Neue Musik wird vorgestellt und zum Jubiläum an einen „Aquarium-Skandal“ erinnert
Das Ensemble Plus mit seinem künstlerischen Leiter Guy Speyers genießt in Vorarlberg einen ausgezeichneten Ruf. Die Qualitäten spiegeln sich in einem stetigen Innovationsgeist, einer durchdachten Werkauswahl und überzeugenden Interpretationen wider und zeigen sich auch in sehr erfolgreichen Kooperationen.
Der Bratschist Guy Speyers kam 2009 als Student von Klaus Christa aus Südafrika nach Vorarlberg. Er etablierte sich rasch in den Reihen des Symphonieorchesters Vorarlberg und unterrichtet an der Musikschule Dornbirn. Seit 2020 leitet er das Ensemble Plus. Dort bringt sich der umtriebige Musiker mit zahlreichen neuen Ideen ein, denn eine seiner Lieblingsbeschäftigungen ist die Recherche von neuen Kompositionen. Deshalb bereitet ihm an der künstlerischen Leitung die Programmierung der Konzerte am meisten Freude.
Mit Blick auf neu entstandene Werke
Mittlerweile ist das Ensemble Plus eines der ganz wenigen Ansprechpartner für Komponierende in Vorarlberg. Das Musikerkollektiv zeichnet sich durch einige Besonderheiten aus. Das bedeutendste Merkmal ist, dass regelmäßig Kompositionsaufträge an Komponierende mit Vorarlbergbezug vergeben werden. Immer wieder stellen Guy Speyers und die Ensemblemitglieder Komponist:innen vor, die ihren Lebensmittelpunkt außerhalb der Landesgrenzen haben und deren Werke hierzulande oft über Jahre hinweg nicht zu hören waren.
Das Ensemble Plus bespielt das Vorarlberg Museum und verfügt in der Fabrik Klarenbrunn in Bludenz über einen herausragenden Aufführungsort. Alljährlich richtet es in Zusammenarbeit mit dem Symphonieorchester Vorarlberg, dem Literaturhaus Vorarlberg sowie dem ORF das Festival Texte & Töne aus. Die Veranstaltung findet viel Publikumsresonanz. Unter anderem werden in deren Rahmen neue Kompositionen uraufgeführt. „Unser Festival spiegelt die Vielfalt der derzeitigen musikalischen Szene im Bereich der avancierten neuen Musik wider. ‚Texte & Töne‘ ist deshalb so anders und spannend, weil viele unterschiedliche Stilrichtungen erklingen“, präzisiert Guy Speyers.
In diesem Jahr schaffen Wolfram Schurig und Marcus Nigsch, Michael Amann, Richard Dünser, Martin Theodor Gut und Maria Gstättner neue Werke. Der Trompeter Oliver Biedermann hat eine Art „Carte blanche“ erhalten. Guy Speyers lädt gerne auch junge, talentierte Musiker ein, die eigentlich aus der Jazz- und Popularmusikszene stammen, für eine klassische Ensemblebesetzung zu komponieren. „So können die Musiker:innen aus ihrer Comfort-Zone herauskommen, das ist spannend und wichtig.“
Potenziale ausschöpfen und weiterentwickeln
Im Laufe der vergangenen Jahre haben sich die Musiker:innen des Ensemble Plus spieltechnisch enorm weiterentwickelt. Guy Speyers geht dabei behutsam, aber konsequent vor. „Die Mikrotonalität und die spektralen Tontechniken haben wir gezielt eingeübt, um uns weiterzubilden“, betont er. „Ähnlich gehen wir mit dem Einsatz von Electronics vor. Für mich ist es interessant, nicht stehen zu bleiben und für Vorschläge bin ich immer offen.“
Die Ensemblemitglieder haben im Laufe der Zeit als Musiker:innen-Kollektiv einen homogenen, gemeinsamen Klang gefunden. Durch ihr langjähriges Zusammenspiel reagieren sie spezifisch und sensibel aufeinander. Diese Musizierhaltung verleiht den Werkdeutungen ein klares Profil. In der Stammbesetzung treffen mit Michaela Girardi und Anita Martinek (Violine), Guy Speyers (Bratsche), Jessica Kuhn (Violoncello), Nikolaus Feinig-Hartmann (Kontrabass), Anja Nowotny-Baldauf (Flöte), Hauke Kohlmorgen (Klarinette), Roché Jenny (Trompete), Christoph Ellensohn (Horn), Thomas Gertner (Posaune und Dirigat), Martin Gallez (Klavier), Ulrike Neubacher (Harfe) sowie den Perkussionisten Stefan Greußing und Bertram Brugger ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinander. „Aber wir haben eine Gemeinsamkeit: Wir sind offen für Neues, das ist wichtig für mich“, betont der Ensembleleiter.
Ein Anlass zum Feiern
In diesem Jahr feiert das Ensemble sein 30-jähriges Bestehen und blickt im Rahmen eines Jubiläumskonzertes auf zwei für die Ensemblegeschichte bedeutende Ereignisse zurück. Im Jahr 2003 brachte das Ensemble Plus Gerald Futschers Komposition „die walrus“ zur Uraufführung. Während der gesamten Aufführung steckte Gottfried Bechtold seinen Kopf in ein Aquarium und war somit integraler Bestandteil der Performance. Dieser Aktionismus war in der heimischen Musikszene neu. „Man redet oft über Skandale in der Musikwelt“, sagt Guy Speyers. „In Vorarlberg war das ein Skandal. Die Leute haben gedacht, was das für eine Verrücktheit ist. Ich habe so viele Geschichten über ‚die walrus‘ gehört. Ich war damals nicht dabei, deshalb ist es mir ein großes Anliegen, dieses Stück wieder aufzuführen“, erzählt Guy Speyers.
2023 brachte das WalkTanzTheater in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Plus mit großem Erfolg das Werk „Solstices“ von Georg Friedrich Haas als Tanzperformance auf die Bühne. Ein Jahr später interpretierte das Ensemble Plus die Komposition, wie im Original vorgesehen, in völliger Dunkelheit im ORF Publikumsstudio. Mit dieser Aufführung setzten die Musiker:innen einen Meilenstein in der Ensemblegeschichte und darüber hinaus auch in der Aufführungspraxis neuer Musik in Vorarlberg. Genau dieses Werk ist nun im Rahmen des Jubiläumskonzertes wieder zu erleben. Gleichzeitig wird das Album mit der Werkeinspielung auf CD und Schallplatte präsentiert.
Die Musiker:innen spielen das 70-minütige Werk in vollkommener Dunkelheit. Eigentlich impliziert der Werktitel „Solstices“, das bedeutet Sonnenwenden, unterschiedliche Lichtverhältnisse. Doch die Musik beschreibt keine Sonnenbahnen oder ähnliches, vielmehr ist die Komposition autobiografisch inspiriert. Genau zur Wintersonnenwende 2013 lernte Haas seine Partnerin Mollena Haas-Williams kennen und zur Sommersonnenwende 2014 feierten sie ihre Hochzeit.
Agieren und reagieren im Moment
Anknüpfend an das Lieblingsprojekt, „Solstices“, bei dem die Musiker:innen nach bestimmten Vorgaben improvisierten, wenden sich die klassisch sozialisierten Musiker Guy Speyers an der Bratsche und Markus Huemer am Kontrabass mit dem Jazzpianisten Benny Omerzell und dem Schlagzeuger Martin Grabher wieder der Improvisation zu. Die Tänzerin Silvia Salzmann interpretiert die spontan entstehende Musik. Eine zweite „Improv-Tanz-Session“ findet in anderer Besetzung bei den Montforter Zwischentönen im Juni statt. „Die Improvisation ist sehr reizvoll. Nur hier können wir die Augen schließen und aufeinander reagieren, ohne an das Notenmaterial gebunden zu sein“, erklärt Guy Speyers. „Wenn wir improvisieren, erklingt kein Jazz. Die Idee wiederholter harmonischer und rhythmischer Strukturen verfolgen wir nicht. Wir wollen als Klangforscher und -künstler aufeinander reagieren.“
Silvia Thurner
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft im Mai 2026 erschienen.
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Termine
Freitag, 29. Mai 2026, Vorarlberg Museum, Bregenz, 19:30 Uhr
Samstag, 30. Mai 2026, Fabrik Klarenbrunn, Bludenz, 19:30 Uhr
Improvisation und Tanz
Samstag, 13. Juni 2026, Montforter Zwischentöne,
Palais Liechtenstein, Feldkirch, 19:30 Uhr
Improvisation und Tanz
Freitag, 17. Juli 2026, Landesbibliothek Bregenz, 19:30 Uhr
Samstag, 18. Juli 2026, Fabrik Klarenbrunn Bludenz, 19:30 Uhr
Klang und Erinnerung
Freitag, 2. Oktober 2026, ORF Funkhaus Dornbirn, 19:30 Uhr
Jubiläumskonzert, 30 Jahre Ensemble Plus
Samstag, 7. November 2026, ORF Funkhaus Dornbirn, 15:00–23:00 Uhr
Texte & Töne
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Link:
Ensemble Plus
