„ICH BEOBACHTE LIEBER AUS DER MITTE, DA HAT MAN EINEN BESSEREN ÜBERBLICK” – ANNA ATTAR (MONSTERHEART) IM MICA-INTERVIEW

Ein Fiebertraum in Pastellfarben, ein leises Tasten durch Erinnerung, Vergänglichkeit und jene Zustände, die weder eindeutig hell noch dunkel sind: All das kann MONSTERHEARTs neues Album „Melody Maker“ (VÖ: 21.1.) sein. In acht reduzierten Songs bewegt sich ANNA ATTAR dabei durch Zwischenräume: dorthin, wo Sehnsucht, Unschärfe und warme, ferne Bilder liegen, die im Alltag oft überhört werden. Im Interview mit Ania Gleich spricht ATTAR über Reduktion als künstlerische Haltung, über Reifung, Offenheit und darüber, warum ihre Lieder eher Reisen als abgeschlossene Erzählungen sind. „Melody Maker“ markiert dabei einen Zustand des Innehaltens zwischen Rückblick und möglicher Fortsetzung.

Gab es einen inhaltlichen oder emotionalen Ausgangspunkt für das Album?

Anna Attar: Ich glaube, das Album arbeitet die letzten zehn Jahre meines Lebens auf. Manche Lieder, wie „Put The Tempo“ und „You“, sind auch schon so alt, und noch einmal an ihnen zu arbeiten und sich in diese Zeit hineinzuversetzen, war wichtig für mich. Das waren turbulente Jahre, und ich bin eine Schnecke im Verarbeiten. Es gibt viele Lieder, die in der Zwischenzeit liegen geblieben sind, manche wollten einfach noch in die Welt hinaus.

Was bedeutet Reduktion für dein Songwriting? Oder kannst du damit nichts anfangen?

Anna Attar: Nach meinem Album „W“, das super überladen und busy war, war es für mich tatsächlich ganz wichtig, runterzuschrauben. Ich hatte früher auch Texte, die kilometerlang waren und die mich live dann immer total aus der Kondition gebracht haben. Mit „W“ musste ich der Welt auch noch irgendwas beweisen. Das war dann erledigt, und seitdem ist das alles viel entspannter, reduzierter und gefühlvoller. Und ich glaube, mit „Salam“, das ja wirklich super reduziert war (ein ganzes Album komplett ohne Bass), habe ich auch „meinen Sound“ gefunden.

Welche Assoziationen verbindest du selbst mit dem Titel „Melody Maker“?

Anna Attar: „Melody Maker“ assoziiere ich mit den Sechzigern, vermutlich wegen dem Musikmagazin … Aber für mich bin das ich, das ist so etwas wie meine Berufsbezeichnung. Ich mache die Melodien, das ist das, was ich meiner Meinung nach am besten kann.

Bild der Musikerin Monsterheart
Monsterheart © Angelica Würzl

Wie gehst du beim Schreiben mit Offenheit um – wie viel möchtest du festlegen, wie viel offenlassen?

Anna Attar: Ich glaube, ich schreibe in Bildern und in Gefühlen. Da gab es einen ganz argen Bruch auch, weil ich früher in Geschichten geschrieben habe. Und mit der Malerei hat sich das dann recht radikal verändert. Da haben sich in meinem Gehirn sicher ganz neue Verbindungen geknüpft, und das hat alles umgestellt. Und wenn man mit Liedern Kopfbilder malt, dann muss man viel offen lassen. Da muss ganz viel Raum für eigene Interpretationen bleiben. Musikalisch wie auch inhaltlich, meiner Meinung nach. Also lieber weniger sagen als zu viel.

Ab der Mitte des Albums verändert sich das Tempo spürbar. Wie ist diese Struktur entstanden?

Anna Attar: Schnelle Lieder nach vorn, langsamere Lieder zum Schluss. Damit man beim Hören ein bisschen hineinsinken kann und nicht plötzlich wieder rausgerissen wird.

„EINE KLEINE, KURZE REISE IN EINE ANDERE WELT”

Viele deiner Songs bewegen sich zwischen unterschiedlichen Stimmungen. Wie wichtig sind solche Übergänge für deine Musik?

Anna Attar: Irgendwann, als ich noch relativ jung war, sind wir in der Schule Ravels „Bolero“ durchgegangen, der Aufbau hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Auch Griegs „In der Halle des Bergkönigs“ fand ich als Kind so toll. Und „Peter und der Wolf“, wo die Tiere sich vorstellen und jedes Tier ein eigenes Instrument als Stimme bekommt. Da wird so viel erzählt mit Musik und gespielt. Was ich da gelernt habe, war, dass es nicht dort enden muss, wo es anfängt, sondern dass ein Lied eine Reise ist und ein Abenteuer im Kopf. Und so möchte ich auch, dass meine Lieder sind. Eine kleine, kurze Reise in eine andere Welt.

In „Melody Maker“ geht es oft um Zustände, die weder eindeutig hell noch dunkel sind. Was interessiert dich an diesem Dazwischen?

Anna Attar: Ich glaube, ich kenne die Extreme zu gut. Früher fand ich das Hin- und Herbalancieren zwischen den Extremen und nie in der Mitte zu sein wahnsinnig gut. Dadurch lebt man ja auch sehr aktiv und bunt und erlebt und spürt viel. Aber die Welt um uns herum wird immer extremer, und da gehe ich jetzt schon lange nicht mehr mit. Ich beobachte lieber aus der Mitte, da hat man den besseren Überblick. Und vielleicht ziehe ich meine Lieder da auch hin.

Welche Rolle spielen Vergänglichkeit, Erinnerung oder Unschärfe für dein Schreiben?

Anna Attar: Alles sehr wichtig eigentlich. Ich bin, glaube ich, tiefromantisch im Inneren und gleichzeitig super pragmatisch im Alltag. Und diese Romantik lebe ich eben in meinen Liedern aus. Und Vergänglichkeit, Erinnerung und Unschärfe fallen für mich genau da hinein. Es geht viel um Sehnsucht und Vergangenes und Trauer und Romantisieren. Da kann ich diese Seite in mir rauslassen, die ich eigentlich nie herzeigen würde.

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Der Name „Monsterheart“ begleitet dich seit vielen Jahren. Wie blickst du heute auf dieses Projekt und diese Selbstbezeichnung?

Anna Attar: Der Name „Monsterheart“ war ja die bildliche Vereinigung meiner gefühlten, inneren Zwiespältigkeit … da sind wir wieder bei den Extremen. Ich wollte von Anfang an ein Projekt haben, in dem ich eigentlich immer in alle Richtungen hingehen kann und das nie festgeschrieben irgendeiner Ästhetik oder einem Plan folgen muss. Und ich glaube, diese Freiheit habe ich dem Projekt und mir auch immer gelassen. Und das Monster und das Herz sind mittlerweile tatsächlich eins.

„ES IST EGAL, WO ICH BIN, WEIL ICH MIT DEM KOPF EH WOANDERS BIN.”

Woran merkst du selbst am stärksten, dass sich dein künstlerischer Ausdruck über die Jahre verändert hat?

Anna Attar: Das klingt jetzt sehr traurig, ist es aber nicht: Ich habe immer weniger zu sagen. Ich glaube, das ist einfach ein normaler Reifungsprozess im Leben. Und mit Worten geht’s bei mir einfach zu Ende. Ich werde jetzt auch aufbrechen, ins Bildnerische zurück. Wieder malen und Dinge bauen. Es wird eh schon so viel geredet und geschrieben.

Was steht bei dir am Anfang eines Songs: Text, Melodie, Stimmung oder etwas anderes?

Anna Attar: Immer ein Impuls. Ein Wort, ein Bild, ein Gefühl, eine Idee. Dann suche ich ein musikalisches Grundgerüst, ein paar Akkorde, die passen, und gleichzeitig kommen dann auch schon die Worte. Das geht immer ganz schnell eigentlich, und da wird im Nachhinein auch nicht mehr so viel daran geschraubt.

Hat der Ort, an dem du lebst und arbeitest, Einfluss auf deine Musik?

Anna Attar: Da bin ich mir nicht sicher. Mit Anfang zwanzig bin ich nach Berlin gegangen, um herauszufinden, was ich so mit meinem Leben anfangen soll. Dort kam dann der Beschluss: Die Musik muss es sein, weil die Musik es auch immer schon war. Und relativ kurz danach habe ich „meine Blase“ entdeckt. Wenn ich schreibe, bin ich da drin, und es ist absolut egal, was um mich herum ist. Nein, ich glaube, es ist egal, wo ich bin, weil ich mit dem Kopf eh woanders bin.

Bild der Musikerin Monsterheart
Monsterheart © Angelica Würzl

Was wünschst du dir, dass Hörer:innen aus „Melody Maker“ für sich mitnehmen?

Anna Attar: Ich wünsche mir, dass sie vielleicht ein, zwei Lieder finden, in die sie eintauchen können und die ein Gefühl für sie erzeugen, das sie an etwas erinnert und sie wieder damit verbindet.

Gibt es ein Gefühl aus „Melody Maker“, das der Anknüpfungspunkt für deine weiteren Projekte sein wird, oder ist es eher ein abgeschlossenes Kapitel?

Anna Attar: Momentan habe ich mit der Musik ein bisschen abgeschlossen. Aber das ist immer so, wenn ein neues Album rauskommt. Das ist so ein Kraftakt, und dann will man erst mal seine Ruhe davon. Aber es gab ein neues Lied, das eigentlich noch angeknüpft hätte, das ich aber nicht mehr geschafft habe, fertig zu machen. Vielleicht ist das der Keim fürs nächste Album, falls es noch eines geben wird, in der fernen, fernen Zukunft.

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Ania Gleich 

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