
Mit gleich zwei Uraufführungen wartet der österreichische Komponist Georg Friedrich Hass in den nächsten Wochen auf. Am 29. April kommt das vom Münchener Kammerorchester in Auftrag gegebenes Stück “Unheimat” zum ersten Mal im Dornbirner Kulturhaus öffentlich zur Aufführung. Nur wenige Tage später, am 1. Mai, steht im Köln Funkhaus mit “… wie stille brannte das Licht” die zweite Uraufführung auf dem Programm.
Georg Friedrich Haas ist in den Bergen aufgewachsen. Dies ist insofern von Interesse, als sein neues Orchesterstück “Unheimat” die Alpen zum Thema hat. Haas kennt die Alpen nicht nur als Rückzugsort für Touristen, sondern auch die Nachtseiten der Idylle (UA am 29. Apr. in Dornbirn/A).
In “… wie stille brannte das Licht” für Sopran und Kammerorchester vertonte Haas Texte von Georg Trakl, Theodor Storm, August Stramm und Else Lasker-Schüler. Der Sopranpart ist mikrotonal angelegt, Solistin ist Sarah Wegener (UA am 3. Mai in Köln). Haas arbeitet auch an einer Version für Sopran und Klavier.
Musik mit Bannkraft – Zur Musik von Georg Friedrich Haas
Gemessen an der Qualität seiner Werke trat Georg Friedrich Haas erst relativ spät in den Fokus der internationalen Musikwelt. Heute ist sein Rang als herausragender Komponist seiner Generation jedoch unbestritten. Davon zeugen der übervolle Terminkalender, der Große Österreichische Staatspreis 2006, nicht zuletzt die Qualität der Ensembles und Orchester, die seine Werke aufführen.
Dass die Anerkennung lange auf sich warten ließ, dann aber umso intensiver einsetzte, mag auch damit zusammenhängen, dass Haas in seinen Werken mit großer Konsequenz Schritt für Schritt musikalisches Neuland erobert hat, seine Hörer zu Klangabenteuern einlud, deren Radikalität und Schönheit sie erst zu erfassen lernen mussten. Aus der Erkenntnis heraus, dass ihm die wohltemperierte Skala nicht genügend differenzierte Ausdrucksmöglichkeiten bereithält, entwickelte und verfeinerte Haas Klänge, deren Faszination auf der Verwendung der Mikrotonalität beruhen.
Aber vermutlich würde Haas gegen diese Feststellung Einwände erheben. Es gibt, so betont er, nicht nur eine einzige Mikrotonalität. Wer sie darauf verkürzt, dass Halbtöne nochmals zur Vierteltönigkeit halbiert werden, geht am Wesen vorbei. “Die Auseinandersetzung mit mikrotonaler Musik ist für meine Kompositionen zweifellos wichtig”, so Haas: “Es wurde mir früh bewusst, dass jene Tonhöhen, die mir – um das plakativ zu formulieren – das Klavier bietet, nicht die Gesamtheit der musikalisch sinnvollen verwendbaren Tonhöhen bilden.”
Der sinnliche Reiz des vielgestaltigen Klangs wurde so eine ganz wesentliche Komponente im musikalischen Denken von Haas. Verschiebungen, Obertonharmonien, Schwebungen – daraus lassen sich Welten bauen, die im Konflikt zueinander stehen, die einander spiegelnd ergänzen. Daran entzündete sich Haas’ Kreativität. Musik war eben immer schon mehr, “als der Zwölftonvorrat unserer Schrift und mit ihr manche Instrumente hergaben” (Reinhard Schulz).
Will man den Effekt, den Haas’ Musik auf den Hörer macht, darstellen, ist ein Bild des Musikwissenschaftlers Bernhard Günther hilfreich: “Für das Hören von Musik sind melodische Linien und wohltemperierte Tonhöhenraster ungefähr das, was Geländer, Handlauf, gewohnte Größe und Anordnung der Stufen für das Gehen auf Stiegen sind. Die Normtreppe entbindet vom Nachdenken über Gehbewegungen: die gewohnten Proportionen von Tonhöhen und Zeitmaßen in der Musik sind nicht dazu angetan, die Aufmerksamkeit auf ihre eigene Beschaffenheit zu lenken.”
Haas führt also in Bereiche, deren Boden nicht so sicher ist, wie es oft scheint – kaum Zufall also, dass ihm Franz Schubert überaus wichtig ist! Seine Musik lässt oft gerade die Differenz zwischen Gewohntem und Möglichem hörbar werden. Das ist eine Herausforderung an Musiker wie Zuhörer. “Ich wünsche mir sehr”, sagte Haas bei einer der letzten Uraufführungen, “dass sich die Musiker auf die Möglichkeiten einlassen, die ihnen die Partitur gibt. Auch auf deren Freiheiten. Sie werden dann erst die ganze Schönheit der Musik erfassen.” Ähnliches gilt für den Zuhörer. Er muss bereit sein, sich auf andere Hör-Koordinaten einzulassen.
Dann allerdings warten auf ihn Klänge mit Suchtpotenzial. Von Haas, der sich übrigens auch als Theoretiker geäußert hat, gibt es zudem mehrere Stücke, die von den Spielern in völliger Dunkelheit zu spielen sind. Tribut an seine Liebe zur Unschärfe und der daraus resultierenden Sensibilität der Wahrnehmung.
Zu den Meilensteinen in der Haas-Rezeption zählt ohne Zweifel die Hölderlin-Kammeroper Nacht (1995/96), uraufgeführt bei den Bregenzer Festspielen, die auch 2003 die Poe/Kafka-Oper die schöne wunde realisierten. Fast schon ein Klassiker der neueren Ensembleliteratur ist das formal gewagte Ensemblestück in vain (2000), in dem sich die obertönige Klanglichkeit in bislang und im Wortsinn unerhörter Radikalität erschloss. Wie schon in seinem Violinkonzert (1998) kollidieren hier aus Obertonreihen gebildete harmonische Strukturen mit Tritonus- oder Quart/Quint-Akkorden, die in schier endlose Klangschleifen münden.
Jüngst legte Haas zwei große Orchesterwerke nach, die auf den Erkenntnissen von in vain beruhen und das Tor zu neuen Klängen und Klangerfahrungen weiter aufstoßen. Mit Hyperion, einem “Konzert für Licht und Orchester”, gelang Haas 2006 bei den Musiktagen in Donaueschingen eine “unvergessliche Dreiviertelstunde” (“Die Zeit”). Als “Musik mit Bannkraft” wurde sein Orchesterwerk Bruchstück (2007) bezeichnet.
(Wolfgang Schaufler)
Fotos Georg Friedrich Haas: Universal Edition
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