„Es geht immer darum, Bewegung zu schaffen“ – INES KOLLERITSCH (brazey) im mica-Interview

In den Songs des Debütalbums „Five Hearts No Control“ findet Ines Kolleritsch mit dem Musikprojekt brazey einen melancholischen, aber klaren Ausdruck für Überforderung, Intimität und das Bedürfnis nach Veränderung. Im Interview mit Katharina Reiffenstuhl spricht Kolleritsch über Singen als kollektive Praxis, Aktivismus abseits der Bühne und warum es manchmal mehr als ein Herz braucht, um das Leben auszuhalten.

Du hast mit Beginn deines Jazz-Studiums beschlossen, Sänger:in zu werden. Wie sah dein musikalischer Zugang davor aus?

Ines Kolleritsch: Ich hatte eine sehr musikalische Family. Ich bin in Chören aufgewachsen, meine Mama ist Chorleiterin und Musiklehrerin. Dort habe ich immer viel gesungen, seit ich ein kleiner Stöpsel bin spiele ich Klavier. Vor ca. zwölf Jahren war es mein Traumjob, Sänger:in zu sein. Das hat sich dann über die Jahre so entwickelt, Musiker:in sein zu wollen. Mittlerweile sage ich, ich mach’ Kunst, ich mach’ Mucke. Ich arbeite generell sehr viel im kreativen Bereich, deshalb ist Sänger:in sein gar nicht mehr mein Hauptmittelpunkt. Aber das war es ganz lange.

Du hostest auch einen Singing Club neuerdings.

Bild des Artists brazey
brazey © Jana Van Brussel

Ines Kolleritsch: Ja! Ich habe immer wieder Workshops gegeben und mich die letzten Jahre sehr viel mit meinem Körper als Instrument beschäftigt. Ich wollte eine Möglichkeit finden, einen Ort zu schaffen, um meine Erfahrungen mit meinem Körper als Instrument zu teilen und diese Neugierde und diesen Zugang irgendwie weiterzugeben. Das aber unbedingt in einem Kontext, der kein fixer Chor ist, sondern ein Club. Ich habe es jetzt Singing Club genannt, weil ich das cute fand. Ziel war es, einen Raum zu eröffnen, um gemeinsam in ein Ritual zu gehen und sich mit dem Körper als Klangkörper, als Resonanzkörper zu beschäftigen und gemeinsam Scham abzubauen. Singen ist ein riesiges Scham-Thema für viele Leute. In unserer Kultur hier, also zentraleuropäisch und westlich, kann sowas sehr exklusiv passieren, das ist oft mit Geld oder mit Verpflichtungen verbunden. Ich wollte unbedingt eine wöchentliche Session anbieten, um die Scham zu verlieren miteinander zu singen.

Und vor allem, um Spenden aufzutreiben: Das ist auf freier Spendenbasis und die Spenden gehen an eine Genossin von mir, eine Person, die erkrankt ist. Dadurch werden medizinische Kosten gedeckt für diese Person. Das ist eh das Mindeste, was ich machen kann: Angebote und Räume zu schaffen. Ich kann mir das Leben gar nicht vorstellen ohne das. Ich mache seit fünf Jahren auch einen Solidarity Flea Market, das ist ein Flohmarkt bzw. Workshop, der einmal im Monat angeboten wird. Dieser Singing Club ist jetzt ein weiteres, aktivistisches Projekt. Das muss Teil von meinem Leben sein, da gibt’s gar keine andere Möglichkeit. Das ist etwas, was ich kann, vor allem, wenn ich psychisch oder physisch nicht immer dazu in der Lage bin, auf die Straße zu gehen, auf Demos zu gehen, anderweitig aktivistisch zu arbeiten. Es geht immer darum, Bewegung zu schaffen. Durch den Kapitalismus und das Patriarchat wird die Welt ja irgendwie gezwungen, stillzustehen. Dieser Singing Club ist hauptsächlich dazu da, uns zu erinnern, wie wir in Bewegung kommen können. Bewegung entsteht im eigenen Körper, und durch diese innere Bewegung kann schließlich auch Bewegung nach außen hin entstehen. 

Wow. Du hast das gerade mit so viel Leidenschaft erzählt. Man merkt, wie dich das erfüllt.

Ines Kolleritsch: Absolut. Es ist eh ein totales Privileg, dass ich das machen kann. Ich finde, es ist unsere Verpflichtung, uns umeinander zu kümmern und Sachen in Bewegung zu setzen. Ich möchte nicht leben und nichts machen, das ist sinnlos.

„BRAZEY FÜHLT SICH WIE ANKOMMEN AN“

Du hattest in der Vergangenheit schon einige musikalische Projekte. Wie entstand „brazey“?

Ines Kolleritsch: Entstanden ist es eigentlich, weil ich vor drei Jahren begonnen habe, Gitarre zu lernen. Dadurch hat sich das Komponieren und Songwriting ein bisschen verändert. Ich hatte so viele verschiedene Bandprojekte und ich habe mich sehr nach einem finalen Künstler:innen-Namen gesehnt, bei dem ich jetzt einfach bleibe. brazey war vor allem eine Sehnsucht nach Ruhe, bisschen weggehen von diesem unendlichen Kreis neuer Projekte. Ich habe mich die letzten zwölf Jahre sehr verändert in meiner Wertvorstellung, ich würde nie wieder mit Musiker:innen arbeiten, mit denen ich damals teilweise gearbeitet habe. Ich habe mich auch in meiner Vorstellung, Musik zu leben und kreieren, sehr verändert. brazey fühlt sich wie Ankommen an, aus einer Erschöpftheit heraus. Ich bin sehr erschöpft von der ganzen Musikindustrie und habe jetzt mit brazey überhaupt keine Erwartungshaltung und schaue einfach, was passiert. Im besten Fall hört sich das jemand an, im besten Fall kommen Leute wie du, die sagen “Hey, mach’ ma was!”

„In der Gruppe bin ich als Musiker:in am glücklichsten“ hast du in einem Interview vor ein paar Jahren gesagt. Hat sich das geändert?

Ines Kolleritsch: Ich bin immer noch in der Gruppe am glücklichsten, aber es gibt nicht so viele Leute, mit denen ich mich musikalisch wirklich austauschen kann. Das hat viele Gründe und auch einen langen, komplizierten und traurigen Hintergrund. brazey ist auch ein Gruppenprojekt, auch wenn ich der Kopf dahinter bin und das alles alleine organisiere. Es ist alles in Zusammenarbeit mit meinen Bandmates Julian und Thorsten entstanden. Es ist einfach kein Bandprojekt wie früher, wo man gemeinsam durch diese Prozesse geht, zu schreiben und dieses Projekt zu gestalten. Musik machen an sich macht mir aber immer noch am meisten Spaß in Gesellschaft.

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Was ist für dich denn songwritingtechnisch anders als bei den vorigen Projekten?

Ines Kolleritsch: Hauptsächlich, dass die meisten Songs auf der Gitarre entstehen. So eine ähnliche Frage wurde mir gestern auch gestellt und ich habe sie gar nicht so gut beantworten können. (lacht) Es fühlt sich intimer und näher zu mir an, denke ich. Ich bin ehrlicher mit mir geworden über die Jahre, vielleicht ist es auch das, was das Songwriting anders macht. Es fühlt sich für mich im Ausdruck jetzt viel authentischer an.

Woher kam das Bedürfnis, Gitarre zu lernen?

Ines Kolleritsch: Es gab eine Person bzw. es gibt weiterhin eine zweite Person in meinem Leben, die um mich herum viel Gitarre gespielt haben. Das hat mich voll berührt und inspiriert. Ich wollte irgendwie Teil von diesem Erlebnis sein. Ich hätte aber nie gedacht, dass ich mal Gitarre lerne, ich hatte immer ein bisschen Schiss vor Saiteninstrumenten und dachte mir immer “Boah, Tasteninstrumente – viel chilliger”. Klavier ist ein dankbares Instrument, das klingt immer nach irgendwas. Beim Gitarrespielen habe ich wirklich lange gebraucht, um mich wohlzufühlen. Die letzten zwei, drei Jahre war ich teilweise in einem sehr prekären psychischen Zustand und habe mich sehr danach gesehnt, ein Instrument zu haben, was mich begleitet und hält in dieser schwierigen Zeit. Klavier hat mich schon auch immer gehalten, aber es ist etwas ganz anderes, wenn du dich mit deiner Gitarre ins Bett setzt und dort einen Song spielst. Dein Klavier kannst du da nicht mitnehmen. Insgesamt war es einfach die Sehnsucht nach Intimität mit mir selbst. Das ist durch die Gitarre so schön kanalisiert worden.

„SO VIEL, WIE PASSIERT, GEFÜHLT WIRD, ERLEBT WIRD, VERARBEITET WIRD UND VERDRÄNGT WIRD, KANN SICH DAS NIEMALS IN EINEM HERZEN AUSGEHEN“

Reden wir über dein Album. Wofür stehen die „five hearts“?

Ines Kolleritsch: So viel, wie passiert, gefühlt wird, erlebt wird, verarbeitet wird und verdrängt wird, kann sich das niemals in einem Herzen ausgehen. Da müssen viel mehr Herzen dahinterstecken. Ich bin mal draufgekommen, dass ich Würmer sehr toll finde, die begleiten mich in ihrem Spirit und ihrer Energie sehr viel durchs Leben. Und Würmer haben auch fünf Herzen. Die erleben voll viel und sind super sensibel. Also das Ganze kommt für mich aus der Überzeugung, dass ich zumindest auf Gefühlsebene sicher nicht nur ein Herz habe.

So ein süßer Ansatz.

Ines Kolleritsch: Realistisch und biologisch wissen wir eh, ist nicht rational.

Aber es ist ja Kunst.

Ines Kolleritsch: So ist es.

Die Songs des Albums haben relativ leichte, englische Titel, und dann gibt es noch „zerfetzt“ – der fällt auf.

Ines Kolleritsch: Die Melodie ist in einem Guss über Nacht entstanden und das erste Wort, was mir dazu eingefallen ist, war das. In der Zeit hat es mir ein bisschen das Herz zerrissen. Das war dann zerfetzt. Das war eben das Erste, was ich damit assoziiert habe. Ich mag auch den Klang des Worts extrem gern.

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Du hast super viel internationale Erfahrung in Richtung Spanien/Kolumbien gesammelt.

Ines Kolleritsch: Als ich 20 war, bin ich nach Spanien und habe dort Erasmus gemacht und ein bisschen Musik. Da haben sich Verbindungen mit Musiker:innen ergeben, die viele Jahre angehalten haben. Daher hat es auch eine Verbindung nach Kolumbien gegeben, mein damaliger Bandmate und guter Freund kommt aus Bogotá. Da waren wir gemeinsam auf Tour, um unser gemeinsames Album vorzustellen. Die Verbindungen sind jetzt nicht mehr aufrechterhalten, aber das war ein voll schöner Teil von meinem Leben, der einfach immer da sein wird. Die Musik ist jetzt da, die gibt es einfach. Das ist ein toller Teil aus meinen Zwanzigern.

Hörst du sie noch gerne?

Ines Kolleritsch: Ich hab‘ sie schon lange nicht mehr gehört. Aber ich finde es voll nett, ich höre mich ganz jung und fragil an. Da hatte ich eine viel hellere Stimme. Aber ich höre sie sehr selten. Weiß nicht, ob ich sie gern höre.

„ICH WÜNSCHE MIR, DASS DIE LEUTE MEHR AUF DIE STRASSE GEHEN UND IHRE PRIVILEGIEN NUTZEN“

Wie aufgeregt bist du vor deiner Tour, die diese Woche startet?

Ines Kolleritsch: Jetzt gar nicht, ich muss einfach nur noch meinen Koffer packen. Aber ich habe schon eine gute Aufregungsepisode hinter mir. Morgen bin ich sicherlich nochmal nervös, bevor ich auf die Bühne gehe. Es gab auch einige kurzfristige Änderungen. Wir spielen die Tour leider ohne Julian bzw. ohne Drums, was sehr schade ist. Tatsächlich, wenn so richtig viel schiefläuft, werde ich irgendwann ganz ruhig. Das ist dann ist dann so eine liebevolle Resignation, ich zieh’ den Hut vorm Universum, das einfach nicht so wollte, wie es geplant war. Das hat immer seinen Grund. Daher fair enough.

 Was wünscht du dir für 2026?

Ines Kolleritsch: Ich wünsche mir für mich selbst und für alle anderen Leute, dass sie achtsamer mit sich selbst und ihrem Umfeld sind. Und radikaler werden. Ich wünsche mir, dass die Leute mehr auf die Straße gehen und ihre Privilegien nutzen. Dass Leute raus aus ihrer Komfortzone gehen. Ich möchte mich nicht ausruhen auf meinem gemütlichen Leben. Ich wünsche mir Bewegung. 

Danke für dieses schöne Gespräch!

Katharina Reiffenstuhl

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brazey live:
31.01. Bern, Brasserie Lorraine                                         
04.02. Leipzig, Noch Besser Leben                               
05.02. Jena, Café Wagner                                                
07.02. Freiburg, Slow Club                                              
11.02. Stuttgart, Café Galao                                                           
13.02. Innsbruck, Kulturbogen 55                                                 
14.02. Wels, Vinylton     
        

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Links:
Ines Kolleritsch
brazey (Instagram)