Berlin/Bonn/Alteglofsheim, 9. September 2025 – In Deutschland finden regelmäßig rund 1.800 Musikfestivals statt – von Klassik über Rock, Pop und Jazz bis hin zu Elektronik, Folk und Neuer Musik. Eine neue bundesweite Studie liefert erstmals repräsentative Daten zu Struktur, Finanzierung und gesellschaftlicher Bedeutung dieser einzigartigen Kulturlandschaft. Die Studie ist ein gemeinsames Projekt der Initiative Musik, der Bundesstiftung LiveKultur und des Deutschen Musikinformationszentrums. Die Erhebung wurde durchgeführt vom Institut für Demoskopie Allensbach.
Festivals setzen auf stilistische Vielfalt
Musikfestivals sind weit mehr als Bühnen für Livemusik, sie eröffnen Freiräume für Kultur und Kreativität, schaffen intensive Gemeinschaftserlebnisse – insbesondere in nicht-urbanen Regionen. 60 Prozent der Festivals finden in Städten und Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohner:innen statt.
Die neue Studie zeigt: Charakteristisch für Festivals ist ihre stilistische Offenheit, denn jedes einzelne vereint heute im Schnitt fünf verschiedene Genres. Im Durchschnitt bringt jedes Festival 30 Konzerte bzw. Acts auf die Bühne – hochgerechnet ergibt das bundesweit jährlich rund 51.000 Konzerte.
Bemerkenswert: Rund 40 Prozent dieser Auftritte entfallen auf Nachwuchskünstler:innen und – ensembles. Damit leisten Festivals einen entscheidenden Beitrag zur Förderung kultureller Vielfalt und zur nachhaltigen Entwicklung der Musiklandschaft.
Finanzielle Lage angespannt
Hochgerechnet auf die gesamte deutsche Festivallandschaft ergeben sich Einnahmen von rund 551 Millionen Euro bei Ausgaben von 522 Millionen Euro. Festivals sind damit nicht nur kulturell prägend, sondern geben einen deutlichen Impuls als Wirtschaftsfaktor auch über den Kulturbereich hinaus. Doch die wirtschaftliche Situation vieler Festivals ist angespannt: Durchschnittlich stehen pro Festival Einnahmen von rund 313.000 Euro Ausgaben von 296.000 Euro gegenüber. Gewinne erzielen lediglich 15 Prozent der Festivals, während etwa 30 Prozent Verluste verzeichnen. Die Mehrheit – nur 18 Prozent verstehen sich als kommerziell ausgerichtet – verfolgt damit vor allem kulturelle und
gemeinnützige Ziele. Mit 38 Prozent der Gesamtausgaben machen Künstler:innenhonorare den größten Kostenfaktor aus. Bei Klassikfestivals liegt der Anteil bei 48 Prozent, bei Popularmusikfestivals bei 34 Prozent. Jazzfestivals innerhalb der Popularmusik weisen hier mit 41 Prozent einen höheren Wert auf.
Die Einnahmenseite unterscheidet sich deutlich: Klassikfestivals sind stärker förderfinanziert, weisen mehrheitlich einen ausgeglichenen Haushalt auf und decken etwa 40 Prozent ihres Budgets aus öffentlichen Mitteln ab; weitere 24 Prozent generieren sie durch Sponsoren, Stiftungen und Mäzene. Popularmusikfestivals sind marktorientierter, erzielen häufiger Überschüsse, tragen dafür aber höhere wirtschaftliche Risiken und Infrastrukturkosten – insbesondere bei Outdoor-Veranstaltungen. Der Anteil öffentlicher Förderung liegt hier bei rund 20 Prozent.
Klassik optimistischer, Popularmusik und Jazz unter Druck
Auch bei den Zukunftsaussichten zeigen sich Unterschiede je nach Genre: 82 Prozent der Klassikfestivals erwarten eine Fortführung ihres Festivals. Bei Popularmusik- und Jazzfestivals liegt dieser Wert mit 62 Prozent bzw. 68 Prozent deutlich niedriger. 10 Prozent der Popularmusikfestivals befürchten sogar ein unmittelbares Aus – bei Klassikfestivals sind es 4 Prozent.
Nachhaltig und werteorientiert
Über die ökonomische Bedeutung hinaus beleuchtet die Studie die gesellschaftliche Rolle der Festivals. 85 Prozent setzen Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit um, während 53 Prozent auf geschlechtergerechte Line-Ups achten. Diversität spielt vor allem in der Popularmusik eine zentrale Rolle, während sie im Klassikbereich bislang seltener Beachtung findet.
Ehrenamt als Rückgrat der Festivalszene
Unverzichtbar ist das Ehrenamt: Bei 79 Prozent aller Festivals spielt es eine zentrale Rolle – sowohl bei der Planung als auch in der Durchführung. In kleinen Gemeinden ist fast jedes Festival auf freiwillige Helfende angewiesen (97 Prozent). Popularmusikfestivals (83 Prozent) nutzen Ehrenamt häufiger und in größerem Umfang als Klassikfestivals (70 Prozent). Damit bildet das Ehrenamt das Rückgrat vieler Festivals und leistet einen entscheidenden Beitrag zur kulturellen Teilhabe und regionalen Verankerung.
Über die Studie
Für die vorliegende Studie wurde eine Kombination aus qualitativer und quantitativer Befragung gewählt. Kern der Studie war eine Vollerhebung (online) unter 1.764 Musikfestivals in Deutschland, die im Vorfeld identifiziert und kriterienbasiert geprüft wurden. Nach Ablauf des Befragungszeitraums (5. November 2024 bis 6. Januar 2025) lagen 638 vollständig ausgefüllte Fragebögen vor. Die erzielte Rücklaufquote von 36,2 Prozent ist als gut einzustufen, die Daten sind als repräsentativ für die Festivalbranche zu werten. Der qualitative Teil der Studie (drei Roundtables, 15 Interviews) diente sowohl der Entwicklung des Fragebogens, der mehr als 80 Fragen in neun Themenkomplexen umfasste, als auch der Kontextualisierung der Ergebnisse. In einem nächsten Schritt sind weitere detaillierte Auswertungen nach Genres in den Bereichen Klassik, Jazz und Popularmusik geplant.
Zentrale Kennzahlen zur Festivalstudie
- Rund 1.800 Musikfestivals in Deutschland
- 71 % Popularmusik und Jazz, 24 % Klassik
- Hohe stilistische Offenheit: Ø 4,9 Musikrichtungen pro Festival (aus 26 abgefragten Genres); 53 % der Klassikfestivals integrieren auch Elemente der Popularmusik, 8 % der Popularmusikfestivals auch klassische Genres
- Klassikfestivals haben im Durchschnitt 13 Tage Musikprogramm, Popularmusikfestivals 3 Tage
- Ø 30 Konzerte oder Acts pro Festival, davon 40 % Nachwuchskünstler:innen oder -ensembles
- 81 % der Festivals bieten soziale oder kulturelle Rahmenprogramme an
- 42 % integrieren weitere Kunstformen in das Programm
- 60 % finden in Städten unter 100.000 Einwohner:innen statt, 17 % in Metropolen
- Ø Auslastung 76 %, Großveranstaltungen 84 %
- Ø Besuchszahl 9.244
Wirtschaftliche Rahmenbedingungen
- Einnahmen 551 Mio. Euro, Ausgaben 522 Mio. Euro
- Nur 15 % erzielen Gewinn, 30 % arbeiten defizitär
- Einnahmenstruktur Klassikfestivals: 40 % öffentliche Zuschüsse, 24 % Stiftungen/Mäzenatentum/Sponsoring, 30 % Ticketverkäufe
- Einnahmenstruktur Popularmusikfestivals: 20 % öffentliche Zuschüsse, 39 % Ticketverkäufe, 13 % Stiftungen/Mäzenatentum/Sponsoring; darunter Jazzfestivals: 39 % öffentliche Zuschüsse, 23 % Stiftungen/Mäzenatentum/Sponsoring, 29 % Ticketverkäufe
- 84 % der antragstellenden Festivals erhalten mindestens eine Förderbewilligung; 18 % beantragten zuletzt keine öffentliche Förderung
- Künstler:innenhonorare sind der größte Ausgabenposten (Ø 38 %); bei Klassikfestivals 48 %, bei Popularmusikfestivals 34 % – darunter 41 % bei Jazzfestivals
- Gagen: Ø 522 € (Newcomer:innen) bis Ø 7.300 € (Headliner)
- Kosten für Infrastruktur und Technik: Klassikfestivals 11 %, Popularmusikfestivals 27 %
Trägerschaft, Engagement und Motivation
- 77 % der Festivals sind Non-Profit, bei Klassikfestivals 89 %
- Ehrenamtliche Mitarbeit: 79 % der Festivals stützen sich wesentlich auf Ehrenamt bei Organisation, Planung oder Durchführung (Popularmusikfestivals 83 %, Klassikfestivals 70 %)
- Umfang des Ehrenamtseinsatzes: Klassikfestivals: Ø 2,66 Mitarbeitende ganzjährig / 8,09 saisonal; Popularmusikfestivals: Ø 19,81 ganzjährig / 52,32 saisonal
- 72 % möchten Menschen zusammenbringen
- 74 % möchten unvergessliche Erlebnisse schaffen
Gesellschaftliche Verantwortung
- 85 % setzen Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit um
- Diversität hat in Popularmusik (59 %), darunter Jazz mit 48 %, einen deutlich größeren Stellenwert als in der Klassik (21 %)
- 60 % bieten gezielt Auftrittsmöglichkeiten für Nachwuchsmusiker:innen
Zukunft und Dynamik
- 18 % der Festivals seit 2020 neu gegründet, Wachstumsimpulse insbesondere im Bereich Elektronische Musik
- 66 % erwarten künftig einen Rückgang der Anzahl an Festivals in Deutschland
- 4 % der Klassik- und 10 % der Popularmusik- und Jazzfestivals befürchten das Aus ihrer Veranstaltung
- 24 % berichten von schlechterer Auslastung
- 82 % betrachten Finanzierung als eine der größten Herausforderungen
Link:
Studie: Musikfestivals in Deutschland. Vielfalt, Strukturen und Herausforderungen
