Mit dieser Serie bündelt mica – music austria die Erfahrungen und Sichtweisen von Frauen im Musikbusiness. 2025 blicken wir Behind the Scenes und widmen uns den Personen, die hinter den Musiker:innen stehen. Ungeachtet vorhandener Kategorien, Quoten oder Zuordnungen braucht es uns alle um zu 100% für Feminismus einzutreten.
Welche Art von hast du im Laufe deiner Karriere erhalten? Wo hättest du dir (mehr) Unterstützung gewünscht?
Eva-Maria Bauer: Ich hatte das große Glück und Privileg, während meiner gesamten beruflichen Laufbahn von Mentor:innen gefördert und unterstützt worden zu sein – interessanterweise waren es zu einem großen Teil männliche Vorgesetzte. Michael Wimmer, der Gründer von EDUCULT, hat mir beispielsweise als 19-jährige Musikwissenschaftlerin ohne nennenswerte Berufserfahrung die Chance auf einen verantwortungsvollen Job gegeben und mich vieles ausprobieren lassen. Gottfried Zawichowski hat mich acht Jahre lang konsequent an seinen Kontakten und seinem praktischen Erfahrungsschatz teilhaben lassen, so dass ich 2025 mit gutem Gewissen die Geschäftsführung der Musikfabrik NÖ übernehmen konnte. Harald Huber hat mich zuerst als Pressesprecherin in den Österreichischen Musikrat geholt und mich dann aber als Vorstandsmitglied und Vize-Präsidentin des Österreichischen Musikrats fünf Jahre lang mit großem persönlichem Einsatz auf die Leitungsposition des ÖMR vorbereitet. Auch von Eva-Maria Stöckler an der Universität für Weiterbildung Krems habe ich sehr viel Unterstützung erfahren – ohne ihr Verständnis und ihre Flexibilität wäre es für mich nicht möglich, meine verschiedenen Funktionen und Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen. Ich kann mich also sehr glücklich schätzen – gerade praktische Erfahrungen und Netzwerkkontakte sind in der Musikbranche unendlich wertvoll. Deswegen setze ich mich auch seit Jahren dafür ein, dass es geförderte Mentoring-Programme im Musikbereich gibt.
Wie und wo hast du Erfahrungen in der Musikbranche gesammelt?
Eva-Maria Bauer: Ich habe meine ersten Schritte beruflich beim KlangBogen Festival und am Theater an der Wien gemacht und konnte dort die Transformation in ein Opernhaus als Assistentin der Dramaturgie live miterleben. Meine nächste berufliche Station bei EDUCULT mit ihrem inhaltlichen Fokus auf Kulturpolitik und Kulturelle Bildung hat mich politisch stark geprägt, ich habe in dieser Zeit aber auch organisatorisch auf internationalem Level vieles gelernt. In der Musikfabrik NÖ konnte ich durch „musik aktuell – neue musik in nö“ einen engen Kontakt zur Neue Musik und Jazz-Szene aufbauen. Als Musikwissenschaftlerin am Zentrum für Angewandte Musikforschung nehme ich einen ganz anderen Blickwinkel ein – ich sehe Dinge durch die wissenschaftliche Brille, während die (ehrenamtliche) Tätigkeit beim ÖMR vor allem mein politisches und gesamtgesellschaftliches Verständnis erweitert hat. Alle diese Erfahrungen – im Kulturmanagement, in der Wissenschaft und im kulturpolitischen Lobbying geben mir heute eine große inhaltliche Bandbreite und ein breit gefächertes Verständnis für unterschiedliche Bereiche der Musikbranche.
Hattest du in deiner Umgebung Role Models, an denen du dich orientieren konntest? Welche Vorbilder haben Frauen in der Musikbranche derzeit?
Eva-Maria Bauer: Ich habe mir schon immer schwer getan mit der Vorstellung, „wie jemand“ sein zu wollen und agieren zu wollen. Ich bin ich und gehe meinen Weg. Aber es gibt natürlich weiblich gelesene Personen, die mich sehr beeindruckt haben: Sabine Reiter zum Beispiel, die Geschäftsführerin des mica. Sie lebt für mich einen kooperativen und von Respekt geprägten Führungsstil vor, in dem persönliche Eitelkeiten keinen Platz haben. Das hat mir imponiert, daran wollte ich mir ein Beispiel nehmen, auch wenn wir vom Typ her sehr verschieden sind. Ulrike Kuner, die Geschäftsführerin der IG Freie Theater (IGFT) ist eine echte Powerfrau, die in der Lage ist „tacheles“ zu reden, wenn es nötig ist, und auch unter Druck kaum aus der Ruhe zu bringen ist. Sie ist auch international hervorragend vernetzt. Immerhin sind mittlerweile einige Führungspositionen in der Branche mit Frauen besetzt, es hat sich also schon ein wenig getan in dieser männlich dominierten Branche.
Mich beeindrucken Menschen, die es nicht nötig haben, „laut“ und angriffig aufzutreten, sondern die sich für Zusammenarbeit einsetzen, die Rückgrat haben und für ihr Team und ihre Kolleg:innen einstehen. Ich sehe mein Gegenüber in Verhandlungen oder Gesprächen generell nicht als Frau oder Mann, sondern primär als Mensch und behandle die Person mit dem gleichen Respekt, den ich mir auch von ihr wünsche. Damit bin ich in meiner beruflichen Laufbahn gut gefahren. Damit, und mit teilweise schonungsloser Ehrlichkeit. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es als positiv wahrgenommen wird, wenn man schwierige Fragen benennt, proaktiv anspricht und die eigene Position dazu offenlegt. Ganz besonders in Bewerbungssituationen.
„Ganz wichtig sind zudem Männer in der Branche als Verbündete.“
Wie können sich Frauen (FLINTA*s) gegenseitig unterstützen und Solidarität in ihrem beruflichen Umfeld fördern? Was können Sie/was kannst du an die nächste Generation weitergeben?
Eva-Maria Bauer: Auf struktureller Ebene halte ich geförderte Mentoring-Programme und Netzwerk-Treffen für enorm wichtig – von beidem habe ich persönlich in meiner beruflichen Laufbahn sehr profitiert. Organisationen in der Branche sollten sich die Zeit nehmen zu reflektieren, ob FLINTA*s in ihren Führungsgremien ausreichend repräsentiert sind bzw. Diversität auch strukturell unterstützt wird. Frauen bzw. FLINTA*s brauchen definitiv eine starke Präsenz und mehr Sichtbarkeit – in Preisen, Wettbewerben, auf Festivals und in Führungspositionen, nur dadurch verändern wir etwas am Mindset. Ganz wichtig sind zudem Männer in der Branche als Verbündete, von denen ich bereits viele in meiner beruflichen Laufbahn kennen lernen durfte.
Aber Solidarität drückt sich manchmal auch dadurch aus, dass wir uns im Trubel unserer unzähligen To-dos die Zeit nehmen, mit einer Kollegin auf einen Kaffee zu gehen uns gemeinsam Dampf abzulassen. Oder zu Netzwerktreffen zu gehen, um Know-how zu teilen oder einfach mal darüber zu sprechen, wievielt wer verdient. Es ist oftmals schwierig, in stressigen Zeiten die Zeit dafür zu finden. Aber ich empfinde das Teilen von persönlichen Erfahrungen und das aktive Zuhören als eine Bereicherung und eine Entlastung. Und ich habe definitiv durch Austausch und Gespräche mindestens so viel gelernt wie durch meine Jobs (geschweige denn durch meine Ausbildung).
Welche Fragen werden wirst du gefragt, die einem Mann nie gestellt werden würden?
Eva-Maria Bauer: Wie fühlt es sich an, als Frau in einer Führungsposition zu sein? Ich verstehe natürlich den Hintergrund der Frage, aber sie irritiert mich meist. Ich bin sicher nicht Präsidentin des ÖMR oder Geschäftsführerin der Musikfabrik NÖ geworden, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich kompetent bin und über gute Kontakte verfüge. Ich würde mir wünschen, dass wir einmal soweit kommen, dass Menschen immer zuallererst als Menschen gesehen werden und nicht im Hinblick auf ihr Geschlecht, ihre Hautfarbe, sexuelle Orientierung, Religion oder Ethnie kategorisiert und in Schubladen gesteckt werden.
Eva-Maria Bauer ist Musikwissenschaftlerin und Kulturmanagerin (Österreichischer Musikrat, Musikfabrik NÖ, Universität für Weiterbildung Krems). Seit 2024 ist Eva-Maria Bauer Präsidentin des Österreichischen Musikrats (ÖMR), seit 2025 hat sie die Geschäftsführung der Musikfabrik NÖ inne.
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