„Auf der Bühne kann ich mutig und frech sein“ – BAIBA im Mica-Interview

Die Akustikgitarre hat vorerst ausgedient, BAIBA schiebt jetzt die Lautstärkeregler nach oben: Auf ihrem neuen Album „Delusional“ (VÖ: 22.05.2026) entzieht sich die in Innsbruck lebende Musikerin den gängigen Erwartungen an Frauen über dreißig und entscheidet sich stattdessen für einen bewussten Realitätsverlust, der in schnellem Indie-Pop aufgeht. Dass sie abseits der Bühne festgefahrene Kulturräume aufmischt und bei Festival-Bookings Geschlechterquoten streng nachrechnet, gehört dabei mit zum Konzept. Im Interview mit Katharina Reiffenstuhl spricht BAIBA über die Befreiung von geografischen Stereotypen, den Kampf gegen die männerdominierte Branche und die Kunst, einfach das zu tun, was Spaß macht.

Du arbeitest gerade an einem neuen Album. An diesem Punkt ist es wahrscheinlich schon fertig, oder?

Baiba: Ja, es ist schon alles fertig.

Worauf kann man sich da freuen?

Baiba: Ich glaube, es ist ein sehr spaßiges Album geworden. Ich habe immer Bock, Musik zu machen, und mit den letzten Alben ist es immer langsamer, neugieriger und mutiger geworden. Mit diesem Album wollte ich einfach ein echtes Pop-Album schreiben, in dem ich mich in verschiedenen Genres, Richtungen und Gedanken einfach auslebe. Es gibt viele verschiedene Tracks, aber trotzdem ist alles viel schneller als die alten Sachen. Ich spiele jetzt live mit der Schlagzeugerin Sophie Ruthven zusammen, und das gemeinsame Spielen mit ihr hat definitiv den Sound und die Stimmung meiner Musik beeinflusst. Es gibt wieder mehr Gitarren, mehr Tanzbarkeit und diese schweren Themen werden auf eine sehr spaßige Art bearbeitet. Das hat mir beim Produktionsprozess sehr viel Spaß gemacht und ich hoffe, dass das auch hörbar ist. Dass die Menschen beim Anhören denken: „Ich fühle mich lebendig und habe jetzt Kraft.“

Welche Themen haben dich bei der Entstehung des Albums beschäftigt?

Baiba: Der Titel des Albums ist „Delusional“. Das ganze Thema, was auf dem Album abgeht, sind eigentlich diese Erwartungen an Frauen über 30. Die Themen sind ein bisschen wie Teenie-Themen, würde ich sagen. Ich bespiele viel die Frage: Was bedeutet es, erwachsen zu sein? Was wird von Frauen und von Menschen über 30 allgemein erwartet? Ich habe spielerisch mit dem Gedanken gearbeitet: „Ja, ich will nicht mehr in diesen Systemen mitspielen, ich will einfach wieder mit meinem inneren Kind verbunden sein und nicht immer so brav und korrekt sein.“ Da habe ich zum Beispiel einen Track, der „Loser“ heißt. Es geht darum, was es bedeutet, ein Loser zu sein. Wenn ich kein Geld habe, bin ich dann ein Loser? Liebst du mich weniger, wenn ich ein Loser bin? Also ein Spiel mit der Frage, was es bedeutet, erfolgreich zu sein. Auch Freundschaften sind ein Thema. Ein Track, der schon draußen ist, heißt „Stalker“. Da bin ich so krass verknallt, dass ich jemanden stalke. Da kommt die Frage: Zu welchem Grad ist das noch okay? Ist es mir erlaubt? So bin ich jetzt einfach. Da ist viel Sozialkritik drin, aber auch ein bisschen umgedreht.

„ICH WILL WIRKLICH SPAß HABEN“

Weil du gerade davon geredet hast, wie das für Frauen ist, in den 30ern erfolgreich zu sein: Wie definierst du für dich Erfolg?

Baiba: Frei zu sein. Ich glaube, deswegen bin ich so froh über dieses Album, weil ich das Gefühl habe, es geschafft zu haben, wirklich frei zu sein. Das bedeutet, dass das Spektrum der Tracks sehr weit ist. Das sind alles Teile von mir: diese nordische Melancholie mit den langsameren Tracks, dann punkige Tracks, wo es voll abgeht, und ein paar Indie-Tracks, die sehr klassisch Indie-Pop geschrieben sind. Ich wollte das zelebrieren und ein Album schreiben, das „not pretentious“ ist. Ich bin schon Mitte 30 und habe keine großen Träume mehr, weltbekannt zu werden, aber ich will wirklich Spaß haben. Ich will auftreten, random cute costumes tragen, selber Videos schneiden und Bilder bearbeiten. Also wirklich innerlich kindisch und kreativ unterwegs zu sein. Das ist für mich eine riesige Freiheit, weil es abseits von diesem Erwachsensein ist – abseits davon, in der Bäckerei (Anm.: Die Bäckerei Kulturbackstube, Innsbruck) oder vor dem Mikrofon zu arbeiten, immer strukturiert zu sein, gut gekleidet zu sein und Hände zu schütteln. Da kommt dieser andere Teil von mir, wo ich einfach spielen und sagen kann: „Hey, fuck it.“

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Du hast auf Instagram ein paar sehr ehrliche Einblicke in die persönlichen Struggles beim Entstehungsprozess deines Albums gegeben. Ist das etwas, was sich nie ganz ändert, egal, wie lange man schon Musik macht – dass man immer ein bisschen an sich zweifelt und Sorgen hat?

Baiba: Jein. Ich glaube, die Sorgen ändern sich. Vor zehn Jahren war es vielleicht wirklich dieses Gefühl: Wer bin ich? Mache ich das richtig? Wo fange ich an? Da war ich immer verloren, sehr unsicher und schüchtern. Damals habe ich die Musik fast ein bisschen wie mein Alter Ego entdeckt. Auf der Bühne kann ich mutig und frech sein. Das hat mir in meinem Leben viel Mut gegeben, freier zu werden. Sonst gibt es natürlich immer Kleinigkeiten: Ist das zu persönlich? Zu witzig? Pushe ich zu stark oder gar nicht stark genug? Das sind unsere inneren Erlebnisse. Solche existenziellen Fragen kommen schon wieder, aber ich habe es geschafft, das Ganze leichter zu nehmen. Sonst ist das Musikbusiness einfach schwierig. Es ist immer von Förderungen abhängig, von Konzerten und man muss immer nur am Hustlen sein. Das Einzige, was man wirklich behalten kann, ist genau diesen Spaß zu haben. Sonst kommen dieser Druck und diese Schwerkraft rein, und das will ich nicht auf meine Musik ausstrahlen.

„MIT DEM ALBUM UND MEINEM KREATIVEN LEBEN KANN ICH EINE BUBBLE SCHAFFEN, IN DER ICH SAFE BIN“

Glaubst du, es ist mittlerweile eine überlebenswichtige Notwendigkeit, ein bisschen „delusional“ zu sein in dem, was man tut?

Baiba: Ja, ich glaube schon. Ich habe letzte Woche ein Interview mit der Tiroler Tageszeitung gehabt und da wurde mir genau diese Frage gestellt. Ich habe gesagt, dass es eine bewusste Entscheidung ist, delusional zu sein. Hundertprozentig delusional bin ich natürlich nicht, ich verstehe, was falsch ist und was ethisch ist. Aber diese bewusste Entscheidung zu treffen und von der Realität manchmal Abstand zu nehmen, ist momentan einfach gesund. Die Welt ist ein bisschen bescheuert. Mit dem Album und meinem kreativen Leben kann ich eine Bubble schaffen, in der ich safe bin.

Ein Song auf dem Album, der bereits draußen ist, heißt „Home“. Was ist Home für dich?

Baiba: „Home“ ist ein bisschen ein Rückgriff auf mein erstes Album, auch vom Sound her mit klassischem Singer-Songwriting und Gitarren. Es ist ein sehr klassischer Pop-Track. In diesem Song habe ich Frieden mit meinem ersten Album gemacht. Ich bin vor zwölf Jahren von Lettland nach Österreich gezogen. Damals hatte ich einen großen Abstand zu Lettland gesucht, weil da viel Schmerz war und das Leben schwer war. Im neuen Album und in diesem Track merke ich, dass ich Frieden zwischen diesen beiden Welten geschaffen habe. In den Lyrics geht es um die Heimat, die damals war und noch in der Seele ist, aber in der Realität nicht mehr existiert. Dieses „Home“, von dem ich erzähle – meine Kindheit, was damals passiert ist und wie ich es gespürt habe – diese Realität gibt es nicht mehr, weil ich kein Kind mehr bin. Der Ort hat sich auch geändert. Irgendwann musste ich gehen, weil ich nicht mehr atmen konnte und es nicht genug für mich war. Jetzt ist Österreich meine Heimat. Ich fühle mich emotional mehr mit Österreich verbunden als mit Lettland. Das bedeutet nicht, dass Lettland nicht meine Heimat ist, aber es sind zwei Welten. In Lettland war ich ein komplett anderer Mensch. Auch jetzt, wenn ich zurückfahre, merke ich, dass ich ein anderer Mensch bin. Ich spreche anders, gehe anders, kleide mich anders. In Österreich bin ich viel freier.

Weshalb kannst du dich in Österreich mehr entfalten?

Baiba: Erstens können mir die Letten ihre Stereotypen nicht mehr aufhängen, weil ich nicht mehr dort wohne. Alles, was dort abgeht, betrifft mich nicht mehr direkt. Auf der anderen Seite kann ich in Österreich frei sein, weil ich nicht hier geboren bin. Alles, was hier kultur- oder sozialmäßig abgeht, betrifft mich nur bis zu einem gewissen Grad. Ich hänge immer in diesem grauen Raum in der Luft, wo ich einfach so sein kann, wie ich bin.

Du hast dich quasi von den Erwartungen jeglicher Länder gelöst.

Baiba: Genau. Ich kann überall sagen: „Ich bin nicht von hier.“

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Du engagierst dich sehr viel innerhalb der Musikbranche, mit diversen Workshops und Projekten. Was motiviert dich?

Baiba: Das Coole ist: Es macht Spaß. Ich habe in Österreich professionell mit der Musik angefangen. In Lettland habe ich zwar Musik studiert und akustische Lieder geschrieben, aber so richtig professionell ging es hier los. Damals hatte ich gar keine Unterstützung. Ich wusste nicht, wie Live-Spielen funktioniert, wie man Werbung oder Promotion macht oder wie man Sachen selbst produziert. Das habe ich auf einem langen, schweren Weg selbst gelernt. Ich glaube nicht, dass es so schwer sein muss. Momentan habe ich das Gefühl, dass wir eine schöne Gruppe von Menschen sind, die die gleiche Leidenschaft haben, dieses Wissen zu vermitteln und junge Artists zu begleiten. Ich kann ihnen sagen, wie es funktioniert. Ich habe lange gebraucht, um das rauszufinden, aber ich erkläre es dir in zwei Stunden, wir machen einen Plan und du kannst weiterarbeiten. Außerdem bin ich auch ein sehr starker Community-Mensch. In Lettland hat mir das gefehlt, weil ich im Wald aufgewachsen bin, fast allein mit ein paar Nachbarn. In Innsbruck habe ich bemerkt: In der Musikszene fehlt zwar einiges, aber die Leute sind motiviert und wollen zusammen etwas machen. Dieses Zusammen-etwas-aufbauen hat mich so stark beeinflusst, dass ich hiergeblieben bin. Es ist geil, etwas gemeinsam zu entwickeln und nicht mehr allein kämpfen zu müssen. Dass wir zusammenarbeiten und nicht gegeneinander.

Du supportest ja vor allem FLINTA-Artists. Als jemand, der selbst einer ist: Was sind die größten Hürden, die dir in der Musikbranche begegnet sind?

Baiba: Es gibt generell große systematische Probleme. Aber im letzten Jahr habe ich ein positives Gefühl. Ich bin jetzt im MusikBüro Tirol und Teil von mica und der WKO – umgeben von Menschen, die etwas verändern wollen. Es ist schön, für diese Dinge zu kämpfen und sie zu normalisieren. Zum Beispiel haben wir erreicht, dass es peinlich ist, wenn ein Festival keine 50/50-Quote hat. Das sage ich den Menschen direkt. Wenn bei einem Fest das Line-up veröffentlicht wird, zähle ich die Leute auf den Bildern. Wenn da 14 Männer und 3 Frauen spielen, schreibe ich die Stadt an und sage: „Hey, das schaut voll schlecht aus. Wenn dir die Quote nicht wichtig ist, dann denk‘ an dein Image, denn anderen ist es wichtig.“ Gesellschaftlicher Druck ist wichtig. Wenn die Leute nicht von selbst darauf kommen, FLINTA-Artists zu unterstützen, muss man Öffentlichkeitsdruck ausüben. Ich merke Bewegung in den Gesprächen. Es gibt Veranstaltungen, bei denen zehn Männer im Team sind. Ich glaube nicht, dass es nicht genug Frauen gäbe, die in diesem Kollektiv sein könnten. Sie schreien vielleicht nicht laut genug, aber sie sind da. Männer in diesen dominanten Räumen checken das oft nicht und sagen dann: „Wir wollten ja Frauen haben, aber es bewerben sich keine.“ Ich habe zwölf Jahre Erfahrung in der Kulturbranche und bin mutig, aber selbst ich habe Schiss, in einen Raum zu gehen, in dem nur zehn Männer sitzen. Da musst du dir selbst einen Stuhl mitbringen und laut schreien, um gehört zu werden. Diese Räumlichkeiten müssen sich ändern. Männer müssen ihre Arbeitsweise ändern, damit diese Räume zugänglicher werden. Das muss man ansprechen.

Wie reagieren die Leute, wenn du sie darauf ansprichst?

Baiba: Gut. Sie verstehen das. Ich sage es sehr ehrlich, wenn mir etwas unangenehm ist. Vor ein paar Jahren wollte ich bei Projekten beteiligt sein, da gab es kuriose Situationen: Jobs werden oft verteilt, wenn alle schon ein bisschen betrunken am Tisch sitzen. Nach einem Festival saß ich in einem Raum, ich war die einzige Frau, alle anderen waren betrunken, haben rote Marlboro geraucht und über Projekte geredet. Ich saß da mit meinem selbst mitgebrachten Stuhl und habe mitgeraucht, obwohl mir tagelang schlecht davon war. Ich hatte das Gefühl, ich muss auf dem gleichen Level spielen, um ernst genommen zu werden. Jahre später habe ich das ehrlich angesprochen und wir haben darüber gelacht, aber eigentlich ist es nicht zum Lachen. Der Raum war einfach nicht zugänglich. Was die lokale Szene angeht, bin ich aber positiv. Wir müssen mehr Platz schaffen. Die Ausrede, es gäbe nicht genug Frauen-Bands oder Frauen in der Kultur-Orga, ist nicht die Wahrheit und komplett ignorant.

Albumcover "Delusional"
Albumcover “Delusional”

Es stimmt auch einfach nicht. Es ist oft nur eine Frage der Position.

Baiba: Oh ja, es geht um die Positionen, in denen sie arbeiten. Oft heißt es: „Social Media oder Videografie haben wir besetzt.“ Nichts gegen diese Jobs, aber das war mein kleiner Rant dazu. Ich bin optimistisch, auch wegen der FLINTA-Workshops. Repräsentation ist extrem wichtig. Je mehr Frauen auf der Bühne stehen, desto mehr Frauen wird es geben, weil sie es sehen. Mein allererstes Konzert in Tirol war von Medina von WHITE MILES. Zu sehen, wie cool eine Frau allein auf der Bühne abgehen kann, war der Grund, warum ich dachte: „Vielleicht kann ich das auch.“

„ICH WILL AUS DIESEM KONSTANTEN DRUCK AUSSTEIGEN, ALLE DREI MONATE EINE SINGLE BRINGEN ZU MÜSSEN, DAMIT DIE LEUTE EINEN NICHT VERGESSEN“

Wie viel Zeit bleibt bei all den Projekten noch für eigene Musik?

Baiba: Wenig. (lacht) Aber das passt schon. Das Album ist jetzt fertig. Ich nehme mir vielleicht eine Pause, weil so ein Album ein heftiges Projekt ist. Heutzutage bedeutet ein Album nicht nur zehn Tracks zu produzieren, sondern auch auf Instagram zu posten, Press Releases zu schreiben, Musikvideos zu drehen und Cover-Arts zu entwerfen. Das ist eine riesige Baustelle. Ich bin froh, dass ich es gemacht habe, aber ich habe mir eine Pause verdient. Ich habe keinen Bock mehr auf dieses ständige „pushen, pushen, pushen“.

Wie sieht deine Pause aus?

Baiba: Naja, das Album kommt raus, im Sommer spiele ich Festivals, im Herbst kommt die Tour. Generell will ich die coolen Tracks, die ich jetzt habe, weiter bewerben, andere Versionen daraus machen und einfach mit dem spielen, was schon da ist. Ich will aus diesem konstanten Druck aussteigen, alle drei Monate eine Single bringen zu müssen, damit die Leute einen nicht vergessen. Ich will ein Jahr lang das machen, was mir Spaß macht. Aber ohne Musik geht es bei mir gar nicht, das wird immer so bleiben. Vielleicht mache ich in fünf Monaten schon wieder eine EP in Portugal, wer weiß. Im Moment will ich einfach mal mit dem spielen, was schon da ist.

Danke für deine Zeit!

Katharina Reiffenstuhl

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Live:
30.05.2026 – Bogenfest 2026, Innsbruck, Austria
05.06.2026 – Galerie Helmut Hable, Hart bei Straden, Austria
13.06.2026 – Obrfest 2026, Obrany, Czechia
09.10.2026 – Kramladen, Wien, Austria
16.10.2026 – Mukl 9900, Lienz, Austria
17.10.2026 – Die Bäckerei, Innsbruck, Austria
24.10.2026 – Kammgarn Kulturwerkstatt, Hard, Austria
30.10.2026 – Bar-Cafe Hildegard, Kirchdorf an der Krems, Austria

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