RICO MYNTHEN ist seit Herrschaftszeiten Hälfte der Fluchtachterlrockband DAZED PILOTS. Dass er solo so seine Sachen macht, wissen nur die, die es wissen müssen. Vorerst. »Farewell, Bulimic Twin« (VÖ: 15.3.2024) ist eine Sammlung von schwerschönen Liedern, für die man sich niederknien mag, aber es wegen vieler Scherben am Boden des fragmentierten Künstlerichs doch bleiben lässt. Geplaudert hat RICO MYNTHEN jedenfalls gerne, was schön ist, weil man ihn hören sollte.
Wie oft schaust du am Tag in den Spiegel?
Rico Mynthen: Du meinst den Spiegel hinter mir? Fast nie!
Du schaust dich ungern an?
Rico Mynthen: Wenn andere zuschauen, nicht, nein, das wirkt ja so eitel! Der Spiegel muss aber nicht immer eine Spiegelfläche sein, in der man sich anschaut. Man kann ihn auf was Kopfmäßiges beziehen – ein Spiegel als Bewusstsein seiner selbst. Plötzlich stellt man sich vor, was man sein will und dadurch verliert man, was man eigentlich ist.
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Wie sagt man da, du hältst dir einen Spiegel vor?
Die Lieder sind nicht deshalb entstanden, weil ich mir gedacht habe, hey, das sind wichtige Themen, darüber schreib ich jetzt. Ich kann nämlich nichts anderes, als über mich zu schreiben. Wahrscheinlich bin ich wirklich narzisstisch.
Ja?
Rico Mynthen: Ich will nicht bewusst narzisstisch sein, aber die Selbstbetrachtung gibt am meisten her. Vielleicht bin ich auch zu ungebildet, um mir zuzutrauen, die großen Themen anzusprechen. Jedenfalls kann ich es nicht. Wenn ich mich hinsetze, schreibe ich über das, was sich anbietet: Das sind Texte über meine Befindlichkeiten. Sie sind mein Spiegel.
Und du wirst zur Spiegelfläche für andere?
Rico Mynthen: Das hat mir zumindest noch niemand gesagt. Vielleicht würde mir das sogar Angst machen. Es sind ja triste Themen.
Angst, weil du dich ertappt fühlst?
Rico Mynthen: Naja, ich hoff ja, dass ich ein lieber Mensch bin, aber: Würd ich mit jemandem wie mich abhängen? Eher nicht. Auch weil ich ja Leute kenne, die anders sind als ich, mit denen hab ich mehr Spaß.
Deshalb lernst du … das Bereuen?
Rico Mynthen: Im Bereuen bin ich sehr gut, schon seit meiner Kindheit kann ich das. Ich will damit auch gar nicht sagen, dass man es lernen muss. Aber auf die richtige Art zu bereuen, sich also nicht fertig zu machen, das ist die große Kunst. Und daran arbeite ich.
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Wie geht das, richtiges Bereuen?
Rico Mynthen: Naja, vielleicht …Fehler zu erkennen, um sie nicht wieder zu machen, das heißt: Fehler auszumerzen, also Menschen, die man verletzt hat, wieder fröhlich zu machen. Das reine Bereuen bringt jedenfalls nichts. Ich glaub, es geht aber auch nicht um richtiges Bereuen, weil Bereuen immer auch Egoismus ist.
Hast du das Bereuen schon bereut?
Rico Mynthen: Klar, man könnte ja auch etwas tun, das anderen hilft. Stattdessen verwechselt man Reue viel zu oft mit Selbstmitleid. Zumindest geht es mir so – schon bin ich armes Ich in einer bösen Welt. Bringt natürlich niemandem was. In diesem Moment ist mir das aber nicht klar. Da empfinde ich nur Reue, im besten Fall wenigstens Wut auf mich.
Manchmal führt Selbstmitleid zur Änderung, nein?
Rico Mynthen: Naja, daraus kann schon etwas entstehen, ein Lied zum Beispiel. Das ist in der Musik ja keine Seltenheit, die Frage ist nur: Sind es die Situationen, in denen es einem schlecht geht, wert?
Wann hast du dich das letzte Mal bemitleidet?
Rico Mynthen: Gestern. Ich bereue auch täglich, leider nicht in der Konsequenz, dass ich was ändere.
Was würdest du ändern?
Rico Mynthen: Dass ich zu viel an mich denke und mir vorstelle, was für ein grandioser Künstler ich doch sei – ein Scheißkreislauf, weil: Man stellt es sich vor und dann kommt die Enttäuschung, dass es doch nicht so ist. Also muss man was tun, aber da klingt man dann schnell wie ein Selbsthilferatgeber.
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Was würdest du an deinem letzten Tag machen?
Rico Mynthen: Ich bin ich ganz gut darin, zu ignorieren, was irgendwann vorbei sein könnte. Deshalb habe ich beschlossen, ewig zu leben. So geh ich durch den Tag, was dumm ist, weil es unrealistisch ist. Vielleicht würde ich mein Leben viel mehr schätzen, wenn ich mir die eigene Vergänglichkeit vor Augen halte.
Du sagst, du lebst ewig?
Rico Mynthen: Ich weiß eh, dass ich irgendwann sterbe, aber ich mach meine Sterblichkeit nicht zum Thema.
Das heißt …
Rico Mynthen: Dass ich auch nicht wilder lebe als alle anderen.
Danke für deine Zeit!
Christoph Benkeser
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Rico Mynthen präsentiert sein Album „Farewell, Bulimic Twin” am 9. Mai 2024 im rhiz.
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Links:
Rico Mynthen (Bandcamp)
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