„FRÜHER WURDE ÖFTERS GESAGT, DASS WIR EINEN ÄHNLICHEN STIL WIE TOCOTRONIC HABEN“ – VERSCHÄRFT IM MICA-INTERVIEW

Die Wiener Band VERSCHÄRFT gibt es seit mehr als 30 Jahren, das aktuelle Album heißt „höflich & zart“. Unglaublich: Alle Bandmitglieder – Stefan Jaquemar, Hans Lackner, Christian Dunzinger, Rainer Gallasch – sind seit Beginn dabei. Jürgen Plank hat das Quartett im Proberaum in Ottakring getroffen und über Wünsche für die Zukunft und Highlights der letzten Jahrzehnte gesprochen. Etwa über einen fast in Erfüllung gegangenen Traum: als Vorband für FEHLFARBEN in der Arena aufzutreten. Vielleicht liest Peter Hein von den FEHLFARBEN dieses Interview und dieser Wunsch geht noch in Erfüllung?

Euch gibt es als Band seit mehr als 30 Jahren, wie würdet ihr selbst eure Entwicklung sehen?

Stefan Jaquemar: Angefangen haben wir mit Texten von Autoren wie H.C. Artmann, Konrad Bayer und Ernst Jandl.

Hans Lackner: Dann habe ich selbst zu texten begonnen. Die Texte haben sich im Laufe der Zeit verändert, früher war viel Naturlyrik dabei. Es geht immer um meine Erfahrungen und Erlebnisse, die gebe ich in diese Texte hinein. Vom Schreiben her hat sich auch etwas verändert: ich muss irrsinnig viel lesen und brauche viel Input, damit ich einen Text schreiben kann.

Weil wir im Vorgespräch über lateinische Philosophen gesprochen haben: liest du deren Schriften auch zur Inspiration?

Hans Lackner: Ja, die lese ich auch. Ich packe da alles hinein. Ich habe eh schon überlegt etwas über Seneca zu schreiben, der wäre schon ein Thema. Aber ich muss ehrlich sagen, ich habe einen Lieblingsautor und der hat mir sehr viel gebracht, das war Robert Walser. Von dem habe ich einiges verwurschtet. Manchmal schreibe ich auch Gegentexte, zu Friederike Mayröcker zum Beispiel. Sie hat in einem Interview mal Metaphern kritisiert und als tot bezeichnet und ich habe meinen Text dazu in Opposition gesetzt.

Christian Dunzinger: Ich kann mich erinnern, Hans, dass du in den ersten Jahren oft Texte während der Proben geschrieben hast. Dadurch hatte ich den Eindruck, dass die Texte im Moment entstanden sind.

Hans Lackner: Das stimmt auch.

Christian Dunzinger: Es gab also eine Zeit, in der du sehr spontan geschrieben hast. Seit 20 Jahren kommst du aber eher mit einem fertigen Text zur Probe. Aber ich habe noch diese Bilder im Kopf: du am Boden sitzend und schreibend, während wir gejammtoder arrangiert haben.

Ist es bei euch ein bisschen so wie bei Element of Crime, bei denen es mit Sven Regener einen Haupttexter gibt und die Band macht dann sozusagen die Musik dazu?

Stefan Jaquemar: Es ist definitiv so, alle Texte kommen vom Hans. Nur sagen wir manchmal, ob uns ein Text gefällt oder nicht.

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Und die Musik ist immer von euch drei?

Christian Dunzinger: Also es ist eigentlich immer so gewesen, dass ich mit einem Riff bzw. mit Riffideen zur Probe komme und Ideen zur typischen Songstruktur habe: das ist eine Strophe, das könnte ein Refrain sein. Das spiele ich dann vor und dann gibt es mehr oder weniger teilnahmslose Gesichter. Oder auch nicht. Stefan spielt mit dem Schlagzeug dazu oder Rainer spielt Bass dazu und dann merkt man, ob das irgendwie ein gewisses Etwas hat. Dann ist es oft so, dass wir sagen: okay, wir hätten da eine Songstruktur und Hans hat einen Text. Die Arbeit besteht dann darin, alles miteinander zu verknüpfen. Am Anfang wirkt es oft so, als wäre das schwierig, die Strophen sind nicht immer alle gleich lang. Wenn man genau zuhört, kommt man darauf, dass die zweite Strophe zum Beispiel ein paar Takte länger ist als die erste Strophe.

Wieso ist das so?

Christian Dunzinger: Einfach, weil Hans sagt, auf diese vier Wörter möchte er nicht verzichten, die müssen auch dabei sein. Dann müssen wir den Strophenteil etwas verlängern. Ich schneide eigentlich immer mit und dann merke ich auch wie sich Songs im Laufe der Zeit ein bisschen verändern. Nicht extrem, oft habe ich das Gefühl, der erste take war der beste take, weil er etwas Unmittelbares hat. Aber so ungefähr entstehen die Songs.

Ihr habt das vorletzte Album und das aktuelle Album mit Klaus Tschabitzer (Anm.: Der Schwimmer, Hirsch Fisch) aufgenommen. Wie war seine Rolle im Produktionsprozess und was hat er eingebracht?

Rainer Gallasch: Naja, er hat das ganze Equipment eingebracht für die Aufnahmen. Musikalisch lässt er uns freie Hand, da hat er keine großen Änderungen eingebracht. Er hat schon Ideen, zum Beispiel, dass er selbst bei dem einen oder anderen Track mitspielt. Auch bei den backing vocals bringt er sich mal ein. Klaus hat nicht nur das neue Album produziert, sondern alle vier Alben, die wir bis jetzt gemacht haben.

Das heißt, ihr seid schon ein eingespieltes Team.

Rainer Gallasch: Dadurch, dass die Abstände zwischen den Alben sehr lange sind, kann man nicht wirklich sagen, wir sind ein eingespieltes Team. Wir kennen natürlich seine Art zu arbeiten und wie er sich eine Produktion vorstellt.

Hans Lackner: Das macht er sehr wertschätzend uns gegenüber. Er lobt immer meine Texte und die Musik. Er sagt zum Beispiel: das könnte man ein bisschen dreckiger singen. Der Mehrwert ist, dass er uns Sympathie entgegenbringt. Er hat von uns jetzt auch ein Lied gecovert, nämlich „Lagerkoller“ und das kommt auf eine Musikkassette. Das ist natürlich total schön. Nach 30 Jahren haben wir eine Coverversion, darauf kann man schon stolz sein.

Habt ihr das Cover schon gehört?

Hans Lackner: Ich hab’s schon gehört und finde es schön, mir gefällt es, da ist ein schöner Geigenpart dabei. Er gibt sich wirklich Mühe den Text rüber zu bringen. Er kann natürlich nicht alles wie ich machen, aber er macht das sehr, sehr berührend. Ich bin ihm dafür sehr dankbar.

Bild der Band Verschärft
Verschärft © Jürgen Plank

FÜR MICH IST DER ANSATZ, DASS WIR NICHT PERFEKT SEIN MÜSSEN. DAS IST EIN PUNKIGER ANSATZ

Musikalisch würde ich euch als Kinder der 1980er und 1990er einordnen. Ich habe da Indie-Pop-Einflüsse aus dieser Zeit herausgehört, zum Beispiel bei „Immer wieder der Garten“ oder bei „Frost“. Agiert ihr vor diesem Hintergrund?

Stefan Jaquemar: Für mich ist der Ansatz, dass wir nicht perfekt sein müssen. Das ist ein punkiger Ansatz. Erstens: wir sind keine Profimusiker und unsere Musik ist halt trotzdem Indie-Pop. Früher wurde öfters gesagt, dass wir einen ähnlichen Stil wie Tocotronic haben. Manchmal wurde auch Element of Crime gesagt. Ob das jetzt wirklich unser Einfluss ist, mit dem wir dann die Musik machen, weiß ich nicht. Eigentlich hören wir total unterschiedliche Sachen.

Christian Dunzinger: In den 1980er Jahren habe ich begonnen, mich für Musik zu interessieren. Die Neue Deutsche Welle war einer meiner ersten musikalischen Eindrücke. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich auch Hip-Hop gehört, zum Beispiel Public Enemy. Mit Hip-Hop und Rap kann ich heute am wenigstens anfangen. Aber als Gitarrist mag ich natürlich Gitarrenmusik. Ob ich bei der Riff-Schmiede an andere Bands denke, kann ich nicht sagen. Ich versuche das zu machen, was ich mir selbst gerne anhören würde. Wir möchten nicht nach einer anderen Band klingen. Manchmal sagt jemand in der Band: das Riff klingt wie von Wolfmother. Okay, es war vielleicht alles schon mal da. Ich finde aber, dass wir trotzdem etwas Eigenesschaffen, dass sozusagen etwas ‘verschärft’ wird. Es ist wie bei anderen Bands auch: von uns wird das Rad nicht neu erfunden.

Welche musikalische Entwicklung erkennst du bei euch?

Christian Dunzinger: Wenn ich mir heute unsere Sachen von vor 25 Jahren anhöre, von unserer zweiten CD zum Beispiel, dann denke ich mir: das klingt super, es war damals schon alles da. Die Entwicklung geht nicht so, dass ich sage: jetzt kann ich Songstrukturen spielen, die ich damals noch nicht konnte. Vielleicht haben wir damals gleich auf einem guten Niveau begonnen oder wir bleiben auf dem Level und leuchten die Ecken immer wieder neu aus.

Gute Bands versuchen immer den besten Song auf ihrem Level zu schreiben und variieren sehr oft ihre Themen und ihre Songs.

Hans Lackner: Ich habe, als ich jünger war, nur Musik aus den 1960er Jahren gehört. Das Zeug kann ich mir heute nicht mehr anhören. Aber ich bin ein großer Fehlfarben-Fan. Als Sänger orientiere ich schon ein bisschen daran. Ich bin ein großer Peter Hein-Fan, muss ich sagen. Ich verehre diesen Mann. Jetzt habe ich mir wieder etwas angehört und ich dachte: da sieht man diesen Punk, der dahinter steht. Ich habe schon ein bisschen diesen Punk-Hintergrund. Mein Säulenheiliger ist Bob Dylan, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Mir gefallen halt so Sachen wie Peter Hein und The Smiths, aber ich werde nie so singen wie Morrissey. Joy Division gefallen mir auch und The Fall.

Bild der Band Verschärft
Verschärft live © Jürgen Plank

„WIR WÄREN SCHON FAST VORBAND VON DEN FEHLFARBEN BEI EINEM ARENA OPEN AIR GEWESEN“

Peter Hein lebt seit einigen Jahren in Wien. Für wen würdet ihr gerne als Vorband spielen, für die Fehlfarben?

Hans Lackner: Also ich würde sagen: Fehlfarben.

Rainer Gallasch: Es gibt ja diese Geschichte: Wir wären schon fast Vorband von den Fehlfarben bei einem Arena Open Air gewesen! Das war zirka im Jahr 2007. Ich war in der Arbeit und habe einen Anruf von der Arena bekommen. Wir hatten schon einen Bandausflug nach Bukarest geplant und ich musste den Termin in der Arena mit der Band erst abklären. Wir hätten den Ausflug abgesagt. Ich habe dann zurückgerufen, aber zwei Stunden später haben die schon eine andere Band gefunden.

Christian Dunzinger: Das ist 20 Jahre her und bei uns ein running gag. Vielleicht wäre damals dieser eine Moment gewesen, der dazu geführt hätte, dass wir heute wie Wanda die Stadthalle füllen. Leider wollte es das Schicksal nicht so, falsch abgebogen.

Stefan Jaquemar: Ich glaube, wir wären zerbrochen am Erfolg. Es gäbe uns sicher nicht mehr, wenn wir so erfolgreich geworden wären wie Wanda.

Was war noch ein Highlight der letzten Jahrzehnte?

Hans Lackner: Wir waren mal bei den Chaostagenin Dresden eingeladen. Das war lustig, denn die Punks sind vor uns gesessen und da waren so große Boxen, wir sind da fast in Ohnmacht gefallen wegen der großen Boxen. Und dann haben die Punks gemeint, dass es ihnen gut gefallen hat, aber wir sollten ein bisschen schneller spielen.

Machen wir noch den Ausblick in die Zukunft. Was wäre für euch, für das aktuelle Album, ein Erfolg? Was würdet ihr euch wünschen?

Rainer Gallasch: Ich würde mir wünschen, dass vielleicht durch dein Interview, ein paar Leute mehr zu unseren Konzerten kommen. Wir haben natürlich eine gute fanbase, aber ich würde mir wünschen, dass wieder neue Leute dazustoßen.

Stefan Jaquemar: Einerseits bin ich irrsinnig froh, dass wir jede Woche proben. Und die Konzerte sind für mich immer ein Highlight.

Hans Lackner: Ich spiele sehr gerne Konzerte. Ich freue mich auch, wenn wir mal woanders spielen. Also, wie du vorher gesagt hast: vor einer anderen Band. Dabei wäre spannend, wie das Publikum reagiert, das uns nicht kennt.

Herzlichen Dank für das Interview.

Jürgen Plank

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Verschärft (Instagram)