„Es hat vielleicht ein wenig an Reibung gefehlt“ – PEACH TINTED im mica-Interview

PEACH TINTED, bestehend aus Emil Paiker und Louis Springer, haben das Jahr 2026 mit der Finalisierung ihres Debütalbums gestartet: „White Honda Legend“ (VÖ: 11.02.2026) trägt den Namen des japanischen Oldtimers, der die beiden in den letzten Jahren nicht nur über die Küstenstraßen von Teneriffa, sondern auch durch die Produktion des Albums begleitet hat. Im Interview mit Katharina Reiffenstuhl spricht das Duo über Reibung als künstlerischen Motor, eskalierende Menschenmengen in Mexiko und vorgezeichnete Lebenswege, die sie konsequent links liegen lassen.

Vier Jahre ist es her, dass wir uns das letzte Mal gesehen haben, damals noch online. Was ist alles passiert seitdem?

Louis Springer: Zuallererst einmal sind wir umgezogen nach Teneriffa, Ende 2022. Das heißt, das war wahrscheinlich kurz nachdem wir das letzte Mal gesprochen haben. Wir hatten damals noch kein einziges Konzert gespielt, seitdem haben wir drei Tourneen gespielt. Zwei Europa-Tourneen und eine Mexiko-Tournee. Und wir haben uns, würde ich sagen, technisch extrem stark verbessert im Bereich Recording, Mixing und Production.

Emil Paiker: Wir haben eine EP rausgebracht, dann zwei Singles und jetzt das Album. Und jetzt sind wir zurück in Österreich.

Was hat euch zurück nach Österreich gebracht?

Louis Springer: Mein Vater ist krank geworden. Emils Vater ist auch krank geworden. Und deswegen sind wir zurückgekommen. Teneriffa war ein Luxusleben für uns. In der Sonne, günstig, von der Kultur her auch passend. Aber einfach ein Luxus, wo wir nicht sein müssen, wir können genauso gut hier Musik machen. Und deswegen dachten wir uns, während wir noch helfen können, sind wir da und genießen die Zeit mit den Eltern. Und das war, würde ich sagen, der Hauptgrund.

Was hat euch damals denn überhaupt zu diesem Schritt bewegt, nach Teneriffa zu ziehen?

Emil Paiker: Das kommt irgendwie aus dem Kerngefühl, das Louis und ich haben und das uns auch sehr stark verbindet. Wir waren immer Leute, die weg wollten, die sich nicht zuhause gefühlt haben hier. Wir haben eine extreme Euphorie gespürt beim Gedanken daran, wegzugehen und was Neues zu entdecken. Und zwar eben nicht nur so reisemäßig, sondern halt langfristig. Ohne überhaupt zu wissen, ob einen das glücklich machen wird. Aber dieses Gefühl, da draußen gibt es so viel zu sehen, zu entdecken. Man kann eben alles komplett verändern. Der Louis zum Beispiel ist ein riesiger Fan von anderen Ländern, die teilweise noch weiter weg sind als Spanien. Aber so als Zwischenschritt haben wir mal Spanien gewählt, weil’s halt wärmer ist und weil ein bisschen mehr Leben auf der Straße existiert und es ein bisschen mehr Energie gibt. Über Festland-Spanien sind wir dann nach Teneriffa. Dort haben wir es cool gefunden und sind dann im Endeffekt dortgeblieben.

„WENN MAN WEIT WEG GEHT, KANN MAN SICH QUASI NEU ERFINDEN“

Louis Springer: Ja, der Samen wurde wahrscheinlich noch während der Pandemie gesetzt, als wir studiert haben und gegen Ende von unserem Studium alles online ablief. Wir dachten uns damals schon: Wir müssen eigentlich nicht in Wien sein. Wir sitzen eh nur in diesen Online-Gesprächen. Warum machen wir das letzte Semester nicht in Spanien? Wir waren damals schon mal in Spanien und haben uns an das Gefühl von dieser Freiheit gewöhnt. Sein können, wo wir wollen, arbeiten können, wo wir wollen, uns auch verändern können. Wir waren eigentlich fast immer hier in Wien, in einer Bubble aus unserer Schulzeit. Es gab eine gewisse Erwartungshaltung, wer wir sind, wie wir uns zu entwickeln haben und so weiter. Und wenn man weit weg geht, kann man sich quasi neu erfinden. Man kann sein, wer man will.

Spannend, dass dieser Gedanke bei euch schon während der Pandemie aufkam. Ich glaube jetzt, nachdem die Pandemie vorbei ist, wird dieses Gefühl von Freiheit und etwas Neues wollen noch viel größer in der Gesellschaft.

Emil Paiker: Ja, es ist echt interessant. Das war wahrscheinlich auch ein Grund, warum unsere erste EP zum Beispiel mit dem Song „The Unknown“, I’m in Love with the Unknown, so resoniert hat bei den Menschen. Das Witzige war, wir haben diese Songs vor der Pandemie geschrieben, lange davor eigentlich. Und dann kam die Pandemie und die Leute hören plötzlich Songs, in denen es darum geht, dass man wegwill, während sie im Lockdown zuhause eingesperrt sind. Das hat halt wahrscheinlich extrem gehittet für viele.

Bild der Band Peach Tinted
Peach Tinted © Rosario Aragon

Louis Springer: Das war ein extrem starkes Timing im Nachhinein gesehen, da waren wir ziemlich glücklich. Aber ja, ich denke, es hat sich seit der Pandemie so weiterentwickelt, auch generell durch Social Media, man erfährt viel mehr über andere Länder. Es gibt viel mehr Leute, die aus irgendwelchen exotischen Ländern berichten, wie es dort abläuft. Für uns zum Beispiel ist Mexiko ein ganz starker Streaming-Markt, weil es dort eine unfassbare Musik-Kultur gibt. Es gibt ganz viele Subkulturen, die Leute lieben Musik. Als Künstler wird man fast schon vergöttert dort. Ich denke, all das ist in den letzten Jahren viel sichtbarer geworden, dadurch gibt’s wahrscheinlich mehr und mehr Leute, die sich vorstellen können, woanders hinzugehen.

„White Honda Legend“ ist nach so vielen Jahren Banddasein euer allererstes Album. Der Honda Legend steht metaphorisch für euch und eure Lebensgeschichte. Was habt ihr gemeinsam?

Louis Springer: Es war für uns auf jeden Fall ein Risiko, diesen Honda zu kaufen. Das ist ein Auto aus 1990, das fährt niemand. Es gibt kaum Ersatzteile. Es war sehr günstig und wir haben wir von allen Leuten Komplimente erhalten, die es gesehen haben. Die haben gesagt: “Wow, wo habt ihr den her? Unfassbar cooles Auto.” Gleichzeitig hätte ihn aber niemand anderer gekauft. Und das steht für ganz viele Dinge, die wir machen. Wir schreiben die Musik nicht nur selbst, wir produzieren sie selbst, mixen sie selbst, mastern sie selbst. Wir organisieren unsere Shows selbst. Wir leben an Orten, wo andere Leute nicht leben. Wir touren an Orten, wo andere Musiker nicht touren. Wir begehen viele Fehler dabei, aber wir probieren einfach viel Neues aus und orientieren uns da weniger an anderen Leuten, sondern eher an unserem Bauchgefühl. Dieser White Honda Legend, den wir 2024 gekauft haben, war das eben für uns. Das war ein Abenteuer, das uns sehr viel Lebensgefühl gegeben hat. Gleichzeitig war er sehr anfällig, hat uns viele Sorgen bereitet, mit Reparaturen, etc. Aber so läuft es bei ganz vielen Sachen von uns, weil wir oft einen anderen Weg einschlagen. Dadurch ergeben sich sehr viele positive Dinge, netto viel mehr positive als negative Dinge. Es bringt extrem viel Extra-Aufwand und da muss man dann gewillt sein, diesen Aufwand zu betreiben. Dann zahlt es sich aus.

„WIR KÖNNEN DINGE GENIEßEN, AUCH WENN WIR WISSEN, DASS SIE ENDEN“

Existiert er noch, habt ihr den wieder mit nach Österreich genommen?

Emil Paiker: Er existiert noch, er ist aber nicht in Österreich. Er ist jetzt in Festland-Spanien. Es ist einfach nicht möglich, so ein Auto hier zuzulassen. Hier ist das Pickerl einfach super schwer zu bekommen.

Louis Springer: Wir würden es bekommen, aber wir müssten wahrscheinlich den Kaufpreis noch einmal in Reparaturen investieren. Deswegen wird er wahrscheinlich eher verkauft werden. Aber er wurde noch gebührend genutzt die letzten Jahre.

Das heißt, er war quasi eine Lebensphase von euch.

Emil Paiker: Ja, absolut. Und das ist auch wichtig, dass man mit den Dingen so abschließen kann. Besonders, wenn man so lebt wie wir, denn die Dinge sind einfach nicht für immer. Wir können jetzt zurückblicken und sagen: Das war extrem cool – und jetzt machen wir was anderes.

Louis Springer: Ja, wir können Dinge genießen, auch wenn wir wissen, dass sie enden. Das fällt sehr vielen Leuten sehr schwer. Also vor allem im Kontext von Beziehungen und Datingleben, dass immer alles für immer sein muss. Und das ist bei uns eben nicht so. Und dieser White Honda Legend war ein Teil unseres Lebens, aber er wird auch wieder von uns gehen.

Ihr habt es vorhin schon ein wenig angesprochen: Wie tut ihr euch mit diesen gesellschaftlichen Erwartungen?

Emil Paiker: Es ist ganz witzig, wir beide sind eigentlich ähnlich, aber gleichzeitig auch sehr unterschiedlich aufgewachsen. Für mich war es noch bisschen strenger als beim Louis. Ich durfte keine Musik machen. Also ich musste Klavier lernen, klassisch. Und dann durfte ich einmal zu Gitarre wechseln als Kind, klassische Gitarre. Und dann habe ich halt heimlich in der Band gestartet, am Anfang mit Louis und anderen Freunden zusammen. Ich habe so getan, als würde ich bei einem Freund übernachten, damit wir proben können. Es war quasi alles verboten, was ich gemacht hab mit der Musik. Und das hat’s natürlich irgendwie noch attraktiver für mich gemacht.

Bild der Band Peach Tinted
Peach Tinted © Rosario Aragon

Klar.

Emil Paiker: Meine Eltern hatten immer Erwartungen, was ich mal sein werde. Meine Mutter hat mir immer gesagt: „Ich freu mich drauf, wenn du ein Herr im Anzug bist.” Oder so. Und ich dachte mir nur: Boah, das ist das Letzte, was ich sein will. Deswegen war es für mich schon sehr früh klar, dass ich nichts zu tun haben will mit diesem Weg, den man so geht. Ich sag nicht, dass das was Schlechtes ist, für viele Leute hat das ja auch einen Zweck und dient denen extrem gut. Aber ich hab‘ mich da nie gesehen. Und den Louis, seit ich ihn gut kenne, habe ich auch nie dort gesehen.

Louis Springer: Ich glaube, das Ganze hat zwei Schichten. Die erste Schicht ist diese Mikro-Schicht vom engen Umfeld, Familie, oder bei uns vor allem auch die Schulzeit. Wir waren in einer katholischen Schule hier in Wien, sehr konservativ und traditionell. Und die meisten Mitschüler werden Anwälte, studieren an der WU oder werden Ärzte. Es gibt klassische Karrierewege, die eingeschlagen werden. Und ich kann mich erinnern, ein paar Jahre, nachdem wir Vollzeit Musik gemacht haben, haben wir über Freunde gehört, dass sich andere Alumni aus unserer Schule gefragt haben: “Was machen die? Die haben studiert! Warum zum Teufel machen die Musik? Was für eine Verschwendung.” Also es gibt einerseits diese Limitierung, die wir in diesem Mikro-Bereich um uns herum gefühlt haben, wo wir uns von vielen Leuten stark abgekapselt haben. Andererseits aber auch im viel mehr Makro-Bereich, österreichweit. Es wird sehr viel sehr ähnliche Musik im modernen Bereich in Österreich gemacht. Und es gibt viele Vorstellungen, wie Musik zu klingen hat, wie Rockmusik zu klingen hat, wie Indie-Musik zu klingen hat. Es gibt natürlich immer sehr positive Ausnahmen. Aber es gibt auch hier ganz klare Kategorien, in die man oft reingepusht wird. Und da wollten wir uns auch nie reindrücken lassen.

Eure Musik fühlt sich im Vergleich zu früher irgendwie entschleunigt an. Ein Gegenpol zur Welt, die sich immer schneller dreht?

Louis Springer: Ich glaube, damit hat es gar nicht so viel zu tun. Wir wollen eventuell auch in Zukunft vielleicht wieder mehr in die etwas schnellere Richtung gehen. Vielleicht war es einfach eine Phase von uns, wo wir auch ruhigere Sachen gemacht haben. Das hat sicher auch mit unserer Produktion zu tun. Die Produktion bei uns war in der Vergangenheit oft sehr vollgedrückt mit vielen Elementen. Es war viel los und das sehr schnell. Wir hatten das Gefühl, wir müssen mehr Ordnung schaffen in der Musik, mehr Tiefe und mehr Offenheit. Und ich glaube, man spürt diese Offenheit und Klarheit noch mehr, wenn die Songs bisschen langsamer sind.

Emil Paiker: Entschleunigt ist eigentlich ein sehr spannender Begriff für das Album. Das kommt schon hin im Vergleich zu früher. Es hatte sicher einen großen Einfluss, dass wir das Album in Teneriffa gestartet haben. Wir hatten dort das Studio neben dem Bananenfeld. Du sitzt im Studio, schaust aus dem Fenster, es ist jeden Tag Sonne das ganze Jahr und du schaust ins Bananenfeld. Oder auf die andere Seite runter zum Meer, wenn du rausgehst. Das hat sicher einen Einfluss darauf, welche Musik du machst. Und deswegen glaube ich, bin ich auch froh, dass ein bisschen mehr in der Gesellschaft zurück sind und weniger isoliert. Ich glaube, es gibt Studien dazu, wenn es Leuten schlechter geht, dann wird die Musik schneller. Es gibt eine Korrelation zwischen dem, wie glücklich Menschen sind und wie schnell ihre Musik ist.

Louis Springer: Diese Korrelation würde in dem Fall auch nicht zutreffen. Es war sehr entspannt auf Teneriffa. Wir waren schon sehr glücklich dort, aber eben auch sehr abgeschieden. Es hat vielleicht ein wenig an Reibung gefehlt. Ich glaube, es braucht viel Reibung, um inspiriert zu werden und Kunst zu schaffen. Viele der Songs sind noch inspiriert von älteren Themen, über die wir dann aber auf Teneriffa geschrieben haben. Mit der Zeit wäre in Teneriffa zu wenig passiert, um für zukünftige Alben zu sorgen, rein emotional. Deswegen ist es wichtig, dass wir wieder Location wechseln und ein bisschen Reibung suchen. Sei es Wien oder woanders.

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Das Album klingt ein bisschen, als würdet ihr mit diesem Honda Legend irgendwo an der Küste entlangfahren. Und ich glaube, das ist nicht weit entfernt von eurer Realität gewesen am Ende des Tages.

Louis Springer: Ja, das ist absolut passiert. Wir sind mit diesem Honda Legend die Küste entlanggefahren, mit runtergelassenen Fenstern und Musik an. Das hat uns schon ein Freiheitsgefühl gegeben auf eine sehr entspannte Art und Weise.

Emil Paiker: Musik aus dem Bluetooth-Speaker, weil das Radio von dem Auto kaputt ist. (lacht)

Hat sich Teneriffa für euch nach Zuhause angefühlt?

Emil Paiker: Boah gute Frage. Ich glaube, da haben wir tatsächlich unterschiedliche Meinungen. Ich habe mich noch nirgendwo zuhause gefühlt im Leben. Vielleicht, weil ich als Kind mit meinen Eltern viel umgezogen bin.

Louis Springer: Ich war sehr glücklich dort. Mir hat die Natur unfassbar gut gefallen, man kann Sport machen, die Sonne scheint fast jeden Tag. Aber sozial gesehen war es nicht unfassbar leicht, Anschluss zu finden. Natürlich hatten wir ein paar Freunde, wir haben auch Spanisch gelernt. Aber rein vom sozialen Umfeld war es nicht unser Zuhause. Also ich glaube, wir sind weiterhin auf der Suche und das passt auch zu den Themen unserer Songs. Wir sind irgendwie immer auf der Suche. Vielleicht werden wir auch immer so bleiben und nie ankommen. Wenn wir dadurch weiterhin Songs machen, ist das auch irgendwie okay.

Ich kann mich erinnern, ihr hattet vor ein paar Jahren so ein kleines Tagebuch auf der Website, so einen kleinen Blog. Mir ist aufgefallen, er existiert nicht mehr.

Emil Paiker: Ja, ist schade. Wir haben früher oft irgendwie eine Welt aufgebaut für die Leute, die unsere Musik hören. Wir haben das einfach gemacht, weil wir dachten: Teilen wir halt ein bisschen Behind-the-Scenes oder Informationen. Und dann kommen bei den Konzerten manchmal Leute zu uns nach der Show – wir reden immer mit allen nach der Show, die reden wollen – und haben References von diesem Blog oder von alten Making-Of-Videos, die wir schon teilweise vergessen haben. Das ist für uns so absurd, dass die Leute das einfach wissen und auch referencen. Und ich glaube, das ist eine wichtige Sache. Wir haben jetzt einfach gewechselt zu einem Instagram-Channel. Das ist wie ein Groupchat mit all den Leuten drinnen und dort teilen wir jetzt diese eher blogartigen Posts mit Updates und Behind-the-Scenes-Sachen.

Louis Springer: Ja, zwischenzeitlich haben wir das aufgegeben. Es gab sicher zwei Jahre zwischendurch, wo wir weder den Blog hatten noch diesen Channel. Es ist super schwierig, das irgendwie in Zahlen auszudrücken. Wir haben uns von Anfang an eigentlich sehr stark an Statistiken von Streaming-Services orientiert. Wo machen wir wie viele Streams? Wenn wir irgendwas pushen, was ist das Resultat davon? Wie können wir unsere Listener-Base aufbauen? Und dann, wenn es um die YouTube-Videos ging, wo eigentlich nur unsere wirklichen Hardcore-Fans reingeschaut haben, waren die Zahlen natürlich super gering. Also im Vergleich zu den Streams, die wir auf Spotify gemacht haben, hatten wir ein paar hundert Aufrufe auf YouTube. Genauso war es mit dem Blog. Wir dachten uns, das zahlt sich ja eigentlich nicht aus. Aber das ist ein riesengroßer Fehler. Weil nur ein Bruchteil der Hörer, die man hat, sind eigentlich aktive Hörer. Dieser Bruchteil ist aber ausschlaggebend für 80 Prozent der Streams, die man macht. Und um diese Leute muss man sich kümmern. Nicht nur wegen der Streams, sondern auch, weil die diejenigen sind, die das Ganze aufrechterhalten. Sie sind die diejenigen, die kommentieren, sie sind diejenigen, die sich tatsächlich auseinandersetzen mit der Kunst, die Fragen stellen, die kommentieren, die zu den Konzerten kommen. Deswegen ist es unfassbar wichtig, sich auf die zu konzentrieren selbst wenn es nur 0,5 Prozent aller Hörer sind. Die freuen sich unfassbar über diese Extra-Inhalte.

„DIESES NOSTALGISCH-EUPHORISCHE GEFÜHL IST EINFACH ETWAS, WOMIT DIE LEUTE DORT SEHR STARK RESONIEREN“

Das hat ja mittlerweile auch in Mexiko zu einer kleinen Community geführt.

Emil Paiker: Ja, wahrscheinlich die größte Sub-Community bei uns ist in Mexiko mittlerweile.

Louis Springer: Ganz bestimmt sogar.

Emil Paiker: USA und Mexiko, die beiden. Die USA sind halt ein Markt, den wir nicht bedienen können mit Konzerten. Und die Konzerte machen halt einen riesigen Unterschied.

Was führt dazu, dass Mexiko bei euch so einen riesigen Markt darstellt?

Emil Paiker: Ich glaube, es hängt einfach mit den Themen zusammen, die wir in der Musik behandeln. Dieses nostalgisch-euphorische Gefühl ist einfach etwas, womit die Leute dort sehr stark resonieren.

Louis Springer: Generell alles, was Reibung hat. Mexiko ist grundsätzlich ein riesiger Streaming-Markt, die Leute hören einfach viel Musik. Von den Leuten, die so viel Musik hören, wird auch unverhältnismäßig viel Indie-Alternative-Musik gehört. Und da fallen wir dann natürlich rein. Unsere Musik ist nicht übermäßig happy oder so, eigentlich gibt es immer dieses durchgehende Spannungsverhältnis. Diese Art von Musik ist riesig in Mexiko. Daher eignet es sich perfekt für uns.

Emil Paiker: Ich glaube, dass die Leute im musikalischen Bereich auch gerne entdecken. Der Effekt von “Ich höre das jetzt, weil das viele andere Leute hören” oder “Ich hör‘ etwas nur, wenn’s viele andere Leute schon hören” ist einfach weniger ausgeprägt dort als zum Beispiel hier. Deswegen ist es dort auch leichter, einen Zugang zu finden, glaube ich.

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Wenn man die Live-Erfahrungen vergleicht: Spürt ihr große Unterschiede zwischen mexikanischem und europäischem Publikum? Auch, wenn sich Europa sicherlich auch nicht generalisieren lässt.

Louis Springer: Ja, es gibt auch große Unterschiede innerhalb von Europa. Aber das Energie-Level ist einfach ein ganz anderes in Mexiko. Unser bestes Konzert in Europa haben wir wahrscheinlich in Prag gespielt, da war die Stimmung schon sehr gut. Aber Mexiko hat das absolut getoppt. Wir beschweren uns natürlich nicht über Konzerte in Europa, aber in Mexiko City sind die Leute sowas von ausgerastet. Normalerweise sind unsere Shows relativ entspannt. Und dort in Mexiko… Das Venue war schon komisch aufgebaut, weil die Bühne relativ hoch angesetzt war. In Europa sind die meisten Bühnen relativ niedrig und man ist noch näher, es ist noch intimer mit dem Publikum. Und dann gab es aber noch so zwei Meter vor der Bühne einen Wavebreaker, also so einen Metallzaun. Und hinter dem Metallzaun auf unserer Seite sind Security Guards gestanden, auf der anderen Seite das Publikum. Bei der Probe haben wir die Veranstalter gefragt: „Was soll das, warum ist hier ein Zaun? Wir haben nie Zäune bei unseren Konzerten. Das ist ja lächerlich.”

Emil Paiker: Wir machen Indie-Pop-Musik.

Louis Springer:  Die meinten so: „Nein nein, wir wissen schon, was wir machen.” Und während des Konzerts, als wir unseren bekanntesten Track gespielt haben, haben die Leute sowohl den Zaun als auch die Security-Leute umgeworfen.

Emil Paiker: Das war der absurdeste Moment in meinem Leben. Also nach diesem Konzert habe ich echt gesagt: „So, ich hab‘ all meine Ziele erreicht im Leben.“ Das ist nicht so ein Lied, bei dem man sich beim Streamen denkt, da rasten die Leute völlig aus. Aber wir sind dann auch ausgerastet, ich habe meine In-Ears verloren, die waren dann irgendwo. Und so habe einfach nur noch den Song in das Mic geschrien. Das war ein extrem wichtiger Moment für uns.

Hoffentlich in ein paar Wochen genau so wieder. Danke euch für das Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

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