Der Frankfurter Autor und Journalist Michael Behrendt hat ein Buch über verunglückte Songtexte geschrieben. „Mein Herz hat Sonnenbrand” heißt es. Behrendt wirft darin einen analytischen Blick auf schiefe Sprachbilder und Grammatikpatzer, auf Klischeelawinen, grenzwertiges Englisch und lyrische Peinlichkeiten. Das ist so unterhaltsam wie lehrreich.
Spätestens seit „A Whiter Shade of Pale” von Procul Harum wissen wir: Nichts ist unmöglich in der Songlyrik. Auch der aberwitzigste Text kann einen Welterfolg nicht verhindern, wenn der Song sonst wirklich gut ist. Vieles an textlichen Ungereimtheiten bleibt uns ja auch verborgen, weil wir nicht genau hinhören, weil wir Musik nebenbei hören oder uns der Text einfach egal ist. Der Groove und die Hookline reißen uns mit, dem Rest schenken wir einfach zu wenig Beachtung, um uns von hinkenden Versen und bunten Stilblüten in unserem Musikgenuss beeinträchtigen zu lassen.

Behrendt, (Jahrgang 1959), freiberuflicher Lektor, Musikjournalist und Sachbuchautor mit besonderem Blick auf Pop- und Rock-Lyrics, hat nun genau das getan, was wir allzu oft nicht tun: Er hat genau hingehört und nimmt uns auf einen ausgedehnten Streifzug durch die deutsch- und möchtegern-englischsprachige Popmusik der letzten Jahrzehnte. So manchen textlichen Fauxpas fördert er dabei zu Tage: von der schmerzlich vermissten Wortendung bis zum stilistischen Fehlgriff, vom Denglisch bis zum unappetitlichen Reim, von Versen, die sich unbeabsichtigt gegen Künstler und Song wenden, bis hin zu völlig sinnfreien Statements.
Es gibt kleine Ausrutscher, die fast schon charmant sind, etwa wenn die Glanzzeit (Heyday) zum Heutag (Hayday) wird, und jede Menge plumpe Metaphern. Manches ist zwangsoriginell, etwa wenn ein Anmachversuch in Fußballsprache gepresst wird (Tote Hosen), manches ist unfreiwillig komisch, etwa wenn Bata Illic bekennt: „Mein Herz hat Sonnenbrand”.
Ja, es gibt Metaphern, die wirken auf den ersten Blick literarisch verwegen, bei näherer Betrachtung aber fallen sie in sich zusammen wie ein Kartenhaus, so windschief sind sie. Legendär Denglish etwa auch die durchgehende textliche Unsinnigkeit des wohl nervigsten One Hit-Wonders aller Zeiten, “Lemon Tree” von Fool´s Garden.
Wir lernen: Nicht alles, was sich cool anhört, ist auch cool. Und nicht alles, was sich reimt, ist in sich schlüssig. Mitunter aber erliegt man dem rauen Charme des Unrunden, und
vielen Texte, so misslungen, holprig oder sogar Nonsens-verdächtig sie auch sein mögen gibt halt auch ihr Erfolg recht. Wenn die schon Blasse im Procul Harum-Song noch blasser wird, oder wenn Helene Fischer in ihrem mittlerweile totgespielten Hit “Atemlos” das Tabu einfach löscht statt ignoriert. Aber wen kratzt es, wenn die Kasse trotzdem so dermaßen klingelt? Millionen Liebhaber des Absurden können nicht irren. Oder?
Behrendt ist in seinen Textanalysen so genau wie gnadenlos. Wirklich alle kriegen ihr Fett weg, von den üblichen Verdächtigen des misslungenen Sprachbilds wie Xavier Naidoo, Peter Maffay und Pur bis zu Leuten wie Westernhagen und Grönemeyer, die es eigentlich können, aber halt auch mal danebenhauen. Dass da auch mal übers Ziel hinausgeschossen wird, liegt in der Natur der Sache. Grönemeyers „Kinder an die Macht” etwa ist aus heutiger Sicht vielleicht naiv und plakativ, aber im Vergleich zu anderen Texten im Buch geradezu “shakespearsch”. Und Jochen Distelmeyer macht sich über den “misslungensten” Song seiner Band Blumfeld neuerdings selbst lustig, indem er ihn auf Konzerten als seinen “kontroversesten” ankündigt, was für Lacher sorgt, wenn dann statt der „Diktatur der Angepassten” der „Apfelmann” kommt.
Dass er manchmal übers Ziel schießt, ist auch Behrendt selbst klar: „Ich weiß, dass ich möglicherweise im Glashaus sitze und mit Steinen werfe. Ich weiß, dass manche Beobachtungen auch auf subjektivem Empfinden beruhen und bisweilen arg ins Spitzfindige gehen”, sagt er. „Ich weiß, dass es hier um Schlaglichter geht und dass eine kleine schiefe Textzeile nicht bedeutet, dass auch alles andere aus derselben Feder daneben ist. Aber genau das Schlaglichtartige, das Zugespitzte liefert auch den Gesprächsstoff – fördert die Auseinandersetzung. Und es macht nicht nur mir, sondern hoffentlich auch der einen Leserin oder dem anderen Leser großen Spaß”, so der Autor.
Tut es. Aber nicht nur aus humoristischer Sicht ist Behrendts Buch lesenswert, jeder Textautor/jede Textautorin kann von diesem fast schon chirurgisch songanalytischen Blick viel lernen. Schließlich sollte man schiefe Sprachbilder und Verse, die nach hinten losgehen, möglichst verhindern, wenn man Erfolg haben will.
Es gibt auch eine Playlist zum Nachhören und Gegenchecken der Songs mit den schillerndsten Versen zwischen Anspruch und Auweia. Spaß garantiert!
Markus Deisenberger
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Buch bei Reclam
Homepage Michael Behrendt
