Die Gravögl beweisen, dass guter, handgemachter Folk auch im Mostviertler Dialekt funktioniert. Ihre Songs sind eigenständig und eingängig zugleich. Und die Texte sind manchmal witzig, oft kritisch, aber immer authentisch, weil sie einen melancholischen Blick auf das werfen, was die vier Musiker:innen gut kennen: Die österreichische Provinz mit all ihrem Licht und Schatten. Dem mica verriet Sänger, Gitarrist und Texter Thomas Gravogl, wie man durch Harmonie ausbricht, warum er keine fröhlicheren Songs schreibt und was seine Lieder mit Vögeln zu tun haben.
„Als hätte jemand versucht, die Mostviertler Variante von Neil Youngs Album `Harvest´ aufzunehmen“, war im Falter über euer Album „Imma is irgendwos” zu lesen – und das trifft es, wie ich finde, ganz gut. War Neil Young in irgendeiner Form ein Vorbild für dich?
Thomas Gravogl: Jein. Ich hatte ihn zwar immer schon auf dem Schirm, habe aber erst angefangen, ihn viel zu hören, als ich innerhalb dieses Songwriter-Dings meine eigene Stimme gefunden habe.
Vorher war ich stark auf der Suche. Irgendwann entdeckt man dann seine Stimme und eine Stimmlage, in der man sich am entspanntesten und ehrlichsten ausdrücken kann. Als ich die gefunden hatte, bin ich in die Neil-Young-Sphäre eingetaucht und habe gemerkt, dass ich ihn gern nachsinge – und so habe ich begonnen, mich mehr mit ihm zu beschäftigen. Davor waren es eher Bob Dylan und Van Morrison. Aber ich habe auch viel Beastie Boys und Nirvana gehört.
Ich habe irgendwo gelesen, du hättest deine Stimme bei einem von der AKM organisierten Songwriter-Workshop gefunden. Stimmt das?
Thomas Gravogl: Ja, aber es ging weniger um die Stimme als um den Stil. Ich wurde damals vom Bandleader hingeschickt, um zu lernen, wie man schnellere und fröhlichere Lieder schreibt. In der Vorstellungsrunde habe ich das dann erzählt – woraufhin alle Anwesenden unisono meinten: „Was ist das eigentlich für ein Blödsinn? Schreib doch einfach so, wie du schreibst!“ Das war der Grundstein für das Gravögl-Projekt, bei dem ich jetzt einfach so schreibe, wie es mir entspricht.
Muss gute Musik eigensinnig sein? Gerade bei Neil Young hat man immer den Eindruck, dass der genau macht, was er machen will und keinen Millimeter davon abrückt.
Thomas Gravogl: Ich tue mir schwer mit dem Wort „müssen“, aber das ist auf jeden Fall ein Aspekt, der beim Songwriting bis zu einem gewissen Grad von Vorteil ist, ja, aber vielleicht auch unbewusst passiert.
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Lass uns über die Gegend sprechen, aus der du kommst. „Dort, wo sich Pielach- und Traisental durch sonnenabgewandte Hügel immer höher in die waldigen Ostalpen schlängeln, in Richtung der Madonna von Mariazell und des mächtigen Ötschers“, hat es Ernst Moden in den Liner Notes zum aktuellen Album so schön beschrieben. In der Gegend um Lilienfeld und südlich davon findet man eine Einsamkeit, die man in Großstädten vergeblich sucht. Aber ist es auch die richtige Gegend, um als Musiker:in durchzustarten? Wie hast du sie von deinen musikalischen Anfängen an kennengelernt?
Thomas Gravogl: Ich komme direkt aus Lilienfeld. Als wir mit unserer ersten Band um die sechzehn herum anfingen, war das eine Zeit, in der es in fast jeder Gymnasialklasse eine, wenn nicht sogar zwei Bands gab. Und in den Sälen der Dorfwirtshäuser fand regelmäßig ein Abend statt, an dem drei Bands spielten und alle aus der Gegend hingingen. Es gab also durchaus Bühnen für junge Leute. Das ist über die Jahre allerdings ein wenig verloren gegangen.
Im Moment ist es eher so, dass die Nähe zu St. Pölten und Wien ein Vorteil ist: Man kann in Ruhe arbeiten und hat gleichzeitig die Szenen in den beiden Städten in Reichweite. Viele Auftrittsmöglichkeiten direkt im Umkreis sehe ich derzeit allerdings nicht. Da ist noch Luft nach oben – aber das sind Wellenbewegungen, und ich bin überzeugt, dass sich das auch wieder zum Besseren entwickeln wird.
In der Anbahnung des Gespräches hast du erzählt, du würdest einen Abend im Gasthof Pils in Rotheau spielen und in Lilienfeld beim dortigen Salettl. D.h. du bist, obwohl es wenige Möglichkeiten gibt, trotzdem sehr umtriebig in der Mostviertler Szene und dir
auch nicht zu schade, im Wirtshaus zu spielen. Es geht dir sichtlich darum, die wenigen Möglichkeiten, die es gibt, wahrzunehmen und so ein Publikum zu erschließen, oder?
Thomas Gravogl: Ja, auf jeden Fall. Wir sind vor Jahren auch mal in Sankt Ägyd am Neuwalde – einem Ort, den du besser kennst – beim Kulturverein aufgetreten. Es gibt vereinzelt Spots und Gruppen von Menschen, die Lust auf Kulturveranstaltungen haben.
Im Lied „Olle höf ma zsamm“ wird das Leben auf dem Land mit einem durchaus kritischen Text gewürdigt. „Wir hom uns johrelang im Woid versteckt, wird Zeit, dass ana aussegreiht“, heißt es da. Wie kommt das an, wenn man den Leuten, für die man singt, den Spiegel vorhält? Reagiert man darauf distanziert, erbost oder begeistert?
Thomas Gravogl: Gerade bei „Olle höf ma zsamm“war es so, dass das damals schon wahrgenommen wurde. Es hat uns tatsächlich den Kulturpreis der Stadtgemeinde Lilienfeld eingebracht – das wurde also durchaus goutiert. Gleichzeitig haben wir auch eine Lobeshymne auf den Sessellift am Muckenkogel gesungen. Das Positive überwiegt also eindeutig.
Der Song „Olle höf ma zsamm“ ist zudem nicht so geschrieben und formuliert, dass wir auf einen bestimmten Ort hinhauen wollten. Er könnte auf jedes beliebige Dorf am Land zutreffen. Und egal, wo wir spielen – nach dem Konzert kommt fast immer jemand und sagt: „Ich glaube, das Lied hast du über meinen Heimatort geschrieben, oder?“ Der Text ist so allgemein gehalten und so typisch für verschlafene Landgemeinden, dass er richtig verstanden wurde – und eben nicht als Lilienfeld-Bashing.
Du hast die Kultur im Wirtshaus und ihren Rückgang angesprochen. Woran liegt es?
Thomas Gravogl: Das ist ein Phänomen, bei dem viele Sachen zusammenspielen. Die großen Landgasthöfe, in deren Sälen wir Konzerte hatten, waren riesige Gebäude, und die Wirtsleute haben ein arges Leben geführt, das oftmals von der nachfolgenden Generation so nicht übernommen wurde.

Du meinst, diese intensiven Leben wollten so nicht mehr gelebt werden?
Thomas Gravogl: Genau. Wenn man als junger Mensch mitbekam, wie sehr die Leute daran hingen, hat man sich das gut überlegt. Aus demselben Grund wurden auch viele Bauernhöfe aufgelassen. Übergaben sind schwierig, und auch auf der Seite der Wirtshausgeher hat sich einiges verändert: Grundsätzlich ist es ja positiv, dass die Leute nicht mehr betrunken mit dem Auto durch die Gegend fahren, wie es früher oft der Fall war.
Aber gleichzeitig hält genau das viele davon ab, überhaupt noch ins Wirtshaus zu gehen. Dazu kommt die finanzielle Situation. Da spielen viele Faktoren zusammen – aber ich glaube trotzdem daran, dass es irgendwann wieder bergauf gehen wird.
Hat sich die Gegend, aus der du kommst, deiner Meinung nach auf eure Musik ausgewirkt?
Thomas Gravogl: Auf jeden Fall. Das nehme ich auch ganz bewusst in einzelnen Schicksalen und Bildern auf, die ich in mir trage. Viel läuft über die Sprache: Oft sind Dialektbegriffe und Redewendungen, die ich von der älteren Generation aufschnappe, Ausgangspunkte für meine Songs. Ich schreibe sicher in einem stärkeren Dialekt, als ich tatsächlich spreche.
Die Gegend ist schroff, was man von eurer Musik nicht behaupten kann. Ist die Musik ein sanfter Widerpart, um die Schroffheit ein wenig abzumildern?
Thomas Gravogl: Die schroffe Gegend fängt erst ein wenig südlich von Lilienfeld an. Aber das Tal ist schon eng. Schwer zu sagen, wie genau sich das auswirkt, aber die dunklen Seiten spielen sicher mit. Gleichzeitig versucht man, aus dem Ganzen auszubrechen – durch Harmonie. Jede Bewegung löst eine Gegenbewegung aus.
Wie wichtig ist der Blues für dich? Wie wichtig ist die Suche nach dem Ursprünglichen?
Thomas Gravogl: Das ist schon etwas, das mich über mehrere Jahre stark begleitet hat. Vor allem zwischen zwanzig und dreißig habe ich in einer Bluesband gesungen. Das war sehr wichtig, und jetzt gerade wird es auch wieder relevant, weil ich gemerkt habe, dass mich reduzierte Nummern am meisten berühren. Wenn es jemand schafft, mit einfachen Mitteln etwas Starkes rüberzubringen, berührt mich das im Moment am meisten – alte Countrynummern von Townes van Zandt zum Beispiel.
Ernst Molden hat von einer „weit zurückgelehnten Virtuosität“ gesprochen, die ihr an den Tag legt. Deine drei Mitmusiker sind alles studierte Musiker, nur du bist Autodidakt. Gleichzeitig bist du derjenige, der die Nummern schreibt. Wie verschafft man sich da Gehör?
Thomas Gravogl: Ich hatte das Glück, ab dem Zeitpunkt, als ich in Wien studierte, von Freundinnen und Freunden umgeben zu sein, die Instrumente und Gesang studiert haben. Ich war bei Sessions dabei und habe viel aufgesogen. Ich habe zwar nicht den theoretischen Hintergrund, um eine Stimme ausnotieren zu können, aber der Prozess, den wir in der Band gefunden haben, funktioniert einfach. Ich schreibe den Song auf der Gitarre, gehe damit in den Proberaum, und die Bandkollegen sind dann sehr frei darin, wie die Nummer konkret gestaltet wird. Manchmal habe ich schon eine Idee, über die wir sprechen, aber ich bin nicht derjenige, der dem Bassisten sagt, welche Töne oder in welchem Stil er spielen soll.

Ich hatte dennoch den Eindruck, dass bei euch das Miteinander im Vordergrund steht. Da treffen – um den Vergleich noch einmal zu bemühen – wie bei Crosby, Stills, Nash und Young vier Menschen aufeinander, die über die gemeinsame Musik hinaus ein Zusammengehörigkeitsgefühl haben, eine echte Bande, eine Band eben. Trifft es das, oder ist das verfehlte Romantik?
Thomas Gravogl: Wenn es tatsächlich so wie bei Crosby, Stills, Nash und Young wäre, bestünde die Herausforderung darin, dass mindestens zwei sehr starke Charaktere beteiligt sind – und wir wären wieder beim Thema „Eigensinn“. Das heißt: Es funktioniert nicht automatisch. Man muss sich das schon erarbeiten. Jeder arbeitet auf seine eigene Art und Weise. Wir haben im Moment das Glück, dass die Arbeitsweise für uns alle vier ideal ist und gut funktioniert, weil jeder den Freiraum bekommt, den er braucht – und trotzdem etwas Gemeinsames entsteht.
Natürlich ist das immer auch mit Kompromissen verbunden. Die Nummer steht im Vordergrund. Wenn jemand das Gefühl hat, dass etwas Bestimmtes der Nummer nicht dient, wird das offen angesprochen. So erarbeiten wir uns Lied für Lied.
In Ernst Molden habt ihr einen prominenten Unterstützer gefunden. Stimmt die Geschichte, dass du ihm bei einem seiner Konzerte einfach ein Album von euch in die Hand gedrückt hast und er sich daraufhin bei euch gemeldet hat?
Thomas Gravogl: Ja, das stimmt. In einem Anflug von Selbstvertrauen habe ich eine Platte eingepackt. Mir hat einfach immer sehr gut gefallen, was er macht. Die Art, wie er schreibt, fand ich einfach großartig. Umgekehrt habe ich gedacht, dass er vielleicht auch die Art, wie ich schreibe, cool finden könnte.
Was ganz offensichtlich der Fall war.
Thomas Gravogl: Normalerweise mache ich solche Sachen eher nicht. In dem Fall dachte ich aber, das könnte passen, und habe Recht behalten. Und das war und ist natürlich ein großes Glück für uns, weil der Ernst eine sehr inspirierende Person ist und einem richtig gut helfen kann. Das ganze Drumherum mit der Medienmanufaktur war und ist ein totales Glück für uns.
Ernst Molden hat mir einmal in einem Interview verraten, dass es, als er mit seiner Musik anfing – in der Hochzeit der Wiener Elektronik Anfang der 1990er Jahre – eigentlich nichts Uncooleres gab als Dialektmusik. Die Zeiten haben sich geändert. Die Szene floriert. Fühlt ihr euch dort in der Szene aufgehoben? Stoßt ihr auf Resonanz?
Thomas Gravogl: Grundsätzlich schon. Es ist aber nicht so, dass wir die Sache deswegen bewusst so angegangen sind. Als ich vor acht, neun Jahren angefangen habe, Dialekt zu schreiben, ging es gerade mal mit Nino und Voodoo los. Es war also nicht so, dass wir uns entschieden hätten, das zu machen, weil es Vorbilder gegeben hätte. Für mich gab es schlicht keinen anderen Weg, als diesen Switch zu machen.
Mit „Switch“ meinst du, dass du vorher auf Englisch geschrieben hast und dich dann entschieden hast, auf Mostviertler Dialekt umzusteigen?
Thomas Gravogl: Genau. Die ersten fünfzehn Jahre habe ich auf Englisch geschrieben und dann erst mit dem Gravögl-Projekt auf Mundart umgesattelt. Ich fühle mich in der Szene gut aufgehoben, kann aber mit dem Begriff „Austropop“ überhaupt nichts anfangen. Ich weiß nicht, was das sein soll und welche Gemeinsamkeiten die einzelnen Acts, die dem Austropop zugerechnet werden, haben sollen. Oft ist die einzige Gemeinsamkeit, dass sie auf Deutsch singen.
Den Ausdruck „Mostviertler Dialekt-Folk“ hast du erfunden?
Thomas Gravogl: Ja. Meine Einflüsse kommen aus dem Folk. Dann packe ich noch den Dialekt mit rein. Mit dem Wort weiß man dann, was man kriegt, finde ich.
Was ich auf eine sehr altmodische Art und Weise cool fand, ist der Umstand, dass ihr euch auf eurem aktuellen Album mit nur acht Nummern begnügt habt. War das eine bewusste Entscheidung? Nicht zwölf, nicht dreizehn, sondern sich auf nur acht zu beschränken?
Thomas Gravogl: Unser Hauptprodukt ist das Vinyl, und unser Mastering-Mastermind Martin Scheer rügt uns, wenn wir mehr als zwanzig Minuten auf eine Seite draufpacken wollen.
Mein Hörverhalten ist ohnehin so, dass ich mir Alben komplett durchhöre. Ein Album ist für mich ein abgeschlossener Zyklus – so war auch das aktuelle Album eine Phase, die über zwei, drei Jahre ging und nun abgeschlossen ist. Mit dem „Schrattl“ – dem Schluss-Track – war sie für mich beendet.
„Schrattl“ hat mich ein wenig an den „Hofa“ von Ambros und den „Dorftrottel“ von Ludwig Hirsch erinnert. Es gibt die Sage …
Thomas Gravogl: … und im Grunde war das auch der Inhalt. Wie es ausgeht, entwickelte sich allerdings erst im Songwriting-Fluss. Ich hatte eher „Hurricane“ von Dylan im Kopf, auch wenn das vielleicht ein bisschen weit hergeholt ist.
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Ich habe das Musikvideo zu „Sie was jetzt, dass des ois wida wiad“, in dem durchgehend eine Eule zu sehen ist, zunächst nicht verstanden. Erst später habe ich gelesen, dass du Hobby-Ornithologe bist?
Thomas Gravogl: Ich habe Wildtierökologie an der BOKU studiert. Deshalb kommen in meinen Liedern auch ständig Tiere vor. Ich mag es, kleine Details zu verstecken. Zufällig ist unser Schlagzeuger ebenfalls in die Vogelbeobachtung eingestiegen. Da kann es schon einmal passieren, dass wir zwischen Soundcheck und Gig die Ferngläser auspacken und „birden“ gehen. Die Eule hatte in unserem Garten ein Nest, und wir durften sie ein extrem schönes halbes Jahr lang beobachten. Dabei habe ich viel Film- und Fotomaterial gesammelt – und als wir ein Video brauchten, war der Moment gekommen, auf dieses Material zurückzugreifen.
Du gibst gerade einen Kurs über Songwriting in Litschau. Was gibst du den Jungen mit, wenn sie den Altvorderen Thomas Gravogl fragen, wie es geht?
Thomas Gravogl: Ich persönlich will, wenn ich Musik höre, in irgendeiner Art und Weise berührt werden. Die Frage, die man sich stellen sollte, ist: Was ist mein Thema, über das ich ehrlich erzählen kann, und bei dem ich etwas preisgeben kann, das im Idealfall jemand hört und sich dabei denkt: „So geht es mir auch“? Im Idealfall hilft es mir, weil ich es ausspreche, und für die Hörer:in hat es einen Mehrwert, weil sie sich wiederfindet. Das ist für mich der größtmögliche Sinn, den man mit einem Song erreichen kann.
Vielen Dank für das Gespräch.
Markus Deisenberger
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