Als gäbe es keine Grenzen. Sonic Matter Festival und Gästeprogramm

Das Sonic Matter Festival in Zürich bewegt sich scheinbar leichtfüßig über Grenzen hinweg und setzt mit seinem Gästeprogramm auch Schritte zur Vernetzung auf professioneller Ebene.

Das rhythmische Rascheln von in metallische Folie gekleideten Performenden. Daran anschließend traditionelle vietnamesische Instrumente im Zusammenspiel mit Gitarre und Elektronik. Diese ohnehin schon heterogene Kombination wiederum im Wechselspiel mit einem Streichtrio, einer solistisch gespielten Paetzoldflöte oder elektronisch generierte Klänge samt davon beeinflusster Videoprojektion. All das und noch mehr war bei der Eröffnung des SONIC MATTER Festivals am 26. März 2026 in Zürich zu erleben. Gerade diese Unterschiedlichkeit fand durch wiederkehrende Elemente zu einer Dramaturgie, die überzeugen konnte und doch auch die Frage aufwarf, ob es denn ein verbindendes Element gebe. Katharina Rosenberger, die das Festival gemeinsam mit Lisa Nolte leitet, erläuterte im Anschluss: Das jahrelange Experimentieren und Erarbeiten stehen hinter den Arbeiten mit ihren teils sehr individuellen Zugängen.

Auch über den weiteren Festivalverlauf zog sich diese Kombination aus Heterogenität und Experiment, aus lokalen Ausführenden und Weithergereisten, aus klanglicher Unmittelbarkeit und Reflexion. So war die vietnamesisch-schwedische Formation The Six Tones nicht nur bei der Eröffnung (zusammen mit dem Schweizer Ensemble Vortex) auf der Bühne, sondern tags darauf auch mit einem eigenen Konzert samt Artist Talk vertreten. Als Artist in Residence war ihr Mitglied Nguyễn Thanh Thủy (die đàn tranh spielt) auch zusammen mit der Geigerin Magda Drozd und dem atemberaubenden Flötisten Rai Tateishi frei improvisierend auf der Bühne. Dass man in diesen Zusammenhängen auch Einblicke in geschichtliche Begebenheiten und Rollenverhältnisse Vietnams erhielt, brachte zusätzliche Kontextualisierung. Und gleichzeitig wurde auch offensichtlich, dass ernstgemeinter kultureller Austausch nicht kurzfristig vonstatten gehen kann, sondern Zeit braucht – so blicken die Six Tones bereits auf eine zwanzig Jahre währende Zusammenarbeit zurück, in denen aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Vorprägungen erst ein neuer Modus der Interaktion gefunden werden musste. Schließlich existieren in der vietnamesischen Tradition weder die Rolle des Komponisten noch notierte Kompositionen. Und doch gelang dem Quartett über die Jahrzehnte hinweg ein Brückenschlag, bei dem sämtliche Einflüsse respektvoll zueinanderfinden, in unterschiedlich starken Ausprägungen zutage treten und vor allem auch zu spannenden künstlerischen Ergebnissen führen.

Einblicke in ihre Arbeit von sehr unterschiedlichen Labels gewann man auch in der Label Lounge, wo das Zürcher Label -ous seine Arbeit Seite an Seite mit den Syrian Cassette Archives – der Name ist Programm – präsentierte. Ein ansprechendes Format, das in der Kürze Einblick gibt und dazu anregt, den Aufnahmen in der Lounge über den Festivalzeitraum hinweg noch intensiver zu lauschen. Hier wird auch deutlich, dass es nicht nur keine Berührungsängste zwischen den Kulturen gibt, sondern auch Genregrenzen keine Beachtung geschenkt wird. So reihen sich auch im weiteren Programm die mit ihren schwingenden Gegenständen angestoßenen Klänge des Duos Oszilot an die Einblicke in die Arbeit der Paetzold-Flötistin Anne Gillot oder das tanzbare Abschlusskonzert von Love & Revenge mit den Aufnahmen der Kult-Sängerin Umm Kulthum zu Videoprojektionen (ebenfalls Archivmaterial), dem Live-Spiel auf einer E-Oud, Keyboard-Klängen und gesampelten Beats.

Duo Oszilot beim Sonic Matter Festival 2026 in Zürich
Duo Oszilot beim Sonic Matter Festival 2026 in Zürich © Michelle Ettlin

Gelebte Vielfalt

Warum dem hier so ausführlich Raum gegeben wird, ist die Tatsache, dass Schlagworte wie Nachhaltigkeit und Diversität in aller Mund sind, der Umgang damit in der Umsetzung aber oftmals aufgesetzt, lieblos und/oder erzwungen wirkt. Nicht so bei Sonic Matter, wo dieser Zugang gelebt und wie selbstverständlich zum Charakter des Festivals dazuzugehören scheint – ohne sie zu gebrauchen.

Das zeigte auch das Gästeprogramm, zu dem Festivalleiter:innen und Kurator:innen aus Europa ebenso eingeladen wurden wie Vertreter:innen aus Afrika und dem arabischen Raum. Dabei trat einmal mehr zutage, wie sehr die neue und experimentelle Musik auf Gelegenheiten des Netzwerkens und Austauschens angewiesen ist, um über den eigenen Horizont hinauszublicken und neue Verbindungen zu knüpfen. Denn während sich im Bereich der Popmusik die Strukturen von Showcase-Festivals etabliert haben und in anderen Genres Messen existieren, spielt sich der Austausch in der neuen und experimentellen Musik in oft eher hermetischen Kreisen und auf der Basis persönlicher Bekanntschaften ab. Gerade aber hier ist auch in den letzten Jahren ein Aufbruch zu strukturierterer Zusammenarbeit spürbar – ein Aufbruch, der sowohl für erfahrene Music Professionals von Nutzen ist, als auch jenen zugutekommt, die bei der Internationalisierung erst am Anfang stehen. Bei Formaten wie einem Speed-Meeting mit Festival-Veranstalter:innen aus der Schweiz, Netzwerkgelegenheiten mit sämtlichen geladenen Gästen, im Programm vertretenen Künstler:innen und Vertreter:innen der lokalen Szene ergaben sich spannende Unterhaltungen, die im besten Fall auch zur Zusammenarbeit führen werden. Mithilfe finanzieller Unterstützung durch das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten war auch Austrian Music Export in der Lage, eine Delegation von Music Professionals zu entsenden. Die Rückmeldungen zeigen die Notwendigkeit der Vernetzungsmöglichkeiten, so Mimie Maggale, künstlerische Leiterin des Wiener Festivals Sonic Territories:

„Die Teilnahme am Gästeprogramm von Sonic Matters in Zürich bot einen konzentrierten und professionell gestalteten Rahmen für den Austausch mit internationalen Festivalleiter:innen, Kurator:innen und Künstler:innen im Bereich experimenteller Musik und Klangkunst. In Gesprächen über transdisziplinäre Formate, institutionelle Strukturen und nachhaltige Festivalmodelle wurde die Bedeutung kontinuierlichen Dialogs für die Weiterentwicklung kuratorischer Praxis deutlich. Die sorgfältige Organisation und die gezielt geschaffenen Begegnungsformate ermöglichten vertiefte Gespräche und nachhaltige Vernetzung. Die Einblicke in die Schweizer Szene sowie der Austausch mit Akteur:innen aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten eröffneten neue Perspektiven für internationale Zusammenarbeit und schärften zugleich die eigene programmatische Ausrichtung.“

Love and Revenge: "Agmal-Layali" beim Sonic Matter Festival 2026 in Zürich
Love and Revenge: “Agmal-Layali” beim Sonic Matter Festival 2026 in Zürich © Michelle Ettlin

Bei einem der Gespräche kam aber auch die Frage auf: Wie kann man Netzwerktreffen wie diese gestalten, so dass sich nach der gemeinsamen Zeit die Teilnehmenden nicht wieder in alle Winde zerstreuen, sondern auch nahhaltige Ergebnisse erzielt werden. Dass Treffen wie diese nicht nur erfreulich, sondern mit Sicherheit auch hilfreich sind, sollte gleichzeitig auch dazu führen, es nicht dabei zu belassen, sondern sie stets weiterzuentwickeln. Denn zahlreiche Konzepte über nachhaltige Zusammenarbeit existieren und werden ständig erprobt. Diese aber auch zusätzlich noch weiter zu verbreiten, dafür könnten Netzwerktreffen und Gästeprogramme einen guten Nährboden finden.

Gelegentlich muss man auch in die Ferne reisen, um auf Beziehungen aufmerksam zu werden, die ohnehin schon zum eigenen Land bestehen. So etwa führte das Gästeprogramm auch an das Institute for Computer Music and Sound Technology (ICST) an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK), wo Germán Toro-Pérez und Micha Seidenberg etwa über das von Winfried Ritsch entwickelte selbstspielenden Klaviers berichteten – eines dieser raren Exemplare wurde 2018 angekauft und nun um automatisches Pedal erweitert. Eine Kooperationsveranstaltung ist auch an der mdw–Universität für Musik und darstellende Kunst Wien geplant. Des weiteren wurden hier die ISCT Ambisonics Plugins entwickelt, die im Bereich wegweisend waren, unter der Creative-Commons-Lizenz kostenlos zum Download zur Verfügung. Wer hier tiefer eintauchen möchte, für den gibt es etwa die Möglichkeit einer Residency. Mit den diversen Programmpunkten brachte das Netzwerkprogramm einen vertiefenden Einblick in die Schweizer Szene der experimentellen Musik und die Strukturen – sei es im Bereich des Veranstaltens, der Förderungen oder der Forschung. All diese neuen Kontakte und Informationen bringen nicht nur ein Verständnis des Geschehens und der internationalen Beziehungen, sondern insbesondere auch anregende und inspirierende Erlebnisse, die in Zukunft hoffentlich auch zu weiterem Austausch auf diversen Ebenen führen.

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Sonic Matter Festival