Johann Hauf
© Karl Grabherr

„Akzeptieren, dass jeder seinen Vogel hat“ – Interview mit mica-Kuratoriumsmitglied Johann Hauf

Mit den GrabenFestTagen schrieb er ab Beginn der 1990er-Jahre ein Stück der Geschichte der zeitgenössischen Musik in Wien mit. Auch nach seiner Pensionierung als Generaldirektor der Österreichischen Beamtenversicherung ist Johann Hauf seiner Leidenschaft für das Neue treu geblieben. Christian Heindl im Gespräch mit dem Kuratoriumsmitglied des mica.

Herr Dr. Hauf, Sie kommen beruflich aus dem Bereich von Wirtschaft und Politik, sind aber schon während Ihres Berufslebens ebenso wie heute immer für Kunst und im Besonderen für Musik offen gewesen – eine Neigung, die sie mit großer Leidenschaft leben.

Johann Hauf: Das ist ja mein Vorteil: Ich bin kein Fachmann. Ich sage nur, es g’fallt mir oder es g’fallt mir nicht.

Die GrabenFestTage

Wie kam es dazu, dass Sie während Ihrer Zeit als Generaldirektor der Österreichischen Beamtenversicherung (ÖBV) Akzente im Kunst- und Musikleben gesetzt haben, die weit über Ihr engeres Umfeld von sich reden machen konnten, wobei ich vor allem an die 1991 gegründeten  denke?

Johann Hauf: Ich habe lange im Ausland gelebt, unsere Kinder sind dort auf die Welt gekommen und ich habe mich im Bereich der Sozialpolitik engagiert – Stichwort Soziale Harmonisierung in der EU. Gerade in London habe ich viele Menschen kennengelernt, die sich alternativ verhalten haben. Ich bin selbst ja auch alternativ und so kam mir die Idee: Es muss doch eine Querverbindung zwischen alternativer Kunst und Wirtschaft geben!

Konkret konnten Sie sich dann nach Ihrer Rückkehr nach Wien an die Umsetzung dieses Gedankens machen.

Johann Hauf: Als ich in die ÖBV kam, meinte meine Frau: „Jetzt kannst du das, worüber du seit langem redest, in die Praxis umsetzen“, und ich glaube, in der ÖBV ist mir wirklich die Quadratur des Kreises gelungen.

Sie waren von Anfang an intensiv um die Förderung bzw. „Entdeckung“ junger Talente bemüht.

Johann Hauf: Ja, da hatte ich die Überlegung, ich nehme nur mehr Junge, die natürlich auch günstiger waren. Und so hatte ich die Muthspiel Buam, die Judith Unterpertinger, den Christoph Cech, das Koehne Quartet, Kollegium Kalksburg, um nur ein paar zu nennen. Auch bildende KünstlerInnen habe ich gefördert. Alles Leute, die heute bekannt sind. Die hatten Feuer und ich habe sie brennen lassen. Heute sind das alles wunderbare Freundschaften.

„Sie hatten Feuer und ich habe sie brennen lassen“

Die Liste der Genannten deutet darauf hin, dass Sie nicht so sehr um Persönlichkeiten aus dem üblichen Repertoirebereich bemüht waren, sondern um solche, die sich mit Neuer Musik beschäftigten, die aber auch im Jazz und anderen Richtungen beheimatet waren und sind. Das „gängige“ Klassische hat sie nicht wirklich interessiert?

Johann Hauf: Ich war letztens mit meiner Tochter Anna, die ja Sängerin ist, in der „Zauberflöte“ – und obwohl ich alle Analysen und Studien dazu gelesen habe, ich muss sagen: Ich habe gut geschlafen!

Bei Ihren sehr enthusiastischen Erzählungen über die junge Generation der 1990er-Jahre sollte man festhalten, dass es sich bei all dem doch um eine elitäre Angelegenheit handelt, mit der man nur schwer ein breites Publikum erreichen wird.

Johann Hauf: Stimmt, ja. Die ersten fünf Jahre waren auch dementsprechend schweißtreibend, wenn eben nur eine Handvoll Leute kommt. Durch das Interesse des ORF hat es die Sache dann schon sehr bewegt.

Eine Mission?

Johann Hauf ist also eher als ein Missionar, denn jemand, der die Massen beglücken will?

Johann Hauf: Ein bisschen missionarisch habe ich das schon gesehen. Zum Beispiel habe ich auch Skulpturen aufgestellt und Bilder aufgehängt. Das hat Interesse bei Leuten geweckt, die sich bis dahin noch nicht mit neuer Kunst auseinandergesetzt haben. Ich wollte nie der Typ junger dynamischer Manager sein, der in seinem Büro sitzt und Renditen ausrechnet.

Sie sind zwar seit 2008 im Ruhestand, aber wie ich vermute auch heute noch im Hintergrund organisatorisch aktiv?

Johann Hauf: Doch, ja. Ich bin im Rahmen der „Wiener Volksbildung“ Vorsitzender des Kulturvereins im neunten Bezirk. Da kann ich durchaus einiges mitgestalten.

Wie sehen sie die Situation eines Minderheitenthemas wie der Neuen Musik in einer Gesellschaft, die natürlich ganz andere Sorgen hat?

Johann Hauf: Naja, nehmen wir das Beispiel „Wien Modern“. Manche sehen das mittlerweile schon als „modernd“ an, aber ich finde, dass da Tolles geschieht. Nehmen Sie die Uraufführung von Georg Friedrich Haas letztens im Konzerthaus – das war super-geil! Ich glaube schon, dass es in Wien progressive Gruppen gibt, die damit umzugehen wissen.

Wenn man selbst quasi väterlich so viele in ihren Anfängen begleitet hat, Künstlerinnen und Künstler, die heute durchschnittlich etwa 50 sind, wie ist da ihr Ausblick auf die nachfolgende Generation?

Johann Hauf: Ich bin nicht wirklich sicher, wie es sich entwickeln wird. Aber ich bin überzeugt, dass es auch in dieser „Enkelgeneration“ ganz Brillante geben wird!

Die Gesellschaft bekommt etwas von der Neuen Musik zurück

Sie sind ein Mann der Wirtschaft. Wie steht es denn in Hinblick auf Neue Musik mit deren „Rentabilität“?

Johann Hauf: Die Gesellschaft bekommt natürlich etwas zurück. Ich bin der Meinung, dass Kunst und Kultur ein sehr positiver Faktor für ein Land sind. All das lockt ja auch viele Leute aus dem Ausland. Es wäre eine ziemlich graue Landschaft, wenn wir das nicht hätten.

Natürlich möchte ich ein langjähriges Kuratoriumsmitglied auch danach fragen, wie sie aktuell die Position, die Aufgaben und Möglichkeiten des mica sehen.

Johann Hauf: Ich sehe das mica in allererster Linie als eine Service-Organisation für junge MusikerInnen. Wenn es darüber hinaus gelingt, auch eine Öffentlichkeit anzusprechen, dann ist es natürlich hervorragend!

Wenn wir gegen Ende ins Bilanzieren kommen, was geht Ihnen im Musikleben ab?

Johann Hauf: Nachdem ich jetzt „eingesperrt“ bin ins schöne Wien und Österreich geht mir sicher etwas ab. Aber ich könnte einfach nicht sagen, was das ist. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass unsere Leute enorm viel können und draufhaben. Das larmoyante „Die anderen sind alle besser“ ist ein Blödsinn.

Mehr als nur Toleranz

Ein Tipp für MusikerInnen gleichermaßen wie für die ZuhörerInnen?

Johann Hauf: Rein ins Abenteuer, alles ausprobieren! Man sollte nicht nur tolerieren, sondern akzeptieren, dass jeder seinen Vogel hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Christian Heindl

 

Danke

Dieser Beitrag wurde von der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7) gefördert.