Call for abstracts / Papers: Die letzte große Fernsehshow – Der Eurovision Song Contest, eine Entgrenzung (Arbeitstitel)

Eine Ausschreibung des Journal of Theater, Film and Media Studies des Instituts für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (Universität Wien). Herausgeber:innen: Christine Ehardt, Georg Vogt und Florian Wagner

2025 war das dritte Jahr in Folge, in dem sich als queer identifizierende Acts den ESC gewannen. Österreich errang mit queeren Künstler*innen zwei von drei Siegen. 2026 wird der Song Contest zum dritten Mal in Wien ausgetragen. Zu diesem Anlass möchten wir erneut eine Publikation zum aktuellen Stand der Song‑Contest‑Forschung vorlegen. Dabei sollen sowohl ästhetische als auch historische und politische Dimensionen des ESC unter die Lupe genommen werden.

Ausgangspunkt ist die These, dass die 70‑jährige Geschichte des ESC in vielfältiger Form von gesellschaftlichen und politischen Prozessen beeinflusst ist, die sich durch das Zusammenführen ästhetischer und kulturhistorischer Fragen offenbaren. So werden die Schnittmengen des ESC mit anderen Formen des Musiktheaters nicht erst durch den Sieg von JJ sichtbar.

Wir schlagen vor, den Bewerb als fragmentarische „kleine“ – vielleicht sogar kleinste – Form des kompetitiven Musiktheaters in Drei‑Minuten‑Einheiten zu betrachten. Der Fokus soll aber auch auf die nicht‑kompetitiven Elemente gerichtet werden, wie etwa die länderspezifischen Vorstellungsclips zwischen den Beitragstiteln („Postkarten“) sowie auf die Interval Acts – von der Erfindung von Riverdance (1994) bis zu Erfindungen aus der Schweiz (2025).

Befragt man den Song Contest nach seinem „Coming‑out“, werden oft Wettbewerbsbeiträge genannt, die in der zweiten Hälfte der 1990er‑Jahre antraten. Doch bereits beim Song Contest 1986 gab es einen Beitrag mit Drag‑Elementen. Und „in the closet“ war der Song Contest von Beginn an ein queeres Event, da das Grundsetting des Bewerbs genau das erzeugt, was als zentrales Prinzip der Camp‑Ästhetik gesehen werden kann: große Gesten auf engem Raum.

In diesem Zusammenhang lässt sich danach fragen, wie sich die Entstehungsprozesse der Beiträge und des Bewerbs gestalten.


Von konzertant zu szenisch

Ähnlichkeiten zwischen Song Contest und Operngeschichte stechen ins Auge: Aus konzertanten Formen werden zunehmend szenische Anordnungen – dies mündete im frühen 17. Jahrhundert in die Entstehung der Oper. Bereits 1957 fanden sich szenische Elemente beim Song Contest (Margot Hielscher mit ihrem Song “Telefon, Telefon”), ab den 1970ern wurden sie häufiger (Die Schmetterlinge mit “Boom Boom Boomerang”) und ab dem frühen 21. Jahrhundert üblich.

Seit Erscheinen unseres Sammelbandes wird eine weitere Parallele zwischen Oper und ESC immer offensichtlicher: der virulente Antisemitismus. In der Musiktheatergeschichte findet der Song Contest hier seine Entsprechung in der Romantik, deren Stoffe oft in nationalistischer und mitunter auch in antisemitischer Logik operieren. Entgrenzung war dabei ein bevorzugtes Mittel ästhetischer Krisenbewältigung – Opernbauten, Orchester und Affekte wurden immer größer. Es entstanden Werke, die bis heute Teil des Repertoires vieler großer Opernhäuser sind und seit ihrer Entstehung bis in die jüngere Vergangenheit – von Hitler bis Prigoschin – ihr politisches Radikalisierungspotenzial entfalten.

Antisemitische Vorkommnisse beim ESC werfen Fragen nach den Beziehungsstrukturen der beteiligten Künstler*innen, Produzent*innen und Organisator*innen auf. Welche europaweiten Produktionskulturen liegen dem Bewerb zugrunde, und wie greifen die Vielzahl der Medien – Fernsehen, Musik, Social Media, Werbemedien, Agenturen bis hin zu den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – ineinander?

Ist der ESC das letzte große “”Samstagabend‑Live‑Event? Und liegt gerade im Zusammenprall einer sonst stark in Bubbles organisierten Medienlandschaft ein Grund für die Konflikte  der jüngsten ESC-Geschichte? Wird beim ESC – ähnlich wie bei der Zauberflöte – ein letztes Mal zusammengeführt, was kaum noch zusammenzuhalten ist?


Queere Opern und Skandale

Geht man ins 18. Jahrhundert zurück, finden sich weitere Parallelen zwischen Oper und ESC, etwa in Konzepten von Geschlecht, die sich deutlich von der heteronormativen Zweigeschlechtlichkeit des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Ein Beispiel hierfür ist Cherubino aus Mozarts/Da Pontes Le nozze di Figaro, der in vielfacher Hinsicht zwischen den Geschlechtern umher wandelt. Die Ouvertüre dieser Oper bildete 2015 den Auftakt zum ESC in Wien.

Kein Song Contest kommt ohne Skandale aus – ob es die nackten Füße Sandie Shaws 1967 waren, die vom eilends herangekarrten Blumenbouquet auf der Bühne der Wiener Hofburg nur mäßig erfolgreich verdeckt werden konnten, oder der Auftritt der finnischen Sängerin Erika Vikman mit „Ich komme“ im Jahr 2025.

Neben Sex und der sich durch Social Media weiter potenzierenden „Gerüchteküche“ rund um Songs und Künstler*innen ist es vor allem die Politik, die beim immer wieder beschworenen „unpolitischen“ Musikwettbewerb polarisiert und zu Schlagzeilen führt. Nicht nur der Bewerb, sondern auch seine Rezeption entgrenzt sich dabei in vielfacher Hinsicht.


Antisemitismus und Song Contest

Viele Motive, die im christlichen Antijudaismus wie auch im modernen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts virulent waren, werden heute gegen Israel als jüdischen Staat in Stellung gebracht. Das 3D‑Modell (Doppelstandards, Dämonisierung, Delegitimierung) zur Unterscheidung von Antisemitismus und legitimer politischer Kritik eignet sich auch zur Erforschung des ESC.

Denn die rund um den ESC vorgetragene „Israelkritik“ ist von vielfältigen Doppelstandards geprägt. Israel – als einzige liberale Demokratie im Nahen Osten, als Staat mit pluralistischer Medienlandschaft und politisch erkämpften LGBTIQ‑Rechten – wird vielfach stärker kritisiert als diktatorisch regierte Staaten, die ebenfalls Beiträge zum ESC entsenden. 2025 unterzeichneten auch Künstler, die ihrerseits für faschistische Staaten beim Song Contest antraten, eine Petition für einen Ausschluss Israels.

Gleichzeitig werden israelische Teilnehmer*innen persönlich für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht, und Mobbing gegen sie wird teils sogar aktiv gerechtfertigt.


Organisatorisches

Zehn Jahre nach Erscheinen des Sammelbandes Eurovision Song Contest – Eine kleine Geschichte zwischen Körper, Geschlecht und Nation (2015) wollen wir bestehende Thesen überprüfen und neue Zugänge ergänzen. Verschiedene Beiträge des Bandes beschäftigten sich mit Nation Building, stellten Fragen nach dem Wechselspiel von ESC‑Beiträgen und nationaler Identität oder thematisierten die Bedeutung der Auftritte Angehöriger marginalisierter Gruppen im Kontext des ESC als Nationaltheater. Den Abschluss des Sammelbandes bildete ein Kapitel zu Resonanzen. Fragen nach Erfolgsrezepten, empirische Publikumsforschung sowie vergessene Phasen nationaler ESC‑Geschichtsschreibung standen dabei im Fokus.

Die Beiträge sollen nach dem ESC 2026 in einer Doppelnummer von TFMJ – Journal for Theater‑, Film‑ and Media Studies erscheinen. Der Band gliedert sich in eine wissenschaftliche sowie eine essayistische/künstlerische Sektion. Alle methodischen Zugänge sind willkommen!

Deadline für Abstracts (1 DIN‑A4‑Seite) oder – falls bereits vorhanden – für fertige Beiträge (10.000 Zeichen) ist der 30. April 2026. Nach Zusage sind die finalen Texte bis spätestens 8. Juli 2026 einzureichen. Texte können in deutscher oder englischer Sprache abgedruckt werden.

Einreichungen bitte an: georg.vogt@univie.ac.at

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