Ihren allerersten Song hat AVA FINA mit 11 Jahren geschrieben: diesen Song spielt sie zwar nicht mehr, aber am 10. April 2026 veröffentlicht die ursprünglich aus Salzburg stammende Singer-Songwriterin ihre Debüt-EP „Simultaneously Stimulating“. Die 6-Song-EP wurde von SOPHIE LINDINGER und JOHANNES MADL produziert. Jürgen Plank hat unter anderem nachgefragt, wie der Produktionsprozess gelaufen ist und warum AVA FINA ihr eigenes Label für die Veröffentlichung ihrer Musik gegründet hat.
Vor ein paar Jahren hast du die Single „Ain’t Alice“ veröffentlicht. Im Video zum Lied kommt – ähnlich wie im Buch „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll – ein Kaninchen vor. Inwiefern war das eine Referenz zum Buch?
Ava Fina: Der Song ist im Jahr 2021 herausgekommen. Davor hatte ich ein anderes Projekt, das hieß Mirada. Damals habe ich nur akustische Balladen geschrieben. Dann wollte ich das ändern und mehr Power in meine Songs bringen. Auch wenn es mir gar nicht mehr so klar war: aber in meiner Kindheit war „Alice im Wunderland“ doch präsent und das Lied ist eine sehr große Anspielung darauf. Denn ich habe den Song während der Pandemie geschrieben und da hat sich ja alles so extrem absurd angefühlt: ist heute Montag? Welcher Monat ist gerade? Das war alles ganz surreal und absurd. Es hat sich richtig angefühlt, diese Referenz heranzuziehen, weil ich mir gedacht habe: hey, ich bin ja nicht Alice, die in diesem Kaninchenbau verschluckt wird und dann in dieser absurden Welt ist.
Was ist nach der Veröffentlichung von „Ain’t Alice“ passiert? Wie war dein weiterer Weg bis zur Debüt-EP „Simultaneously Stimulating“?

Ava Fina: „Ain’t Alice” hat viel Resonanz erhalten, zum Beispiel kam der Song gleich in die FM4-Rotation – da war ich schon sehr stolz darauf und es zeigte mir, dass meine Musik gerne gehört wird. Ich habe dann immer mehr Musik gemacht und habe viele Songs geschrieben. Ich war immer aktiv, immer am Vernetzen, aber weitere Musikveröffentlichungen waren dann nicht so schnell möglich, da eine Produktion mit vielen Kosten verbunden ist. Ich wollte unbedingt dieses Niveau aufrechterhalten, der Produzent Luca Pivetz hat bei „Ain’t Alice“ einen tollen Job gemacht. Somit war alles auf Pause. Ich habe dann studiert, weiterhin Musik gemacht und begonnen, selbst mit Ableton zu produzieren, aber nicht mit einem Ziel dahinter, sondern nur für mich. Und dann, im Jahr 2024, habe ich mir gedacht: okay, jetzt wird es aber wieder Zeit, ich will coole Musik mit anderen machen. Das war der Auslöser und dann habe ich mit Johannes Madlzusammengearbeitet und eine Förderung vom Österreichischen Musikfond erhalten, der die Finanzierung der EP überhaupt erst möglich gemacht hat.
„MITTLERWEILE HÖRE ICH MUSIK GANZ ANDERS, DA ICH DIE VERSCHIEDENEN INSTRUMENTE UND KLÄNGE IDENTIFIZIEREN KANN“
Du hast mit Homerecording begonnen, wie war dieser Schritt für dich?
Ava Fina: Ich habe begonnen mit Ableton zu produzieren, also wirklich ganz simple Demos, mit vielen Samples. Das war extrem wichtig für meinen Prozess, weil ich gemerkt habe, welche Sounds mir gefallen und in welche Richtung ich gehen möchte. Mittlerweile höre ich Musik ganz anders, da ich die verschiedenen Instrumente und Klänge identifizieren kann. Vor dem eigenen Produzieren war das alles ein schöner Brei für mich. Ich produziere auch jetzt immer Demos, bevor ich mit einer Produzent:in ins Studio gehe. Ich finde, es ist ein extrem wichtiger Schritt, dass man selbst weiß, was man will. Danach muss man die Ideen nur noch ausfeilen.
Sind diese selbst aufgenommenen Homerecordings zum Teil auf deiner EP enthalten?
Ava Fina: Die Songs sind zum Teil dabei, aber die Aufnahmen nicht. Es wurde wirklich alles neu gemacht. Die Skizzen waren immer der Ausgangspunkt. Der Titel der EP „Simultaneously Stimulating“ war für mich lange klar und ich habe dann ein bisschen gebraucht, um selbst zu verstehen, was das jetzt eigentlich für die EP heißt: Für mich ist es eine EP über das Leben. Ich habe das Gefühl, man lebt so sein Leben und auf einmal kommen Themen daher, die man nicht vorhergesehen hat und die einen ein bisschen umhauen. Alles passiert gleichzeitig. Der Herzschmerz, die Trauer, die Einsamkeit, finanzielle Sorgen, aber auch die Selbstbestimmtheit, die man durch neue Erfahrungen entwickelt. Man muss einfach schauen, wie man damit zurechtkommt.
Ein Song auf der EP heißt „No Money“, im Video dazu kommt ein Bär vor. Du singst: maybe i can pay my rent with the tears that i shed. Was war die Idee hinter dem Song oder was war der Auslöser für diesen Song?
Ava Fina: Ganz viele Zukunftsängste: wie soll ich mein Leben bestreiten? Wie funktioniere ich als Individuum in der Gesellschaft? Wie kann ich zufrieden leben, ohne mir viele Sorgen zu machen? Das war irgendwie eine sehr belastende Phase, nach dem Studium. Wo wird es jetzt hingehen für mich? Wo fühle ich mich wohl? Was fühlt sich authentisch an? Welchen Beruf will ich ausleben? Ich habe dann verschiedene Dinge ausprobiert und bin schlussendlich wieder bei der Musik gelandet, weil sich das am besten angefühlt hat. Und mittlerweile würde ich sogar sagen, dass „No Money“ eine kleine Hymne auf das Leben von Musiker:innen ist. Denn es ist schon schwierig, alles selbst zu organisieren: die Konzerte, gute Gagen und in der Streaming- und Social Media-Welt nicht untergehen. Das ist nicht einfach, aber es macht auch Spaß. „No Money“ ist da leider präsent. Trotzdem will ich einmal sagen, dass ich ganz viel unterstützt werde: zurzeit bin ich im Mufa Mentoring Programm, wo Theresa Langner-Schibranji und Tina Ruprechter mir zur Seite stehen. Sophie Lindinger ist für mich auch eine Mentorin und Freundin geworden. Benjamin Pieber (Pieber Film; Anm.) kreiert meine Musikvideos und unterstützt mich täglich in meinem Prozess und meine Schwester Elisabeth Bruckerhilft mir sehr bei der Labelarbeit, der Vermarktung und vielem mehr und ohne meine Band, könnte ich nicht so tolle Konzerte spielen. Ich bin in sehr guten Händen und sehr dankbar für diese tollen Menschen in meinem Leben.
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Entstehen deine Songs durch die Reflexion von Erlebnissen bzw. Erfahrungen?
Ava Fina: Ganz unterschiedlich. Ich merke, wenn ich spazieren gehe, kommen einfach Gedanken oder Wörter in meinen Kopf, die mich inspirieren und nicht mehr loslassen. Ich schreibe die dann meistens in meine Notiz-App oder singe etwas in meinen Audio-Recorder am Handy ein. Auch wenn ich andere Musik höre, habe ich manchmal ein Gefühl dazu und denke mir: das würde ich gerne selbst in einem eigenen Song verarbeiten. Inspiration ist überall. Ich muss nur Raum dafür lassen, dass sie zu mir kommen kann. Wenn ich ultra gestresst bin und extrem viel los ist, merke ich, dass Inspiration nicht so leicht zu mir kommt.
Was war die Inspiration zum Song „Dear Mind“?
Ava Fina: Der Song handelt von einer schwierigen Lebensphase und davon, dass man in so einem Moment die einzige Person ist, die einen da wieder rausholen kann. Man kann sich natürlich Unterstützung holen, aber man muss selbst die Kraft aufwenden. Das Lied ist ein bisschen ein Brief an mich selbst: wir schaffen das. Jedes Mal, wenn ich den Song auf der Bühne singe, nimmt er mich mit. Das ist echt voll arg, aber es ist auch ein bisschen Hoffnung dahinter: du schaffst es.
Wie reagiert das Publikum? Wird es auch so mitgenommen wie du?
Ava Fina: Natürlich nicht bei jedem Konzert, aber es passiert schon öfters, dass Leute weinen. Das ist dann immer ein ganz besonderer Moment. Wenn man merkt: da ist jetzt so eine Schwere im Raum und dann geht es gleich weiter mit dem nächsten Song, der vielleicht wieder mehr Upbeat ist und mehr loszieht. Ich habe das Gefühl, dass die Leute das Lied mal ein bisschen verdauen müssen. Und ich eigentlich auch.
Du warst für einige Zeit in Peru und im Lied „Onions“ gibt es ein paar spanische Zeilen. Wie wirkt sich diese Zeit auf deine Musik aus? Auf dein Songwriting?

Ava Fina: Ich würde sagen, mittlerweile sehr stark. Ich wollte nach der Zeit in Peru, als ich nach Wien gezogen bin, immer auf Spanisch schreiben, aber es hat sich irgendwie nicht authentisch angefühlt. Vor ungefähr einem Jahr hat sich das geändert. Das hat sich dann zwar auch noch nicht richtig angefühlt, aber ich habe weitergemacht und in den letzten Monaten war es so ganz klar: eigentlich würde ich Spanisch gerne integrieren. Ein Album von Rosalía hat mich auch dazu inspiriert. Sie packt ganz viele Sprachen in ihre Texte und bricht mit Pop-Normen und ich finde das unglaublich cool, deswegen habe ich mir gedacht: ich probiere das einmal. Es macht viel Spaß und ich schreibe sehr gerne auf Spanisch. Die Zeit in Peru hat mich auf jeden Fall sehr beeinflusst und ich würde sagen, dass viele Songideen in dieser Zeit entstanden sind, die zum Teil aber noch unveröffentlicht sind.
„IN PERU HABE ICH NATÜRLICH VIEL SALSA, REGGAETON, PERUANISCHE FOLKLORE UND BACHATA GEHÖRT. DAS HAT MICH AUF JEDEN FALL SEHR BEEINFLUSST“
Kommt das musikalisch vielleicht noch, dass du südamerikanische Einflüsse in deinen Songs haben wirst?
Ava Fina: Ich habe das Gefühl, beim Song „Blablabla“ sind Shaker drinnen, die ein bisschen an Salsa erinnern. Die sind nicht so prägnant, aber auch beim Song „Onions“ sind ein paar Sounds drinnen, die ein bisschen an lateinamerikanische Musik erinnern. Ich glaube, ich werde da immer so eine kleine Prise hineingeben. In Peru habe ich natürlich viel Salsa, Reggaeton, peruanische Folklore und Bachata gehört. Das hat mich auf jeden Fall sehr beeinflusst.

Du singst im Song „Onions“: „You just make people cry like onions do“. Ist das ein Lied für Respekt und gegen Rücksichtslosigkeit?
Ava Fina: Ja, es macht darauf aufmerksam, dass es eben solche Menschen gibt, die einfach nur schlechte Dinge in einem auslösen und die einem nicht gut tun. Onion People sind für mich im persönlichen wie im politischen Sinne Menschen, die einfach nur Sachen machen, die einen wütend und fassungslos machen. Und dabei bin ich eigentlich überzeugt, dass Menschen prinzipiell gut sind, aber da gibt es eben leider viele Ausnahmen, die dann leider auch noch viel Macht besitzen.
Ich habe sofort an Trump gedacht.
Ava Fina: Ja, ich denke auch immer dran.
Aber der Song, finde ich, hat durch dieses Bild mit der Zwiebel eine ironische Note. Wolltest du, dass die EP insgesamt nicht zu melancholisch wird? Inwiefern ist Ironie in deine Musik integriert?
Ava Fina: Bei „No Money“ ist der Text eigentlich auch nicht wirklich positiv, aber ich mag es extrem gern, wenn der Sound das Gegenteil davon ist: eben fröhlich und happy vibes. Erst wenn man genauer hinhört, merkt man, dass es da eigentlich um etwas ganz anderes geht. Ich merke, dass ich nicht zu viele melancholische Songs machen will. Nicht zu viel von „Dear Mind“, weil ich ein sehr optimistischer Mensch bin und mich diese happy vibes sozusagen auch selbst aus einer Schwere rausholen. Ich mag es, wenn Musik nach vorne geht oder groß ist und wenn da ein Klangteppich ist. Das macht extrem Spaß, aber für mich darf auch beides parallel passieren – die Melancholie und die Fröhlichkeit.
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Musikalisch wechselst du zwischen balladenartigen Songs und Indie-Pop mit mehr Tempo. Was hat Sophie Lindinger, mit der du drei Lieder produziert und gemischt hast, eingebracht?
Ava Fina: Mit ihr habe ich „Wild Woman“ und „Onions“ produziert und sie hat „Dear Mind“ gemixt und am Ende des Songs noch Sounds eingebaut, die den Song noch besonderer gemacht haben, da das Recording nur aus Gitarre und Vocals bestand. Ich finde sie hat ein unglaubliches Gespür für Musik und dafür, wie sie Songs aufbaut. Sie kann dabei minimalistische Klänge so klingen lassen, dass sie direkt ins Herz gehen oder große Sounds erschaffen, die einen mitreißen. Ich habe eine unglaublich coole Zusammenarbeit mit ihr gehabt und es war toll, so gesehen zu werden. Ich bin mit Demos zu ihr gekommen, wir haben im Detail durchgesprochen, wie der Song klingen soll und wie der Aufbau sein soll und dabei bin ich extrem gut an der Hand genommen worden: Wie baut man den Song am besten auf? Wie soll das Gefühl sein? Ich bin sehr stolz auf die Songs, die wir miteinander geschaffen haben. Sie hat das Beste aus meinen Gedanken herausgeholt und mir dabei ganz viel Raum gelassen, kreativ zu sein. Ich habe ihr auch beim Produzieren viel über die Schulter geschaut. Es war sehr spannend, so viele Einblicke zu bekommen.
Denkst du daran, auch mal in Lima zu spielen? Wie wäre das?
Ava Fina: Prinzipiell sehr gerne. Das ist halt nur mit vielen Kosten und Aufwand verbunden, das muss man sich gut überlegen, aber natürlich würde ich das auf jeden Fall machen. Ich habe ja dort studiert, und das Studium war mein Fokus. Aber ich habe dort ab und zu Musik gemacht und immer Musik geschrieben. Das war noch sehr akustisch, also mit Gitarre oder Klavier. Ich hatte dann auch in Peru und Mexiko zwei oder drei Auftritte gehabt. Aber dorthin zu reisen, um eine Tour zu spielen, würde ich sehr besonders finden, da mich diese Zeit natürlich sehr geprägt hat.
Du hast ein eigenes Label NOW IS NOT FOREVER gegründet, auf dem die EP erscheint. Wie kam es zur Überlegung, eine eigene Struktur zu schaffen?
Ava Fina: Ich habe auch Angebote von anderen Labels eingeholt, ich habe mir nur gedacht: ich mache das meiste schon selbst, dann ist es auch naheliegend, mein eigenes Label zu machen. Natürlich habe ich nicht die Netzwerke, die ein etabliertes Label hat, aber ich wollte dem Eigenlabel mal eine Chance geben. Ich finde, das wirkt irgendwie auch professioneller nach außen und zeigt, dass ich dahinterstehe. Ich wollte einfach meine Strukturen professionalisieren und selbst verstehen, wie die Prozesse ablaufen.
Wie könnte der nächste Karriereschritt sein?
Ava Fina: Ich möchte auf vielen Festivals spielen, in Österreich aber auch international. Das Waves Vienna 2026 ist schon ein Fixtermin. Zudem plane ich ein Album, das hoffentlich 2027 erscheinen wird. Ich würde auch Kollaborationen mit anderen etablierten Künstler:innen sehr spannend finden. Generell möchte ich weiterhin präsent sein mit neuer Musik, auf Social Media, meine Community und mein Team aufbauen und ganz viel live spielen. Ich freue mich auf alles, was kommt!
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Ava Fina live
25.04.2026, Kramladen, Wien
16.05.2026, Rockhouse, Salzburg
22.05.2026, B72, Wien
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