„Es geht immer darum, einen guten Song zu schreiben.“ – mica-Interview mit Thomas Thurner und Paul Sams, einem Teil des Teams hinter dem heurigen ESC-Siegertitel „Wasted Love“ von JJ.

Nach Udo Jürgens (1966 mit „Merci Chérie“) und Conchita Wurst (2014 mit „Rise Like A Phoenix“) ist heuer mit dem Countertenor JJ (Johannes Pietsch) und dem Song „Wasted Love“ der ESC-Siegertitel zum nun schon dritten Mal aus Österreich gekommen. Dass solche Erfolge nicht einfach so passieren, aber dann doch überraschen, gehört dabei wohl auch zu jenen Aspekten, die das Musik-Business nach wie vor spannend und aufregend machen. Für mica hatte Didi Neidhart die Gelegenheit, sich mit Thomas Thurner und Paul Sams, einem Teil des Teams hinter dem Siegertitel zu treffen, um mal auch etwas Hinter die Kulissen solcher Mega-Events zu schauen.

Wasted Love“ wurde in Zusammenarbeit mit Johannes Pietsch (aka JJ) und Teodora Špirić geschrieben. Dazu gibt es ja die schöne Geschichte, dass der Song im Grunde von Teodora und dir am gemeinsamen WG-Küchentisch entstanden ist. Stimmt das wirklich?

Thomas Thurner: Teya ist meine Mitbewohnerin, und wir fuhren gemeinsam ins Studio, um den Song zu schreiben – also ganz stimmt die Geschichte nicht.

Wie kam es überhaupt dazu, einen Song für den ESC zu erarbeiten?

Thomas Thurner: JJ fragte Teya, ob sie gemeinsam einen Song schreiben könnten. Teya wollte mich dabei als Produzenten dabeihaben. Wir trafen uns im Studio, und innerhalb eines Tages entstand eine Demoversion des Songs. Eine überarbeitete Version wurde anschließend an den ORF geschickt. Dort gab es ein langes Auswahlverfahren, an dessen Ende die Entscheidung für „Wasted Love“ fiel.

Wird an einem „ESC-Song“ anders herangegangen als sonst? Gibt es bestimmte Regeln oder Analysen dazu, was einen erfolgreichen ESC-Song ausmacht?

Thomas Thurner: Es geht immer darum, einen guten Song zu schreiben – unabhängig davon, ob für den ESC oder nicht. In diesem Fall behält man natürlich auch im Hinterkopf, wie der Song auf einer großen Bühne klingen könnte. Grundsätzlich waren wir aber sehr frei im Kreativprozess. Eine wichtige Regel ist allerdings, dass ein Song beim ESC nicht länger als drei Minuten dauern darf.

„Das Ziel war es, den Song noch größer zu machen.“

Laut Wikipedia ist „Wasted Love“ eine „Mischung aus Ballade zwischen Pop, Oper sowie Techno“. Wie kam es zu dieser Mischung?

Thomas Thurner: Da JJ Opernsänger ist, aber Pop liebt, war klar, dass wir eine Mischung aus beiden Genres machen würden. Der Techno-Part war ursprünglich nur eine absurde Idee von mir, die ich zum Spaß vorschlug. Als wir es jedoch ausprobierten, waren wir alle so überzeugt, dass es der perfekte Schlussteil für den Song werden würde.

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Jetzt ist ein offizieller ESC-Song ja nicht irgendein Song – da hängt auch viel Geld dran. Wie viele Parteien bzw. Player reden am Ende eigentlich mit? Und wie sieht es dabei mit der Balance zwischen „künstlerischer Autonomie“ und „kreativwirtschaftlichen Dienstleistungen“ aus?

Thomas Thurner: Die Produktion der Demo-Version war bereits ein gutes Grundgerüst, an dem man gut weiterarbeiten konnte. Ziel war es, den Song mit Unterstützung von Orchester und orchestralen Drums noch größer klingen zu lassen.
Das Orchester wurde von Wojciech Kostrzewa arrangiert, einige Percussion-Elemente hat er ebenfalls programmiert. Die Streicher wurden vom Budapest Scoring Orchestra eingespielt, die orchestralen Drums programmierte Paul Sams. Alle übrigen Spuren stammten von mir.
In der Produktionsphase konnte ich viele kreative Entscheidungen einbringen, doch natürlich floss im Laufe der Zeit auch viel Feedback ein, das wir ausprobierten. Besonders in der Endphase wurde die Arbeit stärker zu einer kreativwirtschaftlichen Dienstleistung. Aber da der Song so inspirierend war, machte es auch nach vielen Stunden noch Spaß, daran zu feilen.

Songwriting ist ja immer auch Teamwork. Manche sind für die Melodien zuständig, andere für die Beats, wieder andere für die Feinarbeit an Chorus und Refrain. Das klingt ein bisschen wie Hausbau, bei dem verschiedene Fachkräfte einzelne Elemente beisteuern. Aber wie sieht das in der Praxis aus? Sind bei euch die Kompetenzen klar umrissen, oder kann jeder zu allem seine Ideen beitragen?

Thomas Thurner: Beim Songwriting geht es immer um ein großes Miteinander und viel Austausch. Natürlich gibt es die klassischen Rollen Songwriter:in, Produzent:in und Künstler:in. In diesem Fall habe ich mich hauptsächlich um die Komposition und die Sounds gekümmert, während sich Teya und JJ intensiv mit Melodie und Text beschäftigt haben.

„Beim Songwriting geht es immer um ein großes Miteinander.“

Bleiben wir noch kurz beim Thema: Mittlerweile gibt es auf Spotify eine Vielzahl an KI-generierten „Geistersongs“, und auch bei Serien häufen sich Anzeichen für KI-generierte Soundtracks. Inwieweit seht ihr in der KI-Technologie eine Chance oder eine Bedrohung? Eine mit allen ESC-Siegertiteln gefütterte KI könnte euch ja durchaus Konkurrenz machen, oder?

Bild Thomas Thurner im Studio
Thomas Thurner © Jan T. Reisecker

Thomas Thurner: Natürlich spielt KI heutzutage eine Rolle, und viele Produzenten nutzen sie auch als Tool. Bei „Wasted Love“ wurde allerdings keine KI eingesetzt. Meiner Meinung nach hat JJ gewonnen, weil er authentisch und offen seine Gefühle in einen Song eingebracht und diese Emotion auch in seiner Performance transportiert hat. Es geht dabei nicht nur um den Song selbst, sondern auch um die Art, wie er präsentiert wird und welche Gefühle vermittelt werden. Ich glaube, dass sich genau das mit KI nur sehr schwer reproduzieren lässt – selbst wenn man sie mit allen ESC-Siegertiteln füttern würde. Es braucht immer eine zusätzliche Ebene über den reinen Song hinaus. Der ESC ist zudem immer offen für neue Welten – wie etwa die Kombination eines Opernsongs mit einem Techno-Part am Ende.

Es gibt beim ESC einen Punkt, der die präsentierten Songs deutlich von einem Großteil der aktuellen Popmusik unterscheidet: der Verzicht auf Autotune. Die Vocals kommen – wie sonst eigentlich nur noch bei Casting-Shows – fast vollständig ohne Effekte aus (abgesehen von etwas Hall und Echo). War das auch für euch eine Herausforderung?

Thomas Thurner: Da JJ ein hervorragender Opernsänger ist, hatten wir relativ wenig Bedenken bezüglich der Live-Performance. Wichtig war eher, dass er beim Opern-Teil das Mikrofon nicht zu nah am Körper hält, da dieser Gesang ganz anders durch ein Mikrofon klingt als der sanfte Gesang in den Strophen. Detaillierte Anweisungen konnten wir aber problemlos den Engineers vor Ort geben.

„Es braucht eine weitere Ebene als nur einen guten Song.“

Schon 1979 gab es mit „Video Killed the Radio Star“ (von den Buggles, unter anderem mit dem späteren Frankie-Goes-to-Hollywood-Produzenten Trevor Horn) einen Pop-Song, der Musik und Optik verband. Wer den ESC verfolgt, weiß, dass man dort immer auch von der Bühnenshow, den Outfits der Acts und den visuellen Effekten begeistert ist. Wie viel Anteil hat die Optik, also das Visuelle, an einem Sieg, und inwieweit spielen solche Aspekte beim Songwriting schon eine Rolle?

Thomas Thurner: Natürlich sind Optik und Performance sehr entscheidend. Praktisch war, dass Teya von Anfang an eine klare Vision dafür hatte. Für die Bühnen-Performance engagierte sie Sergio Jaeen, der im Jahr zuvor für Irland ein unglaubliches Staging auf die Beine gestellt hatte.

Wie war das dann, als es offiziell war? Cool oder doch auch etwas „too much, too soon“?

Thomas Thurner: Es war absolut unglaublich! Ich kann mich noch genau an dieses Gefühl erinnern. Es kamen sofort so viele Eindrücke auf einmal, dass ich sie bis jetzt noch nicht alle verarbeitet habe. Teilweise erlebe ich noch kurze Momente, in denen ich realisiere, wie verrückt das Ganze eigentlich ist.

Ihr habt alle in Salzburg an der FH Puch-Urstein im Fach MultiMedia Art im Bereich Audio studiert. Was habt ihr dort für den ESC gelernt?

Bild des Produzenten Paul Sams
Paul Sams © Klara Leschanz

Paul Sams: Ich würde sagen, wir haben gelernt, gemeinsam an kreativen Projekten zu arbeiten und die jeweiligen Stärken der beteiligten Personen bestmöglich zu nutzen. Der Studiengang MultiMedia Art schafft für die Studierenden eine ideale Atmosphäre, sich auf möglichst viele Projekte zu stürzen und dabei die eigenen Interessensbereiche kennenzulernen. In genau dieser Atmosphäre lernte ich Thomas und Michael Höchtl kennen.
Michi ist ja auch bei Sunshine Mastering tätig, wo auch der „Sound-Guru“ Nikodem Milewski arbeitet, und hat im letzten Jahr den ESC-Siegertitel von Nemo gemischt. Heute bin ich sehr dankbar – nicht nur für die Zusammenarbeit, sondern auch für die Freundschaften, die daraus entstanden sind.

Wie so viele andere seid ihr nach dem Studium gleich von Salzburg bzw. aus Österreich weggezogen. Wieso eigentlich?

Thomas Thurner: Durch mein Praktikum hatte ich die Möglichkeit, einen Publishing-Deal in Berlin zu unterschreiben, woraufhin ich direkt dorthin zog. Dort gibt es einfach viel mehr Möglichkeiten. In Österreich merkt man es schon daran, dass die Major Labels teilweise nur sehr kleine oder gar keine Niederlassungen mehr haben. In Berlin gibt es hingegen viel mehr Musikschaffende und die entsprechenden Strukturen wie Labels, Verlage, Studios etc.

Paul Sams: Ich durfte mein Pflichtpraktikum der FH Salzburg in Wien absolvieren und lernte dort einen Filmmusik-Komponisten namens Christian Heschl kennen, mit dem ich seither viel zusammenarbeite. Auch bei mir haben sich einfach Möglichkeiten außerhalb von Salzburg ergeben, die für mich wichtig waren. Ich bin jedoch nach wie vor sehr gerne dort und hoffe, dass sich in Zukunft auch musikalisch mehr tun wird.

„Man muss auch einfach gut darin werden Niederlagen einzustecken.“

Ihr macht jetzt ja nicht nur ESC-Siegertitel, sondern auch eure quasi „eigene“ Musik. Wie wird es da weitergehen? Oder bleibt ihr vorerst im Team um JJ?

Bild des Produzenten Michael Höchtl
Michael Höchtl © Nikodem Milewski

Thomas Thurner: Ich arbeite derzeit an vielen anderen Produktionen und Projekten, an denen ich schon vor dem ESC beteiligt war. Grundsätzlich liegt mein Fokus auf Popmusik. Natürlich versuchen wir aber auch, so gut wie möglich mit JJ weiterzuarbeiten.

Paul Sams: Ich arbeite aktuell viel an Werbungen, Dokumentationen und Musik für Filmtrailer. Wenn ich das Team um JJ weiterhin unterstützen darf, freue ich mich natürlich sehr. Es ist faszinierend, was die Beteiligten bei dem Projekt bisher auf die Beine gestellt haben. Einen kleinen Teil zu diesem Team beitragen zu dürfen, ist das Schönste, was man sich als Kreativschaffender vorstellen kann.

Welche Tipps hättet ihr für junge Musiker:innen, auch abseits des ESC, für eine erfolgreiche Karriere?

Thomas Thurner: Schwierige Frage. Aus meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Ganz fest daran glauben und immer weitermachen. In der Musikindustrie braucht man leider viel Geduld und muss lernen, Niederlagen einzustecken, daraus zu lernen und trotzdem weiterzumachen.

Paul Sams: Die Musikindustrie kann sehr hart sein. Man muss es wirklich wollen, sehr viel Arbeit investieren und neben der kreativen Arbeit auch verstehen, dass es ein Business ist, bei dem man aufpassen muss, nicht über den Tisch gezogen zu werden.

Und wie gehts jetzt weiter?

Paul Sams: Genau wie vorher weiter Musik machen, versuchen, besser zu werden, und schauen, wohin mich dieser Weg noch führen wird.

Danke für das Interview.

Didi Neidhart