Vor kurzem ist das Debüt-Album von PERIPHERIE erschienen: Jürgen Plank hat mit dem Trio aus Wien – bestehend aus Klaus Tschabitzer, Haldis Scheicher und Daniel Lercher – über die Songauswahl genauso gesprochen wie über die Entstehungsgeschichte der Band. Denn PERIPHERIE spielen neben eigenen Stücken auch Lieder anderer Projekte von Klaus Tschabitzer: etwa „Ben“ (Tangoboys) und „Midgets“ (Der Schwimmer). Inwiefern der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) beim Musikmachen für die Band interessant wäre, ist ebenfalls ein Thema dieses Interviews. Zwei Cover-Songs haben Peripherie auf das Album gepackt: „Abfahrt Slalom Super-G“ von KREISKY und „Lagerkoller“ von VERSCHÄRFT. Das Debüt von PERIPHERIE erscheint übrigens in einer limitierten Kassetten-Auflage.
Was ist der Unterschied zwischen Peripherie und anderen Projekten, an denen du beteiligt bist: zum Beispiel Hirsch Fisch oder Der Schwimmer. Was ist bei Peripherie anders?
Klaus Tschabitzer: Peripherie hat sich eigentlich aus einem Projekt heraus entwickelt, das wir mit einer jungen Schriftstellerin gemacht haben: Fanny Sorgohat Lieder und Texte für Lieder geschrieben. So haben wir angefangen, miteinander zu arbeiten: Fanny, Haldis, Daniel und ich. Das hat damals noch keinen Namen gehabt. Dann ist Fanny ausgestiegen und wir haben uns gedacht, wir machen weiter. Und daraus ist dann Peripherie entstanden. Was Peripherie für mich von den anderen Projekten abhebt, ist einfach die Besetzung, nämlich: Haldis Scheicher mit Geige und Stimme, Daniel Lercher mit Kontrabass-Klarinette, Stimme und Elektronik und ich spiele Banjo und Gitarre und singe. Und dadurch ergibt sich ein kammermusikalischer Ansatz.
Daniel, was bringst du ganz konkret ein?
Daniel Lercher: Neben der Elektronik und ein wenig Gesang ist mein Hauptinstrument eine Kontrabass-Klarinette, die ich seit ein paar Jahren besitze. Ich habe mich in den speziellen Klang dieses Instruments verliebt und da es nicht so verbreitet ist, sorgt es bei den Konzerten auch meistens für Aufsehen beim Publikum.
Was hat dich am Projekt Peripherie begeistert?
Daniel Lercher: Ich kenne die Musik von Klaus Tschabitzer schon seit meinen Jugendjahren und war immer ein großer Fan. Einige dieser Lieder in einem anderen Kontext neu zu arrangieren und zu interpretieren habe ich sehr spannend gefunden. Mittlerweile haben wir mit unserer Formation eine ganz eigene musikalische Ästhetik entwickelt und arbeiten an neuen Genre-offenen Ausdrucksformen.
„DAS ERSTE PERIPHERIE-KONZERT WAR VOR EINER SKIHÜTTE, DIE IM SKIMUSEUM AUFGEBAUT IST“
Am Album gibt es auch zwei Songs von anderen Bands?
Haldis Scheicher: Da kommen wir zum Ursprung von Peripherie und dem Grund warum wir uns dann wirklich als Dreiergruppe formiert haben. Es gab die Ausstellung „Après Ski“, die ich in Mürzzuschlag mit zwei anderen Künstlern, mit Felix Malnig und Roland Ferrigato, gestaltet habe. Ich hätte mir gewünscht, dass zur Eröffnung dieser Ausstellung Kreisky unter anderem ihren Song „Abfahrt Slalom Super-G“ spielen. Das Budget des Kunsthauses hat nicht für einen Kreisky-Auftritt gereicht und so haben wir uns gesagt: dann covern wir dieses Lied. Und in der Formation mit Daniel haben wir beschlossen, das zu machen und für den Auftritt dort haben wir mehr Lieder gebraucht, also haben wir ein Programm erarbeitet, uns den Bandnamen angeeignet und so ist eigentlich im Zuge dieses Auftritts in Mürzzuschlag die Band entstanden.

Klaus Tschabitzer: Das war sehr lustig, weil einerseits war da die Ausstellung von Haldis’ Schmuck aus alter Skiausrüstung. Und die war ja auch geteilt: in der Galerie vom Kunsthaus Mürz und im Skimuseum. Das erste Peripherie-Konzert war vor einer Skihütte, die im Skimuseum aufgebaut ist. Das war eigentlich ziemlich lustig. Und dieses Après Ski-Projekt ist durchaus ein kritischer Ansatz zum Wahnsinn des Ski-Tourismus.
Haldis Scheicher: Es heißt jetzt Wintersportmuseum, weil Mürzzuschlag eine der Wiegen des Wintersport-Tourismus ist.
Der Kreisky-Song hat im Original im Vergleich zu eurer Version mehr Tempo und ihr habt den Text auch anders akzentuiert, indem ihr die Zeile „Komm’ zu mir Marcel Hirscher, ich übergieße dich mit Milch, damit du weich bleibst“ viel öfter wiederholt. Wie habt ihr euch dem Lied angenähert?
Klaus Tschabitzer: Das entwickelt sich eigentlich während der Arbeit. Aber ich finde diese Milchpassage, die hat schon etwas… wie sagt man auf Neudeutsch: creepy? Die Zeile war natürlich präsent und dass man da einen Akzent setzt, war für mich klar. Ich finde, man muss da einen anderen Ansatz finden, denn Franz Wenzl von Kreisky ist natürlich ein starker Performer. Ihn zu kopieren, bringt nichts und ist eigentlich nicht möglich und da muss man dann einen anderen Ansatz finden.
Außerdem habt ihr als junge Band eine alte Band gecovert, die es schon seit mehr als 30 Jahren gibt: ihr spielt das Lied „Lagerkoller“ von Verschärft. Wie ist die Entscheidung für diesen Song gefallen?
Haldis Scheicher: Das war eine gemeinsame Entscheidung. Der Song hat einen sehr guten Text, ich liebe das Lied. Für die Original-Aufnahme von Verschärft habe ich damals einen Geigenpart eingespielt und so war uns das Lied vertraut. Dass wir das Stück so getragen machen, das hat halt einfach gut zu unserer Formation gepasst. Von dem her hat dieses Lied gut zu Peripherie und dem kammermusikalischen Ansatz gepasst. Dieses Getragene und Poetische passt einfach gut zu uns.
Klaus Tschabitzer: Von Verschärft hätte es ein paar Kandidaten gegeben, ich finde deren aktuelle Platte extrem gut. Ich finde „Lagerkoller“ ist eines der schönsten Lieder, weil die Balladen auf den Platten der Band ein totales Highlight sind. Und dann kommt natürlich dazu, das ist wie bei Kreisky, dass Hans Lackner, der Sänger von Verschärft, ein ganz spezieller Performer ist. Den kann man auch nicht nachmachen. Das ist einfach undenkbar. Und dadurch muss man schauen, wie man da einen Zugang findet und wie man das umsetzen kann.
Die Band Kreisky kennt man, die Gruppe Verschärft ist eher in
der Peripherie unterwegs, sage ich einmal. Du hast einige Alben von Verschärft produziert. War ein Ansatz zum Covern des Songs „Lagerkoller“ auch zu sagen: okay, die verdienen mehr Aufmerksamkeit, wir nehmen einen Song von denen?
Klaus Tschabitzer: Ja, auf jeden Fall. Denn ich finde, die sind wirklich schwer unterschätzt. Der Hans Lackner ist für mich einer der besten Texter. Das ist einfach eine lässige Band. Und auf der anderen Seite: ich habe praktisch fast alle Veröffentlichungen der Band tontechnisch betreut. Und irgendwie habe ich mir schon seit Jahren gedacht, man müsste mal eine Nummer covern. Das war der Zugang.
Es gibt noch ein paar Songs, die ich schon von früher gekannt habe, zum Beispiel „Ben“ von den Tangoboys. Was war der Reiz, eine alte Tangoboys-Nummer nochmals herzunehmen und in euer Universum reinzuholen?
Haldis Scheicher: Es gibt eine Geschichte zu dem Lied, die mit meinem Sohn Florentin zu tun hat. Als Florentin 9 Jahre alt war, hat er gemeinsam mit Klaus Versionen von dem Lied aufgenommen, die einfach skurril sind und die haben wir wieder entdeckt. Dadurch war es präsent und so bin ich auf „Ben“ gekommen.
Wie sind diese Versionen?
Haldis Scheicher: Schräg, komplett schräg. Mit Audio-Kassette aufgenommen, über ein Mikro geschrien. Zum Teil über die laufende Version drüber gesungen und Florentin schreit: „Ben! Ben!“ Cool. „Midgets“ habe ich auch vorgeschlagen, weil ich es einfach mag.
Klaus Tschabitzer: Das ist ein altes Schwimmer-Lied. Wir haben jetzt eigenes Material und eine digitale Single in Vorbereitung. Unser Interesse ist dabei auch: Wie kann man mit einer sozusagen kammermusikalischen Besetzung Lieder umsetzen? Das finde ich im Moment am interessantesten. Da gibt es auch viel zu lernen für mich. Sobald wir zu dritt zusammensitzen, entwickeln wir die Musikparts miteinander und das funktioniert viel besser, als wenn ich das alleine im stillen Kämmerchen mache. Mit Kontrabass-Klarinette, Geige, Elektronik, Banjo, Gitarre und Stimmen lässt sich total viel machen.
Ist der Bandname Peripherie ein Statement gegen den Mainstream? Und der Versuch sich selbst aus dem Zentrum herauszunehmen?
Haldis Scheicher: Kann man sicher so sehen, ja. Einerseits ist es ein schönes Wort, ein schönes Bild und natürlich schwingt das mit, dass man sich am Rand hält, ja. Egal ob man die Mitte dann Mainstream nennt oder anders.
„ICH GLAUBE SEHR AN DIE ANARCHISTISCHE SPRENGKRAFT VON KULTURARBEIT“
Aber mit Zug zur Mitte, zum Tor, wie man bei einer Fußball-Weltmeisterschaft sagen würde.
Klaus Tschabitzer: Absolut, wir arbeiten ja wie immer an der Welteroberung. Die Frage ist als Konzept veraltet, aber irgendwie war ich mit allem, was ich jemals gemacht habe, an der Peripherie. In gewisser Weise ist das auch ein Konzept von Gegenkultur. Mittlerweile ist ja Alternativ-Musik sozusagen eine Schublade im offiziellen Kulturbetrieb. Ich glaube sehr an die anarchistische Sprengkraft von Kulturarbeit. Ich glaube noch immer daran, dass letztlich eine Künstler:in ein Gegenentwurf zur bestehenden Gesellschaft ist. Überhaupt jetzt, in diesen stock-konservativen Zeiten glaube ich, dass sowas wie Gegenkultur eigentlich die Rettung ist.

Ihr nehmt mit „Ben“ einen alten Tangoboys-Song her, der damals schon als Ohrwurm funktioniert hat. Sagt ihr euch: das war ein toller Song, jetzt nehmen wir den noch einmal auf, vielleicht kriegt er eine zweite Chance?
Klaus Tschabitzer: Grundlegend ist die Überlegung schon: das ist eigentlich ein lässiger Song, probieren wir aus, was wir damit machen können. In Wahrheit produzieren wir ja schon seit Jahrzehnten ausschließlich Hits! Aber das hat die Welt noch nicht richtig verstanden. Im Grunde macht man einfach seine Sachen, so sehe ich das.
Haldis Scheicher: Bei „Midgets“ habe ich mir schon gedacht: das hat kein Mensch je wirklich groß registriert, heben wir den Song noch einmal hervor.
Klaus Tschabitzer: Wir haben ja im Zuge der Arbeit relativ selbstverständlich von Anfang an andere Songs hergenommen und gecovert, was ich bei anderen Bands fast nie gemacht habe. Die Band Low war da auch ein Thema. Die zu covern ist natürlich eine ziemlich schwierige Aufgabe, weil die so intensiv ist: wie kannst du das in unserer Besetzung glaubwürdig umsetzen?
Ihr veröffentlicht bei Pumpkin Records, die haben als Slogan auf der Presseinfo stehen: Life Is Too Short for AI Music. Von Künstlicher Intelligenz generierte Songs sind im Moment ein Thema im Musikbusiness: Millionen derartiger Songs werden inzwischen von den Plattformen gelöscht. Würdet ihr KI-Tools zum Musikmachen mal ausprobieren?
Klaus Tschabitzer: Im Moment interessiert es mich einfach nicht, weil ich finde es ist aktuell ein totaler Hype. Ich finde, das hat ja mit Intelligenz praktisch gar nichts zu tun. Da sind einfach Maschinen, die hochkomplex ihr Programm abarbeiten und in der Musik habe ich das jetzt nicht wirklich am Radar. Gerade jetzt in diesem Moment, in dem wir viel mit akustischen Instrumenten arbeiten. Patrick Pulsinger, bei dem wir die letzten Hirsch Fisch-Masterings gemacht haben, hat mal gesagt: Hirsch Fisch ist etwas, was KI praktisch nicht verstehen wird. Das ist so eine Nische, dass man es nicht in diese Welt übersetzen kann. Wir haben uns durch die Peripherie-Position auch ein bisschen vor dieser Welt geschützt.
Herzlichen Dank für das Interview.
Jürgen Plank
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Links:
Der Schwimmer / Peripherie
Peripherie (bandcamp)
Haldis Scheicher
Daniel Lercher
