Manchmal genügen zwei Veröffentlichungen, um im heimischen Pop-Diskurs hell aufzuleuchten. Im Fall von TAMARA FLORES führte das direkt zu einer Nominierung für den FM4 Amadeus Award. Doch hinter diesem vermeintlichen Senkrechtstart verbirgt sich eine jahrelange musikalische Reise, die über Landesgrenzen und Genres hinausgeht. Die Sängerin baut in ihrer Musik Brücken zwischen den zwei Welten, die sie prägen: Österreich und Mexiko. Ihr Weg war allerdings lange von dem Gefühl begleitet, nirgends so richtig dazuzugehören. Warum Identität keine Entweder-oder-Frage ist und weshalb man seinem eigenen Prozess manchmal einfach vertrauen muss, hat TAMARA FLORES im Interview mit Katharina Reiffenstuhl erzählt.
Nachträgliche Gratulation zu deiner Nominierung beim FM4 Amadeus Award. Wie hast du reagiert, als du davon erfahren hast?
Tamara Flores: Es war tatsächlich schon immer ein Traum von mir, so „Oh mein Gott, irgendwann Amadeus Awards“, aber das war in ferner Zukunft, also ich dachte mir, wenn, dann wird’s wahrscheinlich irgendwann in drei Jahren passieren. Und dass es dann schon so bald passiert ist, war natürlich im ersten Moment heftig. Ich glaube, da braucht man immer erst, bis man das realisiert und auch selbst, wie ich vor Ort war, war das für mich immer noch nicht real. Erst die Tage danach habe ich gecheckt, okay, hey, du bist da nominiert gewesen. Ich fühle mich geehrt, es ist voll schön, dass meine Musik, die ja zum größten Teil auf Spanisch ist, trotzdem anerkannt wird.
Mit nach Hause genommen hast du den Award am Ende leider nicht, aber hast du das Gefühl, dass sich seitdem irgendwas für dich verändert hat?
Tamara Flores: Also ich glaube nicht, dass sich per se etwas von heute auf morgen verändert hat, aber einfach, dass meine Musik wertgeschätzt und gesehen wird und dass FM4 meine Musik jetzt sehr viel spielt. Das, würde ich sagen, ist ein großer Unterschied, das hatte ich vor ein paar Jahren, als ich Musik gemacht habe, nicht. Einfach mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.
Wann hast du angefangen, Musik zu machen?
Tamara Flores: Mit sieben. Wobei, theoretisch schon mit vier, da habe ich mit Geige begonnen und dann mit sieben Querflöte. Meine Mama ist nämlich Flötistin und da wollte ich als Kind, dass sie mir Querflöte beibringt. Dann kam ich in die Musikschule, dann kamen Klavier, Gitarre, andere Instrumente und Gesang dazu. Ich bin jetzt 28. Also schon eine Weile, dass mich die Musik begleitet.
Deine Musik hat ganz viele verschiedene Einflüsse aus aller Welt. Wie hast du die aufgesammelt?
Tamara Flores: In Österreich hat mich die klassische Musik sehr geprägt, weil ich durch die Querflöte eben mit klassischer Musik begonnen habe. Das war sehr lange ein großer Teil meines Lebens. Gleichzeitig habe ich mit sieben auch mit Tanzen begonnen, da hat mich zum Beispiel der Jazz sehr geprägt und auch viele andere Musikrichtungen durch meine Mutter wiederum, weil ich durch sie von klein auf sehr viel lateinamerikanische Musik gehört habe. Dann, 2019, habe ich in Buenos Aires gelebt. Da bin ich in die Welt des Tangos eingetaucht, habe begonnen mit Straßenmusikern zu improvisieren auf der Querflöte, weil ich mich so ein bisschen überwinden wollte, mal nicht nach Partituren zu lesen. Diese ganze Mischung, die ich selber auch gerne höre, von Jazz, Singer-Songwriter, bisschen auch klassische Musik, Pop obviously, das fließt einfach alles ein in meine Musik.
Wenn du müsstest, könntest du dich für einen Lieblingsstil entscheiden?
Tamara Flores: Boah, also ich glaube, das kommt immer auf die Mood drauf an, wie es einem gerade geht. Es ist schön, dass Musik so divers ist und dich da auch in unterschiedlichen Lebensphasen supporten kann. Deswegen könnte ich das gar nicht sagen, vielleicht ist’s in einer Woche Jazz, aber in der nächsten Woche ist’s Pop.
Dann fragen wir mal so: Welche Musikrichtung supportet dich denn in deiner jetzigen Lebensphase gerade am meisten?
Tamara Flores: Das Ding ist, immer, wenn ich gefragt werde, wie denn meine Musik klingt oder was meine Musik ist, finde ich das immer mega schwer für mich zu artikulieren. Es sind trotzdem so viele unterschiedliche Genres, die mich beeinflussen. Gleichzeitig würde ich sagen, dass es in die Kategorie Pop fällt und deswegen würde ich jetzt in diesem Moment sagen, dass es sich nach Pop anfühlt.
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Worum geht es in deiner neuesten Single Infinito?
Tamara Flores: Infinito hat sich für mich wie eine Zugabe von Chingona angefühlt, weil ich da nochmal mehr ausprobieren und stimmlich experimentieren wollte. Also der erste Teil ist wie Rap, dann kommt ja dieser Zwischenpart, der bisschen inspiriert ist von der Königin der Nacht, wo ich quasi in den Operngesang singe und dann zum Schluss habe ich nochmal eine neue Stimmfarbe ausprobiert. Und ja, es geht ums Loslassen, um die grenzenlose Freiheit und darum, mutig zu sein. Das habe ich auch versucht in dem Song umzusetzen. Etwas, was vielleicht nicht ganz in meiner Komfortzone ist, aber nochmal einen drauf zu setzen, um einfach auszuprobieren.
Das Musikvideo dazu ist auf öffentlichen Plätzen quer durch Wien gedreht worden. Wie war das für euch, da teils inmitten von Menschen solche ausdrucksstarken Takes aufzunehmen?
Tamara Flores: Es war eine riesige Challenge, weil es minus 4 Grad hatte, wir hatten nicht wirklich eine Base und da die 40 Tänzerinnen warm zu halten mit Tee und Wärmepads, das war so am schwierigsten, dass es allen gut geht. Gleichzeitig, wenn man dreht, kommt man in so einen Flow rein, wo du eigentlich alles, was um dich herum passiert, gar nicht wahrnimmst. Es waren insgesamt 60 Leute oder so, um die ich mich kümmern musste, deswegen hatte ich da gar nicht so viel Kapazität wahrzunehmen, was rundherum passiert. Wenn man dann zum Beispiel am Stephansplatz dreht, natürlich hast du dann Publikum, aber trotzdem war ich fokussiert auf das Material und dass wir unsere Takes haben. Manchmal merkt man zwischendurch trotzdem „Ah okay, es sind gerade echt viele Leute rundherum.“ Aber das war ja zu erwarten, wenn man im Zentrum von Wien dreht.
„MEIN TRAUM WAR ES SCHON LANGE, DIE DANCE COMMUNITY IN WIEN ZU VEREINEN“
Das heißt, du hast Regie geführt in dem Video?
Tamara Flores: Nein nein, die Regie hat Rupert Höller geführt. Aber die Kommunikation zwischen dem, was hinter der Kamera und vor der Kamera passiert, habe ich gemeinsam mit ihm übernommen. Es war voll schön, mein Traum war es schon lange, die Dance Community in Wien zu vereinen und da einfach wirklich viele Frauen von unterschiedlichen Tanzrichtungen am Start zu haben.
Wie hast du all diese Leute zusammengefunden?
Tamara Flores: Also die meisten kannte ich schon über die Jahre, weil ich eben doch schon länger in der Tanzszene in Wien bin. Und sonst auch über Freundinnen, die ich bei Battles kennengelernt habe oder die mich selbst inspiriert haben. Die Tanzszene in Wien ist überschaubar und dann sieht man sich immer wieder mal.

Das Video zu „Chingona“ wurde im Heimatdorf deiner Mutter in Mexiko gedreht und ist am Ende zu einem kleinen Gemeinschaftsprojekt mit den dortigen Bewohner:innen geworden. Was war der ursprüngliche Plan für das Video?
Tamara Flores: Also ursprünglich war der Plan, dass Rupert und ich – der Rupert ist übrigens mein Freund – ein Video zu zweit drehen. Das haben wir nämlich schon mal gemacht auf Teneriffa, wo wir wirklich nur zu zweit ein Musikvideo gedreht haben und er mich dann öfters geklont hat. Das war eigentlich auch das Konzept für Mexiko und dann haben wir gescoutet in Mexico City, in Puebla, in Veracruz und es war nie so richtig die passende Location da. Mexico City zum Beispiel ist halt wirklich eine Monsterstadt, wo überall extrem viele Autos sind, und in Südamerika hängen ganz oft auch so offene Kabeln in den Städten, wo du dir echt manchmal denkst: „Ist das safe?“.
Jedenfalls wollten wir ein paar cleanere Shots, wo bunte Häuser zu sehen sind und wo nicht so viele Autos rundherum sind. Zu dem Zeitpunkt, wo wir nach Acatlán gefahren sind, hat der Rupert gerade im Auto geschlafen, ist dann aufgewacht in Acatlán und war so, „Okay that’s it, da müssen wir drehen.“ Acatlán ist auch ein sehr unberührtes Dorf in den Bergen von Veracruz und dadurch, dass es eben so klein ist, haben die Leute sehr schnell von uns mitbekommen und auch direkt alle ihre Hilfe angeboten. Von Leuten, die uns ihre Kühe, Esel, Pferde, Autos geborgt haben bis zum Priester, der uns auf dem Dach der Kirche einen Shot machen hat lassen. In einem Shot kommt auch ein Schuh vor, der ca. zwei Meter groß und aus Karton ist, der wird normalerweise für Karneval verwendet. Ich habe dann Schuhe gebraucht, die so ausschauen wie dieser große Pappkarton-Schuh und dann haben sie mir innerhalb von zwei Tagen einfach Stiefel gemacht. Also es war wirklich insane, der Support, den wir da bekommen haben.
Kennen dich die Leute dort oder waren sie einfach nur wahnsinnig hilfsbereit?
Tamara Flores: Ein paar kannten mich schon, aber ich war schon länger nicht mehr in Acatlán, weil meine Familie jetzt in einer Stadt eine Stunde von Acatlán entfernt lebt, in Acatlán lebt eigentlich nur noch meine Oma. Also meine Familie kannten viele, mich selber nicht mehr so viele. Deswegen war es umso schöner, so empfangen zu werden und so viel Support zu bekommen. Es haben dann auch noch traditionelle Tänzer aus Acatlán mitgewirkt. Da gäb’s noch so viele Stories zu dem Video zu erzählen.
Also du versuchst, echt viel Tradition in deiner Musik und deinen Videos unterzubringen.
Tamara Flores: Ja, das war mir auch extrem wichtig. Wenn wir schon in Mexiko drehen, soll man das auch spüren. Dieses Video spiegelt die Wärme von Mexiko, die Menschen und einfach auch diesen Zusammenhalt, den ich da eben durch Acatlán noch mal so krass gespürt habe, sehr wider. Meine Familie kommt ja auch teilweise vor im Video, also meine Oma, meine Tanten, meine Cousinen. Dieser 10-Meter-Zopf in der ersten Szene, der ist für mich auch einerseits ein Symbol für den Zusammenhalt der Frauen, aber auch das Erforschen meiner Wurzeln in Mexiko.
Kannst du dir vorstellen, dass du irgendwann mal nach Mexiko ziehst?
Tamara Flores: Ja, ich würde wirklich gern mal in Mexico City leben, weil das einfach so eine riesige, diverse Stadt ist, wo so viele unterschiedliche Kulturen aufeinandertreffen. Das kann ich mir sehr gut für die Zukunft mal vorstellen, aber jetzt gerade, ist Wien mein Anker.
In beiden Musikvideos verkörperst du gemeinsam mit anderen Frauen sehr stark dieses Bild von Power und Unabhängigkeit. Mit welchen Rollenbildern bist du aufgewachsen?
Tamara Flores: Also zum einen inspirieren mich die Frauen in meiner Familie sehr. Meine Mama zum Beispiel hat mit 21 diesen mutigen Entschluss gefasst, auszuwandern aus Mexiko und in Europa nochmal neu zu starten, weil sie eben unbedingt Querflöte studieren wollte. Sie ist auch mit sieben Geschwistern aufgewachsen, das heißt, sie war auch immer viel umgeben von Menschen und dann den Mut zu haben, alleine nach Europa zu ziehen, finde ich extrem inspirierend. Dann eben aber auch noch andere, eine Schwester von meiner Oma, die ich leider nie kennengelernt habe. Musikalisch inspiriert mich NATALIA LAFOURCADE extrem mit ihren Texten, das ist eine mexikanische Sängerin. Genauso ROSALÍA, weil es einfach Wahnsinn ist, was sie da mit „LUX“ rausgehauen hat. Ich glaube, es gibt generell einfach viele Frauen in meinem Leben, die mich da inspirieren.
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„SPANISCH UND DEUTSCH LÖSEN FÜR MICH BEIM SCHREIBEN IRGENDWIE TEILWEISE SEHR UNTERSCHIEDLICHE EMOTIONEN AUS“
Hast du eine Sprache, mit der du dich musikalisch mehr identifizieren kannst?
Tamara Flores: Spanisch und Deutsch lösen für mich beim Schreiben irgendwie teilweise sehr unterschiedliche Emotionen aus. Wenn ich Wut ausdrücken möchte, fällt’s mir auf Spanisch leichter. Ich weiß nicht wieso, aber ich habe das Gefühl, da kann ich irgendwie direkter schreiben. Und wenn ich auf Deutsch schreibe, schreibe ich oft viel lyrischer, weil ich es schön finde, wenn die Sprache weicher klingt. Es kommt also ganz auf die Situation an, was ich gerade ausdrücken möchte.
Was wünscht du dir für die nächsten Monate auf deinem musikalischen Weg?
Tamara Flores: Also es wäre auf jeden Fall ein Traum, auf Festivals spielen zu können in Österreich, in Deutschland, in Zukunft vielleicht auch in Mexiko.
Gibt’s ein bestimmtes Festival, das in deinem Kopf ist?
Tamara Flores: Also in Österreich wäre es schon insane, irgendwann mal am Frequency spielen zu können. Ich sammle jetzt auch immer mehr Inputs für ein Album und hoffe, da mehr Klarheit zu haben und so ehrlich wie nur möglich zu sein. Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mich selbst unter Druck setze. Ich muss da loslassen und einfach darauf vertrauen, dass ich am richtigen Weg bin. Und vielleicht finde ich auch noch mehr mein Publikum und meine Leute, die mit meiner Musik connecten können, das wär‘ schön.
Was, glaubst du, macht das Publikum aus, das mit deiner Musik connecten kann?
Tamara Flores: Boah, schwierig. Ich habe ja früher auf Englisch geschrieben und irgendwann habe ich den Entschluss gefasst, auf Deutsch und auf Spanisch zu schreiben, einfach weil ich gemerkt habe, okay, das sind die beiden Sprachen, mit denen ich aufgewachsen bin. Aber da war’s für mich schwer, festzulegen, ob ich jetzt auf Deutsch oder auf Spanisch schreibe. Ich hatte immer das Gefühl, ich muss mich für eine Sprache entscheiden und habe mich lange wie zwischen zwei Welten gefühlt. Ich bin zwar in Wien geboren, also bin ich Wienerin, aber habe auch den Einfluss meiner Mama und war von sehr klein auf immer in Mexiko und habe mich da auch sehr connected mit der Kultur gefühlt. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich weder zur einen noch zur anderen Welt dazu gehöre. Und dann habe ich lange versucht, mich zuzuordnen. Wie ich begonnen habe, auf Deutsch und auf Spanisch zu schreiben, habe ich realisiert, ich bin einfach beides. Als ich das Thema online mal angesprochen habe, haben sich extrem viele Leute gemeldet und konnten sehr damit connecten. Weil’s einfach vielen Menschen genau so geht, wenn sie beispielsweise Eltern mit Migrationshintergrund haben. Gleichzeitig ist das ja auch etwas sehr Schönes und das habe ich entdecken können über die letzten Jahre. Dass das so viele nachempfinden können, finde ich extrem schön. Also ich glaube, mein Publikum findet mich.
Definitiv. Danke für das Gespräch!
Katharina Reiffenstuhl
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