„… diese Verlebendigung des Textes ist mir stets das Allerwichtigste.“ – Wolfgang Sauseng und Johannes Hiemetsberger im mica-Interview

„Frühling. Leeres Land“ von Komponist WOLFGANG SAUSENG und Librettistin ELISABETH VERA RATHENBÖCK wird am 22. März 2026 als Uraufführung beim Festival IMAGO DEI in Krems gezeigt. Das Werk basiert auf einer Erzählung von Ingeborg Bachmann und ist eine Auftragsarbeit des CHORUS SINE NOMINE. Im Interview mit Theresa Steininger sprechen Komponist WOLFGANG SAUSENG und musikalischer Leiter JOHANNES HIEMETSBERGER über die Entstehung, die Herausforderungen und über die Musik als „Dienerin des Textes“.

Was waren bei dem Auftrag an Wolfgang Sauseng Ihre wichtigsten Wünsche?

Johannes Hiemetsberger: Wolfgang Sauseng hat ja bereits die „Johannespassion“ und den „Totentanz“ für uns komponiert und wir wollten daran schon länger anschließen. Die bisherigen zwei Stücke waren sehr unterschiedlich. Es war uns natürlich wichtig, dass der Chor eine zentrale Rolle bekommen sollte – und wir wollten mit dem Mobilis Saxophonquartett zusammenarbeiten. Darüber hinaus war der Rahmen sehr offen.

Johannes Hiemetsberger
Johannes Hiemetsberger © Theresa Pewal

Der Vorschlag, mit einer Erzählung von Ingeborg Bachmann zu arbeiten, kam also von Wolfgang Sauseng?

Johannes Hiemetsberger: Ja. In einer solchen Zusammenarbeit ist das Vertrauen zum Komponisten ganz wesentlich. Und wir kennen Wolfgang Sauseng bereits als einen, der mit dem Instrument Stimme sehr, sehr gut vertraut ist. Er weiß es an die Grenzen zu führen, aber er geht nie darüber. Es hat sich bewahrheitet, was wir von ihm von den bisherigen Zusammenarbeiten kennen: Wolfgang Sauseng ist ein Komponist, der den Text in seiner Urgestalt weiterleben lässt und der ganz in der Tradition alter Musik steht, ohne altmodisch zu sein. Dass er jedem die Chance gibt, Bachmanns Erzählung gut zu verstehen, kommt dem Publikum sicher sehr entgegen.

Herr Sauseng, wie war Ihre Herangehensweise an Ingeborg Bachmanns Erzählung?

Wolfgang Sauseng: Ich beschäftige mich schon viele Jahre mit dem Werk Ingeborg Bachmanns und habe bereits mehrere Texte von ihr vertonen dürfen. Auf der Suche nach einem Stoff für das aktuelle Werk bin ich auf die Erzählung „Die Karawane und die Auferstehung“ von 1948 gestoßen. Bachmann war zur Entstehungszeit 22 Jahre alt und wohnte seit Kurzem in Wien, es war die Zeit, als sie Philosophie studierte. Unter anderem besuchte sie auch eine Vorlesung für Metaphysik bei Alois Dempf, die sie beeinflusste. Nicht nur diese Erzählung, sondern auch weitere aus diesen Jahren beschäftigen sich mit Fragen zu menschlicher Existenz, Transzendenz und „Erlösung“. Für meine Arbeit erschien mir diese Erzählung ideal, auch für das Festival Imago Dei ist die Thematik sicher passend. Um die Erzählung vertonbar zu machen, habe ich die oberösterreichische Literatin Elisabeth Rathenböck gebeten, ein Libretto zu erstellen. Sie hat einen hervorragenden Text geschrieben, ohne den Erzählstoff von Bachmann zu „verbiegen“. In diesem Auftragswerk des Chorus sine nomine hat der Chor natürlich eine wichtige Rolle bekommen, einerseits – im antiken Sinn – kommentierend, andererseits auch als Abbild und Stimme der „Wandernden“, die von Solistinnen und Solisten gesungen werden: Die Erzählung beginnt mit dem Marsch einer kleinen Menschengruppe durch ein wüstenähnliches Niemandsland, ein Land zwischen Leben und Tod – oder Tod und Leben. Am Beginn der Komposition steht eine große Sterbeszene, in der ich zwei Gedichte von Bachmann von 1963 – einer äußerst schweren Zeit im Leben der Dichterin – verwendet habe, die der Chor panisch und unverständlich durcheinanderschreien muss. In der „historischen Abfolge“ zwar verkehrt, erschien mir das dennoch als eindringlicher Beginn.

Chorus sine nomine
Chorus sine nomine © Theresa Pewal

„Meiner Ansicht nach ist das Stück eines im Grenzbereich zwischen Erzählung und Meditation.“

Wird die Umsetzung auch szenisch sein?

Johannes Hiemetsberger: Nein, auch nicht halbszenisch. Aber es wird klar profilierte Figuren geben, die von den Solisten dargestellt und vom Chor noch unterstützt werden. Es ist auch unsere Aufgabe, die einzelnen Charaktere voranzutreiben. Es ist Elisabeth Rathenböck und Wolfgang Sauseng gut gelungen, diese so zu zeigen, dass dem Publikum beispielsweise sofort klar sein wird, welcher Typ beispielsweise der Invalide ist, der zwischen Leben und Tod wandelt. Meiner Ansicht nach ist das Stück eines im Grenzbereich zwischen Erzählung und Meditation.

Wolfgang Sauseng: Es war immer mein Credo, das ich auch stets an meine Studierenden weitergegeben habe, dass das Um und Auf und der Ausgangspunkt eines Vokalwerks ein sprachlich und inhaltlich guter Text sein muss. Meine musikalische Ausformung geht vom Text aus. Ich bin diesbezüglich wirklich der radikalen Meinung, dass alle Musik bereits im Text liegt und ich sie nur mehr „erwecken“ muss. Natürlich denke ich auch über Fragen der Instrumentierung nach, aber diese Verlebendigung des Textes ist mir stets das Allerwichtigste. Und das war auch hier so. Mein erster musikalischer Gedanke beim Lesen der Erzählung war ein riesiges Glockengeläute, welches mit der „Erlösung“ aller Beteiligten am Ende der Erzählung durch den „Knaben“ beginnt. Ein Geläute, das in diesem zwielichtigen Land völlig unerwartet einsetzt. Für dieses Geläute bekommt der Chor zusätzlich Handglocken. Aus dieser Zelle hat sich die ganze Instrumentierung entwickelt. Die Karawane der gestorbenen Gehenden setzt sich – nach der Sterbeszene – sehr langsam in Bewegung und wird vom Tempo her im Laufe des Stücks immer schneller. Alte Formen wie ein „Lamento“ kommen ebenso vor wie ein „Intermezzo burlesco“. Und das „Notturno fugato“, der dunkelste Teil des Werkes, lässt von Krieg und Holocaust ahnen. Denn die Figuren, von denen Bachmann 1948 erzählt, tragen Schuld und ungelöste Altlasten. Es ging Bachmann ja auch immer um Gedanken zur österreichischen Mitverantwortung und zur Aufarbeitung von Kriegsgeschehen und Kriegsgräueln. Der Schlussteil des Werkes steht in farblich sehr starkem Gegensatz, wenn die Sopranistin in der Rolle des „Knaben“ einen langen und eindringlichen Erlösungsgesang beginnt.

Mobilis Saxophonquartett
Mobilis Saxophonquartett © Andrej Grilc

Welcher musikalische Stil steht bei Ihrer Arbeit im Vordergrund?

Wolfgang Sauseng: Für mich gilt stets, dass ich den Text wahr machen möchte, ich sehe die Musik als Dienerin des Textes. Ich folge dem Postulat Claudio Monteverdis, der dies schon 1608 für seinen „Orfeo“ vorgab. Stilistisch sehe ich mich von meinem Lehrer Anton Heiller, sowie von Strawinsky, Schostakowitsch, Henze und Messiaen beeinflusst.

Johannes Hiemetsberger: Ich finde, man sieht in diesem Stück Wolfgang Sausengs Handschrift, die wir schon zu kennen glauben, die er aber doch immer wieder neu zusammensetzt. Es gibt hier einiges, was uns als Chor fordert, aber genau das wollten wir ja auch. Es ist ein extrem rhythmisch orientiertes Stück geworden mit viel Diktion und vielen melodischen Wendungen. Keinesfalls wurden hier nur gute Ideen aneinandergereiht, sondern es gibt einen Kern, auf den alles zurückgeht. Die Schwingung, die auch in der Erzählung von Ingeborg Bachmann hervorsticht, ist auch dem Stück eingeschrieben. Es beginnt in einer diffusen Zwischenwelt und wird immer schneller, wobei es schlichte und gewaltige Momente gleichermaßen gibt. Das Werk ist sehr vielfältig, ohne je beliebig zu werden. Ich sehe es als Lichtstrahl in die Welt von Ingeborg Bachmann – und das auf eine musikalisch extrem effektvolle Weise.

Was möchten Sie dem Publikum mit dem Stück mitgeben?

Wolfgang Sauseng: Dass die Zuhörerinnen und Zuhörer nachdenken über die Fragen, die sich aus Erzählung und Libretto heraus stellen: über Transzendenz, Existenz, Erlösung. Auch über Fragen der „Mitverantwortung“. Ich wollte – ohne ins Religiöse abzudriften – etwas schaffen, durch das man sich mit diesen Themen auseinandersetzt.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Theresa Steininger

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Termin:

So, 22. März 2026, 18:00 Uhr
„Frühling. Leeres Land. Zwischen Abschied und Aufbruch(Uraufführung)
Musikalisches Szenario von Wolfgang Sauseng und Elisabeth Vera Rathenböck nach der Erzählung „Die Karawane und die Auferstehung“ von Ingeborg Bachmann, ergänzt um lateinische Texte.
Mitwirkende: Chorus sine nomine, Mobilis Saxophonquartett, Johannes Hiemetsberger u.a.

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Links:
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