alexa Lopez: Unbedingt. Gerade bei beatlastigen Songs fühlt es sich falsch an, stillzustehen. Ich möchte dieses Jahr stärker in meine Performances einbauen. Ich habe zum Glück Freund:innen, die Lust haben, mit mir ausgefallene Choreografien zu entwickeln. Because I love some good choreography. Im Rahmen des Albums plane ich außerdem eine Videotrilogie. „Reina“ ist der Auftakt – die Einführung in mein Universum: Wo sind wir hier eigentlich? Was passiert hier gerade?
Im „Reina“-Video gibt es zwei Welten.
Alexa Lopez: Genau. Zwei Drehtage, zwei Sphären. In der einen bin ich in meiner inneren Welt – mit einem extremen Kostüm. Dort bin ich die Königin meiner Dunkelheit und kontrolliere zwei schattenhafte Wesen. In der anderen bin ich draußen, im Wald, am See – in der realen Welt. Und ich drehe langsam durch. Dieses zweite Outfit ist eine Referenz an eine mexikanische Folklorefigur: La Llorona. La Llorona ist eine Legende aus Mexiko. Kindern wird erzählt, sie sollen sich benehmen, sonst kommt La Llorona. Der Mythos besagt, dass eine Frau ihre Kinder im See ertränkt hat, nachdem ihr Mann sie verlassen hat. Seitdem wandert sie als weinender Geist umher. Traditionell ist sie negativ konnotiert: die verrückte, gefährliche Frau. Aber es gibt mittlerweile neue Perspektiven: Dass sie vielleicht einfach eine leidende Frau war. Dass man die Geschichte als Metapher für Post-Partum-Depression lesen kann. Oder für patriarchale Strukturen, die Frauen brechen. Dieser neue Blick auf die Figur berührt mich sehr. Ich wollte das ins Album einfließen lassen. La Llorona wird ein roter Faden sein. Negativ konnotierte weibliche Figuren neu lesen und ihnen ihre Macht zurückgeben. In „Reina“ muss ich erst durch dieses Dunkle gehen, durch das vermeintliche „Verrücktwerden“, um zur Königin zu werden. Das vermeintlich Negative ist notwendig für Stärke und Vollkommenheit.
Danke dir für das Gespräch. Ich bin sehr gespannt, wie sich dieses Universum weiter entfaltet.
Alexa Lopez: Danke dir für deine Zeit!
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Ania Gleich
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