„Ich hätte gern mehr Improvisation gehabt“ – GERALD SCHULLER im mica-Interview

Die Jazzoper „Hochgeschätztes Tiefparterre“ von HARALD FRIEDL und GERALD SCHULLER, Jazzmusiker und Gründer der Band THE ROUNDER GIRLS, faszinierte das Publikum bereits bei der Uraufführung. GERALD SCHULLER sprach mit Yao Yao über sein Werk und seinen Versuch, den Jazz und die Oper zusammenzubringen.

Wie ist die Oper entstanden?

Gerald Schuller: Die Oper hat zwei Vorgeschichten, das ist ein bisschen kompliziert. Zuerst einmal habe ich als junger Mensch einen russischen Komponisten kennengelernt. Er war an der Staatsoper Korrepetitor. Er hat Sergei Dreznin geheißen und er hat in Moskau einen Einakter geschrieben, eine kurze Oper namens „Ophelia“. Wir haben das damals 20-mal im Musikclub Roter Engel in Wien aufgeführt. Es war sehr ungewöhnlich, dass man so etwas in einer Bar aufgeführt. Aber Sergei wollte eben nicht warten, bis sich ein Opernhaus meldet, er wollte das auf der Stelle realisiert haben.

Gut, langer Zeitsprung. Eines Tages sehe ich einen Film – aus dem Jahr 1964, glaube ich. Von einem französischen Regisseur, Jaques Demi. Der Film heißt „Die Regenschirme von Cherbourg” und ist etwas Besonderes. Dieser Film ist nämlich von A bis Z durchgesungen. Ich habe den Film also gesehen und war sofort furchtbar neidisch, ich habe gedacht, so etwas müsste man wieder machen. Ich habe dann allen Regisseuren, die ich kannte, erzählt, dass ich so etwas machen will, es hat aber niemanden interessiert. Und dann sind diese beiden Sachen zusammengekommen. Die Filmidee und die Erinnerung an damals, dass man in einem ganz kleinen Rahmen spielen kann, wenn man wirklich will. Und ich hatte den Wunsch, eine Handlung zu entwerfen, die heute spielt und durchgehend gesungen ist. Schließlich habe ich irgendwann beschlossen, so eine Oper zu schreiben. Weil keiner den Film gemacht hat, dachte ich, dann müsse ich das eben selbst machen.

Die Hauptmelodie der Oper ist für mich ein Ohrwurm. Warum haben Sie diesen Titel gewählt? Der Titel der Oper klingt sehr prägnant.

Gerald Schuller: Es ist ein sprechender Name: Der Ausdruck „Ich bin parterre“ bedeutet in Österreich: „Mir geht es ganz schlecht.” Tiefparterre ist gewissermaßen eine Steigerung davon. Aber „Tiefparterre” kann man auch in den Gängen vieler Häuser lesen. Wenn eine Etage so halb in der Erde sitzt, so kleine Fenster hat, halb im Keller. Jazzclubs sind auch oft in solchen Lokalen beheimatet, und so hat der Titel eine zweifache Bedeutung. „Tiefparterre“ allein klingt ein aber ein bisschen pessimistisch, deswegen habe ich diesen Gegensatz gewählt: „Hochgeschätztes Tiefparterre“.

„Die Handlung musste einfach sein, für jedermann verständlich.“

Was waren Ihre Gedanken zu dieser Oper generell?

Gerald Schuller: Die ursprünglichen Gedanken waren vor allem handwerklich, ich bin sehr planvoll vorgegangen. Das sollte unbedingt auf Anhieb funktionieren. Das heißt, die Musik musste einfach sein, eingängig sein, leicht einzustudieren sein. Die Stimmen durften keinen zu großen Umfang haben. Die Handlung musste einfach sein, für jedermann verständlich. Kein Bühnenbild, kein Kostüm, wenige Requisiten, das Stück musste in einem Jazzclub spielen. Aus diesen Einschränkungen kommt dann die kreative Idee, die Beschränkung ist der Motor für die Kreativität, aber am Anfang war wirklich die Überlegung, was ich alles ich nicht machen darf.

Was dürfen bzw. wollen Sie nicht machen?

Gerald Schuller: Ich wollte z. B. unbedingt ohne Mikrofone arbeiten, weil ich der Meinung bin, dass das Mikrofon zwischen Publikum und Sängerinnen sowie Sängern eine Barriere bildet. Ich habe Probleme gehabt, die Sängerinnen und Sänger zu finden, die laut singen können. Die meisten unserer Sängerinnen und Sänger haben eine kräftige Stimme, eine ist aber wirklich eine „Mikrofonsängerin“. Die muss sich bei jedem Konzert konzentrieren. Aber es ist gegangen.

Die Musik hat für mich sehr eingängig geklungen, ist das für Sie ein wichtiges Thema beim Komponieren?

Bild (c) Gerald Schuller

Gerald Schuller: Als ich gesagt habe: „Okay, ich mache eine Art Jazz-Musical“, musste ich mich in der nächsten Sekunde eingrenzen: Jazz beginnt ja um 1900 und die Entwicklung ist um ca. 1980 abgeschlossen. Das ist natürlich ein unglaublich breiter Fächer, da musste ich mich entscheiden, in welchem Stil ich das mache. Ich wollte, dass das auch die Leute, die vielleicht keinen Jazz mögen oder keine Jazzfans sind, genießen können. Also begann ich stilistisch ungefähr 1940 und hörte ungefähr 1960 auf. Weil die Stile vor 1940 für heutige Ohren altmodisch klingen. Der Jazz nach 1960, Free Jazz und so, ist hingegen fast nur noch instrumental. Außerdem wollte ich das Publikum auch nicht vor den Kopf stoßen. Ich wollte, dass die Musik einfach ist, und bin dem ziemlich konsequent treu geblieben. 

Sie haben das Publikum als einen Teil Ihrer Oper inszeniert. Es ist sehr faszinierend: Man fühlt sich in die Oper involviert. Es ist definitiv logisch, aber doch etwas Neues für mich. 

Gerald Schuller: Ja, die Publikumsbeteiligung ist formal etwas Neues, das ist auch nicht operntypisch. Hinter der Interaktion mit dem Publikum stand eine klare Überlegung. Ich habe ja kein Licht, keine Kulisse, ich habe keinen Vorhang. Das sind alles Nachteile. Ich musste mir überlegen: „Okay, gibt es einen Vorteil, wenn ich in so einem Raum spiele?“ Der Vorteil ist die Interaktion. Das kann man an der Staatsoper nicht machen. Daher wollte ich unbedingt, dass das Publikum an ein, zwei, drei Stellen mit dem Stück interagieren kann. Damit habe ich wieder einen Vorteil.

„Das ist, als ob man einen Geist erschüfe.“

Waren Sie in die Entstehung des Librettos involviert?

Gerald Schuller: Ja, ein Beitrag zum Libretto, den ich leistete, war, eine Backstory zu schreiben. Das war für mich sehr interessant, ein fast unheimlicher Moment, denn sobald man sich für eine Figur eine Lebensgeschichte ausdenkt, wird diese plötzlich sehr plastisch. Es ist dann fast so, als ob sie neben dir säße. Ich habe mich wirklich einen ganzen Tag hingesetzt. Ich habe mir überlegt: „Wo sind die Figuren geboren worden, wo sind sie zur Schule gegangen? Haben sie Geschwister, was haben die Eltern beruflich gemacht? Wie sind die zum Club gekommen, wie sind die zu Musikerinnen und Musikern geworden?“ So etwas verleiht der Figur eine Tiefe.

Der Librettist und alle Schauspielerinnen und Schauspieler haben diese fiktiven Biografien bekommen. Das hat für die Entwicklung der Figuren sehr viel gebracht. Die Jugendzeit von Donna, zum Beispiel, kommt im Stück gar nicht vor. Wir alle aber wissen, dass Donna in Graz geboren und später nach Wien übersiedelt ist, die Zuschauerin bzw. der Zuschauer merkt das gar nicht. Erst als ich das wirklich selbst gemacht habe, habe ich gemerkt, wie viel Kraft das entwickelt. Das ist wirklich unheimlich. Das ist, als ob man einen Geist erschüfe. 

Was hätten Sie sich von der Oper noch gewünscht? 

Gerald Schuller: Was ich mir gewünscht hätte, wo ich selbst ein bisschen kritisch bin? Ich hätte gern mehr Improvisation gehabt. Ich würde vielleicht fünf Minuten herauskürzen, diese fünf Minuten könnte man dazu verwenden, mehr Improvisation zuzulassen.

Improvisation von Ihnen selbst oder von den Musikerinnen und Musikern?

Gerald Schuller: Die Musikerinnen und Musiker, die Sängerinnen und Sänger und die Komposition selbst könnten mehr Freiräume vertragen. Damit es, nach meinem Geschmack, das Etikett „Jazzoper” verdient, müsste ein bisschen mehr improvisiert werden. Na ja, das ist meine Selbstkritik das Stück betreffend.

Hat Sie diese Oper viel gekostet? Wie schauen die Gesamtkosten bzw. die Finanzierung aus?

Gerald Schuller: Ich habe einmal nachgerechnet. Die Oper so zu inszenieren, wie Sie sie gesehen haben, würde eigentlich 30.000 Euro kosten. Ich hatte aber kein Budget. Alles, was ich hatte, waren fünf Auftritte mit einer Garantie von 100 Euro pro Nase! Also habe ich ungefähr 3.500 Euro selbst investiert. Mein Ensemble hat im Gegenwert von circa 16.000 Euro gratis gearbeitet, vor allem in Form von unbezahlten Proben. Rückblickend habe ich gelernt: Man kann, wenn man freiwillige Hilfe bekommt, mit 4.000 Euro eine Opernuraufführung realisieren.

Wie sind Sie auf die Idee eines solchen kostengünstigen Opernprojekts gekommen?

Gerald Schuller: Wenn Sergei Dreznin noch in Wien wäre, könnte man ihn befragen, weil es interessant wäre, zu vergleichen. Wenn ich damals nicht mitgespielt hätte, wäre mir diese Verbindung gar nicht eingefallen. Man lebt ja so in diesem Klischee: Oper passiert im Opernhaus, Oper ist teuer, Oper ist aufwendig. Sergej hat all das infrage gestellt. Man kann Oper wirklich überall spielen!

Sind Sie insgesamt mit der Oper zufrieden?

Gerald Schuller: Mehr als zufrieden. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es so gut wird. Ich habe insgeheim einen Plan B und einen Plan C gehabt. Ich habe gewusst, wenn sie singen können, aber nicht spielen, dann muss ich es halbkonzertant machen. Wenn sie singen, aber nicht spielen können und sich den Text nicht merken, dann muss ich es eben konzertant machen und sie von Noten singen lassen. Weil ich bei Probenbeginn nicht gewusst habe, wie gut sie sind. Aber dass es szenisch so großartig funktioniert, war wirklich eine positive Überraschung.

Was können Sie künftig als Unterstützung brauchen, um das Stück weiterzuentwickeln?

Gerald Schuller: Ich möchte das Stück für eine CD aufnehmen. Für diese CD könnte ich noch einmal um eine Förderung der SKE ansuchen. Die andere Förderung, die ich beantragen werde, ist Tourneeförderung. Wir versuchen, das gerade in Asien anzubieten, auf Englisch wahrscheinlich. 

Sie haben in den letzten 20 Jahren eine hervorragende Karriere gemacht, die Band Rounder Girls gegründet, mehrere Musicals musikalisch geleitet und überall Konzerte gespielt. Was möchten Sie sonst noch erreichen?

Gerald Schuller: Mein großer Traum ist, einen Musikfilm zu komponieren. Ich mag Film, Musiktheater, ich komponiere gerne und ich habe auch gerne ein großes Publikum, so eitel bin ich schon. Also so ein Musikfilm würde das wirklich abdecken. Wenn ich das schaffen würde, könnte ich ruhig sterben. Das ist mein Traum. Das ist mein Schlusswort.

Herzlichen Dank für das Gespräch. 

Yao Yao

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Jazzoper “Hochgeschätztes Tiefparterre”