„Ich habe in den vergangenen Jahren vieles verarbeiten müssen“ – TOM JOSEPH im mica-Interview

Mit „maud’s house“ (Feber Wolle; VÖ: 29.5.26) entwirft Tom Joseph ein Debütalbum, das weniger auf große Gesten als auf leise Intensität setzt. Zwischen reduziertem Indie-Folk, warmen Gitarrenklängen und behutsam eingesetzten Soundtexturen entstehen Songs, die sich wie vertrauliche Gespräche anfühlen. Der Innsbrucker Musiker schafft einen Raum voller Nähe, in dem Themen wie Freundschaft, Verlust und Erinnerung mit bemerkenswerter Feinfühligkeit ausgelotet werden. Gerade die zurückhaltende musikalische Sprache verleiht „maud’s house“ seine eindringliche Wirkung – ruhig, verletzlich und atmosphärisch dicht. Im Interview mit Michael Ternai spricht Tom Joseph über den Grund, warum es ein Solodebüt musikalisch von der eher stillen und intimen Art ist, was das mit seiner Suche nach seinem eigenen Sound zu tun hat und welchen Respekt er davor hatte, in seinen Songs das Innerste nach außen zu kehren.  

Du bist jemand, der schon ein bisschen länger im Geschäft ist. Du hast vor einigen Jahren unter anderem bei Jakuba gespielt, aktuell bist du als Gitarrist und Backgroundsänger bei Spilif tätig. Jetzt bringst du mit dem Album „maud’s house“ dein Soloprojekt auf Schiene. Vielleicht gleich zu Beginn: Ist es für dich eher eine Beleidigung oder ein Kompliment, wenn ich sage, dass das Album sehr amerikanisch klingt?

Tom Joseph: Nein, das ist überhaupt keine Beleidigung. Das ergibt tatsächlich auch sehr viel Sinn, weil meine Hörgewohnheiten stark von Künstler:innen aus dem englischsprachigen Raum geprägt sind. Nicht ausschließlich von amerikanischen Acts, aber ein großer Teil kommt schon von dort.

Wenn man deine verschiedenen Projekte anschaut, ist dein Soloprojekt musikalisch doch schon etwas ganz anderes. So folkig geht es in anderen Projekten nicht zu.

Tom Joseph: Ich habe generell ein großes Interesse an Musik. Es gibt kein Genre, das ich ausschließlich höre. Daher kommen wahrscheinlich auch meine unterschiedlichen Einsatzbereiche, etwa bei Spilif, wo es musikalisch in eine ganz andere Richtung geht. Gleichzeitig höre ich aber auch sehr gerne jene Art von Musik, die auf dem Album zu hören ist. Ich bin zum Beispiel ein großer Fan von Nick Drake – er ist sicher ein wichtiger Einfluss. Darüber hinaus bedeuten mir aber auch viele andere Künstler:innen aus dem Folk- und Singer-Songwriter-Bereich sehr viel. Gleichzeitig sind in diese Musik auch starke Einflüsse außerhalb dieses Kosmos eingeflossen, etwa aus dem Rap oder der elektronischen Musik.

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Das hört man auch. Generell ist es ein sehr ruhiges, stilles Album. Vor allem wirkt es unglaublich intim. Wie bist du darauf gekommen, dass gerade dieser Stil – auch in Kombination mit deiner Stimme – deiner ist? Gab es da einen Schlüsselmoment? Oder hast du immer schon solche Lieder geschrieben?

Tom Joseph: Ich habe eigentlich immer schon auch solche Lieder geschrieben. Vor allem dann, wenn ich alleine gearbeitet habe. Da war die Akustikgitarre meistens mein Instrument, und dadurch ist die Musik zwangsläufig oft in diese Richtung gegangen. Gleichzeitig habe ich aber auch viel Zeit damit verbracht, mich in alle möglichen Richtungen zu öffnen, um herauszufinden, was eigentlich mein Sound ist. Das war weniger eine bewusste Entscheidung als vielmehr eine Entdeckung. Es hat sich einfach am authentischsten angefühlt. Ich glaube, das hat auch viel mit meinen Hörgewohnheiten und damit zu tun, wie ich aufgewachsen bin. Es hat sich weniger nach einem Suchen und anschließenden Entscheiden angefühlt, sondern eher danach, einen Sound zu finden.

Bedeutet dieser intime Sound auch, dass das Album ein sehr persönliches ist?

Tom Joseph: Es ist auf jeden Fall ein sehr persönliches Album. Eigentlich sind all die Lieder, die ich in diesem Projekts schreibe und veröffentliche, sehr persönlich. Auf diesem Album geht es viel um die Verarbeitung schwieriger Zeiten. Ein großes Thema ist Freundschaft und die Bedeutung, die sie für mich hat. Ich habe in den vergangenen Jahren vieles verarbeiten müssen und dabei auch sehr prägende Erfahrungen mit Freundschaft gemacht, die in die Songs eingeflossen sind. Gleichzeitig spielt auch Verlust eine große Rolle – sei es durch Trennungen oder durch das Versterben von Menschen. Das alles findet sich auf dem Album wieder. Für mich ist es so etwas wie ein musikalisches Tagebuch, allerdings nicht auf ein paar Tage begrenzt, sondern über mehrere Jahre gespannt. Es behandelt eher größere Themen, kommt aber eigentlich immer aus meinem persönlichen Leben heraus.

Hast du nicht auch Respekt davor, all das preiszugeben?

Tom Joseph: Doch, ich habe großen Respekt davor, das preiszugeben. Einerseits überhaupt davor, diese Dinge von mir selbst öffentlich zu machen, und andererseits davor, sie für Menschen zugänglich zu machen, die damit interagieren oder eine Verbindung dazu herstellen können. Gleichzeitig habe ich aber gelernt, dass genau das für mich einer der wichtigsten Aspekte ist, die den eigentlichen Wert von Musik und Kunst allgemein ausmachen. Einerseits, dass man für sich selbst ein Ventil finden und nutzen kann, und andererseits, dass dieses Heilsame, das damit einhergeht, auch für andere Menschen spürbar wird – für jene, die die Musik hören, sie gemeinsam spielen oder auf irgendeine Weise mit ihr interagieren. Dass in all dem ein heilsames Potenzial steckt, für jede und jeden, der darin etwas finden möchte. Deshalb habe ich großen Respekt davor, sehe es aber gleichzeitig als einen integralen Bestandteil dieser Arbeit.

Bild Tom Joseph
Tom Joseph © Florian Augustus Alexander

Die Songs sind über einen längeren Zeitraum entstanden. Als du sie dann wieder aufgegriffen und für das Album ausgearbeitet hast: Was hat dabei überwogen? Hast du eher dem Gefühl vertraut und den Flow beibehalten, oder war irgendwann auch der Kopf stärker dabei – in dem Sinn, dass ein Song für dich irgendwann möglichst perfekt klingen musste?

Tom Joseph: Also im Schreibprozess selbst bin ich immer sehr auf der emotionalen Ebene unterwegs – auch was musikalische Entscheidungen angeht, also harmonische Bewegungen oder die Frage, welcher Melodieton sich am richtigsten anfühlt. Im kreativen Prozess, wenn ein Lied gerade entsteht, arbeite ich daher sehr intuitiv und emotional. Das ist so ein bisschen mein Kompass.

Wenn die Komposition dann aber einmal steht – nur mit Gitarre und Gesang –, geht es ans Produzieren und Aufnehmen, und das ist noch einmal eine ganz andere Ebene. Zwar hat auch die sehr viel mit Emotionen zu tun, aber da bin ich dann schon sehr penibel und manchmal vielleicht auch ein bisschen perfektionistisch. Da sind mir selbst kleinste Details extrem wichtig. Ich möchte, dass alles genau so klingt, wie ich es im Kopf habe beziehungsweise wie es sich für mich richtig anfühlt.

Was hat es eigentlich mit dem Titel des Albums, „maud’s house“, auf sich? Ich habe ein bisschen recherchiert: Ist der Titel ein Verweis auf die kanadische Folk-Art-Künstlerin Maud Lewis? Kannst du vielleicht ein bisschen darüber erzählen, warum gerade dieser Titel und warum gerade diese Person?

Tom Joseph: Wie ich schon angedeutet habe, behandelt das Album im Grunde zwei große Themen: einerseits Freundschaft, andererseits Verlust, Sterben und Tod. Als ich das Album für mich konzipiert habe, hatte ich immer jene Alben im Kopf, die mir persönlich am besten gefallen. Und eine Eigenschaft, die sie alle gemeinsam haben, ist, dass sie eine gewisse Örtlichkeit vermitteln. Das kommt viel von der Soundästhetik und davon, wie etwas aufgenommen ist.

Wenn ein Album so einen Sinn für Ort erzeugt, bei dem ich das Gefühl habe, in eine eigene Welt eintauchen zu können, in der diese Musik passiert, dann holt mich das sofort ab. Genau das wollte ich auch mit diesem Album schaffen – einen Ort, an den man gehen kann, an dem all diese Geschichten stattfinden. Deshalb war diese Idee eines Ortes schon sehr früh Teil des Klangkonzepts.

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Ich habe dann mit einem guten Freund von mir darüber gesprochen, der auch auf dem Album vertreten ist: Jakob Köhle, den ich von Jakuba kenne. Mit ihm habe ich ein bisschen über mögliche Albumtitel geredet, und er meinte, er würde es spannend finden, wenn der Titel ebenfalls einen Ort beschreibt.

Zufälligerweise wurde mir dann auf YouTube ein Video über Maud Lewis vorgeschlagen, und ich war sofort sehr inspiriert von ihr. Sie war vor allem in den 1960er-Jahren erfolgreich und auch für ihren ganz eigenen, sehr distinktiven Stil bekannt. Außerdem wurde sie dafür bekannt, dass sie ihr Haus in Nova Scotia, in dem sie mit ihrem Mann lebte, quasi zur Leinwand gemacht hat. Sie bemalte es von innen und außen – die Wände, die Fenster, das Geschirr –, eigentlich alles. Sie hat einfach alles als Leinwand gesehen.

Dieses Haus ist unglaublich eindrucksvoll, weil es so voller Kunst ist. Und ich finde dieses Bild so schön: ein Haus, in dem so viel Liebe steckt. Gleichzeitig habe ich erst später erfahren, dass ihr Mann, der nach ihrem Tod noch eine Zeit lang dort gelebt hat, bei einem Einbruch in das Haus getötet wurde. Dadurch hat sich plötzlich auch dieses Thema von Verlust und Tod durch die Hintertür eingeschlichen.

Ich hatte das Gefühl, dass diese Geschichte all jene Ideen in sich trägt, die mich bei dem Album beschäftigt haben. Deshalb finde ich, dass „maud’s house“ ein total passender Titel für das Album ist.

Eine interessante Geschichte, die auch schon einen starken Einfluss auf das Musikalische ausübt. Deine Songs haben ja durchaus einen gewissen Kunstanspruch – sie sind nicht einfach nur dieser austauschbare 08/15-Pop, der überall läuft, sondern in ihnen steckt deutlich mehr Kreativität drin, und das hört und spürt man auch. Dennoch ist es dir gelungen, dass sie im Radio gespielt werden, obwohl sie dort eigentlich ein bisschen aus dem Rahmen fallen. Wie ist es dazu gekommen, und was bedeutet dir das?

Tom Joseph: Das ist für mich manchmal selbst überraschend. Mir ist schon bewusst, dass die Musik nicht immer radiotauglich ist – sowohl vom Klang her als auch deshalb, weil sie manchmal einfach sehr viel Information beinhaltet oder viel Aufmerksamkeit verlangt. Sie entspricht in ihrer Essenz nicht unbedingt klassischer Radiomusik. Ich finde es natürlich trotzdem immer sehr schön, wenn Menschen, die beim Radio arbeiten, das Gefühl haben, dass die Songs dennoch gespielt werden können. Und ich freue mich über jede Person, die irgendwie damit connectet. Das ist ja letztlich immer das Ziel.

Ich finde es auch interessant, dass du das so beschreibst, weil ich in letzter Zeit öfter gehört habe, dass die Musik vielleicht zu sophisticated oder nicht so leicht zugänglich sei. Für mich selbst ist sie allerdings eigentlich recht simpel. Ich habe gar nicht den Anspruch, besonders komplex zu sein – das ist kein Ziel von mir. Ich habe verschiedene Genres als Background. Unter anderem habe ich ja auch mehrere Jahre Jazzgitarre studiert, und das spielt da natürlich genauso mit hinein. Außerdem bin ich zum Beispiel ein großer Fan von Bon Iver. Er findet immer so einen Mittelweg zwischen Pioniergeist, Experimentierfreude und gleichzeitig einer Authentizität, durch die die Musik trotzdem emotional connecten kann.

Ich glaube, oft geht es bei Musik gar nicht so sehr um die technischen Details oder darum, worum es in einem Song eigentlich konkret geht, sondern vielmehr um das Potenzial, zu connecten. Da spielen ein spezifischer Sound oder ein bestimmtes Format gar nicht einmal so eine große Rolle.

Bild Tom Joseph
Tom Joseph © Florian Augustus Alexander

Wie sieht es eigentlich mit der Live-Umsetzung aus?

Tom Joseph: Das ist gerade tatsächlich eine der großen Aufgaben – das alles live zu konzipieren. Zum Album-Release wird es zwei Konzerte geben, eines in Innsbruck und eines in Wien, und dabei wird auch einiges ausprobiert. Es wird nämlich zwei unterschiedliche Besetzungen geben.

In Wien spiele ich als Trio mit Schlagzeug und Bass, also in einer eher klassischen Formation. Außerdem habe ich meinen Sampler dabei, der ein wenig die Soundscapes reproduzieren wird. In Innsbruck wird es wiederum ein anderes Trio geben – mit Bass, einer zweiten Akustikgitarre und drei Stimmen.

Es ist total spannend, diese Musik, die in meinem kleinen Kämmerchen am Computer mit quasi unendlichen Möglichkeiten entstanden ist, live auf so unterschiedliche Arten umzusetzen.

Als was siehst du dieses Projekt eigentlich? Du bist bei Spilif tätig und hast wahrscheinlich auch noch andere Projekte am Laufen. Wo steht dieses Projekt für dich von der Bedeutung her? Ist es spezieller als die anderen? Und ist es langfristig gedacht?

Tom Joseph: Sich langfristig nur auf ein einziges Projekt zu konzentrieren – egal welches –, ist, glaube ich, erstens nicht besonders realistisch und zweitens auch nicht unbedingt erstrebenswert. Ich finde, dass eine Balance und unterschiedliche Einflüsse immer wichtig sind, damit etwas frisch bleiben kann. Gerade bei so intensiven Themen, über die man Songs schreibt – in die viel Persönliches einfließt und die auch viel Kraft kosten –, braucht man zwischendurch wieder Abstand.

Und das ist vielleicht auch ein bisschen der Unterschied zwischen dem, was du vorher als eher künstlerischen Anspruch im Gegensatz zu einem poppigeren Anspruch beschrieben hast. Ich setze mich ja nicht hin und sage: „Heute schreibe ich ein Lied über das Sterben.“ Das Leben passiert einfach, und ich verarbeite es dann musikalisch. Deshalb braucht es immer wieder Zeit und Distanz. Und rein aus ökonomischer Sicht wäre es wahrscheinlich auch nicht besonders sinnvoll, so viel Druck auf nur ein einziges Thema zu legen.

Ich habe einfach auch Lust, andere Dinge zu machen. Aber ich muss schon sagen, dass sich dieses Projekt mit dem Release des Albums und auch durch die Arbeit daran – die ja im letzten Jahr, konkret im Jänner, wirklich begonnen hat und mich eigentlich das gesamte vergangene Jahr bis jetzt begleitet hat – einen deutlich höheren Platz auf meiner Prioritätenliste erkämpft hat. Und an dieser Stelle soll es auch bleiben. Es gibt viele Ideen und auch schon konkrete Pläne, das Projekt weiterzuentwickeln und wachsen zu lassen.

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Tom Joseph live
29.5. “maud’s house“ Listening Party
11.6. The Loft, Wien Tickets
12.6. Bäckerei, Innsbruck Tickets

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Links:
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Tom Joseph (bandcamp)
Feber Wolle