„ICH GLAUBE, ICH MUSS ZEHN SONGS SCHREIBEN, BIS MIR EINER GEFÄLLT“ – OLIVER WELTER IM MICA-INTERVIEW

Ein neues NAKED LUNCH-Album nach 12 Jahren! Der Titel „Lights And A Slight Taste Of Death“ deutet an, dass es um die großen Themen geht: Leben, Tod, Zwischenmenschliches. Jürgen Plank hat Mastermind OLIVER WELTER gefragt, welche Bedeutung das Album für ihn hat und was hinter der Single „To All And Everyone I Love“ steht. Welter berichtet von der besonderen Rolle, die der Produzent WOLFGANG LEHMANN eingenommen hat und erzählt warum er süchtig nach dem Bühnenerlebnis ist. Und er spricht über den kontinuierlichen künstlerischen Austausch mit seinem Sohn OSKAR HAAG, der wie er selbst als Musiker und Schauspieler aktiv ist.

Ein neues Album nach 12 Jahren und der immer wieder selbst gestellten Frage, ob ein neues Naked Lunch-Album überhaupt noch jemanden interessieren würde. Welchen Stellenwert hat dieses Album für dich?

Oliver Welter: Einen enormen Stellenwert. Weil ich mir über viele Jahre hindurch die Sinnfrage gestellt habe: Gibt es noch Menschen da draußen, die das hören wollen? Bin ich nochmals bereit, so viel zu investieren? Denn ein Naked Lunch-Album zu machen, ist oft sehr langwierig. Und sehr anstrengend. Als ich all diese Fragen mit „Ja“ beantwortet habe, war es klar, dass ich noch ein Album machen muss.

Wie war dieser Moment der Entscheidung?

Oliver Welter: Ich hatte ein oder zwei Initial-Erlebnisse, bin da und dort von Leuten sehr nach neuer Musik gefragt worden. Die Begegnung mit Wolfgang Lehmann war im Entstehungprozess für mich ganz entscheidend. Seitdem Herwig Zamernik und ich getrennte Wege gehen, gab es eine Leerstelle in der Band. Herwig war wahnsinnig wichtig für mich als Musiker, als Mensch und als Gegenüber. Diese Leerstelle ist ganz lange nicht gefüllt worden und ich habe aber gewusst, dass sie gefüllt werden muss. Es war fast schon eine schicksalshafte Begegnung mit Wolfgang Lehmann. Ich habe ihn kennengelernt als er das Naked Lunch-Stück „God“ vom Album „Songs for the Exhausted“ am Popfest gecovert hat. Und das in einer unglaublichen Form, die mich wahnsinnig begeistert hat. Dann ging alles sehr schnell, ich habe viel altes Material weggeschmissen, das mache ich immer so. Drei oder vier Lieder habe ich behalten und den Rest sehr schnell geschrieben.

Du warst natürlich in den letzten 12 Jahren nicht untätig, du warst zum Beispiel bei verschiedenen Theater-Projekten dabei. Wir haben mal im Rabenhof ein Interview zur Danzer-Hommage „Jö schau“ gemacht und ich habe dich in der Produktion „Der Sandmann“ nach E.T.A. Hoffmann im Theater an der Gumpendorferstraße gesehen, zu der du die Musik geschrieben hast. Auch Filmmusik gab’s. Wie hast du diese Phase als Künstler erlebt?

Oliver Welter: Ich kann mich an ganz Vieles nicht mehr erinnern. Nicht weil ich so berauscht bin, sondern weil diese Jahre so lange sind. Ich habe selbst mal geschaut und gesehen, dass es doch einige Sachen waren. Ich habe vermehrt Theater gemacht, meistens auch mit Begeisterung. Ich muss ja auch etwas machen, das ist ja mein Brot oder mein income. Ich kann es mir nicht leisten, zehn Jahre lang nichts zu machen. Nur auf einen guten Gedanken zu warten, bis mir der geilste Song aller Zeiten einfällt, geht sich leider nicht aus. Das wäre auch ein langweiliges Leben. Ich habe in den letzten Jahren viel komponiert, das stimmt.

Du hast es vorhin – und auch in früheren Interviews – angesprochen, dass einem Naked Lunch-Album ein schwieriger Prozess zugrunde liegt. Ich würde das eine Katharsis – eine Reinigung – nennen. Wie war das beim neuen Album? War es dieses Mal leichter?

Bild Oliver Welter
Oliver Welter © Michelle Rassnitzer

Oliver Welter: Nein, es war überhaupt nicht leicht, weil ich beim Songwriting so wahnsinnig selektiere und – das ist fast schon ein bisschen ungesund – immer wieder zweifle. Ich glaube, ich muss zehn Songs schreiben, bis mir einer richtig gefällt. Das ist sehr zermürbend und macht auch wenig Spaß, wenn man so ist und so denkt. Ich habe das klassische Corona-Album, das jeder versucht hat zu schreiben, natürlich auch geschrieben. Nachdem Corona gegessen war, habe ich es halt weggeschmissen, weil es keine Notwendigkeit mehr für mich gab, etwas über diese Zeit zu sagen. Das ist nur ein Beispiel. Sehr viel wegzuschmeißen und wieder neu aufzunehmen, macht den Prozess schon mal total schwer. Ich habe bei diesem Album ziemlich viele Songs konkret vorproduziert. Das Material mit den tollen MusikerInnen fertig zu produzieren, ist dann wahnsinnig schnell gegangen.

In der Presseinfo ist ein Zitat von dir über deine Krebserkrankung zu lesen. Inwiefern bekommen Songs bzw. das Songschreiben angesichts dessen nochmals eine andere Wertigkeit?

Oliver Welter: Das konnte ich so nicht beobachten. Es war eine lebensbedrohende Zeit, die ich überwunden habe. Ich hatte gedacht, dass ich die Krankheit überwunden habe und gefeit davor bin und bis ich 80 Jahre alt bin durchs Leben gehe. Aber dann ist die Krankheit nochmals gekommen. Und das hat mich psychisch richtigzurückgeworfen und da habe ich nichts mehr schreiben können. Das war eine völlige Blockade. Wenn man über schlimme Sachen und dunkle Zeiten schreibt, muss man schon wieder wo anders sein. Wenn du dich in dieser Phase befindest, hast du keine Chance, darüber zu reflektieren.

„DAS ALBUM KANN SCHON LEICHT ÜBERFORDERN

Von einer herausfordernden Tour de Force spricht die Presseinfo. Wie schmal ist der Grad hin zur Überforderung des Publikums? Oder siehst du diese Gefahr weniger?

Oliver Welter: Das Album kann schon leicht überfordern. Es ist eines von den Alben, die ein Statement setzen wie: tauche ein, geh’ da mit oder lass’ es einfach bleiben. Es stimmt schon: Alben, die in viele Richtungen gehen und düsteren oder vermeintlich hoffnungslosen Kram draufhaben, können Menschen schon überfordern. Auch Arrangements können anstrengend sein und da gibt es schon einige davon auf der Platte. Es ist sicher nicht einfach, da hinein zu finden, aber das war immer schon ein bisschen das Credo von Naked Lunch: geh’ mit oder lass’ es halt bleiben.

Wie geht es dir, wenn du dir das fertige Album jetzt anhörst?

Oliver Welter: Ich glaube, das habe ich schon ewig nicht mehr gesagt: es ist das erste Album, dass ich wirklich freudvoll hören kann. Ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mir Lieder anhöre. Oft habe ich Alben jahrelang nicht gehört, aber da hat sich vielleicht etwas verändert. Ich bin wahnsinnig zufrieden mit dem Album, egal wie die Rezeption von außen ist. Mir macht es große Freude, das Album zu hören.

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Die Single „To All And Everyone I Love“ ist für mich musikalisch eine starke Rock-Hymne. Ist das inhaltlich fast eine Entschuldigung, bei all den Menschen, die du vielleicht wirklich vergessen könntest oder schon vergessen hast? Oder ist das nicht so persönlich gemeint?

Oliver Welter: Es ist nicht als Entschuldigung gedacht oder für Menschen, die ich übersehen oder vergessen habe. Es ist einfach eine grundsätzliche Aussage: ich schreibe jetzt in 3 Minuten einfach über alles, was mir wichtig ist. Poptexte haben ja durch die Kürze ein schönes Format. Wir reden von 3 bis maximal 5 Minuten. Es war der Versuch, alles in den Song zu geben, was ich gut finde: von einer Umarmung nach der ich dürste, die ich wie jeder Mensch brauche und wahnsinnig liebe. Bis hin zu einer politischen Haltung, ein Lied über den Fall aller Faschisten. Das Lied bereut nichts, sondern ich würde auch die Straße hinunter gehen und jedem Menschen erzählen, was in diesem Lied drinnen ist. Nehmt das! „To the death of every god“. Punkt. Ich würde mich darüber freuen, wenn alle Götter sterben, wir sind befreit davon und das würde mir eine große Freude bereiten. Das sage ich jedem, auch dem Kardinal. Stehe für alles ein, was du meinst. In diesen Zeiten stehen alle für irgendetwas ein, das aber in einer anonymisierten Form, in einer wenig humanistischen Form. Das ist ein humanistisches Lied.

Du bist seit rund 40 Jahren im Musikbereich unterwegs. Würdest du gerne dein Wissen über das Musikbusiness weitergeben? Nicht nur an eigene Kinder, dein Sohn Oskar macht ja ebenfalls Musik.

Bild der Band Naked Lunch
Naked Lunch © Apollonia T. Bitzan

Oliver Welter: Es hat mich noch nie jemand gefragt und ich habe noch nie einen Lehrauftrag bekommen. Ich würde das machen wollen und finde es lässig mit einer neuen Generation zu arbeiten und mit Know-how und Erfahrung verschiedene Wege aufzuzeigen. Beim Oskar war das anders, der ist ja in einem Musiker-Haushalt aufgewachsen und hat da gar nicht auskönnen. Der Arme. Er war genötigt Neil Young oder The Beatles zu hören, weil das immer gelaufen ist. Für Autofahrten habe ich dann statt Benjamin Blümchen Best-Of-Sachen gekauft, weil mir das auf die Nerven gegangen ist. Ich hab’ gesagt: wir hören jetzt David Bowie oder Blumfeld im Auto. Oder The Lassie Singers für die Tochter. Die wurden unfreiwillig damit konfrontiert. Und Oskar hat mit 10 oder 11 Jahren trotzdem Justin Bieberals das Maß aller Dinge in der Musik gesehen und das ist auch richtig so. Mit Oskar ist ein ständiger Austausch da und er ist tatsächlich der Erste, dem ich eine neue Aufnahme schicke. Und er schickt seine Aufnahmen mir, in dem Fall ist das ein Super-Verhältnis und macht sehr viel Spaß.

Welches Feedback hat er zu den aktuellen Aufnahmen gegeben?

Oliver Welter: Er findet’s großartig. Es ist erstaunlich, dass er da und dort auch früher schon Feedback gegeben hat, mit dem ich echt etwas anfangen kann. Ich gehe nicht sklavisch hin und mache alles, was er meint. Manches beherzige ich und manchmal muss ich sagen: der kleine Scheißer hat einfach recht.

Vor 10 Jahren hast du im mica-Interview auf die Frage nach der Zukunft geantwortet: „Schaut schlecht aus bei mir“. Was würdest du heute sagen?

Oliver Welter: Schaut immer noch schlecht aus, aber ich bin immer noch da. Ich würde sagen, es schaut heute auch schlecht aus. Ich bin bald Ende 50 und ich weiß nicht, wenn ich mal in Pension gehen sollte – was auch immer das bedeuten –, wovon ich die Pension bestreiten werde. Es schaut nicht gut aus. Es ist nicht so, dass mit zunehmendem Alter die Jobs und die Jobmöglichkeiten immer größer werden. Irgendwann kommt man in den Bereich der weißen, alten Männer. Ob ich das will oder nicht. Auch wenn ich ideologisch anderswo bin, werde ich von vielen Szenen so wahrgenommen. Das macht es nicht einfacher.Gerade in Bezug auf das Existenzielle muss ich sagen: es schaut nicht gut aus.

„ICH BIN SÜCHTIG NACH DER BÜHNE“

Ihr macht im Jänner 2026 eine Österreich-Tour. Wie wichtig ist dir das Spielen von Konzerten nach mehr als 30 Jahren noch?

Oliver Welter: Ich bin süchtig nach der Bühne. Ich liebe die Bühne sehr, ob am Theater oder beim Spielen von Konzerten mit dieser Band. I love it. Das gibt mir so wahnsinnig viel und es kann mir psychisch gehen wie es will. Auf der Bühne ist das alles weg. Dort fühle ich mich wohl, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Ich mag es, ausgesetzt zu sein und liebe diese Energie, die im besten Fall entstehen kann. Diesen Austausch mit dem Publikum, der gar nicht offensichtlich sein muss, sondern in einem Raum einfach energetisch entsteht. Diese gemeinsame Energie ist einfach magisch. Ich spiele so gerne live, dass ich es kaum erwarten kann, bis es soweit ist.

Ich habe im letzten Jahr ein Konzert von The Rolling Stones gesehen, bei dem Mick Jagger den beeindruckenden Satz gesagt hat: Vor 60 Jahren haben wir auch schon hier gespielt. Wird es Naked Lunch auch für immer geben?

Oliver Welter: Nichts ist für immer, irgendwann stirbt alles. Ich kann es dir nicht sagen, ich weiß nur eines und das habe ich schon mehrmals gesagt: Ich habe diese Band gegründet und ich werde sie zu Grabe tragen, wenn mir danach ist. Und jetzt ist es noch nicht soweit, im besten Fall gibt es uns noch für viele Jahre.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Live:
16.01.26 Steyr/Röda
17.01.26 Ebensee/Kino
22.01.26 Wien/Arena
23.01.26 Graz/PPC
29.01.26 Innsbruck/Treibhaus
30.01.26 Dornbirn/Spielboden
31.01.26 Salzburg/ ARGEkultur
22.05.26 Klagenfurt Festival

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Links:
Naked Lunch
Tapete Records