Die Suche nach dem sagenumwobenen Eldorado und die Anziehungskraft des Goldes, sind der Ausgangspunkt des hitzeflirrenden, surrealen Opernepos, den sich der Innsbrucker Komponist Johannes Maria Staud (*1974) und der erfolgreiche oberösterreichische Bühnenautor Thomas Köck (*1986) für ihre erste Zusammenarbeit vorgenommen haben.
Ein Seher zieht Bilanz. Er hat alle Katastrophen vorhergesehen, aber keine abwenden können. Im Dialog mit Echo, seiner Liebe, stellt er sich der Anklage, seine Möglichkeiten verpasst und zu den Schrecken, die er vorhergesehen hatte, geschwiegen zu haben. Von diesem Bild einer untergegangenen Zivilisation, entfaltet sich das Stück als Rückblick in Schleifen, Brüchen, Wiederholungen und Bildern, die sich zunehmend in- und übereinander schieben. Das Libretto verknüpft mehrere Bildwelten aus der Geschichte der westlichen Zivilisation: die Eroberung des amerikanischen Kontinents durch spanische Konquistadoren im 16. Jahrhundert, die heutige Opiatkatastrophe in US-amerikanischen Vorstädten, dystopische Szenen aus einer Fleischfabrik, die die brutalen Auswüchse eines Turbokapitalismus zeigen, religiösen Wahn, Machtwahn. Nach dem Zusammenbruch der westlichen Welt erscheint Geschichte rückblickend als Spirale einer Dynamik von Machtrausch, Gier, Unterwerfung, Ausbeutung und Verdrängung.
Staud, der 2022 den Österreichischen Kunstpreis für Musik und 2025 den Tiroler Landespreis für Kunst erhielt, verbindet die gesellschaftliche Analyse des Librettos mit einer äußerst erfindungsreichen, mitreißenden, suggestiven Klangsprache. Während der Titel missing in cantu («verloren im Gesang») auf eine säkulare «missa» (Messe) anspielt und das Werk sich tatsächlich als eine Art Requiem deuten lässt auf das Ende einer Zivilisation, setzt Staud der dystopischen Bilderflut eine überbordend farbige, vielseitige und geradezu offensiv lebendig wirkende Musik entgegen, die heterogenste Stil- und Materialebenen zum Kaleidoskop fügt.
Mit der Österreichischen Erstaufführung von missing in cantu steht zum ersten Mal eine Oper von Staud auf dem Spielplan des TLT, inszeniert von der opernerfahrenen Co-Direktorin Schauspiel Bettina Bruinier.
https://www.landestheater.at/produktionen/missing-in-cantu-eure-palaeste-sind-leer