Das Programm der Wiener Festwochen 2010 stellt Fragen nach dem "Anderen".

“alles aders?” – Intendant Luc Bondy (er präsentierte auch den Musikschwerpunkt der Festwochen), Schauspieldirektorin Stefanie Carp und Wolfgang Wais (Geschäftsführer) stellten am Freitag im Cafè Prückl ausführlich das opulente Programm dar, das im Mai und Juni 2010 an vielen Schauplätzen Wiens ablaufen wird. Mit den Wiener Festwochen hat die Stadt ein in allen Sparten (Oper, Schauspiel, Konzert, Performance, Installation, “Into the City”) attraktives Festival. Das Musikprogramm steht ganz im Zeichen Alban Bergs, dessen 75. Todestag und 125. Geburtstag 2010 gefeiert wird. Seine Oper  “Lulu” in der Inszenierung von Peter Stein wird in der vollendeten Instrumentalfassung von Friedrich Cerha gezeigt.

 
Steins “Lulu” – nach der Premiere in Lyon als kongeniale Umsetzung gefeiert – wird im Juni im Theater an der Wien gezeigt werden, vorher im Mai dort bereits “Wozzeck” mit dem grandiosen Wiener Bariton Georg Nigel. Als Marie Angela Denoke, die zuletzt an Der Staatsoper Katerina Ismailowa in Schostakowitsch’ “Lady Macbeth von Mzensk” unter Ingo Metzmacher faszinierte. Das Mahler Chamber Orchestra und der Arnold Schoenberg Chor werden von Daniel Harding geleitet werden. Griff Alban Berg in der Wozzeck-Musik als sein eigener Librettist auf Georg Büchners Dramenfragment “Woyzeck” zurück, so formte er das Libretto für “Lulu” nach Frank Wedekinds Doppeltragödie “Erdgeist/Die Büchse der Pandora”. Er arbeitete an dieser ersten dodekaphonischen Oper der Musikgeschichte von 1928 bis zu seinem Tod 1935.Die vollständige “Lulu” verdanken wir Friedrich Cerha

In einer wirklich bemerkenswerten, akribischen Quellenarbeit gelang Friedrich Cerha die Rekonstruktion des unvollständig und teils nur im handschriftlichen Particell Alban Bergs vorliegenden III. Aktes (Cerha: “eine Art Partiturkurzschrift”). Die Arbeit an der Wiederherstellung währte für Cerha von 1962 – 1974 und darüber hinaus, noch 1981 nahm er einige Korrekturen – im Quartett – vor. Die Uraufführung der vollständigen Oper war 1979 in Paris. Den größten Teil von Cerhas Arbeit stellte die Instrumentation dar – von den 1326 Takten des III. Akts lagen nur 390 von Berg instrumentiert vor. Nun stellt der III. Akt der “Lulu” wieder einen zusammenhängenden Organismus von über einer Stunde Dauer dar, “aus dessen Musik vor 1979 nur 6 Minuten in den letzten beiden Sätzen der ,Symphonischen Stücke’ bekannt geworden sind.”

Friedrich Cerha hat auf jeden nur möglichen musikalischen oder “moralischen” Einwand Rücksicht genommen, auch auf das Veto der Helene Berg in der Nachkriegszeit, die im Testament 1969 noch verfügte, dass der III. Akt “von niemanden eingesehen” werden dürfe. Cerha traf mit Alfred Schlee (Universal Edition) eine Absprache, derzufolge die Cerha-Vollendung nicht vor dem Tod von Frau Helene Berg publiziert werden und keine Informationen über den III. Akt zu ihren Lebzeiten der Öffentlichkeit übergeben werden sollte. Cerha schreibt in seinem in der MusikZeit-Edition (Schriften-Ein Netzwerk, Verlag Lafite) erschienenen Artikel zum dritten Akt der Oper “Lulu”: “Die Ereignisse nach ihrem Tod haben die Richtigkeit dieser Haltung bestätigt. Der Rechtsstreit um ihr Veto ist heute beigelegt, die Geschichten darum herum gehören der Geschichte an”.

 
Im neuen Festwochenprogramm ist zu lesen: “Zentral im Ouvre von Alban Berg stehen seine zwei Opern Wozzeck und Lulu, die wegen ihrer kompositorischen Vollendung und ihrer engen Bindung an bedeutende literarische Vorlagen zu den herausragenden Zeugnissen und Erneuerungen des Musiktheaters im 20. Jahrhundert zählen. Heute wie damals sind seine Musiksprache und Ästhetik von ungebrochener Aktualität. Alban Berg ist eine Symbolfigur für das musikalische 20. und beginnende 21. Jahrhundert. Immer auf der Suche nach neuen musikalischen Ausdrucksformen, begründete er zusammen mit seinem Lehrer Arnold Schönberg und Anton von Webern die Zweite Wiener Schule, die wesentlichste kompositorische Bewegung nach der Jahrhundertwende und wichtigste Vorläuferin der Musik nach 1945.

Auch das Konzertprogramm der Wiener Festwochen (2010 im Musikverein, aber das Berg-Programm vor allem im Konzerthaus) ist dem Wiener Komponisten Alban Berg gewidmet: “Begleitend dazu widmet sich eine Konzertreihe den Instrumental- und Vokalwerken des Komponisten. Schon sein erstes publiziertes Werk, die Sonate für Klavier op. 1 (1908) ist fast atonal. Sein Kammerkonzert (1923-25) bildet den Auftakt seiner Zwölftonmusik-Periode. Mit der Aufführung der Lyrischen Suite op. 5 (1913) ist eine seiner bedeutendsten Kompositionen im Programm enthalten. Zu den Werken Alban Bergs kommen Kompositionen seiner Wegbereiter, seiner Zeitgenossen und derer, die er inspiriert hat, und diese werden von herausragenden Künstlern interpretiert”. Als da sind), Solisten des Mahler Chamber Orchestra, ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Cornelius Meister, Georg Nigl, Oleg Maisenberg, Ensemble intercomporain und die Solisten Mitsuko Uchida und Christian Tetzlaff unter Pierre Boulez).

Im Musikverein interpretieren Hélène Grimaud (Klavier), das Steude-Quartett und das Trio Prestige ebenfalls Berg. Dort gibt es aber auch eine Uraufführung (Auftrag der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien): Die neue “Kammermusik für Orchester” von Friedrich Cerha, aber etwa auch Egon Wellesz (Artis Quartett), Henri Dutilleux (Wiener Philharmoniker), Kammermusik von Erich Wolfgang Korngold (u. a. mit Renaud und Gautier Capucon), Bruno Maderna – Pierre Boulez – Arnold Schönberg mit dem Ensemble Kontrapunkte unter Peter Keuschnig, mit dem RSO Wien unter de Billy Arthur Honeggers “Jeanne d’Arc au Bûcher” . ansonsten Richard Strauss (Sächsische Staatskapelle/Luisi), Schumann oder Prokowiew.

 
Into the City

Seit 2006 sucht die Reihe Into the City im Rahmen des Musikprogramms der Wiener Festwochen Schnittstellen zwischen der Stadt und ihren Bewohnern. Orte der gemeinsamen Projekte mit Bewohnern der Stadt sind Gemeindebauten, urbane Zentren und öffentliche Räume. Into the City setzt sich – in Verbindung mit unterschiedlichen künstlerischen Disziplinen – mit sozialen und gesellschaftlichen Themen der Stadt auseinander.

Das fünfte Jahr von Into the City widmet sich, wie zu erfahren und im Programm zu lesen, “aktuellen kulturellen Ausdrucksformen und Fragestellungen von Jugendlichen. Dazu gründet Into the City das Projekt Street Academy. Zehn verschiedene Workshops werden jungen Menschen das Erlernen “cooler Skills” anbieten, HipHop, Breakdance, DJing, Trial Biking bis Lyrik, Slam Poetry und Video-Podcast.

Einen “Zwischenbericht” von Street Academy bietet die inszenierte Demo Das ist mein Ding! am Urban-Loritz-Platz, einem der zentralen Jugend-Treffpunkte in dieser Stadt.

Seit einem Jahr läuft im Gemeindebau Am Schöpfwerk mit Erfolg das Projekt Stadt der Musik, das den 5.000 Bewohnern “Gebrauchsmusik” anbietet. Im Rahmen der Wiener Festwochen 2010 werden die Wiener Sängerknaben ägyptische, türkische und österreichische Lieder der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen am Schöpfwerk erforschen und mit den Bewohnern gemeinsam singen.

Mit einem Sing-Along mit Popsongs aus dem ehemaligen Jugoslawien startet auch die Eröffnung von Soho in Ottakring, eine weitere erfolgreiche Kooperation von Into the City.

 
In der Ausstellung Im Paradiesgarten setzen sich neun internationale Künstler mit den Geschichten der Menschen auseinander, die am Naschmarkt arbeiten. Die Ausstellung am Naschmarkt wird eröffnet mit einer langen Nacht mit Konzerten. Mit der “Ausbürgerung” der Teilnehmer beginnt das transmediale Spiel Schwellenland des Berliner Regisseurs Jörg Lukas Matthaei. Er versetzt Teilnehmer für zehn Tage in die Situation von Flüchtlingen und vermittelt so Überlebensstrategien an der Rückseite der Stadtoberfläche.

Schauspiel  

Neben vielen “anderen” Formen des Theaters und sehr interessanten Projekten stehen die Schauspielinszenierungen auf großen Bühnen, einige davon mit ungewöhnlicher Länge, sodass, wie Stefanie Carp darstellt, “man den ganzen Tag oder die ganze Nacht in der anderen Welt verbringen kann. Robert Lepages modernes Epos Lipsynch erzählt letztlich eine Familiengeschichte oder das Mosaik einer Familiengeschichte, die sich natürlich in Fragmenten und an sehr unterschiedlichen Orten der Welt zuträgt. (.) Peter Steins Dämonen-Fassung und Inszenierung entstand letzten Frühsommer in seiner Scheune in Italien. Er hat sich vorgenommen, diesen Roman nachzuerzählen, nicht zu interpretieren. Frank Castorfs Nach Moskau nach Tschechows Drei Schwestern und seiner Erzählung Die Bauern wird die unterschiedlichen Perspektiven auf das Leben vor der Revolution gegeneinander schneiden. Die Inszenierung in deutscher Sprache wird in Moskau Premiere haben, dann zu den Festwochen kommen. Die beiden Inszenierungen von Luc Bondy haben klassische Vorlagen und sind trotzdem Uraufführungen. David Harrower hat Arthur Schnitzlers Liebelei in das englische Sweet Nothings transformiert, Luc Bondy verlegt die kleine private Tragödie vor einer Zeitenwende in die 20er Jahre.

Euripides Helena-Drama ist ein kaum aufgeführtes, höchst eigenartiges Fundstück, das Peter Handke neu übersetzt hat. Die bereits erwähnten Inszenierungen Factory 2 von Krystian Lupa und Das Eis von Kornél Mundruczó sind unbedingt zu den großen Schauspielinszenierungen zu rechnen. Zu Beginn und am Schluss des Schauspielprogramms sind zwei Stücke von Elfriede Jelinek zu sehen, der Autorin der anderen Sprache und des Anders-Wollens schlechthin, die sich auf ein Stück österreichische und deutsche Geschichte, einen lange verschwiegenen Massenmord und auf gegenwärtige Verhältnisse beziehen, wobei Rechnitz die Tragödie ist und die Wirtschaftskomödie Die Kontrakte des Kaufmanns die Farce. Wir freuen uns, dass Elfriede Jelinek mit diesen beiden Stücken in so gelungenen Inszenierungen bei den Festwochen vertreten ist.” Elfriede Jelinek hat übrigens eine Aufführung von “Rechnitz “(Der Würgeengel) in Österreich nur den Wiener Festwochen gestattet. (rö).

Fotos © Wiener Festwochen