Die neue Reihe „Konzert Nouveau“ stellt einen Versuch dar, vor allem klassische Musik (aber nicht nur die), jenseits von „tourismusorientierter Dienstleistung“ und persönlichem PR-Investment in Salzburg zu präsentieren. Dabei geht es nicht nur um spartenübergreifende Experimente, sondern auch um Kontext-Verschiebungen, die nicht zuletzt die Lokalitäten (weg aus den Konzertsälen hin zu anderen Locations) wie auch die generelle Präsentation von Musik (respektive Kunst) betreffen. Für mica hat sich Didi Neidhart mit der Initiatorin und Musikerin Maja Backović zum Interview getroffen.
Wie ist eigentlich die Idee zur Reihe „Konzert Nouveau“ entstanden?
Maja Backović: Wie bei fast aller Poesie, die ich geschrieben habe, ist die Idee für „Konzert Nouveau“ plötzlich und aus dem Nichts wie ein Blitz auf meiner Wellenlänge gelandet, als ich durch das Schaufenster in der Bergstraße 11 in der damaligen B11-Galerie ein Pianino gesehen habe. Eine intime Galerie mit offenen Menschen und Pianino?! Fruchtbarer Boden für „Konzert Nouveau“!
Die ersten beiden Konzerte waren den Musen und den Hyaden gewidmet. Wieso diese Verweise auf die Antike Mythologie bei einer Konzertreihe, die sich dann doch eher den neuen bzw. der Erneuerung der Klassik und den damit verbundenen und assoziierten Aufführungspraxen verschrieben hat?
Maja Backović: Erstens, weil die griechische Mythologie eine Leinwand für Kreativität mit vielen komplexen und fantastischen Geschichten bietet. Hier haben uns die Musen und Hyaden geleitet und einen freien Rahmen gegeben. Durch die Widmung der Abende an verschiedene Schwestern haben die Veranstaltungen eine Art Ritualität verkörpert.
Zweitens steht die Idee der altgriechischen Mousike hinter den Konzerten – Mousike war ein Teil der Erziehung im klassischen Athen, wo Musik, Tanz und Poesie gelehrt wurden. Die Ausbildung diente als Botschafter der Schönheit und des Edelmuts sowie der Wertschätzung für Harmonie und Rhythmus. Ebenso dienen unsere Konzerte den jungen Künstlerinnen und Künstlern und dem diversen Publikum demselben Zweck.

„Die Anfangsidee war, „Konzert Nouveau“ als eine durch die Stadt reisende Reihe zu veranstalten.“
Mit dem Salzburger Shakespeare wurde dabei ein für klassische Musik eher ungewöhnlicher Ort gewählt. War das Absicht, oder eine quasi aus der Not heraus geborene Idee?
Maja Backović: Die Anfangsidee war, „Konzert Nouveau“ als eine durch die Stadt reisende Reihe zu veranstalten, die für klassische Musik ungewöhnliche Räume bespielt. Ich erinnere mich jedoch, nach dem zweiten Konzert im Shakespeare, dass sich die Musen so wohl gefühlt haben, dass die übrigen eigentlich auch dort gefeiert werden wollten. Der liebe Wolfgang Schweiger (Shakespeare) ist ein sehr begeisterter Liebhaber klassischer Musik und gleichzeitig teilen wir beide die Begeisterung für das Alternative, Intime, Ungewöhnliche und holistische Ansätze – also war es eine Mischung aus Not und Liebe.
Wenn davon die Rede ist, dass bei den bisherigen Konzerten u.a. „Musik, Tanz, Astronomie, Agrikultur“ zusammengekommen sind, dann geht es euch ja scheinbar nicht nur um Musik an sich. Gibt es hier einen ganzheitlicheren Ansatz oder geht ihr einfach zu jenen Aufführungspraxen zurück, bevor sich „klassische Musik“ durch Sitzkonzerte von anderen Formen der Musikdarbietungen zu unterscheiden suchte?
Maja Backović: Der ganzheitliche Ansatz spiegelt sich in der Thematik der Konzerte wider. Meiner Meinung nach ist die wahre Künstlerin die Natur. Eigentlich ist die Natur einfach Natur. Wir als Künstlerinnen und Künstler sind von Natur aus dazu auserwählt, die durch Kunst, Kreation und Ausdruck jeder Art zu erforschen und die Menschen näher an unsere angeborene kreative Natur zu erinnern – wir haben die Kraft der Veränderung und Kreation! Es erfordert jedoch ein breites Spektrum an Fähigkeiten in Individuen, welches sich durch Solidarität, Kommunikation und gemeinsame Aktionen entwickeln kann, ebenso wie durch das Schaffen von Orten und Atmosphären, in denen Verbundenheit unterstützt und gezeigt wird.
„Beim „Konzert Nouveau“ geht es nicht nur um klassische Musik.“
An wen richtet ihr euch dabei? An junge Musikerinnen und Musiker und an ein ebenso junges Publikum, oder generell an alle, die Klassik einmal „anders“ erleben wollen?
Maja Backović: Damit alle verstehen: Beim „Konzert Nouveau“ geht es nicht nur um klassische Musik. In der dritten Reihe wird es mehr traditionelle Musik zu hören geben als klassische. Ein großer Teil der Idee sind auch Zusammenarbeiten, bei denen Tanz, Musik, Poesie und visuelle Künste zusammen in einem Stück verschmolzen sind. Die Hauptidee ist jedoch, den ausgewählten Künstlerinnen und Künstlern so viel Freiheit beim Kreieren zu lassen wie möglich!
„Konzert Nouveau“ richtet sich vor allem an alle neugierigen Wesen, die entweder schon sehr kreativ sind und sich mit anderen Kreativen verbinden möchten, oder an jene, die mehr Kreativität in ihrem Leben brauchen oder sich in verschiedenen Künsten eine Nacht lang baden möchten, und auch an jenen, die sich lebendig fühlen und bereit sind, ihre offenen Herzen der Bühne und dem Zuschauerraum anzubieten.

Klassische Musik hat ja vor allem auf der Publikumsseite mit einem Schwund zu tun, was sich auch in Zukunft wohl nicht wirklich verbessern wird. Zwar gibt es immer wieder (mitunter fragwürdige und eher gut gemeinte, als dann wirklich funktionierende) Versuche Klassik mit Jazz oder mit Club Culture zusammenzubringen, um das etwas mehr Hippness reinzubringen, aber ihr geht hier scheinbar einen ganz anderen Weg. Wie kann man also so ein „Konzert Nouveau“ vorstellen?
Maja Backović: Den ,ganz anderen Weg‘ sehe ich in diesem Ansatzpunkt: Ich glaube nicht, dass klassische Musik durch eine beliebige Form von ,Hipness‘ dem Publikum nähergebracht werden sollte. Da ich die Kraft der Musik, auch der klassischen, persönlich sehr gut kenne, schaffe ich einen Ort, an dem auch klassische Musik zugänglich ist – wo jeder, jung oder alt, groß oder klein, der Musik begegnen kann. Es wird nicht versucht, klassische Musik ,weniger langweilig‘ zu machen. Meiner Ansicht nach ist sie ein Fahrzeug für ganz verschiedene Gefühle und Gedanken. Mein Ansatzpunkt ist der Glaube an Menschlichkeit und menschliche Seelen, an Sensibilität.
Generell wird der Besuch von Konzerten klassischer Musik als gehobene Aktivität angesehen, und die Kraft und der Ausdruck der Musik werden als zweitrangige Merkmale betrachtet. „Konzert Nouveau“ sehe ich als Portal, einen Zugang für diejenigen, die nicht unbedingt eine Investition tätigen möchten, um herauszufinden, ob klassische Musik etwas für sie ist oder nicht. Beim „Konzert Nouveau“ kann man sich umsehen, so wie man ist, um herauszufinden, ob die verschiedenen Künste einen innerlich bewegen oder nicht, ohne Erwartungen, ohne Investitionen und ohne Leistungsdruck (ohne etwas verstehen zu müssen; es geht eher darum, sich zu erlauben zu fühlen, wo man in Bezug auf das Erlebte steht). Also kann man ein „Konzert Nouveau“ auch als einen Ort der Akzeptanz und Heilung betrachten
„Die Begeisterung kommt vor allem durch das Freiheitsgefühl.“
Bei den ersten beiden Veranstaltungen sind mehr als 80 internationale, in Salzburg basierten tätige Künstlerinnen und Künstlern aus unterschiedlichen Bereichen aufgetreten. Woher kamen die bzw. was waren deren Motivationen bei euch mitzumachen?
Maja Backović: Die Begeisterung kommt vor allem durch das Freiheitsgefühl, dass „Konzert Nouveau“ den Künstlern bietet. Ebenso immer wieder durch inspirierte und ebenso begeisterte Nachfragen. Mein Freundeskreis von Künstlern in Salzburg und diejenigen, die einfach durch offene Kommunikation dazu werden, sind durstig nach authentischen Auftritten, wo ihre Herzensprojekte sich entwickeln können, wo sie gesehen werden können und sich in ihrem eigenen Rhythmus und ihrer Dynamik ausdrücken können. Künstler möchten Kunst machen, und wenn sie fair dafür entlohnt werden und die Kunst machen können, die sie persönlich formen wollen, ist das eine sehr starke Motivation.
In euren Konzept findet sich ja auch Aussage, dass der Kapitalismus einen „Mangel an Zeit und Geld“ generiert. Auf Ähnliches verweist ja auch der britische Pop-Theoretiker Mark Fisher, wenn er den Mangel an Zeit (und damit auch den Mangel an kreativer Langeweile) als Krisensymptom der neoliberalen Gesellschaft und deren Auswirkungen auf die Produktion wie die Rezeption von Kunst beschreibt. Aber was versteht ihr nun konkret darunter? Gibt es auch in der Klassik das Phänomen der immer kürzeren Aufmerksamkeitsspannen wie bei Konsum von Pop-Musik via TikTok oder Spotify?
Maja Backović: Ich bin noch nicht dazu gekommen, Mark Fishers Theorie kennenzulernen; meine Erfahrung damit ist rein praktischer Natur. Wenn ich jedoch über die Vorbereitung professioneller klassischer Konzerte sprechen darf, so sind diese natürlich zielgerichtet, und die Probezeiten sind meiner Meinung nach sehr straff, da sie ja auch finanziert werden müssen. Natürlich könnte man hier von der Bereitschaft sprechen, Teil einer solchen Maschinerie zu sein. Ein Orchester oder der Kunstbetrieb im Allgemeinen könnte als Mikrokosmos gespiegelt im Makrokosmos betrachtet werden. Natürlich werde ich zunächst nach dem Kapitalismus fragen. Persönlich kann ich mir jedoch einen anderen Kreislauf vorstellen, in einer entspannteren Welt, in der Kreativität geschätzt wird und Leistung nicht unter Druck gesetzt wird.
Die Aufmerksamkeitsspanne wird bei uns definitiv trainiert und getestet, jedoch nicht erlangt. Solche Fragen überlasse ich persönlicher Auswahl. „Konzert Nouveau“ ruft nach Erforschung, nach Erleben und danach, sich auf die innere Stimme zu konzentrieren: In einer solchen Vielfalt und Menge an Kunstangeboten, wie wir sie heutzutage erleben, ist es leicht, sich zu fragen: WAS WILL ICH? Wo gehöre ich hin, wo fühle ich mich als Mensch und als Künstler angesprochen und sicher?
Geld und Überleben lassen viele von uns die Grundbedürfnisse ignorieren. Für einen kreativen Menschen sind diese jedoch freier Ausdruck, Zeit und ,leerer Spaziergang‘. Das Letzte würde ich eher nicht als Langeweile bezeichnen, denn in diesen leeren Räumen entsteht auch unsere Kunst. Durch diese Lebensweise entsteht freie und geistvolle Kunst. Durch eine solche Praxis entstehen auch mutige und offene Menschen, die durch den Kontakt mit anderen Menschen diese Welt in einen friedvolleren Ort verwandeln können.

„Wie oft darf ein klassischer Musiker in Salzburg sein eigenes Programm auswählen und umsetzen?“
Ihr wollt aber auch „eine junge, alternative Kultur in Salzburg effektiv schaffen“ und das wäre jetzt die Gretchenfrage wieso ausgerechnet in Salzburg mit klassischer Musik? Gibt es davon nicht eh schon zu Genüge? Oder seht ihr gerade hier Leerstellen, blinde Flecken und von daher auch das Potential all das auch ganz anders angehen zu können?
Maja Backović: In Salzburg gibt es viele tourismusorientierte Dienstleistungen. Dabei gibt es auch Künstlerinnen und Künstler, die entweder in diesem System feststecken oder in ihren eigenen Gedanken von Unzufriedenheit und Unzulänglichkeit gefangen sind. Es geht nicht ums Geschäft, es geht um Freiheit und Ausdruck. Wie oft darf ein klassischer Musiker in Salzburg sein eigenes Programm auswählen und umsetzen? Wie oft hört eine Komponistin bzw. ein Komponist die eigene Musik, einfach weil sie bzw. er wertvolle Musik komponiert und nicht, weil sie bzw. er ,die richtigen‘ Leute kennt und zur richtigen Zeit an den richtigen Orten aufgetreten ist? Werden wirklich alle gehört? Auch diejenigen, die multitalentiert sind und ihren Lebensunterhalt durch andere Tätigkeiten finanzieren müssen, die nicht unbedingt im Kunstbereich liegen?
Was sind dabei eure Ziele für die Zukunft?
Maja Backović: Weiter als Konzert-Reihe zu agieren und wertvolle Veranstaltungen für Salzburger Künstlerinnen und Künstler zu schaffen. Verbindungen zwischen denen zu erstellen.
Arbeitet ihr hier auch mit anderen, inhaltlich ähnlich gelagerten Initiativen zusammen?
Maja Backović: Nicht direkt und noch nicht. „Konzert Nouveau“ konzentriert sich auf individuelle Künstlerinnen und Künstler und die Verbindungen zwischen ihnen.
Was waren die bisherigen Erfahrungen bei den Konzerten?
Maja Backović: Umarmungen, sowohl wörtlich als auch in Form unglaublicher Kollaborationen, die aus den Begegnungen bei den Konzerten entstanden sind.
Aus wieviel Leuten besteht eigentlich das Kernteam und wie finanziert ihr euch? Gibt es Subventionen (Stadt, Land, Bund, etc.)?
Maja Backović: Me, myself and I. Also aus drei Leuten. Stadt Salzburg unterstützt „Konzert Nouveau“ von dem zweiten Konzert weg, also seit 2019.
Was können wir beim kommenden „Konzert Nouveau“ erwarten?
Maja Backović: Bitte ohne Erwartungen besuchen und einfach sehen, was wir zusammen kreieren können. Das, was man mit Sicherheit sehen wird, ist gleichermaßen kraftvoll und sensitiv.
Danke für das Interview.
Didi Neidhart
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Nächster Termin:
Konzert Nouveau III.1
Mittwoch, 05.06.2024 – 20:00
Shakespeare
Hubert Sattler Gasse 3
5020 Salzburg
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