„Ich bin sehr glücklich, dass ich doch noch die Kurve gekriegt habe“ – VOODOO JÜRGENS im mica-Interview

VOODOO JÜRGENS ist wieder da. Drei Jahre nach dem Meisterwerk „Wie die Nocht noch jung wor“ meldet sich der 42-Jährige mit einem neuen Album zurück. In Text und Sound geht es auf „Gschnas“ für Voodoo um die eigene Autonomie, die Wiedergeburt der Inspiration und das Freistrampeln von der typisch österreichischen Enge, die einen nach unten drückt. Er und seine Begleitband „die Ansa Panier“ laufen dabei zur Hochform auf. Im Interview mit Clemens Engert spricht David Öllerer, wie Voodoo Jürgens bürgerlich heißt, unter anderem über die Herausforderungen des neuen Songwriting-Prozesses, das zehnjährige Voodoo-Jubiläum … und offenbart, mit wem er gerne auf ein Bier gehen würde.

Für das Schreiben deines neuen Album „Gschnas“ hast du eine neue Herangehensweise ausprobiert. Wie ist der Songwriting-Prozess dieses Mal abgelaufen?

Voodoo Jürgens: Bei den ersten drei Alben bin ich mit fertigen Texten und meist auch schon mit Melodien zur Band gekommen und die haben dann die Lieder „aufgeputzt“ quasi. Dieses Mal wollten wir einfach anders an die Sache herangehen. Wir haben uns in kleinen Gruppen getroffen und so an Strukturen von Liedern gebastelt. Jeder konnte sich da einbringen. Dann sind wir nach Bremen gefahren und haben die Stücke aufgenommen, ohne dass es einen Text gab. Für die Texte waren dann drei Monate für mich eingeplant.

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Der Prozess war offenbar nicht immer einfach. Was war für dich die größte Herausforderung bei der neuen Herangehensweise?

Voodoo Jürgens: Naja, das Problem war, dass ich gewusst habe, dass wir da jetzt super Lieder aufgenommen haben – und dann lag es quasi nur mehr an mir. Die Art und Weise, wie ich vorher Nummern geschrieben habe, konnte ich gar nicht anwenden, weil dafür einfach auch gar nicht der Platz war. Ich hatte dann das Gefühl, dass eine hohe Gefahr besteht, ins Floskelhafte abzudriften. Es hat also seine Zeit gedauert, um mit den neuen Umständen zurechtzukommen. Am Ende ist aber doch noch alles gutgegangen.

„Es gibt keinen Grund für die immer gleiche Leier.“

Die Texte entfernen sich dieses Mal ein Stück weit vom Biotop Beisl und wirken tendenziell introspektiver als auf früheren Alben.

Voodoo Jürgens: Das sehe ich eigentlich nicht so. Es gab auf jeder Platte Lieder, die persönlich waren. Wenn man jetzt die erste Platte hernimmt, würde ich da zum Beispiel „Tulln“ oder „Weh au Weh“ nennen. Aber ja, vielleicht hat auch die Herangehensweise dazu beigetragen, auf eine etwas andere Art zu erzählen.

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Gehört es für dich zum Künstlerdasein grundsätzlich dazu, dass man sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt?

Voodoo Jürgens: Ich denke, dass die Neugier ein treibender Motor in der Kunst ist und es fatal wäre, sich auf etwas auszuruhen, was einmal geklappt hat. Es gibt noch zu viel zu entdecken und wir entwickeln uns als Band ja auch weiter. Es gibt also keinen Grund für die immer gleiche Leier.

Musikalisch ist das Album recht vielseitig geworden und es klingt mehr denn je nach einer richtig gut eingespielten Band.

Voodoo Jürgens: Ich wollte einfach, dass die Band mehr beim Aufbau der Lieder eingebunden ist. Man hat ja so seine Vorlieben bei Akkordwechseln. Da kann ein bisschen frischer Wind nicht schaden.

„In schwierigen Phasen haben wir uns gegenseitig aufgefangen.“

Haben sich deine musikalischen Einflüsse im Laufe der Zeit verändert oder hörst du grundsätzlich noch dieselben Sachen wie zu Beginn deiner Karriere?

Voodoo Jürgens: Es gibt Musikerinnen und Musiker, die mich stark geprägt haben und vielleicht so etwas wie den Grundstock legen. Und dann gibt es aber auch so Phasen, wo mir eine Musikrichtung oder ein Lied sehr taugt und ich es so viel höre, bis es dann auch wieder reicht (lacht). Es gibt natürlich auch Sachen, die ich vor 20 Jahren gehört habe, die ich jetzt gar nicht mehr packe.

Heuer jährt sich die Veröffentlichung deines Debütalbums zum zehnten Mal. Wie geht es dir, wenn du auf die ganze bisherige Reise zurückblickst?

Voodoo Jürgens: Ich bin sehr glücklich, dass ich doch noch die Kurve gekriegt habe. Ich war damals 32 und ziemlich am Boden, hatte aber anscheinend doch noch ein Ass im Ärmel. Ich bin froh, dass ich eine Gruppe gefunden hab, in der wir zu wirklich guten Freunden geworden sind und wo jeder Rücksicht auf den anderen nimmt. Ich weiß gar nicht, was ich da als Highlight rauspicken soll. Ich hab von der kleinen Tschumsn bis zur Stadthalle und zum Donauinselfest alles gespielt und alles hat mir getaugt. In schwierigen Phasen haben wir uns gegenseitig aufgefangen und wir haben Feste gefeiert. Ich bin dankbar, das alles erleben zu dürfen.

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Das Thema „AI in der Musik“ ist derzeit allgegenwärtig. Beschäftigt dich diese Thematik?

Voodoo Jürgens: Ja, die scheiß AI-Musik. Mir kommt vor, als ob es darauf hinausläuft, dass bald alles ein Computer macht. Wir sind dem ganzen eh schon sehr nahe. Eine Live-Band wird wahrscheinlich nicht von vier Laptops  ersetzt, aber ich find die momentane Entwicklung schon beängstigend.

Wenn du eine Person in der gesamten Menschheitsgeschichte auswählen könntest, mit der du auf ein Bier gehen dürftest: Wen würdest du wählen?

Voodoo Jürgens: Oh, da gibt‘s einige. Ich sag mal Tom Waits, Helmut Qualtinger und Isabelle Huppert – obwohl die wahrscheinlich lieber ein Glaserl Wein trinkt.

„Wer weiß, vielleicht schreib ich ja wirklich mal ein Buch.“

Demnächst gastiert in Wien der Song Contest. Ist das eine Veranstaltung, die dich auf irgendeine Art und Weise interessiert oder eher nicht?

Voodoo Jürgens: Liegt wahrscheinlich an meinen Namen diese Frage, oder? Musikalisch interessiert mich das sozusagen genau Haselnüsse. Aber, wenn Leute dran ihren Spaß haben, dann lasset die Spiele beginnen!

Neben der Musik bist du auch als Schauspieler und Maler tätig. Fehlt eigentlich fast nur mehr ein Roman.

Voodoo Jürgens: Diesbezüglich wurde ich auch schon angefragt, aber ich muss ja nicht auf jedem Kirtag tanzen. Wer weiß, vielleicht schreib ich ja wirklich mal ein Buch. In naher Zukunft sehe ich es nicht.

Bei der Tour zum letzten Album hast du alle Songs auch live gespielt. Wird das auch dieses Mal wieder der Fall sein?

Voodoo Jürgens: Lust hätte ich schon drauf. Das ist noch nicht ganz klar. Wir spielen ja sowieso nicht immer die gleiche Setlist. Kann also leicht sein, dass wir das mal ausprobieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Clemens Engert

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