Eine Uraufführung bei Wien Modern auf der einen Seite und eine CD mit Werken von Beethoven, Brahms und Schumann auf der anderen: Für die Pianistin CLARA SOPHIA MURNIG widerspricht sich das nicht, sondern bildet vielmehr ihre ganze Bandbreite ab. Im Porträt-Gespräch mit Theresa Steininger lässt sie auch durchblicken, wie ihr die Beschäftigung mit heutigen Komponistinnen und Komponisten im Umgang mit verstorbenen geholfen hat, und wie sie auch dadurch zu ihrem eigenen Stil fand.
Sie arbeiten als Pianistin gerne mit zeitgenössischen Komponisten und Komponistinnen. Was wünschen Sie sich von jenen, die für Sie schreiben?

Clara Sophia Murnig: Ich beauftrage sehr gerne Komponisten und Komponistinnen. Beispielsweise notiere ich mir, wenn ich zeitgenössische Konzerte besuche, Namen, wenn mir der Stil von jemandem zusagt. Wenn ich dann jemanden darauf anspreche, ob er oder sie für mich etwas schreiben könnte, kommt oft die Frage, was ich mir wünsche. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich am liebsten nichts vorgebe – außer natürlich, das Werk ist für eine Veranstaltung vorgesehen, bei der bezüglich der Länge und der Themen schon Vorgaben da sind. Ansonsten lasse ich mich gerne überraschen und greife nicht in den kreativen Prozess ein. Das Einzige, was ich mitgebe, ist, dass ich sehr gerne bereit bin, virtuos schwierige Stellen zu spielen.
Prägend für Sie war die Zusammenarbeit mit dem Komponisten Peter Jakober. Was zeichnet diese aus?
Clara Sophia Murnig: Ich schätze die hohe künstlerische Qualität in dieser Zusammenarbeit und sein unbedingtes Streben nach dem besten Klang. Er fordert mich heraus, den einen Klang zu suchen – und ich habe das Gefühl, dass sich mein Spiel durch diese gemeinsame Präzision verändert hat. Er hilft mir, das Bestmögliche aus mir herauszuholen. Sein Werk „Dunkeln für Klavier, Zuspielung und eine Nachttischlampe“, das ich 2024 bei Wien Modern uraufgeführt habe, bringt die verschiedenen Facetten von mir als Pianistin hervor: Einerseits konnte ich mich hier solistisch präsentieren, andererseits im Ensemble mit der Zuspielung. Es gibt virtuose Passagen und auch sehr weiche. So zeigt „Dunkeln…“ alles, was in mir als pianistische Persönlichkeit steckt.
Wie würden Sie generell selbst Ihren Stil beschreiben?
Clara Sophia Murnig: Als Mischung aus Virtuosität, Präsenz, aber auch Fragilität und Sanftheit. Ich höre immer wieder, dass ich einen ganz eigenen Klang habe, der sehr rund und weich ist. Und ich kann mich gut auf verschiedene Klaviere einstellen. In meiner solistischen Arbeit war es mir sehr wichtig, einen Stil zu finden, der meine ganze Persönlichkeit widerspiegelt.
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„… um selbst zu komponieren, habe ich zu viel Respekt vor dieser Kunst.“
Wollen Sie auch selbst komponieren?
Clara Sophia Murnig: Nein, ich improvisiere zwar gerne, und Stücke, die für mich komponiert werden, haben oft entsprechende Stellen, aber um selbst zu komponieren, habe ich zu viel Respekt vor dieser Kunst.
Sie haben einmal gesagt, dass die Beschäftigung mit zeitgenössischen Kompositionen Ihnen auch bei jener mit Werken von früher geholfen hat. Inwiefern?
Clara Sophia Murnig: Ich finde, mein Verständnis für alle beide hat sich gemeinsam weiterentwickelt. Als ich noch studierte, fühlte ich mich in all den Regeln, die für Interpretationen klassischer Werke vorgegeben wurden, fast gefangen. Die Beschäftigung mit der zeitgenössischen Musik habe ich als Befreiung empfunden. Denn als ich mit Komponisten von heute zusammenarbeitete, begann ich noch besser zu verstehen, dass es ihnen oft um einen ganz bestimmten Klang ging, dass das Stück als Ganzes verstanden werden muss und dass Regeln zwar wichtig sind, aber der übergeordnete Sinn über allem steht. Das konnte ich für mich dann auch auf Werke verstorbener Komponisten umlegen. Seither geht es mir auch mit diesen besser, weil ich mich weniger eingeengt fühle.
Auf die Spuren von Komponisten aus Wiener Klassik und Romantik haben Sie sich auch auf Ihrer CD „Ein musikalischer Spaziergang durch Wien gemacht“, bei der sie zusätzlich zu den Einspielungen von Werken von Beethoven, Brahms und Schumann auch echte Spaziergänge vorstellen, die zu Orten in Wiener Bezirken führen, die mit diesen Komponisten zusammenhängen. Wie war die Resonanz darauf?

Clara Sophia Murnig: Die Idee stammte ursprünglich von meinem verstorbenen Professor Rudi Pietsch, der ähnliche Exkursionen anbot. Daraus entstand die Idee zu Konzerten, die ich in verschiedenen Bezirken in Wien veranstaltete, bei denen ich Werke spielte, die in der Nähe des Auftrittsortes entstanden. In Zwischenmoderationen habe ich dann auch biografische Hintergründe erzählt. Durch die CD wollte ich dazu inspirieren, dass sich die Hörerinnen und Hörer auf Spaziergänge machen, die ihnen diese Hintergründe näherbringen. Einige erzählten mir, dass sie das sehr motiviert hat. Ich hoffe, das Projekt auch in weiteren Bezirken fortsetzen zu können.
Ist eine zweite CD in Planung?
Clara Sophia Murnig: Tatsächlich haben die Altistin Cornelia Sonnleithner und ich im November eine aufgenommen, die voraussichtlich im kommenden November herauskommen wird. Sie enthält das Programm, das wir auch demnächst in Wien und Reichenau auf die Bühne bringen: Es sind Werke von Mussorgski, Mahler und Brahms, die mit der Vergänglichkeit zu tun haben. (Die Konzerte finden am 30.1. in der Krypta der Peterskirche und am 28. März im Herrnhof in Reichenau an der Rax statt, Anmerkung.)
Wie haben Sie hier die Stücke ausgewählt?
Clara Sophia Murnig: Cornelia ist ein sehr tiefer Alt und wir wollten Werke, die im Original für ihre Stimmlage geschrieben worden waren. Da kamen wir rasch auf den roten Faden, der ebenfalls eine dunkle Stimmung vermittelt. Ich finde, dass ich im Lied-Duo meine verschiedenen Stärken zeigen kann, einerseits solistisch, andererseits aber gerade im Zurückgenommenen, Gemeinsamen, in dem es darum geht, dass man gut aufeinander achtet. Just in der Liedbegleitung habe ich viel von meinem aktuellen Lehrer Charles Spencer gelernt, der es schafft, Dinge aus mir herauszuholen, von denen ich gar nicht wusste, dass sie da sind. Ich schätze den kollegialen Austausch mit ihm sehr.
Auch im Zeitgenössischen sind Sie in der Liedbegleitung unterwegs, was reizt Sie daran besonders?
Clara Sophia Murnig: Im zeitgenössischen Lied kommen oft spannende Geräusche dazu, Überraschungen. Grenzen verschwimmen und es werden schon mal angestammte Rollen aufgebrochen. Somit ist eine andere Herangehensweise nötig als beim romantischen Lied.
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Experimentell wurde es auch schon in ihrer Zusammenarbeit mit der Komponistin Nava Hemyari.
Clara Sophia Murnig: Durch Nava habe ich neue Klänge kennengelernt – auch Arten, das Klavier zu präparieren, beispielsweise mit Schrauben, die in Saiten hineingeschraubt werden, damit ein spezieller Oberton entsteht. So kreiert sie einen ganz besonderen Klang, der mich fasziniert. Sie komponiert gerade wieder etwas für mich, das Werk für Klavier-Duo wird im Dezember uraufgeführt. Davon abgesehen bereite ich gerade für die nächste Saison einen Klavierabend vor, der den Bogen von der Klassik in die Moderne spannt. Thema wird die Fantasie sein, das kann für mich dann von Ludwig van Beethoven und „Quasi una fantasia“ bis zu George Gershwins „Rhapsody in Blue“ reichen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Theresa Steininger
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Termine:
Freitag, 30. Jänner 2026, 20:30 Uhr
Lied-Duo Cornelia Sonnleithner und Clara Sophia Murnig: „Der Tod, die Muse“
Krypta der Peterskirche, Petersplatz 1, 1010 Wien
Samstag, 28. März 2026, 19:00 Uhr
Lied-Duo Cornelia Sonnleithner und Clara Sophia Murnig: „Der Tod, die Muse“
Tonsalon im Herrnhof, Richard von Schöller-Straße 13, 2651 Reichenau an der Rax
Samstag, 11. April 2026, 19:00 Uhr
Klavier-Duo Clara Sophia Murnig, Pablo Rojas
Konzert im 18. Zyklus „Musenküsse“. Franz Schubert. Werke für Klavier zu vier Händen
Musikschulsaal St. Andrä-Wördern, Greifensteiner Straße 22, 3423 St. Andrä-Wördern
Eintritt: freie Spenden
um (kostenlose) Reservierung unter 0650/4233714 oder ingrid.palzer@outlook.com wird gebeten.
Donnerstag, 16. April 2026, 19:00 Uhr
Beethoven, Hummel und Mozart – Kammermusik im Fokus: für Violine – Iris Ballot und Hammerklavier – Clara Sophia Murnig
Kammermusik in historischem Ambiente des Beethoven Hauses Badens
Beethovenhaus Baden, Rathausgasse 10, 2500 Baden
Samstag, 17. Oktober 2026
Klangzeitfestival mit zeitgenössischer Musik von Peter Jakober: „Dunkeln für Klavier, Zuspielung und eine Nachttischlampe“
Wiederholung des bei Wien Modern 2024 uraufgeführten Werkes von Peter Jakober mit Lukas Froschauer in der Klangregie.
Schloss Gleinstätten in der Südsteiermark
Mittwoch, 16. Dezember 2026, 19:00 Uhr
Klavier-Duo Clara Sophia Murnig – Ines Schüttengruber
Uraufführung von Werken von Violeta Dinescu, Nava Hemyari, Florian Hecher und Benjamin Zumpfe
Alte Schmiede Wien, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien
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