ENESI M. screamt, singt, rappt und dreht den Subwoofer bis zum Anschlag, wenn sie die Bühne betritt: „Brazilcore“ nennt es die Österreichische Künstlerin in der Single-Auskopplung zu ihrem Debüt-Album „Dystopia“, das am 30. November 2023 erscheint. Man könnte aber auch sagen „Deconstructed Club Music“. Zumindest mag die Musikerin den Begriff und lehnt sich dabei weit übers Genre-Geländer: „Es wäre so cool, wenn sich die Crowds einfach vermischen.“ Während sich ENESI M. früher noch zu Hardcore in Moshpits geworfen hat, erzeugt sie jetzt ihre ganz eigene Verwirrung: Mit Kunstblut gewappnet stürmt sie die Bühne und bringt die unterschiedlichsten Crowds in Bewegung. Zwischen Headbangen und Hakken ist eigentlich alles erlaubt. Im Interview erklärt die Künstlerin mit brasilianisch-kubanischen Wurzeln, wie Nichtzugehörigkeit zu Genrepluralismus führen kann, warum ihr Sound mit „Dystopia“ härter geworden ist und was es mit dem ganzen Blut auf sich hat. Wie Wut dabei für sie eine Rolle gespielt hat, erzählt sie im Gespräch mit Ania Gleich und Johann Redl.
Du rufst gerade aus Berlin an. Was tut sich da bei dir?
Enesi M.: Im Vordergrund steht hier gerade mein Album, das jetzt fertig produziert wird. Es war ein langer Weg bis hierher, aber jetzt ist zum Glück alles unter Dach und Fach. Im Oktober hatte ich dazu noch ein paar Studio Sessions, um die letzten Songs fertig zu machen. Aber jetzt bin ich super happy, dass es weitergeht und ich der Welt bald mein Album präsentieren kann!
Du bewegst dich nicht nur zwischen Wien und Berlin, sondern auch Genre-mäßig. Gibt es für dich eine Szene, wo du dich speziell zugehörig fühlst?
Enesi M.: Das ist für mich schwierig zu beantworten, weil ich durch meine Lebenserfahrung als schwarzbraune Frau in der österreichischen Gesellschaft viel Ausgrenzung erfahren habe. Das hat meine Weltansicht geshaped. Deswegen fühle ich mich nirgendwo wirklich zugehörig. Aber das ist OK und ich habe angefangen zu akzeptieren, dass dieses Gefühl vom Nichtzugehörigkeit mich auch wieder zugehörig macht. Und zwar zu den Menschen, die sich auch nicht zugehörig fühlen. Deswegen auch diese große Breite an Genres in meiner Musik. HipHop, Metal, Reggaeton, elektronische Musik … Das sind alles Einflüsse und sie erzählen meine Lebensgeschichte. Wo bin ich aufgewachsen, wie bin ich aufgewachsen und welche Dinge wichtig waren.

Du spielst in den Songs auch mit verschiedenen Sprachen.
Enesi M: Weil ich in Österreich aufgewachsen bin, Deutsch aber nicht meine Muttersprache ist, habe ich schon im Kindergarten Diskriminierung erlebt. Und ich glaube, das Verwenden der vielen Sprachen, mit denen ich aufgewachsen bin, ist auch ein Akt der Selbstbefreiung: Ich stehe dazu und bin stolz drauf.
„ANDERE KÜNSTLER:INNEN BRINGEN IHREN EIGENEN GESCHMACK MIT AUFS MENÜ UND DAS FIND’ ICH GEIL!“
Hast du das Gefühl, dass du erst mit der Zeit in deine Persönlichkeit hinein gewachsen bist?
Enesi M.: Das ist so eine gute Frage! Ich habe vor Kurzem erst über den Fakt nachgedacht, dass ich 2021 meine erste EP selbst zusammengeschustert und dann schon 2022 entschieden habe, wirklich Musik zu machen und mit anderen Leuten zusammenarbeiten zu wollen. Bei der „Corriendo“ EP war alles ein bissl mehr Scherz als Ernst. Ich hab irgendwie irgendwas auf Ableton gemacht und das dann gedroppt. Das Album, das jetzt rauskommt, ist viel weniger random und es stecken mehr Konzept und Mittel dahinter. Ich habe zwar mit komponiert, aber diesmal nicht selbst produced. „Brazilcore“ ist dabei die einzige Single, die auch am Album oben sein wird, die beiden davor – „Hijxs De La Noche“ und „Serpent’s Tongue / Witch’s Heart“ – stehen für sich. In „Dystopia“ stecken viel mehr Gedanken drinnen und die sollen auch hörbar werden, damit man merkt, dass sich hier eine Künstlerin entwickelt hat. Das ist auch ein Grund, warum ich so viele Kollaborationen gemacht habe. Andere Künstler:innen bringen ihren eigenen Geschmack mit aufs Menü und das find’ ich geil!
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Was hat sich in dir verändert, nachdem du den Schritt ins Professionelle gemacht hast?
Enesi M.: Mein erstes Musikvideo vor zwei Jahren habe ich noch mit meiner Handykamera gefilmt! Natürlich steckte in diesem Arbeitsflow auch eine gewisse Freiheit, weil ich die Kunst damals nicht wegen Anerkennung oder für Andere, sondern nur für mich geschaffen hab’. Aber als ich 2022 gemerkt habe, dass ich mit der Musik Ernst machen will, wurden auch meine Ansprüche höher. Mir wurde zum Beispiel sowas wie Bildsprache wichtig und dass ich da mit Grafikdesigner:innen meine Ideen umsetzen will. Natürlich ist es nicht so einfach, das alles zu verwirklichen, nachdem ich mir das alles selbst finanziert habe – Ich musste mir den Arsch abarbeiten, um mir das leisten zu können! Andererseits ist es auch schön ein Ziel zu haben. Das war für meine persönliche Befindlichkeit wichtig. Nicht um jetzt hier neoliberalen Kapitalismus zu promoten, aber es war schön in dem Prozess zu merken, dass mir das wirklich wichtig ist und ich das echt machen will!
Du screamst und haust danach einen Reggaeton-Beat raus. Wie muss man sich deine Crowd vorstellen?
Enesi M.: Es wäre so cool, wenn sich die Crowds einfach vermischen. Also, dass da Leute aus dem Club und Leute aus dem Metal vereint dastehen. Natürlich weiß ich, dass dem immer ein gewisser Genre-Purismus entgegensteht, auf den manche Leute dann auch ganz stolz sind. Aber ich muss auch sagen, dass ich – anders als letztes Jahr – nicht so viele Shows gespielt habe, einfach weil ich mich so auf das Album vorbereitet habe. Trotzdem war das Feedback auf die letzten Shows voll positiv und das von den unterschiedlichsten Crowds!
„MANCHE NENNEN DAS DECONSTRUCTED CLUB MUSIC.“
Cross-genre kriegt zurzeit auch wieder eine Verjüngungskur.
Enesi M.: Das stimmt. Mit The Prodigy, die für mich eine riesige Referenz sind, hat sich dieses überlappende Genre-Denken mainstreamisiert. Und natürlich darf man auch die ganze Trap-Metal-Szene, wie zum Beispiel Scarlxrd und all diese Rapper:innen nicht vergessen, die Sounds vermischt haben und damit in den späten 2010ern populär geworden sind. Da hat plötzlich jede:r Trap Metal oder Emo Rap gemacht. Ich fand das aber total cool. So habe ich Genre-Fusion lieben gelernt! Es ist inspirierend, wenn sich eine Punk- mit einer Technoszene vermischt. Man kann da durchaus ähnliche Denkansätze finden, wenn man dieses Bedürfnis nach Freiheit und Energiefreilassen, genauso wie nach Gemeinschaft, vereinen kann. Daraus könnte man eine richtig geile Crowd schöpfen. Ich fand es auf Metal- oder Hardcorekonzerten immer so bezeichnend, dass die sich die Leute in Moshpits immer gegenseitig hochgeholfen haben und keiner den anderen zertrampelt hat. Wenn meine Mama das wieder einmal nicht verstanden hat, dann hab’ ich ihr erklärt, dass das eine gemeinschaftliche Katharsis ist: Wir lassen da alle gemeinsam unsere Issues raus!
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Inwiefern steht deine Musik für dich?
Enesi M.: Es gibt definitiv andere Artists, die mich stark beeinflusst haben. Und ich finde, das sollte etwas sein, wo man mit Stolz dazu stehen kann. Niemand ist unbeeinflussbar. Letztendlich führen viele verschiedene Gründe dazu, dass man seinen eigenen Sound findet. Deswegen bin ich auch einfach froh zu sehen, wie etwa die Band Cinnamon Babe Musik macht oder eine Lil Mariko oder Rico Nasty, die mich alle sehr stark in meinem Sound geformt haben.
Du machst ja ziemlich viele Kollaborationen auf „Dystopia“. Was hat das mit dir gemacht?
Enesi M.: Das ist voll interessant. Ich habe dazu nämlich echt einen learning-by-doing-approach. Irgendwann einmal habe ich den Mut zusammengekratzt, eine Person zu fragen, die auch rappt, ob sie Bock hätte auf ‘nem Song zu sein. Und am Anfang habe ich auch nicht erwartet, dass die Person ja sagt. Als ich dann mein erstes Ja bekommen habe, ging es einfacher und ich habe die nächste und die nächste Person gefragt. Das hat mich sehr zuversichtlich gemacht und auch bolder in meiner Handhabung. Das ist dann alles bisschen größer geworden und gewachsen. Und am Ende habe ich mit ganz vielen Personen zusammengearbeitet. Sowohl Artists, Musiker:innen, Raper:innen wie auch Produzent:innen. Da hatte ich so wahnsinnig viel Glück!
Dein erstes Musikvideo zum neuen Album war zu „Serpent’s Tongue/Witch’s Heart“. Wie ist es zu dem Song gekommen?
Enesi M.: Das ist ein Song, der mir sehr am Herzen liegt. Er steht jedoch für sich als Single, ist also auf dem Album nicht oben. Eigentlich entstammt er einem Gedicht. Früher habe ich sehr viele Gedichte geschrieben und diese dann auch vorgetragen. In dem Text ging es darum, dass es in unserer Gesellschaft immer die Unterteilung zwischen Gut und Böse gibt. Wir sind die Guten, das sind die Bösen. Und das Gedicht beleuchtet die Nuancen, die zwischen Gut und Böse entstehen können. Wenn man als Mensch heranwächst, seine Erfahrungen und seine Fehler macht und daraus lernt, dann werden diese Nuancen auch klarer. Das wollte ich dann auch in einem Song ausdrücken. Musikalisch ist das Lied deshalb eher sehr experimentell. Auf jeden Fall viel experimenteller, als was ich davor released habe. Manche nennen das „Deconstructed Club Music.“
FM4 nennt das so.
Enesi M.: Ja … voll, aber ich mag den Begriff! Der Prozess zu dem Song war auch deswegen so cool, weil ich mit einer Produzentin aus Los Angeles und einem Produzenten aus New York komponiert habe und wir uns dann die ganze Zeit diese Files über WeTransfer hin und her geschickt haben. Die eine war Leelee YOTP, eine supercoole Künstlerin und Gitarristin. Der andere hieß Jack Brenner von Mothercell, einer Deconstructed Club Music slash Hyperpop Band aus New York. Ich bin echt stolz auf diesen Song! Das Video wurde dann in Bahia, im Norden von Brasilien, gedreht. Als ich das erste Mal in Bahia war, habe ich mich sofort komplett zugehörig gefühlt … und so kommen wir wieder zur Zugehörigkeit!
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Was sind denn noch Themen, die für dein Musikmachen wichtig sind?
Enesi M.: Was sich mit dem aktuellen Album stark verändert hat, ist meine Sing- beziehungsweise Schreitechnik. Meine Screams sind viel mächtiger und imposanter. Das kommt daher, dass ich in dem Prozess von „Dystopia”viel Wut kanalisieren konnte. In der „Corriendo“ EP habe ich gesanglich eher gechillt und viel weniger guttural gesungen. „Dystopia“ ist wilder und hat einen viel härteren Sound. Thematisch ging es mir auch um dieses Doom-Feeling, dass wir keine oder nur eine schwierige Zukunft haben werden. Ich meine, der Titel sagt es relativ explizit: Es fühlt sich zurzeit alles sehr dystopisch an. Mir war es wichtig, diese Negativität zu bearbeiten, daraus aber etwas Positives zu schaffen und es mit meiner Musik in andere Kanäle zu leiten.
„DIE BLUTDARSTELLUNG REPRÄSENTIERT FÜR MICH, SEIN INNERES NACH AUßEN ZU TRAGEN.“
Wie ist es für dich, mit dieser Wut auf die Bühne zu gehen?
Enesi M: Ich bin immer sehr happy, wenn ich performen kann. Natürlich auch nervös, aber hauptsächlich fühlt es sich gut und befreiend an. Aber auch Songs zu performen, die den Sound haben, den ich gerne hören würde: Das ist so für mich eigentlich immer eine positive Erfahrung! Danach bin ich komplett euphorisiert. Beim Publikum ist das manchmal anders. Das ist sich manchmal nicht ganz sicher, was da auf sie zukommt, weil ich den vibe nicht so klar vorgebe. Aber ich finde, dass Verwirrung gut und Wut auch einfach nur Energie ist.
Dein Instagram-Auftritt beinhaltet zurzeit viel Blut. Wieso?
Enesi M: Ich habe letztes Jahr erst angefangen, meinen Output mehr zu kuratieren und da gezielt Sachen hin zu posten, die für mich passen und gut ausschauen. In letzter Zeit dreht sich da viel um Kunstblut, ja. Diese Blutdarstellung repräsentiert für mich das Gefühl, sein Inneres nach außen zu tragen. So sehe ich das auch mit den Performances, wo ich Kunstblut verwende. Das hat für mich jetzt nichts mit Okkultismus zu tun. Sondern es ist eher eine Bildsprache, mit der ich nach außen kommunizieren will, dass ich mich vulnerable mache, gleichzeitig aber zeige, dass es auch empowerend ist, sich verletzlich zu machen und keine einfache Bloßstellung.

Wird „Dystopia“ deinen Ansprüchen gerecht?
Enesi M.: Ja, schon! Soundtechnisch bin ich sehr zufrieden und es ist ein guter Marker, für den Zeitpunkt, an dem ich grad stehe. Und das wird auch hörbar sein!
Danke dir für das Gespräch!
Enesi M.: Danke euch!
Ania Gleich, Johann Redl
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